Stille Tage in der Kesselstadt (1)

 

Fr, 31.7.

 

Ab 17 Uhr war ich wieder zuhause von der Arbeit; in der Frühe um 7 Uhr hatte ich meine Frau und unseren gemeinsamen Sohn zum Hauptbahnhof der Kesselstadt gebracht und für eine Woche zu Freunden nach Holland verabschiedet; danach arbeitete ich den ganzen Bürotag über in teils aufgeregter, teils freudvoller Erwartung des Abends.

Gegen 19 Uhr kam dann auch endlich der erlösende Anruf einer Freundin meiner ehemaligen Frau mit der schon lange herbei gesehnten Nachricht, dass ich ab 21 Uhr alle drei Kids bei ihr im Westen der Kesselstadt abholen könnte.
Das Warten bis dahin kam mir daraufhin vor, als wäre ich kontaktreich an Salvatore Dalis berühmte ausgedehnte Uhren angeschlossen; denn je näher 21 Uhr in Reichweite kam, desto mehr verlangsamte sich die Zeit, meine persönliche Wartezeit.
Doch dann war es endlich soweit und ich düste mit meinem altroten Opel Astra los in Richtung Innenstadt; die Wohnung der Bekannten nahe Vogelsang erreichte ich – alle Tempolimits missachtend – in einer Viertelstunde.

Bei der allgemeinen gegenseitigen Begrüßung herrschte eine – so kam es mir jedenfalls vor – unruhig-irritierende, ja gedrückt-nervöse Stimmung; keine Umarmungen gab es, sondern lediglich liebloses, beiläufiges Händeschütteln; ein starkes Fremdeln, gar Entfremdung beherrschte die Szene.
Und dann bemerkte ich plötzlich auch noch, dass ich wie blöd schwitzte vor lauter Aufregung, obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – ich der Vater dieser drei Jungs war, für immer bin, die erheblich älter und mächtig gewachsen, ja fast erwachsen ganz anders nun vor mir standen.

Als sie dann endlich alle drei in meinem alten Opel saßen, fuhr ich sofort los, bevor sie es sich womöglich noch einmal anders überlegten und wieder ausstiegen.
“Endlich” war das einzige Wort, das ich zunächst herausbrachte, während ich versuchte in Richtung Rücksitz wenigstens ein wenig zu lächeln, auf dem alle drei Kids eng in Reih und Glied Platz genommen hatten (keiner wollte vorne neben mir sitzen), und etwas später kam dann das hier aus meinem Mund: “ihr braucht doch keine Angst vor mir zu haben, ich bin schließlich euer Vater; okay, wir haben uns ca. fünf Jahre lang nicht gesehen, aber ich werde euch doch deswegen nix tun, antun, im Gegenteil, ich liebe euch doch immer noch!”

Das glaubten sie mir natürlich/irgendwie nicht, ob des Verlassens meiner ersten Familie vor vielen Jahren, doch hatte ich daraufhin das Gefühl, dass diese Bemerkung von mir dennoch wenigstens die Spitzen der gegenseitigen Berührungsängste nach so langer Zeit des gegenseitigen Nichtsehens nahm.

Trotzdem war es ohne Musik im Auto – ob der (er)drückenden Stille beim Fahren – bald kaum mehr auszuhalten; also schob ich eine meiner Lieblingsscheiben von R.E.M. (Reckoning, ihr zweites Album) in den CD-Player und sie schauten sich kurz darauf leicht lächelnd gegenseitig an und summten leise die Melodie von Harborcoat mit, und bei Seven Chinese Brothers sangen wir sogar den wohlbekannten Text zusammen.

Ungefähr so 22 Uhr war es, als wir in UT, einem der Keltervororte im Osten der Kesselstadt eintrafen (in dem ich damals wohnte); es war ein tiefdunkler, sehr schön milder Spätsommerabend.
Da kam mir eine gute Idee und ich tönte: “ein kurzer Besuch der Grabkapelle auf dem roten Berg bei Nacht, das wär doch nun genau das richtige, oder?!”

Meine Kids aus erster Ehe (damals 16, 14, 12 Jahre alt) nickten zustimmend und begannen daraufhin noch etwas mehr aufzutauen als mit Hilfe der REM-Songs, vor allem, als wir das coole Gelände dort oben auf dem Wirtenberg ein wenig näher zusammen erkundeten, gipfelnd in der gemeinsamen Würdigung des nächtlichen, fantastischen Ausblicks auf das Fußballstadion zu unseren Füßen und weiterführend gen Südwesten die hell erleuchtete City der Kesselstadt; das fanden auch sie allesamt ganz toll und ich sowieso, denn hier oben stehe ich auch heutzutage immer mal wieder, so wie vorgestern und erinnere mich gerne an jene Zeiten zusammen mit ihnen…
…es war unser erstes, gemeinsames Abenteuer, seit langem…

So gegen 23 Uhr sanken dann alle drei Kids – offensichtlich todmüde von der langen Anreise aus den USA über die CH bis zu mir nach D – ins Bett.

Auch ich legte mich direkt anschließend hin, völlig erschöpft vom langen Arbeitstag in der mich stets plagenden Hundstage-Sommerhitze und dem ersten Abend mit drei meiner Kinder, so nach gefühlten einhundert Jahren des Vermissens —
doch konnte ich natürlich noch lange, sehr lange sogar, viele Stunden lang absolut keinen Schlaf in jener Nacht finden…

was für ein Tag…

 

 

 

 

 

 

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