Der istländische Herbst (Kammer)

Als der Sommer in den Herbst überging, verloren die blattlosen Bäume Bulgokars keine Blätter. Die sengende Hitze verschwand schlagartig und machte kalten Sturmböen Platz. Elsa überlegte, was ihre Eltern wohl dachten, wenn sie an ihrem vierzehnten Geburtstag verschwunden blieb. Sie hatte keine Ahnung, ob der Tag schon stattgefunden hatte, denn in Bulgokar war der Kalender ganz anders als in Istland und auch die Jahreszeiten stimmten nicht überein. Es war ja auch nicht wichtig.

Trotzdem ließ sie der istländische Herbst nicht los: Das nasse Gras und der Duft von feuchtem Moos, die klamme Wäsche, die an istländischen Herbsttagen einfach nicht trocknen wollte. Sie dachte an die Feuer in den Gärten, wenn die Leute ihre Gartenabfälle verbrannten. Dann wurde es früh dunkel, doch die kleinen Feuer glühten und rauchten und tauchten das Dorf in Schwaden verbrannter Zeit. Elsas Sehnsucht danach war riesengroß. Sie hätte sich von diesem Gefühl lossagen können, hielt aber daran fest. Verbrannte Blätter erschienen ihr so viel schöner als ein leerer, schwarzer Himmel, der nur ihr allein gehörte.

 

 

 

 

© Markus Kammer

über Träume und das Leben (Conrad)

„Ich komme mir vor wie jemand, der versucht, einen Traum zu erzählen– was vollkommen vergeblich ist, denn keine Nacherzählung kann die Stimmung eines Traums vermitteln, diese Mischung aus Absurdem, Überraschendem, Erschreckendem, dieses Gefühl, dass man sich nicht wehren kann, dass man zum Gefangenen des Unfassbaren wird, das ja geradezu das Wesen jedes Traums ist…“

Er schwieg eine Weile.

„… Nein, das ist unmöglich; es ist unmöglich, die Stimmung einer Epoche unseres Lebens zu vermitteln– das, was sie wahr macht, was ihr Sinn gibt–, das Wesen, das sie sanft und doch vollständig durchdringt. Es ist unmöglich. Wir leben, wie wir träumen– allein…“

© Joseph Conrad

den Leuten aus dem Wege gehen (Aurel)

Wenn uns in der Fechtschule jemand geritzt
oder beim Ringen einen Schlag versetzt hat,
so tragen wir ihm das gewiß nicht nach,
fühlen uns auch nicht beleidigt und
denken nichts Übles von dem Menschen;
wir nehmen uns wohl vor ihm in acht,
aber nicht als vor einem Feinde, der uns
verdächtig sein müsste, sondern nur so,
dass wir ihm ruhig aus dem Wege gehen.

Machten wir es doch im Leben auch so!
Ließen wir doch da auch so manches unbeachtet,
was uns von denen widerfährt, mit denen wir ringen.
Es steht uns ja immer frei, den Leuten,
wie ich’s genannt habe, aus dem Wege zu gehen,
ohne Argwohn und ohne Groll.

 

 

 

© Marc Aurel: Selbstbetrachtungen, Buch 6, Spruch 20