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Wenn Schulferien waren und die Zeit dafür, dann ging er zusammen mit mir Pilze sammeln. Er wusste genau, wo sie im Wald zu finden waren und er wurde niemals müde, mir die einzelnen Verschiedenheiten so genau wie möglich zu erklären.
Die giftigen Pilze fand ich besonders interessant, vor allem die Knollenblätter- und Fliegenpilze, da erhob er dann jeweils seine Stimme und tönte beim Erklären und Warnen lauter als sonst, das mochte ich besonders, denn ich liebte ihn und seine schöne Stimme; natürlich durfte ich diese besonders schönen Giftexemplare nicht mit seinem Taschenmesser abschneiden und sanft zu den guten, essbaren Pilzen ins Körbchen legen.
Nur wenige Jahre lang dauerten diese schönen Pilzsammelintermezzi zusammen mit meinem einzigen Großvater an, immer nur innerhalb meiner Schulferien; wundersame Zeiten waren das, sehr erinnerungswürdige Zeiten und irgendwie immer noch so haut- und seelennah.
Mit nur acht Jahren kannte ich mich praktisch im Reich der Pilze schon sehr gut aus; einmal entdeckten wir sogar einen großen ovalen Hexenring bestehend aus rotweisspunktigen Fliegenpilzen; wir stellten uns sofort mitten hinein und tanzten Ringelreihen, das wurde für uns beide zu einem unvergesslichen Lebensmoment.
Leider starb mein Opa kurz bevor ich neun Jahre alt wurde; und zwar gerade dann, als ich zusammen mit meiner Großmutter, seiner Frau, im Zug auf dem Weg vom Schwarzwald zu ihm ins Erzgebirge war.
Der plötzliche Tod meines Großvaters war für uns alle ein sehr großer Schock, denn er war ein guter, verträglicher Mensch, der fleißig für seine große Familie arbeitete und auch als geselliger Kartenspieler und Biertrinker beliebt war.
Und so standen wir eines traurigen Tages alle sehr betreten um sein Grab herum, als der Sarg zusammen mit meinem toten, verlorengegangenen Opa langsam hinabgelassen wurde. Es regnete in Strömen, so wie einst bei Mozarts Beerdigung.
Plötzlich tönte ich, wohl diese furchtbare Abschiedssituation ohne Worte nicht mehr länger aushaltend, für alle völlig überraschend ganz laut in die Trauerrunde hinaus:
„Und wer geht nun mit mir zusammen in die Schwämme?!“
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Ehrlich gesagt, habe ich ja schon länger darauf gewartet, dass er sich demnächst wieder einmal ganz vorsichtig bei mir melden wird. Und heute Nacht war es dann auch tatsächlich wieder soweit. Nein, nicht der Tod, der kann noch warten (wegen mir sogar solange, bis ich wirklich einmal tot bin), sondern eher im Gegenteil, einer meiner besten, für mich immer noch sehr lebendigen Freunde aus dem reichlich belebten Reich der lebenden Toten, nämlich Marc Aurel, der unsterbliche Filosofenkaiser für die Ewigkeit.
Es war mir eh klar, dass ein gedankliches Treffen mit ihm mal wieder anstand, denn viel zu lange, schon viel zu viele Wochen gar habe ich ihn nicht mehr zitiert, nix von ihm, über ihn geschrieben, diesen wundervoll weisen Kaiser aller Filosofen. Und nun lief er mir endlich gestern mal wieder über den Weg, wie schön!
Es passierte beim Durchblättern diverser Tschechow-Werke, diesen göttlichen Komödien reich an filosofischen Inhalten, diesen stets menschlichen Theaterstücken, so wie insbesondere die “Drei Schwestern” und “Die Möwe”, die ich so sehr schätze von ihm und natürlich diesen großartigen Kurzroman “Eine langweilige Geschichte” über einen alten, längst emeritierten Professor; diese Werke haben es mir immer wieder sehr angetan, sowie eben auch dieses wundervoll kleine Diogenes-Bändchen “wie soll man leben?” samt Untertitel “Anton Tschechow liest Marc Aurel”, was ja leider in der Gegenwart gar nicht mehr geht, denn beide walken ja bekanntlich schon länger da in der Unterwelt herum, miteinander redend und diskutierend in den lauen Niederungen der Hadesregionen filosofierend nebeneinander her.
Doch ist es mir heute Nacht gelungen, als ich wieder ein wenig todesalptraumnah träumte, da tatsächlich mal wieder klammheimlich kurz in den besagten Hades zu den beiden hinein zu lauschen, und da habe ich zuerst zum Thema Arbeit folgendes aus einem längeren Gespräch dieser beiden ganz besonders klugen Exhumanis aufgeschnappt:
…denke nicht
wenn dir eine höchst schwierige Arbeit bevorsteht
sie übersteige deine Kräfte
wenn etwas möglich ist und in den Kräften auch
nur eines einzigen Menschen steht
so sei überzeugt
es ist auch für dich erreichbar…
Das gab mir doch da in meinem Traum schon gleich wieder erheblich zu denken, und sogleich war ich gepackt von ihrem Gespräch und lauschte natürlich nun den beiden Klugschreibern mit noch spitzeren Ohren zu, als sie dieses hier über die Gesellschaft bemerkten:
…du aber sorge dafür
dass du nicht bist
wie jener schlechte Vers
der das ganze Gedicht verhunzt…
Und auch über das Glück sprachen sie anschliessend länger, hier ein kurzer Auszug:
…achte auf die schwierigen
Umstände deines Lebens
eigentlich hast du sie verdient
sie bringen dich der Beurteilung
deiner Worte und Taten näher
zwingen dich zum umdenken
jetzt sofort das zu tun
was du dein Leben lang
auf morgen verschieben würdest…
Gar nicht übel, was?! Es war einfach mal wieder sehr faszinierend zu erleben, was diese beiden großen Denkermenschen alles so daher quasselten, und das mitten im Hades! Ich klebte förmlich – träumerisch virtuell in diesen Hades hinein mich ziehen lassend – an ihnen, diesen beiden tollen, nun längst totlebendig herumwandelnden Hadensern, ehemals so menschlich warmherzigen Menschen, wie es heutzutage ja kaum mehr welche gibt.
Und dann sprachen Marc und Anton über das Leben und gaben mir den folgenden Tipp, ohne es zu ahnen natürlich (oder vielleicht doch?, weiß ich’s denn wirklich?, bei diesen nächtlichen Traumdenktänzereien an der Grenze zwischen Traumleben und Traumtod?!) Und ohne zu wissen, dass ich den ja schon lange kenne, diesen Tipp, denn schließlich lese ich ja fast täglich in den Büchern des Marc Aurel kreuz und kwer auch das folgende immer wieder:
…bemühe dich also
und sei es für die wenigen
dir noch verbleibenden Tage
wenn du einsam und verlassen bist
für dich das Beste zu finden
ein glücklicher Mensch zu sein
der die Kwelle des Glücks
in sich selber weiß
das Glück liegt
im vernünftigen Denken
im wahrhaftigen Wort
und in der guten Tat…
Und dann plauderten diese zwei lieben Freunde von mir noch darüber, warum ich es bei meiner Arbeit überhaupt aushalte (wegen der Filosofie nämlich, da ich ja auch an einem “Hof”, wenn auch an einem im Vergleich zu Marc relatief kleinen, täglich diene):
… wenn du eine Stiefmutter und
eine Mutter zugleich hättest
so würdest du die eine zwar ehren
deine Zuflucht aber stets
bei der anderen suchen
dasselbe sind für mich
der Hof und die Philosophie
dorthin gehe ich auf Zeit
hier finde ich meine Ruhe
die Philosophie aber hilft mir
den Hof zu ertragen
und hat mich selbst zu einem
für meinen Hof fähigen
Menschen gemacht…
Längst waren das natürlich schon mehr als genug weise Klugsprüche für den gesamten nächsten Monat meines Lebens, die ich da jetzt nachmitternächtlich träumend (insgeheim) gesammelt hatte, aber meine traumhinbeamende Zuschaltung in den Hades hielt immer noch an…
wow, war ich heute Nacht vielleicht im Glück, Leute! So ein traumhaftes Filosofieglück hat mann selten!
Gen Ende meines filosofischen Hadestraums redeten die beiden ganz besonderen Ex-Lebend-Menschen noch über die Themen Tod und Wandel der Materie (Metamorfose), sowie Kosmos, und da wusste ich dann wirklich todsicher, dass diese beiden guten alten Freunde, diese gesamte Nachthadestraumgeschichte extra nur für mich inszeniert hatten, Mann oh Mann, war das nun so etwas von aufregend:
…Umwandlung ist das allgemeine Gesetz
die Natur liebt nichts so sehr
als vorhandenes zu verändern und
voller Liebe die veralteten Formen zu erneuern
jedes Wesen trägt in sich den Samen
eines künftigen Lebens
und es wäre ein großer Irrtum
nur das als Samenkorn anzusehen
was der Erde anvertraut oder
was vom Mutterschoss aufgenommen wird…
…die Welt ist ein einziges Lebewesen
eine Weltmaterie und eine Weltseele
aus diesem Weltbewusstsein entsteht alles
und alles kehrt dahin zurück
so dass jedes Einzelwesen
in unzertrennlicher organischer
Verbindung zu allen übrigen steht…
Ich wollte mich gar nicht wieder zurückholen in meine kleine Lebensschlaftraumkammer am Rande der großen Kesselstadt, aber diese beiden dachten da wohl anders, denn plötzlich weckte mich doch so eine dieser so fantastisch singenden Amseln mit ihrem vertrauten Morgengesang und ich dachte mir, was für ein schöner Übergang vom Traumtotenreich zurück ins Realitätsleben, für eine weitere Weile in diese, meine Gegenwart, carpe diem.
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