Vom Traum eines kleinen, musikalisch ziemlich begabten Jungen

 

Auch ich war mal ein kleiner Junge, der von Berufen träumte, die sich dann im Lauf des Lebens immer als Schaumluftblasen in Bezug auf die Wirklichkeit herausstellten, denn meine tatsächlich ausgeübten Jobs hatten eben stets mit ganz anderen Dingen zu tun.

Die Karriere als Musiker (am besten Pianist), Dirigent und Komponist wäre für mich ein solcher Traumberuf gewesen; doch realistisch betrachtet, kam ich ihm nur hin und wieder ein klein wenig in die Nähe, letztendlich rückte er dann zumeist doch immer wieder sogar in weite Ferne.

Als ich nämlich mit ca. sieben Jahren schon eifrig in die Holzblockflöte blies und auswendig Menuette von Händel und Bach, aber auch fingerfertig bereits erheblich schwierigere Stücke, eigenhändig transkribiert aus den Concerti Grossi des verehrten Arcangelo Corelli spielte – als großes Vorbild damals Frans Brüggen vor Augen habend -, da schien diese berufliche Traumwelt vielleicht noch irgendwie erreichbar, alles in meinen kleinen Augen in Ordnung zu sein.

Auch noch, als meine Oma mütterlicherseits mir zum zwölften Geburtstag eine zauberschöne Klarinette schenkte, frisch aus ihrer Heimat, dem Erzgebirge mitbrachte (ach, wie mein Herz damals lachte!), mit der ich dann wie im musikalischen Dauerrausch autodidaktisch mir die gesamte Baermannschule beibrachte, inklusive aller Schwerstetüden im zweiten Band und der überirdisch schönen Orchesterstellen aus Schuberts unvergleichlich zauberschöner Unvollendeten für die Ewigkeit, ebenso gut, wie die Solisten auf Papas klassischen Vinylplatten, die ich alle längst kannte.

Doch bald wurde mir wohl damals bereits klar, dass Klarinette eben nicht Klavier ist, oder Violine, also vom Stellenwert her deutlich minderwertig, vor allem aber auch ohne Unterrichtsstunden bei anerkannten, didaktisch geschulten Professoren.
Aber so war das nun mal, meine Eltern hatten hierfür absolut kein Geld; woher auch?! Schließlich waren wir zu fünft im Haushalt und als gerade noch rechtzeitig vor dem Mauerbau abgehauene Flüchtlinge – im Westen wieder von null beginnend – nicht gerade mit viel geldhaltiger Kohle gesegnet.

Ich war froh, dass meine Mutter mich nach der Grundschule dankbarerweise durch ihr aktives Handeln unterstützte (meine Lehrerin gab mir keine Empfehlung), dass ich wenigstens auf dem Gymnasium landete, und dort meiner zweiten Begabung frönen durfte und auch konnte, nämlich der Mathematik.
Und so wurde zwar aus meinem musikalischen Traumjob nichts, doch hatte ich nach dem Abitur und dem Studium der Mathematik wenigstens massenweise Berufsaussichten, die ich nur schwerlich nach ein paar Jahren am Konservatorium gehabt hätte.

Und während des gedankenschweren Wälzens von Sätzen, Korollaren, Beweisen, Formeln usw. usf. hatte ich ja die stets geliebte Musik zum Ausgleich immer in Form meiner Spielereien auf der Querflöte, Klarinette und Saxofon zur Hand, lauter Instrumente, die mir insbesondere all die Studienjahre über ans Herz wuchsen und mein Leben bis auf den heutigen Tag sehr sehr positiv und entscheidend beeinflussten.
Und somit blieb mir die Musik für immer die liebste aller Wissenschaften und Künste, und ich lebe schon lange sozusagen nach dem Motto: mit der Mathematik meine Existenz sichern, das Geld zum Leben verdienen, und es für die Musik wieder ausgeben (natürlich nicht alles, haha).

Dass aus meinem einst musikalischen Berufstraum tatsächlich nur noch sehr dünne schillernde Seifenblasen blieben, die der Wind des Lebens unterwegs immer mal wieder mit sich mitnahm und irgendwo hintrieb oder ablegte oder auch vernichtete, mit einem vergnügt lächelnden, kleinen Seitenhieb auf meine musikalische Träumerei, das tut mir inzwischen nur noch ab und zu ganz ganz sanft und zart im Herzen weh…
denn dieser Traum ist inzwischen eben ausgeträumt…

 

 

 

 

 

 

© finbarsgift

Der istländische Herbst (Kammer)

Als der Sommer in den Herbst überging, verloren die blattlosen Bäume Bulgokars keine Blätter. Die sengende Hitze verschwand schlagartig und machte kalten Sturmböen Platz. Elsa überlegte, was ihre Eltern wohl dachten, wenn sie an ihrem vierzehnten Geburtstag verschwunden blieb. Sie hatte keine Ahnung, ob der Tag schon stattgefunden hatte, denn in Bulgokar war der Kalender ganz anders als in Istland und auch die Jahreszeiten stimmten nicht überein. Es war ja auch nicht wichtig.

Trotzdem ließ sie der istländische Herbst nicht los: Das nasse Gras und der Duft von feuchtem Moos, die klamme Wäsche, die an istländischen Herbsttagen einfach nicht trocknen wollte. Sie dachte an die Feuer in den Gärten, wenn die Leute ihre Gartenabfälle verbrannten. Dann wurde es früh dunkel, doch die kleinen Feuer glühten und rauchten und tauchten das Dorf in Schwaden verbrannter Zeit. Elsas Sehnsucht danach war riesengroß. Sie hätte sich von diesem Gefühl lossagen können, hielt aber daran fest. Verbrannte Blätter erschienen ihr so viel schöner als ein leerer, schwarzer Himmel, der nur ihr allein gehörte.

 

 

 

 

© Markus Kammer

über Träume und das Leben (Conrad)

„Ich komme mir vor wie jemand, der versucht, einen Traum zu erzählen– was vollkommen vergeblich ist, denn keine Nacherzählung kann die Stimmung eines Traums vermitteln, diese Mischung aus Absurdem, Überraschendem, Erschreckendem, dieses Gefühl, dass man sich nicht wehren kann, dass man zum Gefangenen des Unfassbaren wird, das ja geradezu das Wesen jedes Traums ist…“

Er schwieg eine Weile.

„… Nein, das ist unmöglich; es ist unmöglich, die Stimmung einer Epoche unseres Lebens zu vermitteln– das, was sie wahr macht, was ihr Sinn gibt–, das Wesen, das sie sanft und doch vollständig durchdringt. Es ist unmöglich. Wir leben, wie wir träumen– allein…“

© Joseph Conrad