Tiefgraue Zeiten

 

Als ich noch an meinem geliebten See im Ländle lebte, und nicht am Rande seiner kesselförmigen, immer arbeitsamen Mercedeshauptstadt, da genoss ich dort vor Ort in einer schönen, kleinen Wohnung am Rande des Sees – mit Blick vom Balkon auf das beeindruckende, ehemalige Schlösschen der Annette von Droste-Hülshoff gegenüber und auf die edlen Weinberge von Hagnau – das Leben wirklich in vollen Zügen, bis auf diese tiefgrauen Zeiten, diese vielen Tage, vor allem zwischen Mitte Herbst und Mitte Winter, als der vermaledeite (Hoch)Nebel, wohl angelockt durch das wundervolle Wasser des Sees, diese zauberschöne Lebenswelt auf Dauer so tief und hautnah eingraute, dass davon selbst meine Gehirnmasse mit der langanhaltenden Nebeleinwirkungszeit durch meine komplette harte Schädeldecke hindurch immer grauer wurde – tiefgraue Zeiten waren wieder einmal angebrochen, hier an meinem Lieblingssee.

Da halfen dann auch keine wackeren Spaziergänge mehr, direkt am Seeufer entlang, um mein Gemüt aufzumuntern, meistens in Richtung des Strandbades Hörnle, nur selten mal in der anderen Richtung des Pfades bis zu den Anlaufstellen der Fähren im Ortsteil Staad und zurück.
Dabei nahm mein Blick allmählich die Form und auch die Farbe dieser gewaltigen Hochnebellandschaften um mich herum nur noch mehr an: ich wurde zwar nicht zur grauen Maus, aber zum mächtigen grauen Chamäleon! Und als solches versuchte ich mit all meiner Kraft – schielte dabei auch genauso virtuos gekonnt und variantenreich in alle Himmelsrichtungen wie das Tier – den allmächtigen Bodenseenebel zu beschwören, damit er sich endlich wieder vom Boden erheben und flugs verschwinden möge, verstärkt entweder mit sanften inneren Gebeten oder mit tierisch lauten Sprüchen.

Doch nichts half, alles blieb einfach nach wie vor vollkommen rundum nebelig, und das tagelang, wochenlang alles grau in grau, und das Gespenst der Depression machte sich schon bereit zum tiefgrau zupackenden Sprung auf mich, lauerte hinter jedem Baum des Lorettowaldes schon, den ich auf dem Weg bis zur Spitze des Hörnles passieren musste – fast herrschte eine Art Endzeitstimmung, denn man sah oft nicht viel weiter als bis zu den eigenen auch schon nebelergrauten Füßen bzw. kaum bis zum nächsten Baum; ich wusste, dass hier nur wenige Meter von mir weg der völlig ruhige See dalag wie tot, und dennoch kam er mir vor wie komplett sublimiert, zu Nebel zerstäubt.

Um dem allmächtigen Nebelgespenst wenigstens stundenweise, selten auch tageweise mal zwischendrin zu entkommen, fuhr ich mit Zügen und/oder Bussen in die Berge der unweiten Schweiz, vor allem ins relativ nahe gelegene Säntisgebiet.
Dort bergwanderte ich dann hochvergnügt unter einem stets tiefblauen Himmel und tankte dabei – mützenlos natürlich – solange die Strahlen der Sonne, bis ich mir schier die Gesichtshaut verbrannte, bevor ich dann vollkommen sonnenzufrieden und blauhimmelglücklich wieder ins heimatliche, unheimelige Nebelland zurückkehrte, wo ich ja damals als Student der Mathematik einige sehr interessante Jahre meiner Lebenszeit verbrachte.

Mit den Sonnenstrahlen noch immer im glühenden Gesicht – sie hatten ganz offensichtlich wirklich meine damals noch sehr zarte Haut schier verbrannt -, war ich nun dort in dieser ewiglangen Nebelsuppe, inmitten dieser tiefgrauen Zeiten wieder für ein paar weitere Tage lebens- und studierbereit.

 

 

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