Fronleichnam

 

Selten hat man die Woche über ja mal die Gelegenheit etwas ganz anderes zu tun, etwas, das sonst gar nicht so wirklich in den fest verplanten Terminkalender passt. Deshalb habe ich den heutigen Feiertag Fronleichnam im Ländle dazu genutzt, den Friedhof in nächster Nähe von meinem Turm auf dem Roten Berg aus kurz zu besuchen.

Er ist nicht so streng dicht umzäunt wie zum Beispiel der riesige Pragfriedhof in der Kesselstadt, hat also viele Schlupflöcher zwischendrin und macht ihn mir dadurch eher sympathisch. Ein paar wenige Menschen  liegen dort schon begraben, die ich teilweise noch sehr lebendig in Erinnerung habe. Denn auch tote Menschen sind ja nicht wirklich tot, irgendwie leben sie immer noch in vielen von uns – Verwandten vor allem – weiter.

Einer davon ist einer der beiden Großväter meines jüngsten Sohnes. Er starb bereits, als sein erster und einziger Enkel erst drei Jahre alt war. Eigentlich sehr schade, denn immerhin war er in der Kesselstadtgegend ein sehr anerkannter Physiker, der für seine Arbeiten das Bundesverdienstkreuz bekam. Leider kam ich überhaupt nicht klar mit ihm, denn er war ein Alkoholiker wie er im Buche steht, und die habe ich seit Dekaden gefressen.

Auch mein jüngster Junge hatte von ihm natürlich so gut wie nix. So wie vom anderen Großvater, der auch viel zu weit weg lebte, am Rande der Alpen, und sich sowieso für jede Art Enkel null interessierte. Was kann man auch erwarten, wenn jemand mit seinen Söhnen schon nix anzufangen weiß, was denn dann erst mit seinen Enkeln?!

Nach anfänglichem Herumirren auf dem eher kleinen Friedhof, fand ich schließlich sein Grab, schon lange war ich wohl nicht mehr da gewesen. Es sah recht gut gepflegt aus. Seine Frau lebt ja noch und kümmert sich wohl hin und wieder darum. Einen feinen Grabstein hat man für ihn ausgesucht, eine Art Halbmond aus Stein gehauen, davor ein paar wenige nicht mehr ganz frische Blumen, halbversteckt in etwas grünem Buschwerk.

Lange gedachte ich seiner nicht, ich kannte ihn ja auch kaum; und er hatte außer dem Alkohol rund um die Uhr – sein geliebtes rotes Schorle hatte er fast immer in einer seiner Hände – eh nur Interesse daran, seine Frau am laufenden Band mit einer Reihe von Geliebten zu betrügen. Auch das ist natürlich in der Erinnerung von uns allen, noch lebenden Verwandten, nicht auslöschbar.

Ich ging ruhig den ganzen Friedhof kreuz und kwer ab und schätzte dabei interessehalber die Anzahl der belegten Gräber und Urnenplätze auf circa zweitausend. Beim Rausgehen las ich auf einer großen Tafel die Friedhofsinformation und dort stand, dass die Kapazität insgesamt bei Zweitausendzweihundert liegt. Recht gut schätzen konnte ich schon immer.

Ein paar Gräber waren noch ziemlich neu, sie erfordern kurzfristig ja dadurch immer eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Ich sehe mir dann alles ganz genau an, lese die Schriften auf den diversen Kränzen, sehe mir den Lebenszeitraum an, manchmal ist er sehr viel kürzer, als die Zeit, die ich bereits lebe; das macht mich dann etwas unsicher und es kommt mir der Gedanke, wann bin denn ich dran?

Fast niedlich klein sehen die Urnengräber aus, etwas kleiner noch als Kindergräber. Also so wenig Platz möchte ich nach meinem Tod mal nicht haben. Auch nach dem Tod weiter in Klaustrophobie leben? Nein danke! Und eine Verbrennung kommt eh für mich nicht in Frage! Mutter Allnatur hat mich aus feiner organischer Materie geschaffen, die ich durch die geschickte Auswahl meiner Nahrung möglichst lebenserhaltend verwandelte, durch den Genuss von toter Flora und Fauna; und die will ich ihr auch dankend einmal wieder zurückgeben, etwas verlebt zwar, aber immerhin noch gut weiter verwertbar, wenn es denn irgendwann mal so weit sein wird.

Mehr als eine Stunde dauerte meine ganz persönliche Fronleichnamsprozession durch diesen kleinen Friedhof in meiner Nähe nicht, auf dem ich wohl auch irgendwann mal liegen werde und dann werde ich keine Einträge mehr für den Finbar schreiben können; so ist das eben im Leben, denn nach dem eigenen Tod beginnt dann die große Ruhepause, die ewige erholsame Stille.

 

 

 

 

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