Das Ende (Aurel)

 

 

O Mensch,
du bist in dieser großen Stadt Bürger gewesen,
was liegt daran, ob fünf oder dreißig Jahre?

Was den Gesetzen gemäß ist,
ist für niemand hart.

Was ist es denn Schreckliches,
wenn du nicht durch einen Tyrannen,
nicht durch einen ungerechten Richter,
nein, durch eben Mutter Allnatur,
die dich in diesen Staat eingeführt hat,
wieder hinausgesandt wirst?

Es ist nichts anderes,
als wenn ein Schauspieler durch denselben Prätor,
der ihn angestellt hat, wieder entlassen wird.

»Aber ich habe nicht fünf Akte gespielt,
sondern erst drei.«
Wohl gesprochen;
doch im Leben sind drei Akte schon ein ganzes Stück.

Denn den Schluss bestimmt diejenige,
die einst das Gesamtspiel einrichtete und es heute beendet;
weder das eine noch das andere hängt von dir ab.

So scheide denn freundlich von hier;
auch sie, die dich entlässt,
ist freundlich.

 

 

 

 

© Marc Aurel, Selbstbetrachtungen
(Kapitel 12, Spruch 36; Ende des Buches)

 

 

 

Dritte Küsse

 

Das erste Mal sahen wir uns während einer Übungsstunde zur Vorlesung Lineare Algebra so nachhaltig gegenseitig in die Augen, dass die Funken flogen (zumindest in unserer eigenen Wahrnehmung). Auf jeden Fall konnten wir uns ab diesem feurigen Augenblick kaum mehr auf das Übungsblatt konzentrieren, so beeindruckt waren wir nun voneinander, zumindest von unseren Augen. Dabei ging es um die faszinierende Welt der Eigenräume, der Bestimmung aller Eigenwerte einer linearen Abbildung und ihrer zugehörigen Eigenvektoren (Begriffe, die schon vom genialen David Hilbert stammen, einem der größten Mathematiker aller Zeiten).

Als die Veranstaltung endlich vorüber war, verließ die Studentin mit dem grandiosen Augenblick ganz offensichtlich völlig unbeirrt von unserem durchdringenden Augenkontakt zusammen mit den meisten anderen Studierenden den Hörsaal, während ich als Übungstutor der Vorlesung noch eine Weile dort zurückblieb, um ein paar individuelle Restfragen einiger Studenten zu den in Vorlesung und Übung aufgeworfenen Eigenraumproblemen zu beantworten.

Als ich circa eine Viertelstunde nach ihr den Hörsaal verließ, sah ich sie allein ungeduldig den Gang entlanggehen, wobei sie sehr elegant, aber wohl ziemlich gelangweilt vor sich hin und her wippte. Sobald sie mich erblickte, kam sie allerdings schnurstracks und schleunigst auf mich zu und lächelte mich mit ihren hellwachen, weitgeöffneten Attraktiv-Augen und ihrem verflixt anziehenden Mund strahlend an, sodass ich fragte: “Wartest du noch auf jemanden?” “Ja, auf dich”, erwiderte sie lauthals – quasi wie aus der Pistole geschossen.

Daraufhin fühlte ich mich auch so, und zwar genau so, als wäre eine glühend heiße Kugel mitten durch meinen Körper geflogen, einen sofortigen, drehschwindeligen, tachykarden Herzanfall auslösend. Ich wankte ganz offensichtlich, die Knie zitterten und ich konnte mich kaum mehr auf den Beinen halten! Doch von all dem bemerkte sie anscheinend nichts, denn sie nahm mich zielstrebig bei der Hand mit der Bemerkung: “Ich weiß da von einem feinen kleinen Plätzchen ganz in der Nähe, da können wir uns völlig unbeobachtet noch viel tiefer in die Augen schauen als vorhin in der Linearen Algebra Übung und unsere interessanten Eigenräume gegenseitig so intensiv erkunden wie möglich, wenn du magst – du magst doch, oder?!”

Ich hörte mich nicht nein sagen, ich sagte eigentlich gar nichts, bekam einfach keinen Laut mehr heraus, war wohl wieder einmal viel zu schüchtern in solchen nicht wirklich mathematischen Dingen, zu aufgeregt, ergriff aber dennoch ihre Hand und ging mit ihr mit. Noch niemals zuvor hatte mein stets sehr feinfühliges Herz so vehement gegen meine Brust gehämmert, und gar bis zum Kopf hinauf! Ich ergab mich trotzdem diesen heftigen Schicksalsschlägen so gut ich konnte.

Kurz darauf erreichten wir die Tür zu einer kleinen Abstellkammer, in der normalerweise einige Gegenstände untergebracht waren, die ab und zu in den Hörsälen gebraucht wurden. Ich kannte den Raum natürlich sehr gut. Somit war ich nicht überrascht, als sie sehr bestimmt zu mir sagte: “Na schließ schon auf! Was zögerst du noch?”

Irgendwie war ich wohl seit ihrem verbal knallharten Pistolenschuss in meine beiden höchstsensiblen Musikerohren, sozusagen auch mitten in mein Gehirn hinein, immer noch wie in stiller, aber aufgeregter, sprachloser Trance, fast aktionsunfähig, quasi wie inmitten einer seltsam aus den Fugen geratenen Gehmeditation.
Dennoch machte ich, einem menschlichen Roboter gleich, automatisch was mir geheißen wurde – schließlich hatte ich ja als Hiwi unseres gemeinsamen Dozenten Zugang zu diesem Raum -, zog meinen Schlüsselbund aus der Hosentasche und schloss die Tür zur Kusskammer in spe auf.

Nachdem wir eingetreten waren, die Türe hinter uns wieder abgeschlossen hatten, nahm diese mir doch bis dahin eigentlich fast noch gänzlich fremde Studentin – bis auf einen einzigen feurigen Augenkontakt in einer mathematischen Übungsstunde – meinen Kopf äußerst heftig zwischen ihre Hände und fing an, mich wie liebesausgehungert mitten auf meinen Mund zu küssen, der anfangs natürlich noch völlig geschlossen war, sich aber relativ schnell ihrer quickfidelen Zunge und ihren gekonnten Mundhöhlenbohrversuchen nachgab, und bald auch ergab.

Ganz offensichtlich wurde ich hier nach allen Regeln der linear-algebraisch angehauchten Kusskunst verführt, in ganz besonders praktische Anwendungen der Eigenraumtheorie eingeführt! Ausgerechnet ich, der praxisschüchterne Mathematikstudent – aber warum denn eigentlich nicht?! Und so hafteten wir minutenlang mit unseren quietschvergnügten Kussmündern so eng aneinander, wie das wohl nur zwei verliebte Blutegel bei der Paarung so besessen hinbekommen.

Gottseidank hatte ich damals keine verstopfte Nase, sonst hätte diese kusswilde Mathematik-Studentin mich wohl mit ihrer Liebeskussattacke sicherlich erstickt! Als großer Fan des Küssens jedoch hatte ich natürlich nach kurzer Zeit auch meine Zunge ordentlich in Schwung gebracht, und so tobte für viele Minuten wahrlich ein gigantischer Zungenschwertkampf in unserer gemeinsam aufgetürmten, vereinigten Riesenmundhöhle, den anscheinend niemand von uns beiden verlieren wollte, denn keiner gab diese nahezu dauerorgiastische Küsserei so schnell auf.

Nach einer starken Viertelstunde des Dauerküssens ging uns aber doch allmählich die Puste aus. Unsere Münder drifteten in schierer Atemnot mit einem großen Schmatz wieder auseinander. Wir hielten kurz inne, kamen wieder halbwegs zur Besinnung, erholten uns ein wenig von unserem ersten unentschieden wohl ausgegangenen Kussduell und glitten dann langsam, immer noch gehörig um Luft ringend, zu Boden. Dort legte sie sich ohne zu zögern gut passend auf mich (wir waren in etwa gleich groß) und fand mit ihrer Zunge erneut in Windeseile die wohl für sie besonders einladenden Weiten meines Mundes, bevor ich auch nur ein einziges Sterbenswörtchen sagen konnte.

Als sich allmählich bei mir – während der zweiten, noch längeren Kusssession – eine immer stärker werdende Erektion anbahnte, die sie natürlich ebenfalls immer deutlicher durch unsere Kleidungen hindurch spürte, wandte sie sich kurzerhand behende von meiner Zunge ab, ließ meinen Mund leer und verlassen offen zurück, machte auf meinem Körper eine geschickte Drehung um 180 Grad und dirigierte sich und ihren weit geöffneten Mund gierig in Richtung meines Hosenschlitzes, eine besonders delikat-heiße linear-algebraische Variante des Küssens drohte nun, die exakte, hautnahe Bestimmung des 69. Eigenwertes.

Ich musste mich stark beherrschen, dass ich nicht laut zu stöhnen anfing, so in etwa wie die bekannten Riesenschildkröten beim öffentlichen Geschlechtsverkehr im Zoo vor allen zufällig anwesenden, immer total begeisterten Besuchern.
Gerade noch einigermaßen vor Beginn der Erkundung des 69. Eigenwertes sagte ich relativ laut zu meiner fast vor Begeisterung total weggetretenen Kusspartnerin, noch halbwegs bei Sinnen: “Doch nicht hier!”

Toll, ich konnte endlich wieder reden! Worauf sie sofort postwendend erwiderte: “Also zuhause bei mir, okay?!” Und schon schien meine Stimme erneut zu versagen, doch nicken konnte ich noch gut.
Also erhoben wir uns in Windeseile vom Boden – mein Hosenschlitz wurde vorsichtig zugezogen, ohne das gewisse Etwas zu verletzen – und öffneten die Türe, schauten vorsichtig in beide Richtungen des Ganges, ob er frei von Menschen war, er war es, traten dann flugs hinaus, aber so, als wäre in der letzten halben Stunde überhaupt nichts zwischen uns beiden passiert, schlossen die Kusskammer wieder zu, legten sie quasi ad acta, und gingen, ja liefen, immer schneller werdend, Hand in Hand dem Ausgang des altehrwürdigen Universitätsgebäudes entgegen, grinsend, immer mehr grinsend, dann lachend  und immer lauter lachend und verließen schließlich hochvergnügt unsere Uni.

 

 

 

 

© finbarsgift

PS:

Und wer meine ersten Küsse auf dieser Welt verpasst haben sollte:
erste Küsse

Und auch meine schon etwas reiferen zweiten Küsse:
zweite Küsse