Stille Tage in Philly

 

Ich war in die USA ausgewandert. Die ersten Monate dort wohnte ich in einem kleinen Apartment am westlichen Rande von Philadelphia, kurz Philly, in der Nachbarschaft von fast ausschließlich Schwarzen, die sich mir gegenüber genauso indifferent verhielten wie die Weißen.
Nach einigen anfänglichen Irritationen, unter denen ein Kakerlakenüberfall in meiner Küche by night und ein Banküberfall in der Nähe by day herausragten, beruhigte sich mein amerikanisches Dasein mit der Zeit.

Ich bekam mein Leben in den USA immer besser in den Griff, hatte manchmal sogar Freude daran, und gewöhnte mich allmählich immer mehr an das alltägliche Leben in Amerika — the so-called American Way of Life.
Ab und zu schaute ich auch TV, zugegebenermaßen nur selten, da alle Sendungen – subjektiv gefühlt – fast ausschließlich aus Werbung bestanden und man nur ab und zu ein Fitzelchen Film oder Serie dazwischen erhaschen konnte.

Genauso wie man in der wichtigsten Tageszeitung, dem Philadelphia Inquirer, die eigentlichen journalistischen Artikel am Rande von riesigen Werbeannoncen suchen musste, was mich irritierte und auf Dauer nervte.
Sogar  American Football oder gar Baseball guckte ich interessehalber mal am TV, wobei ich zunächst nicht wirklich verstand, was diese Männer mit Kappe und Schläger bzw. Gitterhelmen und Raumanzügen hier auf Erden mit ihrem kleinen kugelrunden bzw. etwas größeren eiförmigen Wurfball überhaupt sinnvolles machten.

In der Regel gab ich am Vormittag von Montag bis Freitag meine mathematischen Vorlesungen (Analysis, Linear Algebra, Hilbert Spaces) an der Uni und am Nachmittag hielt ich Übungen dazu ab, inklusive Office Hours über Mittag, zweimal die Woche.
All das hatte sich inzwischen recht gut eingespielt. Denn nach neun Jahren, zumeist leider nur ziemlich passivem Schulenglisch, jedoch drei sehr intensiven  Monaten aktivem Matheenglisch fühlte ich mich sprachmathematisch bereits äußerst gut in Form.

Neben meinen Vorlesungen betrieb ich selbstverständlich auch eigene mathematische Forschungen, zumeist am Abend in der Bibliothek der Uni  und oft auch noch in der Nacht und an den Wochenenden zu Hause.
Damals gab es noch absolut keine Spur von Internetzen oder modernen Smartphones; einschlägige Bücher und mathematische Fachzeitschriften waren die wichtigsten Kwellen des Wissens und der Forschung.

Natürlich beschäftigte ich mich auch immer mal wieder aus Lust und Laune mit den ganz großen (damals noch) ungelösten Problemen der Mathematik, wie zum Beispiel dem großen Theorem von Pierre Fermat („Es gibt keinen Satz des Pythagoras für größere Dimensionen als 2“) und der Riemannschen Vermutung („Alle nichttrivialen Nullstellen der Riemannschen Zetafunktion besitzen den Realteil 1/2“), die auch einer der größten deutschen Mathematiker aller Zeiten, David Hilbert, schon in seinem berühmten mathematischen Manifest im Jahre 1900 als eines der wichtigsten ungelösten Probleme der Zahlentheorie aufführte.

Inzwischen wurde ja bekanntermaßen der große Fermatsche Satz vom britischen Mathematiker Andrew Wiles gelöst, in Zusammenarbeit mit seinem Studenten Richard Taylor; das war noch vor der Jahrtausendwende, einer der größten Momente der modernen Mathematik.
Und für den Beweis der Riemannschen Vermutung wurde im Jahr 2000 vom Clay Mathematics Institute in Cambridge, Massachusetts ein Preisgeld von einer Million Dollar bereitgestellt.
Immer wieder gab es (deshalb wohl) Nachrichten über Mathematiker, die einen Beweis gefunden haben wollten, der jedoch einer Prüfung durch Kenner der Materie nie standhielt.

Eigentlich aber backte (buk klingt fast noch schöner) im Rahmen meiner mathematischen Forschungsarbeit deutlich kleinere mathematische Brötchen, beschäftigte mich zum Beispiel mit der damals noch ungelösten Bieberbachschen Vermutung („Für die Koeffizienten einer schlichten Funktion gilt | a(n)| < oder = n, für jede natürliche Zahl n“).
Sie wurde inzwischen von dem französischen Mathematiker Louis de Branges de Bourcia gelöst und heißt seitdem Satz von de Branges.
Weiterhin interessierten mich damals vor allem auch noch sogenannte „Schlechtgestellte Probleme“, wie zum Beispiel die Fredholmschen Integralgleichungen erster Art, aber auch gewisse mathematische Gleichungen, Wettervorhersagen betreffend.

Und während ich also über all diese mathematischen Probleme und andere (meist Lebens- und Liebesprobleme) ausdauernd hirnte und mich gedanklich damit beschäftigte – stille Tage in Philly -, verging meine Lebenszeit auch in Amerika weiterhin wie im Fluge.

 

 

© finbarsgift

 

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Schreck am Morgen

Ich war in die USA ausgewandert und wohnte schon seit einigen Wochen in der Wynnewood Road im Westen von Philadelphia.
Nach dem Kakerlakenschreck gleich zu Beginn meiner Zeit dort, wurde es danach ruhiger und gemütlicher als ich zunächst vermutete, der Vermieter selbst war einen Tag nach dem Vorfall als versierter Kammerjäger aufgetreten und hatte Hundertschaften von Kakerlaken in meiner Küche mit einer großen Giftspritze den Garaus gemacht.

Das für mich sehr ungewohnte nachbarschaftliche Leben unter lauter Schwarzen in Westphiladelphia trainierte ich so intensiv wie möglich, vor allem, indem ich täglich mit so vielen Trolleys wie möglich nach Downtown Philly und wieder zurück fuhr, natürlich nur soweit es meine eigenen Vorlesungs-, Übungs- und Sprechzeiten an der Uni mir erlaubten.

Damals ging kein (schwarzer) Amerikaner auch nur einen Block weit zu Fuß von zuhause weg um etwas zu erledigen. Die Trolleys hielten am Ende jedes Häuserblocks, auch ohne offizielle Haltestelle.
Alle Mitfahrenden inklusive Fahrer waren immer Schwarze; außer mir also nie ein anderer Weißer. Das war (für mich) schon sehr komisch und auch sehr  gewöhnungsbedürftig, aber Weiße fuhren nun mal – auch schon damals – immer nur mit ihren Autos zur Arbeit und zum Einkaufen. Inzwischen hat sich da wahrscheinlich etwas geändert.

Eines Tages ging ich morgens, vor meiner Fahrt mit der Straßenbahn zur Uni, noch schnell von zuhause aus zu meiner Bank in der Nähe. Ich benötigte dringend etwas Bargeld. Nach ein paar Minuten war ich dort.
Als ich – in Gedanken schon halb in der Uni bei meiner Veranstaltung – die Tür zur Filiale öffnete, bemerkte ich trotzdem sofort, dass da irgendetwas nicht stimmte. Denn steif wie Schachfiguren standen zwei Männer mit schwarzen Kapuzen auf dem Kopf an den beiden Schaltern und drohten für mich gut sichtbar den Bankangestellten mit Waffen.

Ich schaltete blitzschnell, war einhundert Prozent hellwach, ließ die Tür sofort wieder los und rannte so schnell ich irgend konnte davon.
Die Richtung war völlig egal, nur weg in maximaler Windeseile!
Ich hatte enormes Glück, dass keiner der beiden Bankräuber mich verfolgte oder mir gar hinterherschoss.
Erst als ich völlig außer Atem war, nicht mehr rennen konnte vor heftiger Lungenschmerzen und mein Herz mir schier das Gehirn zur Schädeldecke hinauspumpte, hielt ich an, ging in Deckung und schaute zurück zur Bank.

Glücklicherweise waren dort inzwischen zwei Polizeistreifen mit Blaulicht ohne Martinshorn vorgefahren.
Es kam ganz offensichtlich zu einer kurzen offenen Schießerei mit den Kapuzenmännern. Aus meiner Deckung heraus schaute ich zu als würde ich mittendrin Hollywoodkino in 3D gucken.
Das ganze Bankschießtheater dauerte gottlob nicht lange, dann ergaben sich die beiden Gangster.
Es kam niemand zu Tode, auch nicht in der Bank, wie ich am nächsten Tag im Philadelphia Inquirer lesen konnte.

Wenig später erreichte ich gerade noch rechtzeitig die Uni, ging in den mir zugeteilten Vorlesungssaal und setzte meine Veranstaltung „Introduction to Hilbert Spaces“ fort, indem ich eine weitere Vorlesungsstunde abhielt. Zunächst stand ich noch einigermaßen unter dem Einfluss des gerade erlebten, sozusagen ein wenig neben mir, doch relativ bald erreichte ich die notwendige Konzentration, die ich für eine solide Präsentation dieses Thema benötigte. Die Studenten schienen mir jedenfalls nichts absonderliches anzumerken.

 

 

© finbarsgift

Ein paar Worte über ganz spezielle Insekten

Ich war in die USA ausgewandert und lebte zunächst ein paar Wochen bei Freunden. Nach einiger Zeit fand ich eine eigene kleine Wohnung und zog dorthin um. Sie lag in einer Straße am Rande von Philadelphia. Sie war kostengünstig und befand sich relativ nahe bei der Universität, in der ich damals als Dozent für Mathematik arbeitete.

Während der Nacht des ersten Tages in der neuen Wohnung wachte ich gegen zwei Uhr mit einem starken Durstgefühl auf, erhob mich vom Bett und ging im Dunkeln – nachts mache ich nur in sehr seltenen Fällen Licht – in die Küche zum Kühlschrank. Als ich ihn öffnete, fiel sein Licht auch nach außen und ich erstarrte sofort vor Grauen, als ich Hunderte von Kakerlaken um mich herum bemerkte, die wohl ebenso überrascht waren wie ich, denn keine von ihnen rührte sich von der Stelle.

Als ich mich wieder gefangen hatte, ging ich – nackt wie ich war – zum Lichtschalter der Küche, knipste ihn an und beobachtete, wie diese ekligen Viecher in Nullkommanix zurück in ihre Löcher verschwanden, alle, blitzschnell.
Wo bin ich da bloß hingeraten, dachte ich mir. Mit immer noch klopfendem Herzen ging ich wieder zum Kühlschrank und genehmigte mir ein großes Glas kühles Mineralwasser. Es war Sommer und affenheiß und schwül in meiner neuen Wohnung ohne Klimaanlage.

Zurück im Bett, versuchte ich wieder einzuschlafen, doch das war nach diesem Ereignis sinnlos. So schaute ich mir noch ein wenig meine Vorlesungsnotizen für den nächsten Tag an, doch richtig konzentrieren konnte ich mich nach dieser ersten Kakerlakenepisode meines Lebens nicht mehr. So hörte ich Musik. Musik war für mich immer das große Allheilmittel, zeitlebens, damals genoß ich Blood on the Tracks von Bob Dylan. Noch jetzt in meiner Erinnerung höre ich ihn die Songs dieses Albums singen, verbunden mit Bildern von Massen von Kakerlaken.

© finbarsgift

Was ist Leben? (Fried)

 

Leben
das ist die Wärme
des Wassers in meinem Bad

Leben
das ist mein Mund
an deinem offenen Schoß

Leben
das ist der Zorn
auf das Unrecht in unseren Ländern

Die Wärme des Wassers
genügt nicht
Ich muss auch darin plätschern

Mein Mund an deinem Schoß
genügt nicht
Ich muss ihn auch küssen

Der Zorn auf das Unrecht
genügt nicht
Wir müssen es auch ergründen

und etwas
gegen es tun
Das ist Leben

 

 

 

 

© Erich Fried

Heimkehr (Rozewicz)

Es gibt unter meinen gedichten solche
mit denen ich mich nicht aussöhnen kann
jahre vergehen
aber ich kann mich nicht aussöhnen mit ihnen
und auch nicht freisprechen von ihnen
sie sind schlecht aber mein
ich habe sie geboren
sie treiben gelöst von mir
teilnahmslos fern
doch die zeit wird kommen da sie alle
zu mir zurückkehren werden
die gelungenen wie die mißlungenen
die verspotteten wie die verworfenen
alle zusammen
in mich zurückkehren werden
damit ich nicht in verlassenheit
sterbe

© Tadeusz Rozewicz