Grüne Papageien 

 

Fast jeden Sonntag gönne ich mir am Vormittag zwei bis drei Stunden Wellness in einem der feinen Mineralbäder Bad Cannstatts — alle nahezu bei mir um die Ecke.
Nach der Aqua-Fitness-Runde ab 9 Uhr schwimme ich normalerweise anschließend einige hundert Meter im Kaltbecken, bevor ich dann rüber zum Saunabereich wechsle.

Dort sich wieder etwas aufzuwärmen, das tut gut; kommt jedoch der Mann mit dem Aufguss, dann suche ich immer rechtzeitig das Weite.
Letzten Sonntag zu den Liegestühlen für die Nackedeis im Saunaaußenbereich.

Irgendwas war aber dieses Mal anders als sonst.
Das übliche Gezerfe der Rabenvögel untereinander, und wie sie mit lautem Gekrächze zu zweit Bussarde im Flug in die Zange nehmen und von ihrem Territorium vertreiben, das war mir ja zur Genüge bekannt, und das war ich auch beim Liegen gewohnt zu hören, aber dieses mächtige joviale Gekrächze letzen Sonntag, das klang doch ganz nach …

… Papageien!
Und tatsächlich waren das da vor mir auf den Bäumen mitten im großdimensionierten Areal des Mineralbads dieses Mal keine stinknormalen pechschwarzen Krähen, sondern eine Horde von 5 bis 10 muntergrünen Papageien!
Und was für einen Spaß die miteinander hatten, diese gesellige Bande.
Und so folgte ich mit Begeisterung ihrem Treiben, bis dieser Papageispuk plötzlich wieder vorüber war und ich mich aufmachte, mit den diversen Wasserdüsen in einem extra Becken alle meine Muskeln von Kopf bis Fuß ausgiebig zu massieren.

Leider konnte ich ja keine Fotos von den grünen Papageien bei ihren Aktivitäten auf den Bäumen des Leuze machen, da im kompletten Saunabereich verständlicherweise Fotoapparate aller Art und selbstverständlich auch Handys am (nackten) Mann nicht erlaubt sind.

So gegen 12 Uhr fuhr ich – wie neugeboren mich fühlend – wieder nach Hause, zum Turm auf dem Roten Berg am Rande der Kesselstadt.
Dort las ich dann in Ruhe im Internet alles nach, diese grünen Papageien in Bad Cannstatt betreffend, dass sie eigentlich Gelbkopfamazonen heißen, und in freier Natur es nur noch circa 7.000 Exemplare in Lateinamerika, von Mexico bis Brasilien gibt, und eben (derzeit) 48 Exemplare in Stuttgart und Umgebung, wobei sie sich besonders wohl im feinen Grünen U der Stadt fühlen, mit der Wilhelma und dem Rosensteinpark als Kern ihres Lebensraums. Aber sie sind auch schon im 20 km entfernten Fellbach gesichtet worden. Ich finde das alles irgendwie witzig, aber auch sehr schön.

 

 

 

© finbarsgift

Der Beobachter 

 

Der Beobachter blickt sanft
gen Tal – dann hoch zur Alb

Er geniesst die fast meditative
Ruhe hier oben auf dem Hügel

Unweit von ihm steht ein Mann
der auf jemanden zu warten scheint

Der Beobachter kann Ungeduld
an seinen Bewegungen erkennen

Eine drahtige Joggerin stürmt
von rechts den Hügel herauf

Sie sprintet auf ihn zu und ruft:
Endlich bekommst du was du willst!

Der Beobachter blickt längst nicht
mehr gen Tal/Alb sondern aufs Paar

Der Mann lacht aus vollem Halse:
Was will ich denn du Läuferin?

Meine unersättlich gierigen Küsse!
:tönt sie ebenso laut wie begeistert

Der Beobachter blickt zum Himmel
der sich mächtig über beide ausbreitet

Etwas außer Atem steht die Frau nun dem
Mann gegenüber der zittert ob ihrer Worte

Die Frau umfasst das Gesicht des Mannes
und zieht es so nah wie möglich an sich heran

Der Beobachter blickt weiterhin zum Himmel
aber fokussiert das Paar das mächtig erstrahlt

Ihre Gesichter lächeln und ihre Münder
fliegen wie endlich losgelassen aufeinander zu

Ihre Küsse wollen gar kein Ende mehr nehmen
der Himmel über ihnen strahlt immer noch blauer

Der Beobachter bekommt einen trockenen Mund
lächelt und schaut wieder ins Tal hinab bis zur Alb

© finbarsgift

 

Drachenfrieden  (C. M. Hafen)

 

Heute ist es ein altes Wort, lange her. Drachenfrieden. Nerina, dachte Mersan, vielleicht erzählt gerade jetzt eine Ahne am Feuer vom Drachenfrieden und meint dich, wenn sie vom irren Drachen erzählt. Dabei hast du nur die Veränderung gebracht, den Wandel der Geschichte, letztlich … mich.

„Da sind wir nun“, sagte er zu Hangameh und schluckte schwer. Diese ein oder zwei Schritte, die er schon gegangen war, standen ihr noch bevor. Zu gegebener Zeit würde er ihr seine Wörterbücher zeigen, seine langen Listen, die er angelegt hatte, seine Chronik der mowarischen Sprache.

Hangameh würde immer ein Kind bleiben. Sie mochte altern, vielleicht sogar die Zeit spüren, wenn sie weit genug von Mora entfernt war. Doch ohne Wurzeln, ohne Vergangenheit oder Zukunft konnte niemand erwachsen werden. Bei ihm war das anders. Die Sprache veränderte sich dauernd. Altes und Neues verband sich, ergab neue Wörter, andere verschwanden. Es gab viele, die standen nur noch in seinen Büchern und wurden nicht mehr genutzt. Das machte ihm aber nichts aus. Manchmal verwendetet er eines, das er gerne mochte, in einem Gespräch und schaute dann zu, wie es die Küste hinauf und hinunter wanderte, bis jemand zu ihm kam und das Wort zurückbrachte. Es war ein Kreislauf. Es war schön und nie zu Ende.

 

 

© C. M. Hafen
Auszug aus „Drachenfrieden“ – Band 3 der Reihe „Das Drachenvolk von Leotrim“,
Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des O´Connell Press Verlags.