Die Vergangenheit ist ständig dabei, die Gegenwart aufzufressen (Hustvedt)

 

Es war spät, als ich an jenem Abend mit einem Glas Wasser für den Nachttisch Matts Zimmer betrat. Erica war schon ins Bett gegangen. Ich beugte mich vor und küsste ihn auf die Wange, doch er erwiderte meinen Kuss nicht. Er blickte ein Weilchen an die Decke und sagte dann:
“Weißt Du, Dad. Ich denke immer darüber nach, dass es so viele Menschen auf der Welt gibt. Ich habe beim Spiel zwischen den Innings darüber nachgedacht, und ich hatte dieses irgendwie komische Gefühl, weißt du, dass jeder Einzelne gleichzeitig Gedanken denkt, Milliarden von Gedanken.”
“Ja”, sagte ich. “Eine Flut von Gedanken, die wir nicht hören können.“
„Ja. Und dann kam ich auf diese ulkige Idee, dass all diese verschiedenen Leute das, was sie sehen, ein kleines bisschen anders sehen als alle anderen.”

“Meinst du, dass jeder Mensch eine andere Art hat, die Welt zu sehen?”
“Nein, Dad, ich meine wirklich und wahrhaftig. Ich meine, dass wir, weil wir heute Abend da saßen, wo wir saßen, ein Spiel gesehen haben, das ein bisschen anders war als für diese Leute mit dem Bier neben uns. Es war dasselbe Spiel, aber ich könnte etwas beobachtet haben, was diese Leute nicht beobachten konnten. Und dann dachte ich, wenn ich bei ihnen säße, würde ich etwas anderes sehen. Und nicht nur das Spiel. Ich meine, sie sahen mich, ich sah sie, aber ich sah mich nicht, und sie sahen sich nicht. Verstehst du, was ich meine?”

“Ich weiß genau, was du meinst. Ich habe auch viel darüber nachgedacht, Matt. Die Stelle, wo ich bin, fehlt in meiner Sicht. So geht es jedem. Wir sehen uns selbst nicht in dem Bild, nicht wahr? Das ist so etwas wie ein Loch.”
“Und wenn ich dazu noch an die Leute denke, die ihre zig Milliarden Gedanken denken – auch jetzt gerade sind sie da und denken und denken -, dann kriege ich dieses schwummrige Gefühl.”
Er schwieg eine Weile.

“Im Auto, auf dem Heimweg, als wir alle still waren, habe ich darüber nachgedacht, dass sich die Gedanken jedes Einzelnen dauernd ändern. Die Gedanken, die wir beim Spiel hatten, wurden zu neuen Gedanken, als wir im Auto saßen. Das war eben, aber das hier ist jetzt, und dann ist dieses Jetzt vorbei, und es ist ein neues Jetzt. Jetzt gerade sage ich jetzt gerade, aber es ist vorbei, bevor ich es fertig gesagt habe.”
“Dieses Jetzt, von dem du sprichst, existiert so gut wie gar nicht. Wir spüren es, aber es lässt sich nicht messen. Die Vergangenheit ist ständig dabei, die Gegenwart aufzufressen.”
Ich strich ihm übers Haar und schwieg eine Weile.

 

 

 

 

 

© Siri Hustvedt

 

Die Macht der Vergangenheit (Crichton)

 

Doninger ging in seinem Büro auf und ab und probte seine Formulierungen, seine Gesten und Bewegungen. Er hatte einen Ruf als fesselnder, charismatischer Redner, aber Kramer wusste, dass nichts daran spontan war. Es war eher das Ergebnis langer Vorbereitung. Bewegungen, Formulierungen, Gesten – Doninger überließ nichts dem Zufall. Jetzt ging Doninger auf und ab und benutzte Kramer als Testpublikum:

“Wir werden alle von der Vergangenheit beherrscht, auch wenn das niemandem bewusst ist. Niemand erkennt die Macht der Vergangenheit. Aber wenn man darüber nachdenkt, wird man begreifen, dass die Vergangenheit viel wichtiger ist als die Gegenwart. Die Gegenwart ist wie eine Koralleninsel, die über das Wasser hinausragt, aber aufgebaut ist aus Millionen toter Korallen unter der Oberfläche, die niemand sieht. Genauso ist unsere tägliche Welt aufgebaut aus Abermillionen von Ereignissen und Entscheidungen der Vergangenheit. Was wir in der Gegenwart hinzufügen, ist trivial.

Ein Teenager isst sein Frühstück und geht dann in einen Laden um die neueste CD einer Band zu kaufen. Der Junge denkt, er lebt ausschließlich in seiner modernen Zeit. Aber wer definierte was eine Band ist? Wer definierte Laden? Wer definierte Teenager? Oder Frühstück? Ganz zu schweigen vom sozialen Umfeld des jungen – Familie, Schule, Bekleidung, Transport, Regierung.

Nichts von alledem wurde in der Gegenwart entschieden. Das meiste wurde vor Hunderten von Jahren entschieden. Dieser Junge sitzt auf dem Gipfel eines Bergs, der die Vergangenheit ist. Und er bemerkt es überhaupt nicht. Er wird bestimmt von dem, was er nie sieht, worüber er nie nachdenkt, was er einfach nicht weiß. Es ist ein Zwang, der fraglos akzeptiert wird.

Derselbe Junge steht anderen Formen der Kontrolle sehr skeptisch gegenüber – elterliche Verbote, Werbebotschaften, staatliche Gesetze. Aber die unsichtbare Herrschaft der Vergangenheit, die fast alles in seinem Leben bestimmt, wird nicht hinterfragt. Das ist wirkliche Macht. Macht, die man sich aneignen und benutzen kann. Denn so wie die Gegenwart von der Vergangenheit bestimmt wird, so auch die Zukunft. Die Zukunft gehört der Vergangenheit. Und der Grund -”

Doninger brach verärgert ab. Kramers Handy klingelte, und sie nahm den Anruf entgegen. Unwirsch wartend marschierte er auf und ab, probierte eine Geste, dann eine andere.

 

 

 

 

 

© Michael Crichton