Das Klavier (Manguso)

Ich versuche mir vorzustellen, dass der Deckel zu ist, aber vergeblich.
Die Tasten scheinen mich schwarz und weiß an.
Sie sind böse. Ich bin böse. Mein Traum ist böse.
Ich flüstere das Wort Lüsternheit in den geöffneten Deckel.
Was eine Sünde ist. Ich bin so erfüllt, dass ich nicht atmen kann.
Über mir das Sternenfirmament. Ich bin auf einem Feld.
Das Klavier ist mir bis hierhin gefolgt – zärtlich, zärtlich.
Es spuckt mich mit Musik an, dann deckt es mich mit Musik zu.
Ich nehme ich es an die Leine wie in einem Experiment.
Es wimmert, dann ist es still. Keine Musik mehr.
Ich verliebe mich in mein Schätzchen.

Wir gehen zusammen über das Feld.
Das Klavier buchstabiert meinen Namen mit seinen Tasten.
Es spielt ein Stück für mich, das ich noch nie gehört habe.
Sanft hinter mir her rollend – es beginnt
mit dem Klang aufbrechenden Lichts
und endet mit dem Klang einer Sonne, die untergeht.
Es sind identische Klänge, trotz der wechselnden Bilder.
Ich liebe mein Piano auf dem freien Feld.
Ich habe nichts mit dem Universum zu tun.
Ich ziehe es vor, hierzubleiben mit dir.

© Sarah Manguso (finbarsgift (Übersetzung))

Liadan findet Finbar (Marillier)

Langsam stand ich von der Mauer auf und drehte mich um,
um den Waldweg entlang in den Wald zu spähen.
Er war nicht leicht zu erkennen; weniger ein Mensch als ein
weiterer Teil des Musters von Licht und Schatten,
des Grau und Grün und Braun von Baumstämmen, Blättern,
Moosen und Steinen.
Aber er stand dort, barfuß auf dem weichen Boden,
immer noch in seine zerlumpten Gewänder und den
dunklen Umhang gekleidet. Schwarze Locken hingen um
sein kreidebleiches Gesicht. Seine Augen waren klar, farblos,
voller Licht.

Ich bin froh, dass du da bist. Sie hat nach dir gefragt.

Ich weiß. Und ich bin gekommen. Aber ich denke, ich brauche deine Hilfe.

Ich spürte seine Angst, und ich wusste, dass es viel Mut
gebraucht hatte, bis hierher zu kommen.

Ich werde dich ins Haus bringen. Was brauchst du?

Ich habe Angst … berührt zu werden.
Ich habe Angst … vor dem Eingeschlossensein.
Und es sind Hunde da. Wenn du mir damit helfen kannst,
kann ich bleiben, und lange genug.

Wieso erzählst du mir von deiner Angst,
wenn du sie sogar vor deinen Brüdern verbirgst?

Niemand möchte schwach sein.
Aber meine Schwäche ist auch meine Gabe.
Was in einer Welt vollkommen gewöhnlich ist,
mag in einer anderen eine Quelle des Schreckens sein.
Eine verschlossene Tür, das Bellen eines Hundes.
Und dennoch, was an diesem Ort ein Geheimnis ist,
wird an jenem anderen klar und schlicht.
Es ist Abbild, Wirklichkeit und Vision.
Welt und Anderwelt.
Ich zeige dir meine Angst, weil du sie verstehen kannst.
Du verstehst es, weil du die Gabe hast.
Du bist nicht belastet wie ich, aber dein Geist erkennt
den Schmerz und die Kraft, die solches Wissen birgt.
Du kennst die Macht der Alten und weißt, wie sie immer
noch in uns arbeitet.

Diese Gabe … der Blick, der heilende Geist … sie kommt
von ihnen, unseren ersten Ahnen?

Sie ist sehr alt. Sehr tief. So tief wie ein bodenloser Brunnen,
so tief wie die tiefsten Stellen des Ozeans. Und wie sie,
ist auch diese Kräft beständig.

Ich erschauderte.

Komm, seien wir mutig, zeigen wir uns.

Und wir gingen über das Feld auf das Haus zu.

 

 

 

© Juliet Marrilier