Fairytale (Enya)

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Die Zeit vergeht, auch die blauen Stunden vergehen (Didion)

In manchen Breitengraden gibt es vor der Sommersonnenwende und danach eine Zeitspanne, nur wenige Wochen, in der die Dämmerungen lang und blau werden. Diese Phase der blauen Stunden kennt man im subtropischen Kalifornien nicht, wo ich die meiste Zeit lebte und wo das Tageslicht schnell zu Ende geht, sich verliert in der Glut der untergehenden Sonne. Aber in New York, wo ich jetzt lebe, kennt man sie. Man nimmt sie das erste Mal wahr, wenn der April endet und der Mai beginnt, eine Veränderung innerhalb der Jahreszeit, noch kaum eine Erwärmung, doch auf einmal scheint der Sommer nah zu sein, eine Möglichkeit, ein Versprechen.

Man geht an einem Fenster vorbei, man läuft zum Central Park und schwimmt in der Farbe Blau:
Das Licht selbst ist blau, und im Verlauf einer Stunde vertieft sich dieses Blau, es wird intensiver, je dunkler es wird, je mehr es vergeht, und schließlich gleicht es dem Blau eines Glases in Chartres an einem klaren Tag oder dem des Tscherenkow-Lichts, das die Brennstäbe in den Abklingbecken von Kernkraftwerken ausstrahlen. Die Franzosen nannten es l’heure bleue. Den Engländern war es the gloaming – der Abenddämmer. Das Wort gloaming strahlt zurück, es wirft ein Echo – glittern, glitzern, glänzen, Glamour – , in seinen Konsonanten trägt es die Bilder von Häusern, die zugeschlossen werden, von dunkelnden Gärten, von Flüssen mit grasbewachsenen Ufern, die durch die Schatten gleiten.

Während der blauen Stunden glaubt man, der Tag wird nie enden. Wenn die Zeit der blauen Stunden sich dem Ende nähert (und das wird sie, sie endet), erlebt man ein Frösteln, eine Vorahnung der Krankheit, in diesem Moment stellt man zunächst fest: Das blaue Licht verschwindet, die Tage werden schon kürzer, der Sommer ist vorbei. Dieses Buch heißt blaue Stunden, weil ich mich in der Zeit, als ich es zu schreiben begann, gedanklich immer stärker der Krankheit zugewandt habe, dem Ende des Versprechens, den kürzer werdenden Tagen, der Unausweichlichkeit des Vergehens, dem Sterben des Glanzes. Blaue Stunden sind das Gegenteil sterbenden Glanzes, aber sie sind auch seine Vorboten.

Die Zeit vergeht.
Die Erinnerung verblasst, die Erinnerung passt sich an,
die Erinnerung fügt sich dem, woran wir uns zu erinnern glauben.
Auch die Erinnerung an die Stephanotis in ihrem Zopf,
auch die Erinnerung an das Plumeris-Tattoo, das durch den Tüll zu sehen war.
Es ist grausam, sich sterben zu sehen ohne Kinder.
Das sagte Napoleon Bonaparte.
Lässt für die Sterblichen größeres Leid sich erdenken,
als sterben zu sehen die Kinder?
Das sagte Euripides.
Wenn wir über Sterblichkeit reden,
reden wir von unseren Kindern.
Das sagte ich.

Aber was heißt das?
Gut, natürlich kann ich es nachvollziehen,
natürlich können Sie es nachvollziehen, mit anderen Worten:
anerkennen, dass unsere Kinder Geiseln des Schicksals sind,
aber wenn wir über unsere Kinder reden, was sagen wir dann?
Sagen wir, was es uns bedeutete, sie zu haben?
Was es uns bedeutete, sie nicht zu haben?
Was es bedeutete, sie gehen zu lassen?
Sprechen wir von dem Mysterium unseres Gelöbnisses,
zu schützen, was wir nicht schützen können?
Über das Rätsel, Eltern zu sein?

Die Zeit vergeht.
Ja, einverstanden, eine Banalität,
natürlich vergeht die Zeit.
Aber wieso sage ich es dann,
warum habe ich es schon mehr als einmal gesagt?
Habe ich es auf dieselbe Weise gesagt, wie ich sage,
dass ich die meiste Zeit meines Lebens in Kalifornien verbrachte?
Habe ich es gesagt, ohne zu hören, was ich sagte?
Könnte es sein, dass ich es mehr auf diese Weise hörte:

Die Zeit vergeht,
aber nicht so krass, als dass es jemandem auffiele?
Oder sogar:
Die Zeit vergeht,
aber nicht für mich?

Könnte es sein, dass ich weder die grundlegende Beschaffenheit noch die Beständigkeit des Schwächerwerdens ins Auge fasste, die unwiderruflichen Veränderungen in Körper und Geist, wenn man eines Sommermorgens weniger belastbar aufwacht als sonst und zu Weihnachten bemerkt, dass die Fähigkeit, die eigenen Kräfte zu mobilisieren, verlorengegangen ist, verkümmert, nicht länger vorhanden? Wenn man die meiste Zeit seines Lebens in Kalifornien verbringt und dann nicht mehr? Wenn das Bewusstsein von der vergehenden Zeit – dieses beständige Schwächerwerden, diese schwindende Belastbarkeit – sich multipliziert, metastasiert, zum eigentlichen Leben wird?

Die Zeit vergeht.
Könnte es sein,
dass ich das nie geglaubt habe?
Hatte ich geglaubt,
die blauen Stunden würden für immer andauern?

 

 

 

© Joan Didion

sublime translatorische transfiguration

via sturzgeburt aus einem minitunnel in den brunnen des lebens geraten,
von der erdanziehungskraft dort drinnen sofort gefangen genommen werden,
gebündelt werden – während des falls – zu einem raketenartigen geschoss,
zu merken, dass dieser brunnen immer noch enger wird und längst mutiert ist
zur gnadenlos dich nie wieder freigebenden dürrenmattschen tunnelbrutalröhre,
angstvoll zu registrieren, dass das endgültige ende des lebens alsbald erreicht ist,
das ende vom lied in düstermoll hallend an den tunnelwänden wahrzunehmen,
und dennoch endlich via translatorischer transfiguration durchzustarten bis
zur himmlisch heisskalten hölle allen menschlichen lebensliebesgrauens,
das auflodern des eigenen verbrennenden körpers als erlösung zu spüren,
als das sublime zerplatzen des von der enttäuschten seele entlassenen geistes:
mens sana in corpore sano ad absurdum ad infinitum sanctus amen.

 

 

 

 

 

 

© finbarsgift

Der Augenblick ist immer unterwegs gegen null (Gustafsson)

Ich bin eingeschlossen in mein Leben wie in eine Kleinsche Flasche und darüber hinaus gibt es nichts.
Buchstäblich nichts.
Was nach meinem Tod geschehen wird, ist ebenso unwirklich, ebenso belanglos wie ein Tonkrug, der an einem Donnerstagnachmittag in der Jüngeren Steinzeit herunterfiel und zerbrach.

Lasst uns deshalb über den Augenblick sprechen! Die Fragen, die er stellt, sind wahrhaftig nicht leicht.
„Das Andere von sich selbst.“ So nannte Hegel also den Augenblick. Es liegt in seinem Wesen etwas anderes zu sein.
Der Augenblick ist immer unterwegs gegen null. Schopenhauer sah das stetig hinweggleitende Jetzt als einen Augenblick für den illusorischen Charakter der Welt, seinen systematischen Betrug. Das Jetzt enttäuscht ständig. Es verspricht eine Zukunft, die immer in dem Augenblick entweicht, in dem wir versuchen, ihn zu berühren. Die Zeit hat eine eigentümliche Krümmung, die nicht zulässt, sie an einem anderen Punkt als diesem zu berühren, flüchtiger als ein Volley vorn am Tennisnetz. Was wir – und Hegel – den Augenblick nennen, ist das stärkste, konkreteste Erlebnis, dass wir von diesem „gegen Null gehen“ haben können.

Dieses, was wir „Jetzt“ nennen – ein eigentümliches Wort, denn nur ein Augenblick hat das Recht, so genannt zu werden, und jeder denkbare Augenblick hat das Recht auf diesen Namen -, dieses „Jetzt“ hat offenbar sehr wenig mit dem physikalischen Augenblick zu tun. Die gewöhnliche intuitive Vorstellung, dass die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft unwirklich ist und nur das Jetzt wirklich, also dass die Wirklichkeit eine mächtige Welle ist, in deren Gefälle wir surfen, ist offenbar unangemessen.

 

 

 

© Lars Gustafsson

übers Briefeschreiben in Rom (Rilke)

Ich schreibe unterwegs ungern Briefe, weil ich zum Briefschreiben mehr brauche als das allernötigste Gerät: etwas Stille und Einsamkeit und eine nicht allzu fremde Stunde.

In Rom trafen wir vor etwa sechs Wochen ein, zu einer Zeit, da es noch das leere, das heiße, das fieberverrufene Rom war, und dieser Umstand trug mit anderen praktischen Einrichtungsschwierigkeiten dazu bei, dass die Unruhe um uns kein Ende nehmen wollte und die Fremde mit der Last der Heimatlosigkeit auf uns lag.
Dazu ist noch zu rechnen, dass Rom (wenn man es noch nicht kennt) in den ersten Tagen erdrückend traurig wirkt:
durch die unlebendige und trübe Museumsstimmung, die es ausatmet,
durch die Fülle seiner hervorgeholten und mühsam aufrecht erhaltenen Vergangenheiten (von denen eine kleine Gegenwart sich ernährt),
durch die namenlose, von Gelehrten und Philologen unterstützte und von den gewohnheitsmäßigen Italienreisenden nachgeahmte Überschätzung aller dieser entstellten und verdorbenen Dinge, die doch im Grunde nicht mehr sind als zufällige Reste einer anderen Zeit und eines Lebens, das nicht unseres ist und unseres nicht sein soll.

Schließlich, nach Wochen täglicher Abwehr, findet man sich, obwohl noch ein wenig verwirrt, zu sich selber zurück, und man sagt sich:
Nein, es ist hier nicht mehr Schönheit als anderswo, und alle diese von Generationen immer weiterbewunderten Gegenstände, an denen Handlangerhände gebessert und ergänzt haben, bedeuten nichts, sind nichts und haben kein Herz und keinen Wert;
aber es ist viel Schönheit hier, weil überall viel Schönheit ist.
Unendlich lebensvolle Wasser gehen über die alten Aquädukte in die große Stadt und tanzen auf den vielen Plätzen über steinernen weißen Schalen und breiten sich aus in weiten, geräumigen Becken und rauschen bei Tag und erheben ihr Rauschen zur Nacht, die hier groß und gestirnt ist und weich von Winden.
Und Gärten sind hier, unvergessliche Alleen und Treppen,
Treppen, von Michelangelo ersonnen,
Treppen, die nach dem Vorbild abwärts gleitender Wasser erbaut sind, breit im Gefäll Stufe aus Stufe gebärend wie Welle aus Welle.

Durch solche Eindrücke sammelt man sich, gewinnt sich zurück aus dem anspruchsvollen Vielen, das da spricht und schwätzt (und wie gesprächig ist es!), und lernt langsam die sehr wenigen Dinge erkennen, in denen Ewiges dauert, das man lieben, und Einsames, daran man leise teilnehmen kann.
Noch wohne ich in der Stadt auf dem Kapitol, nicht weit von dem schönsten Reiterbilde, das uns aus römischer Kunst erhalten geblieben ist,
dem des Marc Aurel;
aber in einigen Wochen werde ich einen stillen schlichten Raum beziehen, einen alten Altan, der ganz tief in einem großen Park verloren liegt, der Stadt, ihrem Geräusch und Zufall verborgen.
Dort werde ich den ganzen Winter wohnen und mich freuen an der großen Stille, von der ich das Geschenk guter und tüchtiger Stunden erwarte.

 

 

 

© Rainer Maria Rilke