eine Assoziationskette

Die vom Pianisten vorn auf dem Podium vollendet gespielten Tonperlen und Klänge, erzeugt durch einen exponiert stehenden, für alle sichtbaren Zuhörer tiefschwarzen Flügel, erreichen mich sofort, mit kräftig spürbarer Schallgeschwindigkeit, ergreifen mich mit Macht und prasseln auf meinen Körper, mich umschlängelnd in Windeseile, und überziehen meine gesamte äußere Statur mit einer Gänsehaut der Extraklasse; all das fühlt sich traumeinbildungsmäßig sicher in etwa so an, wie des Nachts die aufgeregt mich umschmeichelnden Hände einer Geliebten.

Zeitgleich wandeln sich in meinen Ohren die gehörten Tonsignale und Soundcluster in elektrische Impulse von enormer Stärke um und rasen nahezu mit Lichtgeschwindigkeit meine Nervensynapsen entlang bis hinüber zum nahen Gehirn, wo sie sofort transformiert werden in biochemische Reaktionen immenser Stärke, ja unerhörter Stärke, so wie selten zuvor in solchen durch Musik initiierten Erinnerungsassoziationen.

Diese biochemischen Reaktionen rufen sofort Erinnerungen in mir hervor via eines fortwährenden Bombardements von Assoziationen, wodurch meine Seele ebenso in Aufruhr gebracht wird wie mein jetzt noch wacherer Geist; es gibt nun kein Entrinnen mehr: ist die Assoziationskette einmal getriggert, dann ist sie nicht mehr zu bremsen, solange, bis das vollständig damit verbundene, abgespeicherte Assoziationsgeflecht komplett abgespult ist.

In diesem Fall ruft die vom Meisterpianisten in der Liederhalle so wunderbar vorgetragene Klaviermusik Erinnerungen in mir wach an die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, an Milan Kunderas literarisch so genialen Meisterroman (mit einem Hauch von gedämpften Akkorden aus Beethovens Streichquartetten versehen), an Philip Kaufmans kongeniale Verfilmung dieses Buches, sein filmisches Meisterwerk, unvergesslich beides, aber auch vor allem jetzt eben Erinnerungen an die zauberhafte Musik, die auch im Film erklingt, bestehend aus jenen mich tief berührenden Klavierstücken Leos Janaceks, auf einem verwaschenen Pfade, die der Pianist da gerade vor mir virtuos interpretiert, während ich völlig hilflos nebenher durch die gesamte damit verbundene Assoziationskette falle.

Und während der Pianist diese traumhaft schöne, ja so leichtfüßig eingängige Musik vorn auf der Bühne zum Erklingen bringt, und in mir fast zeitgleich die Filmmusikfassung assoziativ mittönt, beides sich irgendwie klanglich dabei in mir vereint, sehe ich dazu natürlich längst schon vor meinem geistigen Auge die Gesichter, die Körper der wunderbaren Hauptakteure des Films, die unvergleichliche Juliette Binoche, ganz zerbrechlich spielt sie da, der freche, toll aussehende Daniel Day-Lewis als liebestoller Arzt und jene faszinierend verführerische Lena Olin, Szenen einer Ehe und Bilder einer schier mörderischen Dreiecksbeziehung in einem.

Alle semantischen Ebenen von Buch, Film und Musik vermengen sich dabei nun längst multiparallel in meinem aktuellen Raumzeitgeschehen zu einer letztendlich nicht ausreichend mit bloßen Worten zu beschreibenden Melange an Klängen, Bildern, Szenen und Sätzen in mehr als den gewohnten drei Dimensionen, bald mein gesamtes Ich ergreifend, auch im wahrsten Sinne des Wortes, mein ganzes jetziges Dasein verführend, ja packend und mit sich fortreißend in einem Strom voller Gedanken und Klängen und Tagträumen. Diese Assoziationskette hat mich wieder einmal erfasst, gepackt, gefesselt und lässt mich nun nicht so schnell wieder los.

© finbarsgift

Friedensgruß (Zenetti)

Dem da
dem andern
dem x-beliebigen
dem wildfremden
der mir wurscht ist
der mich nichts angeht
dem man nicht trauen kann
dem man besser aus dem Weg geht
dem man’s schon von weitem ansieht
dem da
dem Spinner
dem Blödmann
dem Besserwisser
dem Speichellecker
der nicht so tun soll
dem’s noch leidtun wird
der mir’s noch büßen soll
der noch was erleben kann
der sich nicht unterstehen soll
dem ich’s schon noch zeigen werde
dem da wünsche ich auch Frieden…

© Lothar Zenetti