täglich

täglich schreiben wir unzählige märchen und moderne heldensagen,
unsere individuellen fortsetzungen der großen saga vom wehklagen,
über die verschandelte lebenserde und die versauten menschenraben,
wie ein gigantisch prasselnder wortregen voller buchstabenplagen.

täglich nehmen wir uns wahr in unserer beschränktlächerlichen endlichkeit,
mit unseren durchschnittlich sechshunderttausend erbärmlichen lebensstunden,
einem unbedeutenden, verpuffenden nichts im anblick all der zeitjahrmilliarden,
inmitten der unendlichen, uns immer rascher wieder aufsaugenden raumzeit.

täglich hetzen wir in unseren bestialischen menschenballungszentren im kreise herum,
wie hirnverbrannte ratten, sinnlos hin und her rennend, pendelnd im tageslaufmetrum
durch das uns dargebotene, himmelsverabreichte lebensnadelöhr in des teufels gottestakt,
auf der suche nach einem selbst, dem ich, das stets verschlossen bleibt, immens verpackt.

© finbarsgift

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Spagat des Lebens

Dieser schmerzhafte Spagat zwischen beruflichem und privaten Tun,
dieses krampfhaft dauerhafte Besinnen auf die wesentlichen Dinge ,
immer wieder steiles Abdriften in verführerische Ausschweifungen,
in wilde Träume des Entrinnens aus einem unbezwingbaren Dasein.

Wie das alles vereinbaren unter der Last des längst verlorenen Gottes
und all jener unüberschaubaren Gesetze zwischen Himmel und Erde?
Stets sich verloren fühlend im eigenen leidig dahinkämpfenden Leben,
niemals diesen brachialen Spagat des schmerzhaften Daseins aushaltend.

© finbarsgift

Kultur seiner selber (Foucault)

Dazu bedarf es Zeit.
Und es ist eines der großen Probleme dieser Kultur seiner selber, den Anteil innerhalb des Tages oder innerhalb des Lebens, der ihr gewidmet sein soll, festzulegen.

Die verschiedensten Formeln bieten sich an.
Man kann am Abend oder am Morgen einige Momente zur Sammlung, zur Prüfung dessen, was zu tun ist, zur Vergegenwärtigung gewisser nützlicher Grundsätze, zum Überschauen des verronnenen Tages einräumen; die morgendliche und abendliche Prüfung der Pythagoreer stellt sich, freilich mit veränderten Inhalten, bei den Stoikern wieder ein: Seneca, Epiktet, Marc Aurel erwähnen jene Momente, die man benutzen soll, um sich einem selber zuzuwenden.

Auch kann man von Zeit zu Zeit seine gewöhnlichen Geschäfte unterbrechen und sich zurückziehen, wie es, neben vielen anderen, Musonius lebhaft empfahl: das ermöglicht es einem, ins Zwiegespräch mit sich selbst zu treten, sich auf seine Vergangenheit zu besinnen, sich das verflossene Leben als Ganzes vor Augen zu stellen, sich durch Lektüre mit den Vorschriften und den Beispielen vertraut zu machen, an die man sich halten will, und endlich, durch ein nüchtern geführtes Leben, zu den Grundprinzipien eines vernünftigen Verhaltens zurückzufinden.

Und möglich ist es auch, dass einer inmitten oder am Ende seiner Laufbahn seine verschiedenen Geschäfte abwirft und sich, den Verfall des Alters nutzend, da die Begehren stiller werden, wie Seneca in der philosophischen Arbeit oder Spurinna im Frieden einer angenehmen Existenz ganz dem Besitze seiner selbst widmet.

Diese Zeit ist nicht leer, sie ist erfüllt von Übungen, praktischen Aufgaben, verschiedenen Tätigkeiten. Sich um sich kümmern ist keine Sinekure.
Da sind die Körperpflegen, die Gesundheitsregeln, die ausgewogenen körperlichen Übungen, die maßvolle Befriedigung der Bedürfnisse.
Da sind die Meditationen, die Lektüren, die Aufzeichnungen über Gelesenes oder im Gespräch Vernommenes, auf die man später zurückgreift, das Überdenken von Wahrheiten, die man bereits kennt, aber sich noch besser zu eigen machen muss.

Marc Aurel gibt solcherart ein Beispiel von „Anachorese in sich selbst“:
eine lange Arbeit der Vergegenwärtigung allgemeiner Grundsätze und vernünftiger Argumente, die einen dazu anhalten, sich weder gegen die anderen noch gegen Zufälle noch gegen die Dinge aufreizen zu lassen.
Da sind sodann die Gespräche mit einem Vertrauten, mit Freunden, mit einem Führer oder Leiter, dazu kommt der Briefwechsel, in dem man seinen Seelenzustand kundtut, Ratschläge erbittet oder austeilt, wo sie gebraucht werden – was übrigens dem, der sich Präzeptor nennt, sehr von Nutzen ist, denn dadurch ruft er sie sich auch ins Gedächtnis zurück:
um die Sorge um sich hat sich ein ganzer Rede- und Schreibbetrieb entwickelt, in dem die Arbeit eines an sich selber und die Kommunikation mit dem anderen verbunden sind.

© Michel Foucault

knochenharte wand

du rennst gegen eine wand,
immer und immer wieder,
in zunehmender verzweiflung,
sie ist knochenhart, diese wand,
und dennoch, was macht das schon,
du rennst immer und immer wieder dagegen,
automatisch, schier wie ein roboter,
aber sie rührt sich nicht, keinen
millimeter rührt sie sich vom fleck,
schienbeinhart bleibt sie und unverrückbar,
doch du rennst weiter und weiter darauf los,
haust dir den kopf an, den schädel ein, immer wieder,
solange bis dein blut dein gesicht hinabläuft,
auf deine füße tropft, und von dort zu boden rinnt,
wie ein kleiner roter rheinwasserfall,
was für eine erbarmungslose wand,
wie standfest sie ist, fast bewundernswert,
du rennst dagegen, schreist sie an,
willst sie irgendwie beeinflussen,
trittst mit den füßen dagegen wie blöd,
aber sie rührt sich nicht, du bist ein wicht,
gegenüber ihr, ein unbedeutender wicht,
machtlos gegen sie, unglaublich ohnmächtig,
und am ende stellt sich heraus,
dass diese knochenharte wand
in wirklichkeit ein ganz besonders
willensstarker kraftmensch ist,
du hast absolut keine chance,
wirst verbluten, musst verbluten,
äußerlich wie innerlich, und der dich
nun gnadenlos an sich heranzieht,
dich heftig umarmt, ein allerletztes mal,
dann deinen brustkorb ganz locker knackt,
in deine biomaschine hineingreift, dein herz packt
und es dir mitten aus der körpergeistseele reisst,
erbarmungslos lachend zu matsch kwetscht.
und diesen nun endlich den schon lange gierig
wartenden schweinehunden und wölfen
zum illustren fraß hinwirft, wieder ein
verzweifelter mensch weniger
auf dieser welt.

© finbarsgift