vernagelte welt (bruni kantz)

und hinter den  brettern,
die dir die welt vernageln
sollst du dein denken
nicht verlernen

wie ist es so schwer,
wie soll es nur gehen,
ohne das vernagelte
an sich zu verstehen?

nachts liegst du wach,
träumst von freisein,
wobei das freisein bedeutet,
du müßtest auch DA sein

nun suchst du dein ich,
rufst, so laut du nur kannst,
doch es meldet sich nicht
und danach erst krank

© bruni kantz

erste Küsse

Sie hieß Rita.

Wir gingen Hand in Hand und lächelten uns andauernd von der Seite aus an,

dann küssten wir uns und strahlten so, wie zwei kleine junge neugeborene

Sonnen der Milchstraße, während wir gemeinsam inmitten der sehr hohen,

ja uns Jungmenschen gar überragenden Wiesengrashalme langsam dahingingen.

Nichts, aber auch gar nichts konnte uns beiden in diesem erhabenen Moment

des Nachkussglücks etwas anhaben, denn wir waren ja längst bis über beide Kinderohren

hinaus ineinander verliebt und schwebten sanft und sachte zu zweit dahin,

leicht wie zwei verlorengegangene Federn zweier sich umflatternder grünroter Kolibris.

Wir gingen nur für sehr kurze Zeit zusammen in die gleiche Grundschulklasse und

wohnten nur für sehr kurze Zeit in der gleichen Stadt, ziemlich nahe beieinander und

erfreuten uns dieser Tatsache so sehr, dass wir kaum den nächsten Tag in der Schule und

anschließend das gemeinsame Erwandern der saftigen Sommerwiese erwarten konnten,

Hand in Hand, mit unserem Kuss als täglichen Höhepunkt inmitten der hohen Grashalme.

Solange machten wir das, wir zwei Unzertrennlichen, bis ihre Eltern zusammen mit ihr

quasi von heute auf morgen – ohne irgendeine Ankündigung und ohne UNS zu fragen -,

in eine andere, ferne Stadt zogen – wohl hatte ihr Vater dort eine neue Stelle bekommen -,

ohne eine Adresse für mich zu hinterlassen, keine Telefonnummer, nichts, aber vor allem

ohne einen letzten, abschließenden Grashalmliebeskussspaziergang.

Wir haben uns bis heute nie wieder gesehen.

Wir waren damals beide nur neun Jahre alt.

Von Zeit zu Zeit muss ich – eine immer wiederkehrende flüchtige Reminiszenz –

an diesen ganz besonderen Moment des Glücks in meinem damals noch sehr

jungen Erdendasein denken.

Ob ihr das manchmal ebenfalls so ergeht?

© finbarsgift