Sternleinsuppe unter der Milchstraße

Ich war noch sehr jung, so ca. 3 Jahre wahrscheinlich erst alt, als meine Mutter zusammen mit mir an der Hand mal wieder vom Einkaufen im düsteren Herz der tristgrauen Industriestadt C. zurück an ihren Rand, die steile Straße zu uns hoch ging.

Nach einer Weile bemerkte sie, dass ich fast immer in die Höhe schaute, so wie ein Hans-guck-in-die-Luft; und was sie zunächst nur nichtssagend beschmunzelte, irritierte sie nach einer Weile dann doch und sie sprach: du musst auf den Boden gucken, nicht in die Luft, sonst stolperst du mal und fällst hin oder in ein dunkles oder gar schwarzes Loch.

Ich erwiderte nichts, sah weiter in den Himmel hinauf und dann sagte sie: was ist denn da oben so wichtiges, mein Junge? Und sogleich fing ich an zu reden: ich schau mir die Sternlein an, Muttilein, da oben sind lauter feine, ganz kleine Sternlein, unglaublich viele, so viele wie noch nie, wirklich unmöglich sie alle zu zählen.
Das stimmt, sagte meine Mutter, es sind sicherlich schier unendlich viele, man nennt sie alle zusammen Milchstraße und du hast Recht, sie strahlt heute besonders schön und ist sehr deutlich zu sehen.

Je weiter wir uns vom industrieversauten Herz der Stadt entfernten und die Höhe erklommen, umso schöner wurde der Sternenhimmel da über mir und umso wundervoller fühlte ich mich beim Gehen an der Hand der Mutter; ich geriet wie in eine Art Schweben und sprach: Muttilein, schau doch mal, die Sternlein kommen immer näher! Oder steigen wir zu den Sternlein hinauf?

Meine Mutter lachte: ach du mein kleiner süßer Sternengucker! Komm wieder zurück auf die Erde, hier unten spielt die Musik!
Ich weiß, Muttilein, Beethoven, gell?, Papa spielt den von früh bis spät.
Meine Mutter lachte laut: da hast du recht, mein Schatz!

Es verging wieder eine Weile und wir waren oben angekommen, nur noch ein paar Schritte und unser Abendeinkauf war abgeschlossen und wir wieder zuhause in unserer kleinen Wohnung.
Plötzlich hielt ich an, löste mich von der Hand meiner Mutter, zeigte entschlossen gen Himmel und sprach: was für eine Zauberwelt dort oben, Muttilein, dort möchte ich sein!

Aber warum denn, sagte sie, dort ist es doch fast überall ganz kalt und unfreundlich, da bekommst du nicht einmal Luft!
Das glaub ich dir nicht! Ich schon! Am liebsten würde ich sofort dort hochschweben und von Sternlein zu Sternlein fliegen und gucken, was da alles so los ist, dort muss es doch sehr warm sein an ihren Lagerfeuern.

Ach du mein kleiner Träumer, komm schon, ich mache uns jetzt erst mal in der warmen Stube eine gute Suppe und zur Feier des Tages bekommst du heute sogar Sternleinnüdelchen untergerührt statt Buchstaben und Zahlen, ja?
Au ja, schrie ich ganz begeistert, und liest du mir heute endlich die Geschichte über die Milchstraße vor? Ich will unbedingt wissen, warum auf der besonders viele kleine Sternlein scheinen.

© finbarsgift

Musikalisches Rätselraten

„Und das hier, was ist das?“

Die Musik setzte sehr leise ein, fast unhörbar …

doch sehr bald wurde mir klar, was da erklang, ich kannte die rhythmische Melodie sehr gut, eine ganz wundervolle Musik und ich liebte sie so sehr wie er und somit tönte ich so laut ich konnte in seine Richtung:
„2. Satz, 7. Sinfonie, Ludwig van Beethoven.“

Alle Orchesterwerke dieses einmaligen Musikgenies kannte ich schon seit geraumer Zeit in- und auswendig, waren sie doch alle weltberühmt und wurden rund um die Uhr überall auf unserem Planeten gespielt (und der letzte Satz seiner 9. Sinfonie sogar als UNESCO Weltkulturerbe mit einer Rakete vor einigen Jahren ins Weltall geschickt), insbesondere auch in unserem Haus, denn der megageniale Ludwig van war ja schon immer sein Lieblingskomponist.

„Richtig“, sagte er, „und das hier?“

Die Musik setzte wiederum sehr sanft ein, mit den vier Noten c-d-f-e, ein Motiv, das der zu erratende Komponist schon als kleines Kind im Alter von ca. 5 Jahren bei einer kleinen Menuett-Komposition für Klavier verwendet hatte, und somit schrie ich begeistert noch bevor die Musik schnell, wild und laut wurde stolz von der Küche aus – die kleine Durchreiche hinein – bis zu ihm ins Wohnzimmer:
„Das ist sehr leicht, das spielst du uns doch jeden Abend vor dem Zubettgehen vor: 4. Satz, Sinfonie Nr. 41 in C-Dur, Beiname Jupiter, von Wolfgang Amadé Mozart.“

„Stimmt natürlich!“ Er lachte im Wohnzimmer so laut auf, dass meine empfindlichen Ohren, die Küchenseitig stets halb in der Durchreiche herumlauschten, fast wehtaten, und außerdem zuckte ich zusammen, lachte dann aber auch herzhaft mit und so waren wir im gemeinsamen Musikglück.

„Jetzt mal etwas schwierigeres, mein Sohnimusikuss“, tönte es aus dem Mund meines stets musikbegeisterten, oft auch jähzornigen, irgendwie sehr rätselhaften männlichen Mitschöpfers.

Tatsächlich musste ich ein paar Sekunden länger als davor zuhören, denn er hatte dieses Mal den Saphir des Tonarms mitten auf die Vinylplatte und somit irgendwo in einem zu ratenden Stück langsam niedergelassen …,
doch auch hier war nach einer winzigen Weile die neue Höraufgabe für mich gelöst und ich sprach jubilierend:
„Das ist eine Stelle mitten aus der sinfonischen Dichtung Russische Ostern von Nikolai Rimski-Korssakow, und zwar kurz vor der fulminanten Coda, ein tolles Stück!“

„Mensch Junge, klasse!“ gab er mir anerkennend zur Antwort.
„Jetzt musst du kurz warten, weil ich mal was wirklich sehr Schweres nun für dich heraussuchen will, das dauert etwas, warte also kurz, ja?!

„Na klar, kein Problem“ —
Ich liebte dieses musikalische Rätselraten über alles! Bei unserem sonntäglichen Musikratespiel durften jedoch meine Mutter und meine beiden kleineren Brüder nicht mit dabei sein, alle drei konnten da nicht wirklich ruhig halten und störten somit unsere Musikkreise, also stets nur er und ich, wir beide voll konzentriert, ungestört.
Meistens besiegte ich ihn inzwischen im musikalischen Rätselraten; er war zwar auch sehr gut, erkannte aber die meisten Musikwerke nur dann innerhalb der erlaubten maximal 30 Sekunden Anspielzeit – die mit einer Sanduhr gemessen wurde – wenn ich sie ihm von Anfang an vorspielte; während ich fast alle Musiken auch erkannte, wenn er die Nadel irgendwo auf der Platte aufsetzte, und genau das tat er nun wieder und ich lauschte erneut völlig konzentriert und fasziniert.

Nach wenigen Sekunden kam meine Antwort aber bereits schon wieder wie aus der Pistole geschossen, und auch so laut:
„Das soll schwer sein! Das ist doch ganz klar:
2. Satz, Sinfonie Nr. 3 in c-Moll von Camille Saint-Saens, das ist die großartige Sinfonie mit der tollen Orgel im letzten Satz!“

„Okay okay, ich gebe mich für heute geschlagen, du hast gewonnen, wieder einmal“, lachte er, „lass uns nun ebenfalls in den Garten zu den beiden Kleinen und deiner Mutter gehen, ja?“

„Ooooooooch …, erst noch eine ganz schwierige Zugabe, ja?!, aber gaaaanz schwierig muss sie sein, ja?!“
Ich war noch nicht zufrieden! Warum verging die Zeit nur immer so rasend schnell, wenn etwas wirklich echt Spaß machte?!

„Na klar, hier ein kurzer Ausschnitt aus einem Musikwerk, das ich erst neu für unsere Klassiksammlung gestern gekauft habe; du kannst es also eigentlich noch gar nicht kennen, aber vielleicht errätst du ja mit deiner tollen Intuition und musikalischen Eingebung wenigstens den Komponisten!“

Die Musik, die nun erklang, hatte ich wirklich noch niemals zuvor in meinem Leben gehört, aber sie begann laut und mächtig beeindruckend, und irgendwie klang sie nach Brahms, von dem ich alle 4 Sinfonien schon sehr gut kannte, und sie begann auch wie eine Sinfonie von ihm, aber diese Klänge waren eindeutig aus keiner der mir bekannten; seltsam, hatte mein musikverrückter Herr und Gebieter eine 5. Sinfonie dieses sympathischen hamburgisch-wienerischen Romantikers „irgendwo ausgegraben“???

Ich durfte natürlich etwas länger zuhören als sonst, Mensch Leute, es war ein Hochgenuss! Oder war das gar Bruckner?!
Doch dann begann ein Soloklavier plötzlich mit zauberhaften Sextenparallelen und typisch brahmsschen Tonkaskaden…umwerfend klang das und sehr mollig – Musik in Moll liebte ich und so wagte ich einen Tipp:
„1. Satz,  Klavierkonzert in d-Moll (das war meine Lieblingsmolltonart), Johannes Brahms.“ (Von Bruckner gab’s ja keine Klavierkonzerte, das wusste ich damals schon, sondern 9 Sinfonien, die ich aber noch nicht so gut kannte wie die von Brahms).

Längere Zeit sagte mein Vater nun gar nichts, ungewöhnlich war das, ich wurde schon fast unruhig (war er etwa in Ohnmacht gefallen ob meiner dreisten Vermutung?!) …
doch dann ging plötzlich die Tür zur Küche auf und er kam hereinstolziert wie ein menschlicher Pfau, ging freudestrahlend auf mich zu, umarmte mich tatsächlich mit ein paar (Glücks-)Tränen in den Augen und sagte mir leise ins Ohr: „Woher hast du das denn gewusst?, das gibt es doch gar nicht …!“

Ich streckte mich zu seinem Kopf hoch und antwortete ihm – nun ebenfalls nicht nur im musikalischen Glück – in sein Ohr: „Ich habe mir gedacht: das klingt irgendwie wie Brahms oder Bruckner, und als die Pianosalven ertönten musste es natürlich ein Klavierkonzert sein; Moll war sofort klar; und dann habe ich ein Werk geraten, von dem ich nicht wusste, dass es überhaupt existiert, so einfach war das … und vom Bruckner gibt’s doch nur 9 Sinfonien, oder?! … stimmt denn wirklich alles, mein gesamter Tipp und auch die Tonart?!“

„Ja, es ist nicht zu fassen, alles passt ganz genau! Toll – bist du musikschlau!“
Und nun lachten wir wieder beide und er umarmte mich sogar mal – das erste und letzte Mal, so kommt es mir heute aus großer zeitlicher Distanz vor…

„Aber nun lass uns nach draußen gehen zu deiner Mutti, die sicher schon auf ihren Liebling wartet, und zu unseren kleinen Zwillingen…“

Eigentlich wollte ich weiter lieber Musikrätsel lösen, doch ich sah ein, dass ich nachgeben musste und sagte „wenn’s denn sein muss, Paps.“

Ich war damals gerade doppelt so alt wie meine sechsjährigen Zwillingsbrüder.

© finbarsgift

manch starke liebe

manch starke liebe
entpuppt sich
im lauf der zeit
als immer unheilvoller
und entfacht mit macht
schlussendlich die
zerstörerische kraft
tausender tonnen
hochexplosiven
sprengstoffs

dein überliebesleben
hängt dann davon ab
wie nahe du dieser
unheilvollschwangeren
gewaltig starken liebe
im letzten moment
deiner liebesgegenwart
nun noch anwesend bist
sozusagen bruchteile
bevor sie hochgeht

wenn du aber
ganz großes
liebespech hast
dann bleibt von dir
leidenschaftlich liebenden
am ende dieser
starken ewigschwurliebe
nur noch ein ganz
erbärmlicher
liebesschrotthaufen übrig

myriaden sublimierter
liebesmoleküle
verpuffend in ein
aufgeblasenes nichts
unendlich vielen
davonwirbelnden
schimmerseifenblasen
gleich zerplatzend
in einem sich austobenden
liebeshassorkan

 

 

 

 

© finbarsgift