vor Anker

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© finbarsgift

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von den heuschrecken in madagaskar

lass dich doch nicht so irritieren
durch irgendwelche arbiträren
Zeitbegriffe böse niederpressen
oder gar täglich übelst stressen

wir menschen hier auf madagaskar
sind voller überzeugung ganz klar
dass wir brauchen kein einziges wort
für gleich oder schnell oder sofort

und wenn wir dennoch etwas möchten
bald von unseren söhnen oder töchtern
dass sie etwas für uns tun ohne frust
dann sagen wir mit mut und mit lust:

erledige das doch hier bitteschön mal
bevor wir diese leckeren heuschrecken
braten für uns alle hungrigen als mahl
inmitten unserer schönen stammeshecken

 

 

 

 

 

© finbarsgift

Auf dem Engelsturm (Williams)

Er träumte, er säße auf dem Engelsturm, hoch oben wie ein Wasserspeier. Neben ihm bewegte sich etwas.
Es war der Engel selbst, ein weiblicher Engel, der offenbar seine Turmspitze verlassen und sich zu ihm gesetzt hatte. Er legte seine kühlen Finger auf Simons Handgelenk und sah der kleinen Leleth merkwürdig ähnlich, nur dass er aus rauher Bronze bestand und von grüner Patina bedeckt war.

„Es geht tief hinunter.“ Die Stimme des Engels war sehr schön, sanft und stark zugleich.
Simon blickte auf die winzigen Dächer des Hochhorsts unter sich. „Ja.“
„Das meine ich nicht.“ Im Ton des Engels lag milder Tadel. „Ich meine, bis dort hinunter, wo die Wahrheit liegt. Unten am Grunde, wo die Dinge ihren Anfang nehmen.“
„Das verstehe ich nicht.“ Simon fühlte sich seltsam leicht, als könnte ihn der nächste Windstoß vom Turmdach blasen und durch die Luft wirbeln wie ein Blatt. Der Griff des Engels um seinen Arm schien das Einzige zu sein, das ihn am Platz hielt.

„Von hier oben sieht alles Irdische klein aus. Das ist EINE Sichtweise, und sie ist gut. Aber sie ist nicht die einzige. Je tiefer man nach unten geht, desto schwerer ist es, die Dinge zu begreifen – und umso wichtiger sind sie. Du musst ganz tief gehen.“
„Ich weiß nicht, wie man das macht.“ Simon starrte dem Engel ins Gesicht, das trotz seiner Vertrautheit noch immer leblos wirkte, ein Gebilde aus kaltem Metall. In den starren Zügen lag keine Spur von Freundschaft oder Güte. „Wohin soll ich gehen? Wer wird mir helfen?“

„Tief, Du.“ Unvermittelt erhob sich der Engel. Als seine Hand ihn losließ, merkte Simon, wie er vom Turm wegzuschweben begann. Er griff nach einem Dachvorsprung und hielt sich fest. „Es ist sehr schwer für mich, mit dir zu sprechen“, sagte der Engel. „Vielleicht kann ich es nicht noch einmal tun.“
„Warum sagst du mir nicht einfach, was du meinst?“, rief Simon. Seine Füße trieben bereits über dem Dachrand; der Körper flatterte wie ein Segel und wollte ihnen folgen. „Sag es doch!“

„Es ist nicht so leicht.“ Der Engel drehte sich um und stieg langsam in die Luft, wieder hinauf zu seinem Sockel auf der Turmspitze. „Wenn ich wiederkommen kann, werde ich kommen. Aber es ist nur möglich, über weniger wichtige Dinge ohne Umschweife zu sprechen. Die größten Wahrheiten liegen im Innern, immer im Innern. Sie können niemandem geschenkt werden. Man muss sie selbst finden.“

Simon fühlte, wie ihn etwas fortzog. Langsam wie ein Wagenrad, das sich von der Achse gelöst hat, begann er sich zu drehen und flog davon. Himmel und Erde zogen im Wechsel an ihm vorüber, als wäre die Welt ein Kinderball und er darin eingeschlossen, ein Ball, den ein rachsüchtiger Fußtritt ins Rollen gebracht hatte…

 

 

 

 

 

© Tad Williams