Der Kolibri und ich – ein Traum (2)

Es war stockdunkel im Turm auf der Ebene der wilden Winde, aber nichts anderes
hatte ich eigentlich erwartet.

Nach einer kleinen Weile gewöhnten sich allerdings meine fast katzenhaften,
grünlich getünchten, rotblauen Augen aber an die Finsternis, die mich empfing und
so konnte ich bald ziemlich gut sehen.
Da der Turm unten sehr breit war, folgte ich zunächst einmal, fast automatisch
geführt, den in der Dunkelheit immer mal wieder kurz schillernd aufblitzenden Flügeln
meines kleinen Flugkünstlerfreundes, die mir den Weg zur langen Treppe gen
Himmel wiesen.

Spiralig ging es sofort nach oben; der in heftiger Erregung seine Flügel schlagende
Kolibri flog voraus und ich stieg ihm hinterher. Schon nach wenigen hundert Stufen,
bemerkte ich, dass die wilden Winde der Ebene, auf der dieser gewaltige Turm
als Mahnmal des verloren gegangenen großen Krieges auf Winderde stehen
geblieben war, immer gewaltiger heulten und immer mächtiger jaulten und fast
unerträglich laut durch die Fugen und Ritzen und Minifenster sausten und brausten,
ja gar pfiffen.

Je höher wir beide kamen, Stunde um Stunde, umso grausamer und peinigender
wurde diese Krachkakophonie der Windgeräusche!
Und so dauerte es nicht mehr lange, ca. wohl so nach drei bis vier Stunden des
Hochfliegens bzw. -steigens, bis mein kleiner, treuer, gefiederter Freund sich
weigerte, noch höher die Spiraltreppe gen Gipfel des Turms zu schweben.
Ich bemerkte an seiner Art des Fliegens, dass er wieder umdrehen wollte, ich
war aber dazu gar nicht bereit.

Daraufhin flötete er ein paar kurze, schrille, sehr hohe Töne, ich konnte sie
gerade so noch hören!
Ich war darüber äußerst erstaunt, kannte ich doch diese famose Eigenschaft
meines Lieblingsvogels bisher noch so gar nicht; dabei plusterte er sich auch
noch auf, als wäre er ein mächtiger Singvogel, sodass ich, obwohl ich inzwischen
ziemlich atemlos war (das Herz hämmerte wie verrückt), sogar ein wenig über
ihn schmunzeln musste.
Doch noch erstaunlicher war, dass sein ganz kurzes, flötenartiges Trällern, den
inzwischen schier nicht mehr auszuhaltenden Windkrach ein klein wenig
reduziert hatte.

Und so kam mir die Idee, eine kurze Rast auf einer etwas breiteren Stufe
einzulegen, meine Querflöte, die ich früher, zu jenen Jahren ja immer bei mir hatte,
aus meinem Rucksack zu holen, in Ruhe zusammenzubauen und dabei meinen
Atem so gut wie möglich wieder zu mäßigen und den Puls etwas zu senken.

Dann positionierte ich meine Lippen auf die gewohnte, ganz besondere Weise an
das Silbermundstück meiner Flöte und lies nun sozusagen meinen eigenen Wind
musikalisch geformte Töne erzeugen; und siehe da, je länger ich spielend improvisierte,
umso mehr beruhigte sich nach und nach diese wahnsinnige Geräuschkakophonie
im Turm, erzeugt durch das Geheul der wilden Winde der weiten Ebene.

Der Kolibri hatte sich schon bald wieder beruhigt, war inzwischen auf meiner
Schulter gelandet, um sich auch ein wenig auszuruhen und mir zuzuhören,
schließlich blies ich nun auch noch – auswendig wie immer – Bachs berühmte
Sarabande aus seiner Flötenpartita, die ich ja schon vor vielen Jahren mal im
Regenwald Amazoniens ertönen ließ, vor den wilden Tieren des Dschungels;
es scheint eine magische Melodie zu sein, das stellte ich hier nun ebenfalls
wieder fest, eine ganz besondere, zauberschöne Musik, die selbst die Seele
wilder ungezügelter Tiere wie auch Winde wohl beruhigen konnte,
denn schließlich trat jetzt eine Art (vorübergehende?!) Stille ein.

Als ich zu Ende gespielt hatte, flog der Kolibri wieder kraftvoll und mutig
voran und wir bewegten uns zusammen weiter heiter gen Himmel,
gen Gipfel des Turms, die uns nun begleitende Windruhe war eine Wohltat
für unsere Ohren, unsere Nerven und unsere Gemüter; und was noch erstaunlicher
war, die Sarabande hallte von jetzt ab im gesamten Turm, von unten bis oben,
quasi als Echo nach, ohne Ende, so schien es, zumindest während wir weiter
und immer weiter zusammen in die Höhe flogen bzw. stiegen, solange,
bis ich total erschöpft war und absolut nicht mehr gehen konnte.
Just in diesem Moment öffnete sich über uns eine Art kleine Dachluke und das
grelle Sonnenlicht schien zu uns herein und erhellte das Innere des Turms.

Mein Kolibri flog aus lauter Freude sofort ins Freie hinaus, während ich mich nach dem
ewigen Steigen im dunklen Turm an das Sonnenlicht erst mal wieder gewöhnen musste;
aber kein Zweifel, ich war an der Spitze des Turms in der Ebene der wilden Winde
angekommen, ein Ziel, das bisher noch kein Mensch je erreicht hatte.

Wenn alles nun mit rechten Dingen zuginge, dann wartete dort, als Belohnung für
meine mutig erbrachte Tat, eine ganz speziell güldene, aurelsche Krone auf mich,
graviert mit meinem richtigen und vollständigen Namen.

© finbarsgift

Glasperlenspiel (Hesse)

Musik des Weltalls und Musik der Meister
Sind wir bereit in Ehrfurcht anzuhören,
Zu reiner Feier die verehrten Geister
Begnadeter Zeiten zu beschwören.

Wir lassen vom Geheimnis uns erheben
Der magischen Formelschrift, in deren Bann
Das Uferlose, Stürmende, das Leben
Zu klaren Gleichnissen gerann.

Sternbildern gleich ertönen sie kristallen,
In ihrem Dienst ward unserm Leben Sinn,
Und keiner kann aus ihren Kreisen fallen
Als nach der heiligen Mitte hin.

© Hermann Hesse

Meine Zeit beim Bund oder Mathezwangspause (5)

Ab und zu kam ich nun sogar zum Lesen, das muss man sich mal vorstellen!, denn dort beim Bund, da las doch damals kein Schwein irgendein Buch, allerhöchstens wurde mal in die Bildzeitung geguckt, diesem Revolverblatt, auch fürs Militär passend; ansonsten hatten die dort ja noch nicht einmal eine eigene, wenigstens winzige Bibliothek, an diesem artilleriellen Bundstandort P., right in the middle of nowhere, at the end of the oberschwabenworld.

Gut, dass ich – wie bereits anfangs kurz erwähnt – wenigstens ein paar meiner Lieblingsbücher, auch von dem insbesondere von langhaarigen Hippies weltweit immer schon sehr verehrten Hermann Hesse dabei hatte; denn nach irgendeiner Fortsetzung, was Mathe anging, war mir hier in dieser militärfatalen Umgebung absolut so gar nicht mehr zumute; das passte doch für mich überhaupt nicht zusammen, Mathematik und Militärdienst: ich wollte da auf gar keinen Fall irgendein Junktim erstellen, zwischen diesen beiden für mich völlig disjunkten Gebieten kreieren, nein, nein, nein und nochmals nein, nur keinen Zusammenhang herstellen, zwischen der für immer und ewig geliebten Mathe, meiner Zukunft, und dem verhassten Pflichtwaffendienst des potzsakramentdeutschen Staates, niemals!

Ab sofort also, nachdem dieser kleine, kaserneninterne Haarkrieg für mich gewonnen schien, las ich in jeder freien Minute in den Büchern vom Hermann, immer einen Hesse unterm Kampfanzug dabei, sozusagen, als ideologische Stärkung und psychologisch-physisch-soziologische Unterstützung meines noch gar zu jungen Körper-Geist-Seele-Gebildes, dieses Ich-Selbst; manchmal war dieser gottlob stets für mich mein Leben lang verfügbare tote Buchhesse auch im Schutze des Stahlhelms oder unterm Haarnetz verborgen.

Und das tat gut, dieses befreiende Hesselesen dort beim Bund, UNENDLICH gut.
Ich blühte praktisch bald wieder auf, trotz Gigantotrietz durch Feldwebel und Offiziere, trotz niederschmetternder Bunddepression: meine Sinne kehrten alle in den Positivbereich zurück und auch meine werte, militärgebeutelte Seele. Und so war ich mit Hesses einmaligen Worten und Sätzen und Gedankengängen, seiner Chamäleon-artigen Sprachvielfalt und Wandlungsfähigkeit, nun andauernd in Berührung, seelisch-geistig und auch körperlich, da ich seine Bücher ja wann immer möglich bei mir trug;

und:

endlich wieder jemand, der hier am nördlichen Rande des inzwischen von mir immer mehr geliebten Bodensee-Rheingebietes wieder ein ähnliches Niveau hatte wie dieser mathematische König damals, der mich so mitreißend verzauberte und spezialbetreute und ergänzte bei meinen mathematischen Gedankengängen in der Oberstufe seines königlichen und meines Gymnasiums in H.;

hier also, an diesem militärischen Ende der Deutschwelt, etwas nördlich vom Rhein-durchflossenen schwäbischen Meer, garniert mit drei der schönsten deutschsprachigen Ländern, lernte ich die magisch-bezaubernde Hessebuchwunderwelt noch intensiefer kennen und schätzen als je zuvor und inhalierte sie tief in meine geistigseelischen Lungen, so tief, wie die meisten der anderen Soldaten ihren scheußlichen Zigarettenqualm in ihre bereits mächtig verteerten Körperdunkellungen;

ich schöpfte wieder Hoffnung und war mir plötzlich sicher, dass es ein Leben, gerade auch ein intensives Matheleben, als Starkkontrast nach diesen fast-auch-den-Tod-bringenden (das kommt noch) 18 Bundmonate meines Lebens geben würde,
halleluja, Hesse sei Dank!

© finbarsgift

Hat Finbar recht? (Marillier)

Die Zeit kann einem grausame Streiche spielen. In dieser Nacht schien sie sehr langsam zu vergehen, als ich am Fenster stand und auf seine Rückkehr wartete und Finbar schweigend an meiner Seite saß. Schon einmal zuvor hatte er mich eine ganze endlose Nacht lang getröstet, hatte all seine Kraft damit erschöpft. Nun leistete er mir einfach Gesellschaft. Vor meinem geistigen Auge sah ich den Roten blutend, verwundet, erschöpft, von Hass angetrieben; wie er seinen Onkel in Wald und Feld und in den dunklen Hügeln suchte. Mehr als alles sehnte ich mich danach zu sehen, wie er sicher in den Hof zurückritt. Und so stand ich da und wartete und sah zu, wie die letzten großen Kohlen des Feuers verglühten. Und ich dachte, hat Finbar recht? Kann das Liebe sein, die das Herz so zerreißt? Gibt einem Liebe nichts anderes als die Macht, einander zu verletzen? Ist es das, was die einfachste Berührung gleichzeitig in Sehnsucht und Schrecken verwandelt? Was immer es war, es fühlte sich wie eine tödliche Wunde an. Und plötzlich schien es, als verginge die Nacht zu schnell, denn bald würde es dämmern, und wir würden uns davonschleichen und über das Wasser nach Hause zurückkehren. Bald würde es Zeit sein, uns zu verabschieden, und ich wusste nicht, welches Gefühl stärker war: die Angst, dass er nicht rechtzeitig zurückkehren könnte, oder die Furcht, dass er es täte.

© Juliet Marillier

Meine Zeit beim Bund oder Mathezwangspause (4)

Schließlich waren wir hier zugange mit der militärischen Artilleriegrundausbildung für Kanoniere, und das in der allgemein anerkannten, sogenannten Schule der Nation und befanden uns somit im – staatlich gesehen – wichtigsten Reifungsprozess der männlichen Jungerwachsenen, inklusive jener wohl für den Bund letzten Endes viel zu vergeistigten Abiturienten; aber auch die sollten eben zum durchschnittlich, militärisch einigermaßen grunddressierten männlichen Deutscherdenbürger werden.

Und da war täglich in aller Herrgottsfrühe erst einmal die Teilnahme am Morgenappell angesagt, insbesondere mit ausdauernden Strammstehübungen, samt vollständigem Militäranzug, Knarre (auch Gewehr genannt) und Stahlhelm; und das schon vor dem Frühstück, solange kwasi, bis dir, in dem Falle mir, dabei so allmählich optimal schwarz vor den Augen wurde, trotz Jugend, weil der Kreislauf, zumindest mein noch nicht umgestellter, gymnasialer Kreislauf, der ja bisher hauptsächlich im Kopf stattfand, ja noch so gar nicht genug mit den Beinen und den anderen Teilen meiner Biomaschine leisten konnte/wollte, ohne zumindest irgendeine Tasse soliden Kaffees jedenfalls vorab.

Naja, gottlob war ich nicht der Einzige, der mit der Strammsteherei so seine Schwierigkeiten hatte (ich litt ja von eh her schon immer unter dem sogenannten orthostatischen Syndrom).
Schließlich kam aber doch irgendwann, kurz vor meinem Umfallen, nach der Spießmäßigen Verkündung der wichtigsten Nachrichten von gestern und anstehenden Vorhaben des Tages, dann doch immer gerade noch rechtzeitig das erlösende Rührt-Euch des Hauptfeldwebels der Kompanie und wir durften „Abtreten“ vom Paradeplatz und weiter zum Frühstück marschieren.

Ach so, fast hätte ich es vergessen, dass ich mich zu jener Militärzeit mit meinen wirklich damals sehr langen Haaren, fast bis zum Allerwertesten hinab (noch ein Grund mehr damals, warum mich mein Autofanvater so sehr megaantiliebte, denn er war absolut kein Langhaarfan), mich also komplett weigerte, freiwillig zu diesem unmöglichen Militärfrisör, der uns Kanonierneuankömmlinge alle über den gleichen Kamm scheren wollte, wohl sogar musste, zu gehen.

Dieser Bundeswehr-Frisör hätte mir doch glatt auch so eine total unschicke 08/15-GI-Frisur à la Americaine verpasst, nämlich mir all meine schönen lockigen Brünetthaare komplett abrasiert mit Winzstoppeln nur noch übrig, na da habe ich doch über alle Maßen dagegen rebelliert und total sicher in meiner eisernen Haareinstellung dankend abgelehnt, mit sowas von Nein-danke aber auch, nicht mit mir, soviel war sicher.

Natürlich war daraufhin klar, aufgrund dieser perfiden Weigerung, dass ich dann natürlich den Rest dieser noch anstehenden fast 18 Monate Wehrdienst übelst büßen musste, denn all diese sadistisch-faschistisch-megageilen Feldwebel und Oberleutnant-Typen und diese anderen militärischen Berufssoldatentrottel von Herrn de Sades Bundeswehrgnaden, bekamen das natürlich mit und hatten mich ab da dann total auf dem Kieker.

Der mit dem Haarnetz, so hieß ich von jetzt ab, der ist der Übelste von allen, dieser mathematisierte Intellektuellen-Hippie-Langhaardackel, wie sie mich so oft dann auch verbal ab da Bundliebkosend nannten, dem werden wir es schon noch zeigen mit seinen Frauenhaaren bis runter zum Arsch, unterm wackelnden Stahlhelm versteckt nun aber im Haarnetz, dieser doch nur Schütze-Kanonier-Arsch-mit-Ohren, dem zeigen wir’s, den lassen wir mal so richtig bluten, durch die dreckigsten Wasserpfützen lassen wir den so richtig genüsslich langsam kriechen, so jämmerlichst, der wird dann schon noch bei uns um absolute Gnade winseln und von selbst beim Bundfrisör auftauchen, sobald er vor uns erst mal genügend lang zu Kreuze gekrochen ist.

Und so „spielte“ ich eine Weile – stets an der Liebe zu meinen langen Haaren festhaltend – echt den Masoschinderhannes der Kompanie, damit diese Herren (Ober-und-Unter)Offiziere alle ihre Abgänge hatten beim supergeilen – vor allem unter freiem Regenhimmel natürlich – Insknieficktraining mit uns Neukanonieren, und insbesondere mit mir, und sich an meinem untertänigst langhaarigen Zukreuzekriechen aufgegeilt hatten – Bundessadomasotanz im Sexachteltakt militärischer Reinkultur.

Aber auch das „beruhigte“ sich alles im Lauf der Zeit, als diese ebergeilen Soldatentypen mit ihrem IQ unter aller Wildsau schließlich doch checken mussten, dass ich nun mal an diesen Haaren klebte wie die perfekte Gebärmutti am eigenen Kinde und ich da absolut keinen Kompromiss oder irgendeinen anderen faulen Zinnober duldete; und es begannen allmählich für mich etwas friedlichere Zeiten, vorerst mal, denn später kam’s ja für mich noch schlimmfickdicker.

© finbarsgift