Hummingbird pauses at the Trumpet Vine (Mary Oliver)

 

Who doesn’t love
roses, and who
doesn’t love the lilies
of the black ponds

floating like flocks
of tiny swans,
and of course, the flaming
trumpet vine

where the hummingbird comes
like a small green angel, to soak
his dark tongue
in happiness –

and who doesn’t want
to live with the brisk
motor of his heart
singing

like a Schubert,
and his eyes
working and working like those days of rapture,
by Van Gogh, in Arles?

Look! for most of the world
is waiting
or remembering –
most of the world is time

when we’re not here,
not born yet, or died –
a slow fire
under the earth with all

our dumb wild blind cousins
who also
can’t even remember anymore
their own happiness –

Look! and then we will be
like the pale cool
stones, that last almost
forever.

© Mary Oliver

Der Kolibri und ich – ein Traum (5)

Nach der gelungenen Krönungszeremonie in der Bibliothek meines kaiserlichen Philosophenfreundes auf dem Turm in der Ebene der wilden Winde, verbunden mit meiner endgültigen Namensfindung und vor allem auch Namensakzeptanz, wurde ich von ihm aufgefordert, meine Weiterreise anzutreten.
Von dieser Äußerung war auch mein persönlicher Berater, mein getreuer, winziger Freund, der rotgrüne Kolibri sehr angetan und schwirrte sofort ganz aufgeregt los, ohne weiter auf uns zu warten, direkt bis zu den Stufen, die von der Aurelschen Bibliothek bis zur erstaunlich breiten Gipfelplattform des schier unendlich hohen Windturms führten.

Oben angekommen, machten wir mit unserer Puste mehr Wind als der Windgott höchstpersönlich, denn draußen vor der Dachluke war es sehr ruhig, ungewöhnlich ruhig; und so konnten wir uns lange und liebevoll, schweigend (der Worte waren längst genug gesprochen), mit warmherzigen, langanhaltenden Umarmungen voneinander verabschieden, während unsere Augen in das weite Rund schweiften, über die sich unter uns erstreckende Landschaft und die herrlichen Szenerien von Winderde, heute sogar mit prächtigem Weitblick fast bis zum Meer.
Freundesglück umfing uns; das bemerkte auch mein Kolibri, der uns aufgeregt umflatterte und dabei mit zunehmender Begeisterung immer engere Schwirrkreise um uns zog.

Nach einigen Minuten lösten wir unsere Umarmung und Marc erhob seine angenehme Stimme und sprach: „Ganz weit dort hinten in der Ferne, südöstlich von uns, von hier allerdings gerade nicht mehr sichtbar, befindet sich der Geburtsort deines Namensvetters Ludwig van, ganz in der Nähe einer der berühmtesten Domgroßstädte von Winderde, dem göttlichen Anuin, einst auch Sitz von Königen und Kaisern, immer schon aber ein Ort von unvergleichlich hoher Lebensqualität, wo sich eine sehr bekannte Schule von Rätselmeistern, vor allem in Sachen Mathematik und Musik befindet, wie du ja längst weißt, dein nächstes Ziel; vermutlich ist es jene Stadt, in der nach meinen Berechnungen“, und hier musste er selbst kurz schmunzeln, „das Wesen auf dich wartet (hoffentlich wartet es noch!), das wohl jenen blauen Edelstein besitzt, der noch in deiner Namenskrone fehlt.“

Mein Herz fing plötzlich an, seltsam heftig und stolpernd zu klopfen; eine gewisse, deutlich spürbare Aufregung packte mich und riss mich schier mit sich fort.

Marc sprach weiter: „Und nun, mein Freund, mache dich auf die Reise dorthin, es ist allerhöchste Zeit! Du kannst unbesorgt weiterziehen, alles, was du brauchst um das Liebesglück deines Lebens endlich zu finden, hast du dabei; allerdings gilt es zunächst noch folgendes Rätsel zu lösen: wie kommst du von hier oben, dem höchsten Turm der windirdischen Welt wieder heil zurück auf den Boden von Mutter Winderde, und das zielsicher und dann auch noch möglichst rasch zu deiner nächsten Lebensstation, der großen Domstadt am Vaterfluss, in der Nähe des Geburtsortes des größten Komponisten aller Zeiten; hast du schon eine Idee?“

Es musste wieder ein Musikrätsel sein, das ich zu lösen hatte, da war ich mir sicher und so setzte ich schon einmal während ich konzentriert nachdachte, meine Kwerflöte zusammen und fing dann auch schon an – wie von selbst – eine meiner Lieblingsmelodien, dieses wunderschöne, ruhige Stück aus Bachs Flötenpartita zu spielen, denn immer, wenn mich ganz besonders tiefe Liebesgefühle ergriffen, erklang in mir diese Musik.
Doch zu meinem Erstaunen schüttelte Marc ganz sachte den Kopf und sprach: „Du weißt doch genau, an welchem Ort du diese Sarabande, das mächtigste Musikstück der Liebe, demnächst spielen musst – wirklich eine traumhaft schöne Musik übrigens, so finde ich auch und ich höre es immer wieder gerne, besonders von dir -, doch hier oben auf dem Turm ist jetzt, im Moment unseres Abschieds der falsche Ort dafür, denn du willst ja nicht dieses weibliche Wesen mit deiner Musik hierher locken, sondern eine Möglichkeit finden, fliegend zu ihr zu gelangen. Also…?“

Ich musste noch eine Weile nachdenken, bis mir die zündende, die wohl hoffentlich richtige Idee kam, musste ganz genau hinspüren, und war dann sicher, dass Marc die Harfe meinte, eine ganz bestimmte Harfe, eine fliegende Harfe womöglich?! Gab es denn so etwas?! Ich musste es versuchen! Und welcher Komponist hat die allerschönste Musik für Flöte und Harfe komponiert? Und womöglich auch noch ein Stück für Flöte, mit dem man eine fliegende Harfe sozusagen anlocken kann?!

Nach dieser Gedankenkette war mir endlich klar, wie alles Weitere ablaufen könnte, vor allem unter dem Blickwinkel der Liebe! Denn der himmlisch-impressionistische Claude, aus der einzigartigen, berühmtesten windirdischen Stadt der Liebe, hatte genau eine solche Musik geschrieben; und so fing ich an sie auswendig vorzutragen, die Syrinx genannte Musik des Meisters des Impressionismus kwasi (herauf zu uns) zu beschwören, jene unsterblichen Flötentöne zu blasen, auf der Spitze des Turms in der Ebene der wilden Winde zu intonieren, direkt vor Marc, der nun lächelnd zu nicken schien und meinem Kolibri, der so aufgeregt herumflog, als würde er selbst diese Töne mit seinem Schnäbelchen erzeugen wollen.

Während ich hingebungsvoll und mit all meiner Liebe zur Musik spielte, hatten wir alle drei plötzlich das Gefühl, der gesamte Windkosmos stehe still, und überall war nun nur noch Klang, Syrinxflötenklang, genau der Klang also, der sich von der Plattform des Turms aus nach oben und immer weiter gen Windhimmel erstreckte, zu herrlichen, äolischen Harmonien und perlenden Tonkaskaden auftürmte, Harfentöne als musikalische Antwort suchend, ohne dass auch nur ein einziger Ton verloren ging in dieser Windraumzeit: Zeit und Raum und Wind standen fast vollständig still …
wir erlebten eine ganz selten vorkommende Windkosmossingularität, und das durch pythagoreisch-kosmische Glücksmusik.

Als sich der letzte Ton meiner Interpretation von Claudes Harmonies Célestes für Soloflöte allmählich in den sphärischen Windräumen über uns und um uns herum verlor, warteten wir nun geduldig und gespannt auf die Antwort irgendeiner fliegenden Harfe, während Marc fast sprachlos in die Stille hinein flüsterte: „Que bella Musica!“

Im gleichen Moment kam wieder Wind auf, der allmählich immer stärker wurde. Ich zerlegte schon mal vorsorglich meine Flöte, packte sie in ihre Schatulle und steckte sie wieder zurück in meinen Rucksack, in dem sich ja neuerdings auch meine Namenskrone befand. Dann nahm ich meinen kleinen Kolibri ganz sachte von meiner rechten Schulter, von wo aus er mir bis zum Schluss des Flötenstückes so genießerisch zugehört hatte und steckte ihn zu seinem eigenen Schutz in die linke Brusttasche meiner Lederjacke, die ich vorab schon angezogen hatte.
Dann warteten wir weiterhin geduldig.

Nach einer Weile zeigte Marc nach Westen und sprach: „Dort kommt deine Harfenantwort angeflogen!“
Und tatsächlich sah ich einen winzigen schwarzen Punkt, der langsam auf die Größe einer Krähe anschwoll, dann auf die eines Kondors und schlussendlich landete auf der Plattform des Gipfels des Turms in der Ebene der wilden Winde, in unmittelbarer Nähe von uns, eine stattlich große Harpyie mit einer wunderschönen, kleinen, hölzernen Äolsharfe um ihren Hals, die bei der Landung des Riesenvogels hell und laut erklang.

Aufgrund des inzwischen sehr starken Windes war es nicht so ganz einfach, die Harpyie zu besteigen und auf ihr Platz zu nehmen, aber es gelang, besser sogar als zuerst gedacht; und gut, dass ich meinen winzigen Kolibrifreund, dessen Büschelkopfhaar nun im wilden Winde nur so wedelte, sozusagen zuvor schon in der Brusttasche meiner Lederjacke sicher verstaut hatte und er jetzt nur noch vorsichtig mit dem Köpfchen daraus herausguckte.

Noch ein kurzes Ciao hinüber zu meinem Freund Marc und schon hob die Harpyie mit einem riesigen Sprung über das Geländer am Rande der Plattform der Turmspitze ab und flog mit uns an Bord steil gen windirdischen Himmel.

© finbarsgift