es gibt keine absolute, totale, objektive Wahrheit

 

Egal, wie mann/frau eine Sache, einen Sachverhalt darstellt, wird uns Zuschauern, Zuhörern stets nur die subjektive Wahrheit eines/einer Einzelnen präsentiert, und derer gibt es ja bekanntlich schier unermesslich viele;

es kommt also IMMER auf den Blickwinkel an, den die Wahrheitsdarstellerin oder der Wahrheitsdarsteller uns gegenüber, den Betrachtern einnimmt, und was sie oder er damit an Wirkung(en) zu erzielen versucht:
das Herausheben gewisser Details diesseits der Wahrheit,
das Weglassen anderer gewisser Details jenseits der Wahrheit,
alles mit der Absicht (manchmal sogar ohne Absicht),
bei den jeweiligen Wahrheitsbetrachtern einen ihr ganz bestimmten,
besonders wichtigen Wahrheitseindruck,
einen ihm/ihr ganz bestimmten interessanten Wahrheitsaspekt hervorzuheben,

zum Beispiel einen harmlosen oder einen verruchten Eindruck,
oder einen Eindruck, der zum Lachen animiert
oder zum Weinen reizt
oder eben noch eine weitere, ganz andere Perspektive auf die sogenannte totale Wahrheit wirft,
die absolute Wahrheit (an sich), auch oft objektive Wahrheit genannt
(selbstverständlich spreche ich hier nicht über solch triviale Aussagen „wie eins und eins gleich zwei“, sondern wesentlich komplexere, kompliziertere Sachverhalte, wie sie bei zwischenmenschlichen Beziehungen z. B. gang und gäbe sind).

Hier mal noch in Ergänzung zu meinen gerade geäußerten allgemeinen Aussagen
und quasi als einen kleinen Beleg dazu ein Beispiel aus der Welt der Kunst:
die Präsentation einer wunderschönen Skulptur eines meiner Lieblingskünstler,
des dadaistischen  Surrealisten Hans Arp.
Ich habe diese Skulptur, die sich im Centre Pompidou in Paris befindet,
vor einigen Jahren mal mehrfach dort vor Ort aus verschiedenen Blickwinkeln heraus fotografiert
und möchte damit im Hier und Jetzt meine theoretischen Ansichten zur absoluten, totalen, objektiven Wahrheit
quasi ein wenig plastischer machen, sie durch zwei (subjektive) Wahrheiten dieser Figur untermauern.

Das hier ist eine von ganz vielen (subjektiven) Wahrheiten dieser tollen Skulptur:

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

Und das hier ist eine andere (subjektive) Wahrheit dieser tollen Skulptur:

 

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

und trivialerweise gibt es in diesem Fall natürlich auch noch fast beliebig viele andere (subjektive) Wahrheiten dieser tollen Skulptur! Alle diese Wahrheiten sind aber in der Tat nur subjektiv (die beiden aufgezeigten Wahrheiten sogar nur mich als Subjekt betreffend)!

Eine absolute, totale, objektive Wahrheit über diese Skulptur bzw. zu dieser Skulptur gibt es nicht und wird es niemals geben! Wer sollte sich das denn auch anmaßen? Gott? Nein, den gibt es ja nicht! Mutter Allnatur? Selbst sie nicht, denn sie hat viel Wichtigeres zu tun, als sich um unseren ewigen Streit über subjektive und objektive Wahrheiten zu kümmern…

 

 

 

 

© finbarsgift

 

Klagelied des ewigen Weinens

 

 

Immer wieder muss ich viele Tränen weinen,
kalte, schaurige, heisse, fürchterlich viele Tränen,
über die traurig machende Vergänglichkeit aller Dinge,
diese Vergänglichkeit allen Seins, des Seins der Steine,
der Pflanzen, der Tiere, der Menschen, aller Menschen.

Weinen, seufzen, klagen könnte ich, jetzt und immerdar,
über diese Endlichkeit des Daseins, diese Metamorphose
unserer instabilen Körper, unserer immateriellen Geister,
dieser sich in ihrer labilen Existenz stets so sehr bedroht
fühlenden, zurecht klagenden Seelen aller Lebewesen.

Diese Unerbittlichkeit, dieses gnadenlose Grundgesetz des Kosmos,
lässt mich immer wieder in süßsaurer anhaltender Melancholie erstarren,
angesichts des weltweiten, täglichen Todes, ob durch Kriege oder nicht,
ich muss bitterlich weinen, ob all dieser Tode, auch meines anstehenden,
ob dieser allmächtigen Ohnmacht, dieser andauernden Verwandlung.

Nichts bleibt je bestehen, nichts bleibt wie es ist, ein Jammer,
kein Tag ist wie der andere, das ewige Klagelied des Universums,
in einer riesigen Metamorphose gebündelt, zusammengefasst,
fokussiert auch im Brennpunkt all der traurigen Menschenaugen,
unserer fassungslos bei all dem zusehenden Augen, die brennen.

In weniger als gerade mal zweihundert Jahren, im All ein nichtiges Nichts,
sind die derzeit lebenden Menschen hier auf Erden alle längst ausgetauscht,
nichts ist dann mehr so wie es jetzt ist, alle Verbindungen, Beziehungen, tot,
dann hat es sich ausgeweint, nicht nur was mich angeht, sondern uns alle,
keine Träne mehr der heute lebenden Menschen, denn dann weinen andere.

© finbarsgift

nächtliches Gespräch mit dem toten Vater

 

Es war ein Tag wie jeder andere. Ich arbeitete im Büro bis ich nicht mehr konnte
und fuhr dann wieder nach Hause. Als ich dort ankam, absolvierte ich erst
einmal in Ruhe meine Erdmeditation, damit wenigstens der Rest meiner
Tagesenergie noch aktiv zur Verfügung stand für den Abend und die Nacht.

Nach dem Abendbrot beantwortete ich einige private Mails, schrieb an einem neuen
Teil meiner Erinnerungen mit erstaunlicher Ausdauer und bald war gar Mitternacht
vorbei und ich wurde endlich sehr, sehr müde, ein Zustand, den ich herbeisehnte,
denn dann konnte ich damit rechnen, vor Erschöpfung relativ bald einzuschlafen,
und dem war dann auch so.

Wie jede Nacht, wachte ich allerdings auch in jener ganz besonderen Nacht vor
einiger Zeit mehrmals auf, weil ich ja während des Schlafes oft Durst bekomme
und hin und wieder auch aufs Klo muss, spätestens so alle zwei bis drei Stunden.
Entstehen dann zusätzlich wieder Ängste, gepaart mit Herzschmerzen, was hin
und wieder vorkommt, besonders seit jenem Jahr, in dem mein Vater an einem
schönen Frühlingstag starb und ich wenige Zeit später einen totalen Kreislauf-
und Nervenzusammenbruch bei der Arbeit erlitt und daran anschließend ja fast
für ein Jahr beruflich ausfiel, dann mache ich auf dem Rückweg vom WC nach
dem Pinkeln immer einen kleinen Abstecher zu meinem wichtigen, nächtlich
mir stets trostspendenden Freund, meinem Schaukelstuhl.

Denn in ihm sind während des Schaukelns diese angsteinflößenden körperlichen
wie seelischen Herzschmerzen, die oft eine gewisse Zeit lang anschwellen können,
ihren satten, schier unerträglichen Höhepunkt erreichen und dann allmählich
wieder abnehmen und verschwinden, noch am ehesten zu ertragen, aushaltbar.

Dieses Mal war aber etwas im Wohnzimmer irgendwie anders als sonst.

Ich bemerkte es nicht gleich, sondern erst, nachdem ich mich bereits in meinen
Schaukelstuhl gesetzt hatte und anfing diese verdammten, mich einschnürenden,
brennenden, irgendwann wohl auch mal tödlichen Schmerzen, das ist mir schon
seit einigen Jahren glasklar, um eine Spur erträglicher zu gestalten.

Es war ja noch immer dunkel. Nachts mache ich nie Licht, vor allem nicht auf
meiner Pinkel- und Schaukelstuhlreise, denn meine Augen haben eine wundervoll
starke Nachtadaptionsfähigkeit – fast so gut wie Katzen – auch in der Dunkelheit
enorm gut sehen zu können, jedenfalls allemal in meiner mir vertrauten Wohnung.

Und da sah ich nun doch tatsächlich jemanden auf meinem Sofa mir schräg
gegenüber am Rande des großen Wohnzimmers sitzen, der meinem Vater verdammt
ähnlich sah — oder war er das nicht selbst gar in seinen jungen Erwachsenenjahren?
Doch, ja, das musste er sein, ohne Zweifel, aber eben deutlich jünger als ich ihn je
zu seinen Lebzeiten wahrgenommen hatte. Er erschien mir sogar viel viel jünger,
also maximal so ungefähr dreißig Jahre alt.
Ich stutzte zwar immer noch und rieb mir die Augen, aber allmählich wurde
mir klar: da saß doch tatsächlich mein seit zehn Jahren toter Vater schon eine
geraume Zeit im Wohnzimmer und erwartete mich wohl zu einem nächtlichen
Gespräch.

Ja, mein Sohn, ich bin es tatsächlich, sagte er dann auch plötzlich deutlich hörbar
und brach damit die Stille zwischen uns beiden als erster.

Was ist denn los, Vater? Was machst du hier bei mir? fragte ich.

Na, du hast mich doch gerufen! Du wolltest doch mit mir sprechen! Und außerdem
habe ich eine wichtige Frage an dich.

Aber was denn für eine wichtige Frage? Und gerufen habe ich dich nicht, da bin ich
sicher, du bist doch schon seit fast zehn Jahren tot!

Ja, genau darum handelt es sich ja bei meiner Frage, mein Sohn!

Er sah sehr schön aus, mein junger Vater. Da konnte ich meine Mutter jetzt im
nachhinein schon wesentlich besser verstehen, warum sie damals ihre Verlobung
mit einem anderen Mann ihm zugunsten wieder löste und diesen Mann hier vor
mir sitzend, der mein Vater wurde, heiratete. So hat er also damals ausgesehen,
als er mich zusammen mit meiner Mutter zeugte. Was für ein seltsames Gefühl
beschlich mich nun.

Er sah wirklich sehr schön aus und wirkte äußerst sympathisch, so wie auch
seine herrlichen Gesichtszüge sehr ebenmäßig waren, etwas bleich vielleicht
schillerte seine Haut, aber das konnte auch an der Dunkelheit und an seinem
eigentlich ja Todeszustand liegen. Wundervoll dichtes, bräunliches Haar besaß
er, quasi fast wie ein Adonis. So hatte ich meinen Vater zuvor noch nie gesehen.
Er saß völlig friedlich auf meinem Sofa und wir setzten unsere nächtliche
Unterhaltung fort wie zwei alte Freunde, was während seiner Lebensphase ja
niemals der Fall war, weil ich ihm zumeist völlig egal daherkam, so jedenfalls
dachte ich immer.

Ich würde gerne von dir wissen, mein Sohn, wie denn mein Leben zu Ende
gehen wird? Nach meinem Zeitempfinden ist heute ein Tag nur wenige Wochen
nach deiner Geburt. Du liegst gerade jetzt als Kleinkind, während ich hier bei dir
bin, wie immer friedlich bei deiner schönen und lieben Mutter im Arm und schaust
sie selig an. Da bin ich überflüssig, weißt du. Das sagt deine Mutter dann auch ab
und zu zu mir: geh weg, Mann, du störst hier nur die traute Zweisamkeit von Mutter
und Baby, geh zu deinem Auto und richte die Kupplung, damit wir am Sonntag den
nächsten Ausflug zusammen mit ihm machen können, nun sogar zu dritt, wie schön.

Na jedenfalls ging ich dann vorhin schweren Herzens von dir als Kind weg und
dachte mir, ich besuche dich einfach in der Zwischenzeit mal in deinem derzeitigen
hier und jetzt, also in der heutigen Nacht deines momentan noch sehr lebendigen
Daseins hier auf Mutter Erde, lasse Auto Auto sein und frage dich lieber mal,
wie ich denn so inzwischen gestorben bin.
Willst du mir nun bitte diese Frage beantworten?

Aber wieso willst du das denn jetzt schon wissen, zur Zeit meiner Geburt, wieso
kümmert dich das ausgerechnet da schon, damals mitten in deinem schönen Leben?
Lass das doch sein und verdirb dir nicht dein restliches Leben mit mir kleinem Kind
und deiner schönen jungen Frau, meiner Mutter, durch meine Antwort zu dieser Frage.
Lass es sein, Vater, bitte!

Nein, nein, ich muss es jetzt wissen, hier bei dir, in deinem hier und heute, weißt
du. Später, wenn ich dich nachher wieder verlassen habe und du dann hoffentlich
sorgenfreier und mit weniger physischen und psychischen Schmerzen weiterschlafen
kannst, dann habe ich das schon längst wieder vergessen, glaub mir; aber jetzt,
jetzt will ich es wissen, jetzt ist es sehr wichtig für mich. Erzähle es mir also nun bitte
ausführlich.
Es wird kein normaler Tod sein, entnehme ich deinem Zögern, einfach so des nachts
im wohligen Ehebett?

In Ordnung, mein junger Vater, ich werde es dir sagen, dir diesen Wunsch erfüllen:
du hast recht, dein Lebensende wird ein schlimmes sein und kein solch normales,
du wirst nämlich erbärmlich und elendiglich an einem Krebs eingehen, der dich bis
dahin schon über viele lange Monate hinweg auszehren und auffressen wird, und du
wirst die übelsten und unerträglichsten aller Schmerzen, die man auf Erden dabei
erleiden kann, erleiden müssen, ganz furchtbare.

Aber was wird denn genau mit mir passieren? Das hört sich ja gar nicht so gut an,
was du da berichtest, mein ältester Sohn.

Du wirst letztlich selbst schuld sein! Denn wegen deiner Arroganz, deinem stets
machomäßigen, sexistischen Gehabe à la einem Luis Trenker des Hochallgäus,
werden Krebsvorsorgeuntersuchungen für dich nie ein Thema sein und du wirst
nie jemandem, nicht einmal deiner Frau, nicht einmal ihr, man stelle sich das vor,
erzählen von deinen lange schon  unerträglichen Krebsschmerzen und davon,
dass dir das Pinkeln und der Stuhlgang vor lauter grandiosen Achs und Wehs
täglich schier die Besinnung rauben und zur unendlichen Qual werden.

Erst als du deine eigenen Fäkalien nicht mehr rechtzeitig und ordentlich im Klo
entleeren und deponieren kannst und du eure Rentnerwohnung dadurch am laufenden
Band via penetrantem Durchfall versaust, bemerkt deine Frau schließlich  – zu spät –
dein elendes Missgeschick und dein furchtbares Unglück und den allertödlichsten
Krebs und schickt dich ewigen, nun ängstlichen Hasen-Sex-Rammel-Macho-Mann
zum Arzt, der sofort via Magen-und-Darmspiegelungen nur noch einen riesigen
zerfressenen Krebsbereich vom Magenausgang bis weit hinein ins Gedärm und
hinunter gar bis zum Mastdarm und Anus feststellt. Dass man so überhaupt noch
leben kann, meinte er vor lauter Erstaunen, zu deiner wie vom Blitz getroffenen
Frau.

Und dann? fragt mein junger schöner Vater, plötzlich hoch interessiert.

Ja, dann wirst du ins Krankenhaus gebracht und sogleich operiert, mehrfach.
Zunächst wird es heißen, du hättest vielleicht noch eine Weile länger zu leben,
und wir alle werden uns freuen, deine Frau und deine Kinder, auch die Zwillinge, die
du ja aber jetzt durch deinen Zeitsprung in mein hier und jetzt noch gar nicht kennst,
ich aber natürlich schon, und alle werden dann höchst besorgt und manche auch mit
Tränen in den Augen, zu deinem Krankenbett eilen, auch von auswärts, und versuchen
dich sogar noch zu überreden, diese dunkelgetönte Sonnenbrille endlich wenigstens
mal noch für ein paar wenige Minuten von den Augen abzunehmen, damit wir dein
Gesicht endlich mal wieder sehen können, doch du wirst uns dies nicht mehr gestatten,
wirst uns gar nicht mehr sehen wollen, aus lauter Groll und Ärger und aus Scham,
du wirst dich deines längeren, peinlichen Todesschlusskampfes mit dem Krebs
über alle Maßen gewaltig schämen.

Ja, aber habe ich mich denn von dieser Operation nun nochmal erholt und wieder
eine Weile zu Hause z. B. Musik zusammen mit deiner Mutter hören können, Stücke
von jenen beiden mir ein Leben lang allerliebsten, Mozart und Beethoven, diese beiden
unvergleichlichen Komponisten überirdisch himmlischer Musik?
Oder was passierte dann?

Nun, mein junger, lieber, armer Vater, nein, du wirst nicht mehr nach Hause
zurückkehren, niemals mehr, und du wirst auch nicht noch einmal irgendein Werk
deiner beiden geliebten Komponisten hören können, denn ein paar Tage nach deiner
ersten Krebsoperation wird es erst noch so richtig schlimm für dich und uns werden.

Du wirst einen vollständigen Magenpförtnerverschluss bekommen und absolut
keine Nahrung, weder fest noch flüssig, mehr auf dem üblichen Weg zu dir nehmen
können. Und als dir das dann klar wird, wirst du plötzlich definitiv selbst nicht mehr
leben wollen. Was ich mehr als verstehen kann.

Nein, jetzt ist wirklich Schluss, wirst du sagen, das ist kein lebenswertes Dasein mehr!
Und du wirst weiterhin dann tönen, dass dein Leben nun wie eine Wachskerze halt
endgültig abgebrannt sei und verlöschen wird. Du möchtest auf gar keinen Fall noch
weiter künstlich ernährt werden oder gar im Koma liegend „weiterleben“ und wirst dann
auch jedwede Nahrungsaufnahme verweigern und nach einigen Tagen elendiglich
eingehen und schließlich miserabel verenden.

Wirklich? So schlimm wird es mit mir kommen?

Ja, Vater, die Ärzte werden dich zwar auch noch ein zweites Mal operieren und dir dabei
den völlig verkrebsten Magen nun komplett entfernen und noch ein Stück vermaledeiten
Dünn- und Dickdarm bis zum Anus, aber das wird alles nichts mehr helfen, denn du wirst
zu diesem Zeitpunkt längst beschlossen haben, nun nur noch möglichst rasch zu sterben.

Und so werden sich nach der erneuten Operation sehr rasch große Ödeme überall
in deinem trainierten Körper bilden und sehr schnell so heftig auch auf dein eh nur
noch selten schlagendes, müdes und ausgelaugtes Herz drücken und es bald zum
vollständigen Stillstand bringen, wie auch dein nur noch schwaches Atmen sich
darauf komplett einstellen wird.

Und dann werde ich tot sein?

Ja.

Und wie wird das auf dich wirken bzw. wie hat das vor fast zehn Jahren auf
dich denn gewirkt?

Friedlich, mein junger Vater, du aber auch schon längst mein alter, toter Vater,
du wirktest sehr friedlich damals auf mich, endlich, wie erlöst von allen Mannes-
und Vaterpflichten. Du musstest dir und uns endlich nichts mehr beweisen,
niemandem mehr, insbesondere immer weiter den großen Macho-Familienstar
spielen, den Formel-Eins-Raser jeden Sonntag mit uns an Bord, hin und zurück
zum Ausflugsziel, den Bergsteiger, dem kein Gipfel je zu hoch, kein Gipfel je zu weit
war, denn dein Leben war vorbei, zu Ende gelebt, endlich abgelaufen, wie das große
Pendel einer alten, irgendwann auch einmal auslaufenden Schwarzwalduhr endlich
und endgültig zum ewigen Stillstand gekommen.

Du lagst tot da und ich sah dich an und konnte überhaupt nicht weinen, da du mich
ja so arg verletzt hattest, fast dein und mein ganzes Leben lang.
Aber nun kann ich es, nun nach dieser Schilderung deines traurigen Memento Mori,
dieses niemals mehr wieder rückgängig machen zu können, deinen Tod, im stetig
anhaltenden Mono No Aware Prozess der andauernden großen Metamorphose im
weiten Kosmos.

Alle Lebenstage ähneln sich im Prinzip bis auf wenige Ausnahmen so wie ein Ei
dem anderen. Aber davon unterschied sich dieser ganz besondere Tag, dein Todestag,
sehr. Er war für mich etwas einschneidendes, etwas ganz arg intimes, deinen Tod
nämlich fixierte er für immer und ewig, den Tod meines eigenen Vaters, letztendlich
ein unersetzlicher, endgültiger Verlust, ein nie wieder rückgängig zu machender.

Mein Vater, du warst gestorben … bzw. so wird dein Tod sein.
Habe ich nun damit deine Frage beantwortet?

Ja, ich danke dir, mein Sohn, für diese ausführliche intensive Beantwortung meiner
Frage. Und vielleicht kommen wir uns ja in meinem Dasein als toter Vater in deinen
schlaflosen Nächten ab und zu endlich ein wenig näher, sehr spät zwar, aber immerhin
besser als nie, oder? Das wäre doch schön für uns beide, glaube ich – oder was meinst du?

Ja, mein lieber, junger, alter, toter Vater, ja, sehr gerne!

Aber sag mal, mein Junge, was machen denn eigentlich inzwischen deine Schmerzen?
Sind sie durch das Schaukeln im Stuhl und gar noch durch das Gespräch gerade mit mir
nun etwas erträglicher geworden?

Ja, Vater, du hast Recht, ich habe sie gar nicht mehr gespürt während wir sprachen.
Nun sind sie zwar wieder da, doch deutlich gemildert. Ich habe nämlich physische
Herzschmerzen wegen einer verengten Herzkranzarterie, aber eben auch vor allem
psychische Herzschmerzen…

… ja, ich weiß das, mein Sohn…

… und diese könnten wir doch zusammen von jetzt ab ein wenig mildern,
indem wir uns endlich ab und zu des Nachts etwas Zeit füreinander nehmen,
oder nicht?

Na klar, mein lieber Sohn, ich habe doch jetzt sicher öfters mal etwas Zeit für
dich, denn immer wenn ich von deiner Mutter weggeschickt werde, von dir als
Baby, meinem kleinen Sohn, dann kann ich ja in der Zwischenzeit kurz hierher zu
dir kommen, in deine schlaflose Nacht, zu meinem großen erwachsenen Sohn;
als kleiner Sohn bist du dann bei ihr und als großer Sohn bei mir.

So machen wir das, mein lieber Vater, und nun gehe ich wieder zurück in mein Bett,
denn morgen muss ich doch wieder früh raus und zur täglichen Arbeit gehen, das
verstehst du doch?

Natürlich, mein großer ältester Sohn, aber ich muss ja nun auch wieder los,
denn deine Mutter wird mich sicherlich schon vermissen, so lange gibst du
nämlich derzeit als kleines Baby jetzt auch wieder nicht Ruh. Und wenn du schreist,
dann muss ich schon auch mal ran und dich trösten und dich herumtragen und
wiegen und …
aber nun pass gut auf dich auf!

Ja, Vater, und du auch!

Und dann war er verschwunden und meine Schmerzen auch und ich konnte mich
vom Schaukelstuhl endlich wieder erheben und müde ins Bett zurückkehren.
Sogleich übermannte mich erholsamer Schlaf und am Morgen weckten mich die
Vögel, so wie fast immer im Frühling, nur da war nun in mir auch noch so ein
ganz anderes, irgendwie wohliges Gefühl zu bemerken seit diesem nächtlichen
Gespräch mit meinem toten Vater.

Er war in jener Nacht jung gewesen und schön und es tat gut, mit ihm da
so lange zu sprechen, auch wenn es dieses Mal darum ging ihm zu erzählen,
wie sein Leben so furchtbar schmerzhaft endete, aber er wollte es ja nun
unbedingt wissen, endlich wissen und das kann ich sehr gut verstehen.
Der Tod, an sich ein zwar ganz natürlicher Vorgang, der täglich auf Erden zigmal
passiert, und von dem die meisten Menschen niemals Notiz nehmen, aber beim
eigenen Vater eben eine ganz speziell wichtige Bedeutung hat.

© finbarsgift