nächtliches Gespräch mit dem toten Vater

 

Es war ein Tag wie jeder andere. Ich arbeitete im Büro bis ich nicht mehr konnte
und fuhr dann wieder nach Hause. Als ich dort ankam, absolvierte ich erst
einmal in Ruhe meine Erdmeditation, damit wenigstens der Rest meiner
Tagesenergie noch aktiv zur Verfügung stand für den Abend und die Nacht.

Nach dem Abendbrot beantwortete ich einige private Mails, schrieb an einem neuen
Teil meiner Erinnerungen mit erstaunlicher Ausdauer und bald war gar Mitternacht
vorbei und ich wurde endlich sehr, sehr müde, ein Zustand, den ich herbeisehnte,
denn dann konnte ich damit rechnen, vor Erschöpfung relativ bald einzuschlafen,
und dem war dann auch so.

Wie jede Nacht, wachte ich allerdings auch in jener ganz besonderen Nacht vor
einiger Zeit mehrmals auf, weil ich ja während des Schlafes oft Durst bekomme
und hin und wieder auch aufs Klo muss, spätestens so alle zwei bis drei Stunden.
Entstehen dann zusätzlich wieder Ängste, gepaart mit Herzschmerzen, was hin
und wieder vorkommt, besonders seit jenem Jahr, in dem mein Vater an einem
schönen Frühlingstag starb und ich wenige Zeit später einen totalen Kreislauf-
und Nervenzusammenbruch bei der Arbeit erlitt und daran anschließend ja fast
für ein Jahr beruflich ausfiel, dann mache ich auf dem Rückweg vom WC nach
dem Pinkeln immer einen kleinen Abstecher zu meinem wichtigen, nächtlich
mir stets trostspendenden Freund, meinem Schaukelstuhl.

Denn in ihm sind während des Schaukelns diese angsteinflößenden körperlichen
wie seelischen Herzschmerzen, die oft eine gewisse Zeit lang anschwellen können,
ihren satten, schier unerträglichen Höhepunkt erreichen und dann allmählich
wieder abnehmen und verschwinden, noch am ehesten zu ertragen, aushaltbar.

Dieses Mal war aber etwas im Wohnzimmer irgendwie anders als sonst.

Ich bemerkte es nicht gleich, sondern erst, nachdem ich mich bereits in meinen
Schaukelstuhl gesetzt hatte und anfing diese verdammten, mich einschnürenden,
brennenden, irgendwann wohl auch mal tödlichen Schmerzen, das ist mir schon
seit einigen Jahren glasklar, um eine Spur erträglicher zu gestalten.

Es war ja noch immer dunkel. Nachts mache ich nie Licht, vor allem nicht auf
meiner Pinkel- und Schaukelstuhlreise, denn meine Augen haben eine wundervoll
starke Nachtadaptionsfähigkeit – fast so gut wie Katzen – auch in der Dunkelheit
enorm gut sehen zu können, jedenfalls allemal in meiner mir vertrauten Wohnung.

Und da sah ich nun doch tatsächlich jemanden auf meinem Sofa mir schräg
gegenüber am Rande des großen Wohnzimmers sitzen, der meinem Vater verdammt
ähnlich sah — oder war er das nicht selbst gar in seinen jungen Erwachsenenjahren?
Doch, ja, das musste er sein, ohne Zweifel, aber eben deutlich jünger als ich ihn je
zu seinen Lebzeiten wahrgenommen hatte. Er erschien mir sogar viel viel jünger,
also maximal so ungefähr dreißig Jahre alt.
Ich stutzte zwar immer noch und rieb mir die Augen, aber allmählich wurde
mir klar: da saß doch tatsächlich mein seit zehn Jahren toter Vater schon eine
geraume Zeit im Wohnzimmer und erwartete mich wohl zu einem nächtlichen
Gespräch.

Ja, mein Sohn, ich bin es tatsächlich, sagte er dann auch plötzlich deutlich hörbar
und brach damit die Stille zwischen uns beiden als erster.

Was ist denn los, Vater? Was machst du hier bei mir? fragte ich.

Na, du hast mich doch gerufen! Du wolltest doch mit mir sprechen! Und außerdem
habe ich eine wichtige Frage an dich.

Aber was denn für eine wichtige Frage? Und gerufen habe ich dich nicht, da bin ich
sicher, du bist doch schon seit fast zehn Jahren tot!

Ja, genau darum handelt es sich ja bei meiner Frage, mein Sohn!

Er sah sehr schön aus, mein junger Vater. Da konnte ich meine Mutter jetzt im
nachhinein schon wesentlich besser verstehen, warum sie damals ihre Verlobung
mit einem anderen Mann ihm zugunsten wieder löste und diesen Mann hier vor
mir sitzend, der mein Vater wurde, heiratete. So hat er also damals ausgesehen,
als er mich zusammen mit meiner Mutter zeugte. Was für ein seltsames Gefühl
beschlich mich nun.

Er sah wirklich sehr schön aus und wirkte äußerst sympathisch, so wie auch
seine herrlichen Gesichtszüge sehr ebenmäßig waren, etwas bleich vielleicht
schillerte seine Haut, aber das konnte auch an der Dunkelheit und an seinem
eigentlich ja Todeszustand liegen. Wundervoll dichtes, bräunliches Haar besaß
er, quasi fast wie ein Adonis. So hatte ich meinen Vater zuvor noch nie gesehen.
Er saß völlig friedlich auf meinem Sofa und wir setzten unsere nächtliche
Unterhaltung fort wie zwei alte Freunde, was während seiner Lebensphase ja
niemals der Fall war, weil ich ihm zumeist völlig egal daherkam, so jedenfalls
dachte ich immer.

Ich würde gerne von dir wissen, mein Sohn, wie denn mein Leben zu Ende
gehen wird? Nach meinem Zeitempfinden ist heute ein Tag nur wenige Wochen
nach deiner Geburt. Du liegst gerade jetzt als Kleinkind, während ich hier bei dir
bin, wie immer friedlich bei deiner schönen und lieben Mutter im Arm und schaust
sie selig an. Da bin ich überflüssig, weißt du. Das sagt deine Mutter dann auch ab
und zu zu mir: geh weg, Mann, du störst hier nur die traute Zweisamkeit von Mutter
und Baby, geh zu deinem Auto und richte die Kupplung, damit wir am Sonntag den
nächsten Ausflug zusammen mit ihm machen können, nun sogar zu dritt, wie schön.

Na jedenfalls ging ich dann vorhin schweren Herzens von dir als Kind weg und
dachte mir, ich besuche dich einfach in der Zwischenzeit mal in deinem derzeitigen
hier und jetzt, also in der heutigen Nacht deines momentan noch sehr lebendigen
Daseins hier auf Mutter Erde, lasse Auto Auto sein und frage dich lieber mal,
wie ich denn so inzwischen gestorben bin.
Willst du mir nun bitte diese Frage beantworten?

Aber wieso willst du das denn jetzt schon wissen, zur Zeit meiner Geburt, wieso
kümmert dich das ausgerechnet da schon, damals mitten in deinem schönen Leben?
Lass das doch sein und verdirb dir nicht dein restliches Leben mit mir kleinem Kind
und deiner schönen jungen Frau, meiner Mutter, durch meine Antwort zu dieser Frage.
Lass es sein, Vater, bitte!

Nein, nein, ich muss es jetzt wissen, hier bei dir, in deinem hier und heute, weißt
du. Später, wenn ich dich nachher wieder verlassen habe und du dann hoffentlich
sorgenfreier und mit weniger physischen und psychischen Schmerzen weiterschlafen
kannst, dann habe ich das schon längst wieder vergessen, glaub mir; aber jetzt,
jetzt will ich es wissen, jetzt ist es sehr wichtig für mich. Erzähle es mir also nun bitte
ausführlich.
Es wird kein normaler Tod sein, entnehme ich deinem Zögern, einfach so des nachts
im wohligen Ehebett?

In Ordnung, mein junger Vater, ich werde es dir sagen, dir diesen Wunsch erfüllen:
du hast recht, dein Lebensende wird ein schlimmes sein und kein solch normales,
du wirst nämlich erbärmlich und elendiglich an einem Krebs eingehen, der dich bis
dahin schon über viele lange Monate hinweg auszehren und auffressen wird, und du
wirst die übelsten und unerträglichsten aller Schmerzen, die man auf Erden dabei
erleiden kann, erleiden müssen, ganz furchtbare.

Aber was wird denn genau mit mir passieren? Das hört sich ja gar nicht so gut an,
was du da berichtest, mein ältester Sohn.

Du wirst letztlich selbst schuld sein! Denn wegen deiner Arroganz, deinem stets
machomäßigen, sexistischen Gehabe à la einem Luis Trenker des Hochallgäus,
werden Krebsvorsorgeuntersuchungen für dich nie ein Thema sein und du wirst
nie jemandem, nicht einmal deiner Frau, nicht einmal ihr, man stelle sich das vor,
erzählen von deinen lange schon  unerträglichen Krebsschmerzen und davon,
dass dir das Pinkeln und der Stuhlgang vor lauter grandiosen Achs und Wehs
täglich schier die Besinnung rauben und zur unendlichen Qual werden.

Erst als du deine eigenen Fäkalien nicht mehr rechtzeitig und ordentlich im Klo
entleeren und deponieren kannst und du eure Rentnerwohnung dadurch am laufenden
Band via penetrantem Durchfall versaust, bemerkt deine Frau schließlich  – zu spät –
dein elendes Missgeschick und dein furchtbares Unglück und den allertödlichsten
Krebs und schickt dich ewigen, nun ängstlichen Hasen-Sex-Rammel-Macho-Mann
zum Arzt, der sofort via Magen-und-Darmspiegelungen nur noch einen riesigen
zerfressenen Krebsbereich vom Magenausgang bis weit hinein ins Gedärm und
hinunter gar bis zum Mastdarm und Anus feststellt. Dass man so überhaupt noch
leben kann, meinte er vor lauter Erstaunen, zu deiner wie vom Blitz getroffenen
Frau.

Und dann? fragt mein junger schöner Vater, plötzlich hoch interessiert.

Ja, dann wirst du ins Krankenhaus gebracht und sogleich operiert, mehrfach.
Zunächst wird es heißen, du hättest vielleicht noch eine Weile länger zu leben,
und wir alle werden uns freuen, deine Frau und deine Kinder, auch die Zwillinge, die
du ja aber jetzt durch deinen Zeitsprung in mein hier und jetzt noch gar nicht kennst,
ich aber natürlich schon, und alle werden dann höchst besorgt und manche auch mit
Tränen in den Augen, zu deinem Krankenbett eilen, auch von auswärts, und versuchen
dich sogar noch zu überreden, diese dunkelgetönte Sonnenbrille endlich wenigstens
mal noch für ein paar wenige Minuten von den Augen abzunehmen, damit wir dein
Gesicht endlich mal wieder sehen können, doch du wirst uns dies nicht mehr gestatten,
wirst uns gar nicht mehr sehen wollen, aus lauter Groll und Ärger und aus Scham,
du wirst dich deines längeren, peinlichen Todesschlusskampfes mit dem Krebs
über alle Maßen gewaltig schämen.

Ja, aber habe ich mich denn von dieser Operation nun nochmal erholt und wieder
eine Weile zu Hause z. B. Musik zusammen mit deiner Mutter hören können, Stücke
von jenen beiden mir ein Leben lang allerliebsten, Mozart und Beethoven, diese beiden
unvergleichlichen Komponisten überirdisch himmlischer Musik?
Oder was passierte dann?

Nun, mein junger, lieber, armer Vater, nein, du wirst nicht mehr nach Hause
zurückkehren, niemals mehr, und du wirst auch nicht noch einmal irgendein Werk
deiner beiden geliebten Komponisten hören können, denn ein paar Tage nach deiner
ersten Krebsoperation wird es erst noch so richtig schlimm für dich und uns werden.

Du wirst einen vollständigen Magenpförtnerverschluss bekommen und absolut
keine Nahrung, weder fest noch flüssig, mehr auf dem üblichen Weg zu dir nehmen
können. Und als dir das dann klar wird, wirst du plötzlich definitiv selbst nicht mehr
leben wollen. Was ich mehr als verstehen kann.

Nein, jetzt ist wirklich Schluss, wirst du sagen, das ist kein lebenswertes Dasein mehr!
Und du wirst weiterhin dann tönen, dass dein Leben nun wie eine Wachskerze halt
endgültig abgebrannt sei und verlöschen wird. Du möchtest auf gar keinen Fall noch
weiter künstlich ernährt werden oder gar im Koma liegend „weiterleben“ und wirst dann
auch jedwede Nahrungsaufnahme verweigern und nach einigen Tagen elendiglich
eingehen und schließlich miserabel verenden.

Wirklich? So schlimm wird es mit mir kommen?

Ja, Vater, die Ärzte werden dich zwar auch noch ein zweites Mal operieren und dir dabei
den völlig verkrebsten Magen nun komplett entfernen und noch ein Stück vermaledeiten
Dünn- und Dickdarm bis zum Anus, aber das wird alles nichts mehr helfen, denn du wirst
zu diesem Zeitpunkt längst beschlossen haben, nun nur noch möglichst rasch zu sterben.

Und so werden sich nach der erneuten Operation sehr rasch große Ödeme überall
in deinem trainierten Körper bilden und sehr schnell so heftig auch auf dein eh nur
noch selten schlagendes, müdes und ausgelaugtes Herz drücken und es bald zum
vollständigen Stillstand bringen, wie auch dein nur noch schwaches Atmen sich
darauf komplett einstellen wird.

Und dann werde ich tot sein?

Ja.

Und wie wird das auf dich wirken bzw. wie hat das vor fast zehn Jahren auf
dich denn gewirkt?

Friedlich, mein junger Vater, du aber auch schon längst mein alter, toter Vater,
du wirktest sehr friedlich damals auf mich, endlich, wie erlöst von allen Mannes-
und Vaterpflichten. Du musstest dir und uns endlich nichts mehr beweisen,
niemandem mehr, insbesondere immer weiter den großen Macho-Familienstar
spielen, den Formel-Eins-Raser jeden Sonntag mit uns an Bord, hin und zurück
zum Ausflugsziel, den Bergsteiger, dem kein Gipfel je zu hoch, kein Gipfel je zu weit
war, denn dein Leben war vorbei, zu Ende gelebt, endlich abgelaufen, wie das große
Pendel einer alten, irgendwann auch einmal auslaufenden Schwarzwalduhr endlich
und endgültig zum ewigen Stillstand gekommen.

Du lagst tot da und ich sah dich an und konnte überhaupt nicht weinen, da du mich
ja so arg verletzt hattest, fast dein und mein ganzes Leben lang.
Aber nun kann ich es, nun nach dieser Schilderung deines traurigen Memento Mori,
dieses niemals mehr wieder rückgängig machen zu können, deinen Tod, im stetig
anhaltenden Mono No Aware Prozess der andauernden großen Metamorphose im
weiten Kosmos.

Alle Lebenstage ähneln sich im Prinzip bis auf wenige Ausnahmen so wie ein Ei
dem anderen. Aber davon unterschied sich dieser ganz besondere Tag, dein Todestag,
sehr. Er war für mich etwas einschneidendes, etwas ganz arg intimes, deinen Tod
nämlich fixierte er für immer und ewig, den Tod meines eigenen Vaters, letztendlich
ein unersetzlicher, endgültiger Verlust, ein nie wieder rückgängig zu machender.

Mein Vater, du warst gestorben … bzw. so wird dein Tod sein.
Habe ich nun damit deine Frage beantwortet?

Ja, ich danke dir, mein Sohn, für diese ausführliche intensive Beantwortung meiner
Frage. Und vielleicht kommen wir uns ja in meinem Dasein als toter Vater in deinen
schlaflosen Nächten ab und zu endlich ein wenig näher, sehr spät zwar, aber immerhin
besser als nie, oder? Das wäre doch schön für uns beide, glaube ich – oder was meinst du?

Ja, mein lieber, junger, alter, toter Vater, ja, sehr gerne!

Aber sag mal, mein Junge, was machen denn eigentlich inzwischen deine Schmerzen?
Sind sie durch das Schaukeln im Stuhl und gar noch durch das Gespräch gerade mit mir
nun etwas erträglicher geworden?

Ja, Vater, du hast Recht, ich habe sie gar nicht mehr gespürt während wir sprachen.
Nun sind sie zwar wieder da, doch deutlich gemildert. Ich habe nämlich physische
Herzschmerzen wegen einer verengten Herzkranzarterie, aber eben auch vor allem
psychische Herzschmerzen…

… ja, ich weiß das, mein Sohn…

… und diese könnten wir doch zusammen von jetzt ab ein wenig mildern,
indem wir uns endlich ab und zu des Nachts etwas Zeit füreinander nehmen,
oder nicht?

Na klar, mein lieber Sohn, ich habe doch jetzt sicher öfters mal etwas Zeit für
dich, denn immer wenn ich von deiner Mutter weggeschickt werde, von dir als
Baby, meinem kleinen Sohn, dann kann ich ja in der Zwischenzeit kurz hierher zu
dir kommen, in deine schlaflose Nacht, zu meinem großen erwachsenen Sohn;
als kleiner Sohn bist du dann bei ihr und als großer Sohn bei mir.

So machen wir das, mein lieber Vater, und nun gehe ich wieder zurück in mein Bett,
denn morgen muss ich doch wieder früh raus und zur täglichen Arbeit gehen, das
verstehst du doch?

Natürlich, mein großer ältester Sohn, aber ich muss ja nun auch wieder los,
denn deine Mutter wird mich sicherlich schon vermissen, so lange gibst du
nämlich derzeit als kleines Baby jetzt auch wieder nicht Ruh. Und wenn du schreist,
dann muss ich schon auch mal ran und dich trösten und dich herumtragen und
wiegen und …
aber nun pass gut auf dich auf!

Ja, Vater, und du auch!

Und dann war er verschwunden und meine Schmerzen auch und ich konnte mich
vom Schaukelstuhl endlich wieder erheben und müde ins Bett zurückkehren.
Sogleich übermannte mich erholsamer Schlaf und am Morgen weckten mich die
Vögel, so wie fast immer im Frühling, nur da war nun in mir auch noch so ein
ganz anderes, irgendwie wohliges Gefühl zu bemerken seit diesem nächtlichen
Gespräch mit meinem toten Vater.

Er war in jener Nacht jung gewesen und schön und es tat gut, mit ihm da
so lange zu sprechen, auch wenn es dieses Mal darum ging ihm zu erzählen,
wie sein Leben so furchtbar schmerzhaft endete, aber er wollte es ja nun
unbedingt wissen, endlich wissen und das kann ich sehr gut verstehen.
Der Tod, an sich ein zwar ganz natürlicher Vorgang, der täglich auf Erden zigmal
passiert, und von dem die meisten Menschen niemals Notiz nehmen, aber beim
eigenen Vater eben eine ganz speziell wichtige Bedeutung hat.

© finbarsgift

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Texte.

55 Kommentare zu “nächtliches Gespräch mit dem toten Vater

  1. wederwill sagt:

    Eine schmerzliche und doch tröstliche Erzählung. Man hat das Gefühl, dass solche nächtlichen Gespräche manch einem Mann und Sohn gut tun würden, die in einer Zeit aufwuchsen, in der eine andere Art der Vater-Sohn-Beziehung vorherrschte, als wir sie heute zumeist kennen. Es würde den anders erzogenen Vätern wahrhaftig Gelegenheit geben, Gefühle zu zeigen.
    Lieber Lu, wünsche Dir einen schönen Frühlingstag!
    Marlis

    • finbarsgift sagt:

      Lieber Marlis, das wünsche ich dir auch (bbbrrr… draussen hat es noch null Grad!);

      inzwischen habe ich ja für mich angenommen, dass er auch eine sehr schwierige Kindheit hatte (die Umstände habe ich vor einiger Zeit schon niedergeschrieben) und er gar nie wirklich sich echt mal seines Lebens freuen konnte und selbst nicht von seinen Eltern geliebt wurde; und als junger Mann in den Krieg zu müssen, das ist ja auch furchtbar…

      ansonsten stimme ich dir natürlich zu; vielen Dank für deinen Kommentar!
      Liebe Morgengrüße
      vom Lu

  2. Mir ist Augenwasser aufgequollen und das Lesen hat mich still werden lassen. Still auf eine sehr tröstliche Art. Auch mich mußte mein Erstpapa öfters des nächtens besuchen kommen, erst als Nachtmahr, dann, je mehr ich ihm verzieh, als Wächter über ruhigen Herzschlag. Ich danke Ihnen für Ihre Worte.

    • finbarsgift sagt:

      Sehr gerne geschehen!
      Interessante Parallelen kann ich da erkennen…
      was doch so ein ruhiger Herzschlag wert ist 🙂
      Viele Grüße
      vom Lu

      • Ich weiß nur nicht ob es Fluch oder Segen ist, dieses Wissen um ein aus dem Takt geratenes Herz. Es macht mich bedächtiger, aber gleichzeitig sensibler. Und wieviele Nächte ich schon mit dem Vater verbracht, ich kann sie nicht zählen, aber jede hat mich ein Stück voran gebracht auf meinem eigenen Pfad.

        • finbarsgift sagt:

          Meine Meinung dazu ist eindeutig: Je mehr du in engem Kontakt mit deinem Herzen lebst, desto intensiver wird dein irdisches Dasein empfunden. Ich sehe das also auf keinen Fall als Fluch!

          • Das ist ein weiser Gedankengang, den ich mir versuche in die Hirnwindungen einzuspiralisieren. Damit die Waage immer mehr in Richtung Segen sich neigt. Danke dafür.

            • finbarsgift sagt:

              Sehr gerne! Korollar dazu: seitdem ich mit meinem Herzen von Du zu Du agiere, habe ich sehr viel mehr vom Leben, die Zeit streckt sich dadurch irgendwie und wird ausgefüllter…

              • Und was machen Sie mit diesen Knarzgichtwispergarstigangstgriffeln, wenn die nach Ihrem Duherz tasten?

                • finbarsgift sagt:

                  Was für eine Wortschöpfung, klasse! *freu darüber*
                  Ich würde mal so sagen: auch nicht anders als bei einem Orgasmus: ich merke, da kommt wieder so eine garstige Knarzgichtwisperangstpanikattacke daher und bleibe ganz ruhig und entspannt und ertrage so gut es geht den unangenehmen Panikhöhepunkt, wohl wissend, dass das so schon zigmal war und ich niemals dabei (bisher) gestorben bin, und beobachte dann, wie sie nach einer Weile wieder von dannen zieht, und ich abermals als Sieger zurückbleibe *lächel*

                  • Welch ungemein grandiosfabulöse Taktik! Sie sehen mich angemessen begeistert! Ich glaube, wenn das nächste Mal ein Nachtmahr zu schwer auf meiner Brust hockt (natürlich nicht wenns der vaterbetreffliche ist), denke ich an diesen orgasmusischen Kommentar und gut ist. Danke mit Vielfreuerey, daß ich die Frage wagte. Denn eigentlich scheute ich mich vor soviel Offenherzigkeit. Mit Feinknicks, Ihre Frau Knobloch.

                    • finbarsgift sagt:

                      Ein guter Vorsatz! ICH habe mich sehr gefreut über Ihre Herzoffenheit, liebe Frau Knobloch, habe ich doch am Anfang meines Eintrags über das Nachtgespräch mit meinem Paps ja auch sehr herzoffen schon so hier begonnen:
                      „Denn in ihm sind während des Schaukelns diese angsteinflößenden körperlichen
                      wie seelischen Herzschmerzen, die oft eine gewisse Zeit lang anschwellen können,
                      ihren satten, schier unerträglichen Höhepunkt erreichen und dann allmählich
                      wieder abnehmen und verschwinden, noch am ehesten zu ertragen, aushaltbar“…
                      Mit Bückling, Ihr Finbar Gift.

                    • Jetzt kann ich es mit Ihren Pupillen lesen und sehe die Ähnlichkeit, doch nienienich wäre ich auf einen orgasmusischen Vergleich von alleine gekommen. Von alleine gekommen in diesem Zusammenhang fetzt natürlich wiederum. Ach, jetzt halte ich die Fingerspitzen stille, ich schreibe mich um Kopf und Kragen. Herzlichst, Ihre Frau Knobloch.

                    • finbarsgift sagt:

                      Das kann ich leider nicht erkennen, liebe Frau Knobloch, ob sie nun bald Ihren Kragen samt Kopf verlieren werden, aber diese WordPress-Software hier zeigt mir an dieser Stelle hier keine Antwort-Buttons mehr an, sodass ich Ihnen nochmals zu Ihrem vorherigen Kommentar was schreibe, obwohl es sich auf Ihren letzten bezieht… na so was! Ich hoffe, Sie können mir weiterhin so exzellent folgen…

                      Vielleicht liegt das ja daran, dass ich schon länger mit diesen Panikattacken mich abplage?! Und somit mir schon öfters überlegt habe, wie ich diesen anfangs ja sehr üblen Höhepunkten mit der Zeit immer noch etwas mehr Lust abgewinnen kann?!

                    • Ich folge Ihnen mit wachpupilligem Blick, Herr Finbar. Und bewundere Ihre famose Taktik immens. Und wenn’s Ihnen des nächtens, da in Ihrem Schaukelstuhle, mal sachte am Ohre zupft, das ist dann vielleicht einer meiner Nachtmahre, der sich bei Ihnen beschweren will, weil er keine Macht mehr hatte über mich. Sie brauchen keine Sorge vor ihm haben, Nachtmahre sind ja bekanntlich personenbezogen, Ihnen kann er also nichts, außer am Ohre rumzupfen. Lustgewinnung fetzt.

                    • finbarsgift sagt:

                      Das Zupfen Ihrer Nachtmahre macht mir keine Angst, so wie mir auch meine Nachtfreundin, die Angst, keine Angst mehr macht, wir haben uns über die vielen Jahre hinweg gut aneinander gewöhnt…
                      Happy Nightmare…

                    • Sie glauben gar nicht, wie sehr Sie mir die Augen geöffnet haben und ich etwas erkenne, was ich zwar schon längst sah, aber mein Verstand nicht zu akzeptieren vermochte. Schauen Sie mal in diesem Eintrag von mir auf die Antwort zu Frage Vier:
                      http://bittemito.wordpress.com/2014/02/11/ein-neues-klafter-holz/
                      Ich dankefeine Ihnen von Herzen und freue mich ungemein, daß meine Pupillen hierher fanden und meine Finger sich trauten, derley Fragen zu stellen. Mit ruhigklopfenden Herzgrüßen, Ihre Käthe Knobloch.

  3. ach ja, ein nächtliches Gespräch mit ihm, dem lange Verstorbenen, den Leben und Leidenschaft lebenslang im Griff hatten u. der so viel Leid über sich selbst und die ihn liebenden Menschen brachte. Vielleicht war es ihm selbst nie bewußt.
    Versponnen in seinen Egoismus, von der Geliebten erstmal zurückgewiesen für eine Zeitlang, zugunsten des Winzigen an ihrer Brust, das ihre Milch zum Überleben brauchte.

    Du beschreibst alles mit einem einzigen Wort so gut und treffend – der Familienstar -, denn genau so meinte er, sein zu müssen, der Held für alle und keiner ertrug es, ohne Schäden zu erleiden…
    Das, was so wundervoll in ihm war, ging bald unter in den anderen Leidenschaften, die er hatte und auf die er niemals verzichtet hätte zugunsten der Familie.

    Nun siehst Du seine Züge, wie sie wirklich waren, damals, als Du zur Welt gekommen bist, lieber Finbar. Die kannst endlich die feinen und edlen Züge entdecken, die das Leben stets so sehr verzerrte…

    Ein gutes nächtliches Gespräch, friedlich, ruhevoll, sachlich, endlich nach so vielen Jahren und es half Dir sehr.
    Deine eigenen Schmerzen traten in den Hintergrund, verblassten und ebbten ab, fast würde ich sagen, eine Geprächstherapie, eine Vater- u.d Sohntherapie, ein wohltuendes Gespräch, obwohl sein grausames Ende hier mit einfliessen mußte, erwas, was Dir Ruhe und Frieden geben konnte und den dringend notwendigen erholsamen Schlaf zurückbrachte.

    und nun wünsche ich Dir einen guten und sonnigen Morgen
    Herzlichst Bruni

    • finbarsgift sagt:

      Und das wünsche ich dir auch von Herzen: einen schönen Morgen!

      Im April jährt sich sein Todestag zum zehnten Mal und dann werde ich zusammen mit meiner Mutter an sein Grab treten und es pflegen wie immer mal wieder und lax mit ihm reden, das hört dann meine Mutter gar nicht, da ihr Gehör ja kaum noch ist —
      die Zeiten des wilden Briefes an ihn sind ja nun endgültig vorbei und es kehrt immer mehr eine gewisse Ruhe ein zwischen ihm und mir, und das ist auch gut so,
      danke für deine vielen, einfühlsamen Worte, liebe Bruni…

      have a happy Day 😀
      LG vom Finbar

      • „Die Zeiten des wilden Briefes“
        Es klingt wie der Titel einer bekennenden Lektüre.

        Ja, Du konntest durch die vielen Gespräche und Gedanken mit ihm inzwischen eine Ruhe finden, die nicht nur Dir guttut u. Deinem eigenen Herzen…
        Es könnte sein, daß es sogar Deine Mutter fühlt, denn ihre Ohren sind ja nicht der einzige Weg für sie, Dich zu erkennen, auch wenn es soooooooo lange her ist, daß Du als Winzling an
        ihrer Brust liegen durftest…
        Sie wird Deine Ruhe spüren, lieber Finbar. Da bin ich mir sehr sicher

        Sehr herzliche Grüße zu Dir

  4. disputnik sagt:

    Lieber Finbar, ja, sie ist ausführlich intensiv, die Beantwortung der Frage des Vaters, auf wunderbare Weise. Schon als weitestgehend unbeteiligter Leser ist man berührt, gerührt, und ich kann höchstens erahnen, wie es für dich sein wird. Ich sag einfach Danke. Für Teilen und Mitteilen dieser Begegnung…

    • finbarsgift sagt:

      …sehr gerne, lieber Disputnik!
      Na ja, für mich, der ich da mitten im Geschehen bin, eine Seite des (ewigen) Dialogs mit ihm darstelle, der zu seinen Lebzeiten fast immer nur „furchtbar“ war und über viel zu viele Jahre hinweg bis zum gegenseitigen Verleugnen der jeweiligen Existenz des anderen führte, habe ich irgendwann wieder – wohl über die Mutter – zu ihm „zurückgefunden“, aber eindeutig zu spät, denn da lag er sozusagen schon im Sterben…

      und so „arbeite“ ich all das Geschehene (oder eher das viele Ungeschehene zwischen uns) für mich schon seit vielen Jahren auf — aber ich komme immer weiter voran: der Schlüssel liegt eben – wie bei so vielem im Leben – in der Wiederholung des Tuns, des versuchten Vergebens, des immer wieder an sein Grab Gehens, des mit ihm, dem Toten, Redens; diese Fortschritte waren erst sehr langsam, doch nun kommen sie gewaltig (voran)…

      herzlichen Dank für deinen einfühlsamen Kommentar!
      Und mach’s gut,
      Finbar

      • disputnik sagt:

        Sehr schön und sehr gut, lieber Finbar, dass du vorankommst beim Zurückgehen, dass du immer weiter vordringst, hin zum Kern, auch wenn es nicht immer schön und einfach sein dürfte… Ich wünsch dir auch weiterhin viel Kraft dabei, und alles Liebe sowieso…

        • finbarsgift sagt:

          Ja, manchmal ist es tatsächlich so, dass man durch das zurück gehen plötzlich wieder voran kommt im Leben, eine tolle Erfahrung ist das immer wieder!
          Herzlichen Dank, lieber Schreibfreund

  5. Das liest sich nach Aussöhnung mit deinem Vater.
    Ich finde es toll, wie vernünftig dein Vater mit dir spricht.
    Meine Gespräche sind nie aussöhnend, sie enden immer in einem Disput. Mein Vater will auch nach seinem Tod seine Fehler nicht eingestehen. Wie soll ich ihm da entgegenkommen? Ich will es auch gar nicht mehr. Wenn sich Gedanken an ihn nähern, dann reiße ich das Ruder herum und laufe gedanklich mit einem Ballon über eine Blumenwiese. Ganz unbeschwert!

    • finbarsgift sagt:

      Ein schönes Bild… dann hast du dich sozusagen mit ihm endgültig auf diese Art und Weise arrangiert… wenn das für dich passt, dann ist das doch wunderbar.

      So ganz unbeschwert kann mir das nicht gelingen, leider, ich habe halt versucht, sozusagen als er endlich tot und weg war (vorher ging da nix), mich mit ihm und unserer vermaledeiten Beziehung während er noch lebte dadurch zu arrangieren, dass ich erst mal heftig schimpfte auf ihn wie ein Rohrspatz und dies in einem knallharten Brief an ihn schrieb und zu ihm in sein Grab legte zum Lesen.
      Nach einiger Zeit folgten dann Gespräche mit meiner Mutter und meinen Brüdern über ihn und weitere „Maßnahmen“, bis hin zu solchen Gesprächsvorstellungen und auch Träumen natürlich…

      …Dankeschön fürs Melden, gerade hier an dieser Stelle, und schön, dass du wieder umme bist und feine Sachen köchelst 🙂

  6. es fällt mir nicht ganz leicht, mich hier zu äußern – zum einen ist das ein unheimlich authentischer und berührender text, der mich gefesselt hat bis zum ende.
    zum anderen hadere ich ein wenig damit, dass die erkrankung des vaters so sehr als „verdient“ dargestellt wird … (verzeih bitte), aber das ist natürlich die ganz subjektive sicht hier, die wohl wichtig war, so artikuliert zu werden. und vielleicht macht dies den text gerade aus … ein sehr heilsamer „dialog“ dann letztlich …
    und unbedingt ein starker text.
    mit lieben grüßen zur nacht,
    diana

    • finbarsgift sagt:

      vielen dank, liebe Diana, für deine wie immer sehr geschätzten ehrlichen worte, und natürlich kann ich dich sehr gut verstehen, aber da ist halt immer noch ein rest ärger auf ihn da, darüber auch, sein erster sohn zu sein, und darüber, dass er daraus nichts gemacht hat, die viiiiele verlorene zeit, die er mit liebe HÄTTE füllen können, doch stattdessen nur neid und eifersucht und gar hass auf sein eigenes kind!

      ich habe in den vergangenen jahren schon viel viel krasser über ihn geschrieben, viiiiel anklagender, so nach dem motto, zum teufel mit ihm, gepaart mit den teuflischsten schmerzen überhaupt vorstellbar!
      doch nach zehn jahren vatertod habe ich schon sehr sehr große fortschritte gemacht im ihm verzeihen, denn vor allem in seiner kindheit und jugend hatte er wohl auch keine liebe erhalten, und das prägte ihn halt einfach und auch die kriegserlebnisse als jugendlicher, furchtbar, das alles…

      vielen herzlichen dank für deinen einfühlsamen kommentar…
      liebe morgengrüße
      vom lu

  7. Ein bewegendes Gespräch. Es ist so unglaublich viel Frieden da in diesem Gespräch in diesem zeitlosen Raum.Wie geht es Dir nach dem Gespräch? Spürst Du Erleichterung? Hat sie etwas abgenommen, die Last?

    • finbarsgift sagt:

      Einen feinen Ausdruck hast du da gefunden — „in diesem zeitlosen Raum“… der doch eigentlich eine Spanne von meiner Geburt bis fast zum heutigen Tag umfasst…

      Natürlich spüre ich Erleichterung, so ein intensives Nachtgespräch mit diesem Erlebnis/Ergebnis ist ein einschneidendes, vor allem, es auch danach dann – quasi minutiös – dann auch noch aufzuschreiben, und damit sich dem, was da passierte in jener Nacht ausführlich und so intensiv wie möglich damit zu stellen, das zu „verarbeiten“ durch ein immer wie den Text verbesserndes Lektorat (über Wochen hinweg) und dann schlussendlich so einen „intimen“ Text zu posten und andere lesen zu lassen — das ist ja auch aufregend…

      umso mehr freue ich mich, dass du dich gerade hier zu diesem Text so einfühlsam (fragend) zu Wort gemeldet hast, danke dafür!

  8. Anna-Lena sagt:

    Mir ist beim Lesen ein Schauer über den Rücken gelaufen, lieber Lu.
    Wie wichtig die Verarbeitung auch viele Jahre später ist, sagt dir dein Körper immer wieder neu. ich habe mich in deinem Bericht wiedergefunden, an mehreren Stellen und auch aus ganz anderen Gründen.

    Liebe Grüße und einen befreienden Tag,
    Anna-Lena

    • finbarsgift sagt:

      Das kann ich mir denken, liebe Anna-Lena, und ja, du hast mehr als recht! Wenn wir das uns so gut beschützende vegetative Nervensystem nicht hätten, mit dieser genialen Psychosomatik, dann sähen wir Menschen alle manchmal ziemlich erbärmlich aus…

      den werde ich nun haben heute, diesen befreienden Tag,
      und ich hoffe, du auch, liebe Grüße
      vom Lu

      und Dankeschön…

  9. zeilentiger sagt:

    Klar, dass ich nach deinem Paris-Erlebnis gleich zu diesem nächtlichen Gespräch gesprungen bin. Ich glaube, ich spare mir lange Worte und sage nur kurz, dass ich dabei … tja … also … geweint habe.

    • finbarsgift sagt:

      Deine Zeilen berühren mich nun auch… danke fürs lesen… und ich kann dir sagen, dass ich nicht nur einmal beim Verfassen dieses Beitrags geweint habe… es war auch gar nicht anders möglich, denn zu nahe sind mir die schier unerträglichen Tage von damals gegangen…

      • zeilentiger sagt:

        Ich glaub’s sofort! Das spürt man beim Lesen.

        • finbarsgift sagt:

          Es war mir seeeehr lange nicht möglich, soooooo über ihn zu reden, zu sprechen, zu schreiben, er war lebenslang eben immer mein großes Feindbild…

          • zeilentiger sagt:

            Umso schöner, dass es dir noch gelungen ist!

            • finbarsgift sagt:

              Ja, das finde ich auch…
              aber ich habe „ewig“ gebraucht nach dem persönlichen Rat von Anselm Grün – da war mein Vater erst kurz zuvor gestorben – einen „Brief an meinen toten Vater“ explizit auf Papier auszuformulieren und zu ihm in einem Umschlag zu bringen und in seinem Grab zu deponieren für ihn zum lesen… das war der Anfang, der dann nach ein paar weiteren Jahren der zentimeterweisen Annäherung bis zu diesem Eintrag hier führte, der ja ein gewisse Portion Interesse am anderen, Verzeihung und gar Vater-Sohn-Liebe in beide Richtungen enthält…

              • wolkenbrecher sagt:

                Guter Rat von Amselm Grün. Rituale helfen zu Leben. Respekt an diesen Mensch und an dich Finbar, dass du auf ihn gehört hast ..

      • wolkenbrecher sagt:

        Das sind die ungeweinten Tränen. Das unverarbeitete Trauma. Und eigentlich das Grundprinzip der Freudschen Katharsis: Das verdränte bzw. unbearbeitete Problem wieder aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche ziehen. Und immer weinen die Patienten, holen die Trauer nach, die ihnen einst nicht möglich war. Na gut, gebe zu: Man kann über Freud streiten, aber mit dem vernünftigen Menschenverstand betrachtet, stellt das Weinen eben doch eine Reinigung der Seele dar, die erleichtert. Erstmal. Das Problem bleibt, die Vergangenheit kann keiner negieren, aber sie wird leichter zu tragen. Ach, ich rede wieder .. Sorry,

        Und du musst das alles lesen. Jetzt bleib ich erstmal in Zurückhaltung, Aber was hier geschieht ist gelebte Selbstanalyse, ist tiefenhermeneutische Psychoanalyse, ist ein Weg der Heilung durch Zurückrufung ins Gedächtnis, Das Bloggen als Therapie. Ich kann nicht anders als begeister sein und in Demut verharren, weil man ja auch immer einen sehr intimen Teil seiner Psyche, seiner Seele, seines Privatesten, seines Innersten preisgibt. Und dazu gehört Intelligenz. Ein dummer Mensch ist nicht therapierbar.

        Ich schleich mich vom Acker für dieses WE. Lässt es euch gut gehen, liebe Leute, bin weg, PP ❤

  10. Herr Ärmel sagt:

    Vielen Dank für Ihre Mit-Teilungen. Ich bin sehr beeindruckt.
    Spätnachmittägliche Grüsse vom Schwarzen Berg

  11. ES gibt bestimmt sehr viel zwischen Himmel und Erde, was der Mensch mit seinem Verstand nicht erklären kann – so wie auch dieses nächtliche Gespräch nicht erklärbar ist, und dennoch wahr. – Ich musste an Heiko denken, der auch an Darmkrebs gestorben ist, aber es ging ziemlich schnell – zwischen Entdeckung und Tod blieben gerade reichlich 3 Monate. Die letzten 4 Wochen war ich bei ihm und habe alles bis zum bitteren Ende miterlebt – aber es war wohl nicht so schlimm wie bei deinem Vater.
    Liebe Grüße zu dir

  12. wolkenbrecher sagt:

    Oh Mann Finbar, armer Finbar, was hast du dir da zusammen gereimt. Wie sehr muss dich der Tod des hassgeliebten Vaters getroffen haben, Und du hast ihn gehasst in Stunden und hast ihn geliiebt trotz allem, insgeheim. Ich leide mit dir. Hab ein Kloß im Hals. Lieber Finbar, ich verstehe dein Leid, es tut weh und die Geschichte hab ich gelesen Satz für Satz. Bei allen Vorwürfen gegen deinen Vater ist der Text doch von einer tiefen Liebe geprägt für ihn, wenn ich mich nicht vollständig irre. Egal, wie er war zu Lebzeiten: Er war dein Vater. Scheiße, es treibt mir Tränen ins Auge. Finbar, ich verstehe dich. Du bist ein großer Mensch. Schade, dass dein Vater so gehen musste, aber er war stark, hat sein Leid lange versteckt. Du solltest nicht mit ihm hadern. PP

    • finbarsgift sagt:

      Für diesen Kommi bin ich dir seeehr seeehr dankbar!!

      So vieles, was du ansprichst, ist mir erst beim Schreiben und in der Zeit danach immer klarer geworden…

      ja, ich habe ihn ganz offensichtlich auch geliebt, obwohl ich ihn zeitlebens hasste wie die Pest!!

  13. wolkenbrecher sagt:

    Alle Kinder lieben ihre Eltern, trotz aller Unstimmigkeiten. Ich kenn eine junge Frau, die wurde drei Jahre lang von ihrem Vater missbraucht. Die Eltern waren geschieden und sie lebte bei ihm im Haus mit einem Bruder. Wenn der Bruder schlief, kam der Vater ins Zimmer, ein durchtrainierter Kampfsportler, gegen den sie sich nicht wehren konnte. Mit 15 hat sie ihn endlich angezeigt und hatte furchtbare Angst, das er sie erwischt, bevor die Polizei ihn verhaftet. – Er wurde verhaftet und hat sich nach drei Tagen in der Zelle erhängt. Ist irgendwo passiert im schönen Allgäu.

    Und sie hat mir privat geschrieben, dass sie hätte über die Vergewaltigungen mit dem Vater reden können, aber dass er sie „verlassen“ hat, das kann sie ihm nicht verzeihen. Den Missbrauch hätte sie also verziehen, den Selbstmord nicht.

    Und bei deinem Vater? War das nicht auch eine Art Selbstmord, was er beging, indirekt durch das Vernachlässigen der körperlichen Anzeichen? Na gut, ich will mich wieder ausklinken, hab meine Meinung dazu gesagt und will nicht in alten Wunden rühren. Aber die real erlebte Geschichte hat mich berührt.

    Das (Miss-)Verhältnis zu deinem Vater hat dich geprägt und wohl auch zu der innigen Beziehung zu der Mutter geführt. Und ich verstehe jetzt, warum du an ihrem Geburtstag rechts neben ihr sitzen solltest: Sie hat dir den Vater ein wenig ersetzt, auch wenn das kaum möglich ist, aber sie hat es versucht.

    Ich versteh dich jetzt besser und deine verzweifelte Wehrlosigkeit als Kind. Wenn man reagieren möchte und nicht kann, weil man in der schwächeren Position ist, dann entsteht eine tiefe Wut: Man möchte diese Gefühle der absoluten Hilflosigkeit nie mehr zulassen – und später rutscht einem einmal die Hand aus — auf der Via Soundso.

    Wer die Ursachen kennt, der versteht. Ich muss noch zu Lidl und war gestern wirklich noch beim Friseur und hab mir sogar noch zwei Ohrlöcher zusätzlich zu meinen stechen lassen. Da werd ich bald rechts und links zwei Creolen tragen.

    Lass dirs gut gehen, dein Freund PP

  14. Pearla-Nixa sagt:

    Nun bin ich deinem Link gefolgt, in die Vergangenheit, als du es hier niedergeschrieben hast und beim Lesen weiter zurück in deine eigene Vergangenheit.
    Während ich las, breitete sich eine Stille und Ruhe in mir aus. Plötzlich war ich nicht mehr bei mir zu Hause , ich stand neben dir, neben dem Schaukelstuhl im nächtlichen dunklen Zimmer. Sehe deinen Vater da sitzen. Höre euch interessiert zu, und spüre die Traurigkeit in jeder Zeile. Und die Liebe. Da ist kein Hass mehr.
    Dein Vater konnte nicht anders, er wollte aber konnte nicht. Und auf so grausame Art und Weise vom Erdenleben zu entschwinden, hat er trotz alledem nicht verdient.
    Das Loslassen von Hass, die Vergebung zuzugeben und die Liebe zu spüren . Ihr habt euch geliebt aber es nicht ausgelebt.
    In meinem Leben hat es keine Vaterfigur gegeben, meiner hat sich früh das Leben genommen und manchmal in sehr seltenen nächtlichen Stunden, da schaue ich zum Himmel hinauf und frage mich, was wäre gewesen, wenn er noch leben würde? Warum hast du mich zurück gelassen? Aber ich bekomme keine Antworten, er ist zu weit weg , fort in den Weiten des Universums.

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