Drei Maitage in Paris

 

Das Jahr weiß ich nicht mehr ganz genau, aber das ist auch nicht wirklich wichtig, vermutlich mitten in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts, auf jeden Fall aber vom ersten bis dritten Mai; da haben wir uns das letzte Mal in der sogenannten Wirklichkeit getroffen, mein ältester Sohn und ich, damals in Paris.
Ich fuhr mal wieder mit dem Zug in die französische Hauptstadt, wo er ein Auslandssemester absolvierte. Er holte mich um 16 Uhr 23 vom Bahnsteig ab, das weiß ich irgendwie noch ganz genau: was für ein immens starkes, und doch so sehr seltsames Gefühl, seinen erstgeborenen Sohn so viele Jahren nach meiner Scheidung von seiner Mutter endlich mal wieder zu sehen, zu treffen, ja zu berühren gar, nun ein wunderbar erwachsener junger Mann von gleicher Größe wie ich, über 10 Jahre davor hatten wir uns das letzte Mal umarmt.

Wir fuhren zusammen mit dem Taxi bis in das kleine Hotel des Canettes in Saint Germain des Près, wo ich vorab von Deutschland aus ein Zimmer für mich reserviert hatte. Es war eine irre Maihitze damals in Paris, denn ich schwitzte ununterbrochen seit Verlassen des Zuges, zog mich im Hotelzimmer rasch um und ging dann wieder zu ihm hinunter in die kleine Empfangshalle, von wo aus wir zusammen Paris unsicher zu machen trachteten, unsere Unsicherheiten dabei in Bezug auf den anderen abzulegen versuchten, so gut es eben ging, während dieser relativ kurzen Zeit des gemeinsamen Zusammenseins.

Wir nahmen unterwegs in einem kleinen Bistro ein winziges Abendessen ein, keiner hatte so richtig Hunger oder gar Appetit; also tranken wir hauptsächlich etwas und marschierten dann den Boulevard Saint Michel entlang, wo er vor meinem Besuch schon ein kleines Kino gesichtet hatte, das „wag the dog“ mit Dustin Hoffman zeigte.
Unsere anfangs schon ziemlich starke Fremdelei nahm nun ein wenig ab bzw. wurde abgelenkt durch die Bilder des Films und den lauten Ton, wir konnten uns einfach nicht mehr unterhalten bei diesem höllischem Dolby Surround Sound; aber ab und zu lachten wir dafür schallend laut zusammen, und das tat unendlich gut, auf jeden Fall mir, aber wie es schien wohl auch ihm.

Nach dem Kino trennten wir uns, nachdem er mich noch zu meinem Hotel begleitet hatte; todmüde schlief ich trotz dieser elenden, mich plagenden Hitze – und das schon Anfang Mai – sofort ein. Es war eine traumlose Nacht, für mich eher sehr ungewöhnlich, wohl Erschöpfung pur.

Am Morgen unseres zweiten gemeinsamen Maitages frühstückte ich zunächst allein, da wir uns erst für gegen 9 Uhr im National History Museum, Jardin des Plantes, verabredet hatten, wo wir uns von 10 bis 12 Uhr dann auch tatsächlich aufhielten und beide total begeistert waren (er war zuvor schon dort gewesen, da er sich ja bereits ein paar Wochen in Paris aufhielt).
Nach dem Besuch dieses grandiosen Museums hatten wir uns für die Zukunft fest vorgenommen, dort auf jeden Fall irgendwann mal wieder zusammen hinzugehen, doch leider ist es bis heute (immer noch) nicht dazu gekommen.

Anschließend gingen wir zusammen Mittagessen (moules et frites) und trafen dabei seine damalige Freundin Vivian, was eine große Überraschung für mich war, hatte er doch vorher gar nichts von ihr erwähnt.
Nachdem wir uns wieder von Vivian getrennt hatten, die wohl auch ein Auslandssemester in Paris zusammen mit ihm damals absolvierte, fuhren wir zu meiner Lieblingsgegend in Paris, immer wieder und immer noch, Montmartre natürlich, mit dem Sacré Coeur, der  tollen Treppe davor und dem großartigen blick hinunter auf die Innenstadt von Paris, und dem malerischen Malerviertel, dem Place du Tertre, mit all seinen Neppern, Schleppern und Bauernfängern; malen oder zeichnen ließen wir uns allerdings beide nicht, obwohl ich es jetzt bereue, denn es wäre wunderschön nun ein gemaltes Bild von ihm zu besitzen, jetzt, da ich mich schier manchmal nach ihm verzehre, weil ich ihn natürlich immer noch so sehr liebe wie immer schon und seit einiger Zeit leider überhaupt keine Lebenszeichen mehr von ihm bekomme.

Als es anfing zu regnen, verzogen wir uns in die U-Bahn-Schächte und erlebten dort noch das ganz andere Paris, das unterirdische: was für eine Riesenwelt mit Unmengen an Menschen aus aller Herren Länder, inner- und ausserhalb der Bahnen, Musik und Shows aller Arten.
Wir erreichten mit den U-Bahnen dann noch einige der bekannten Sehenswürdigkeiten von Paris, wie Pigalle, Moulin Rouge, Trocadero mit dem berühmten Blick auf den megaberühmten Eiffelturm vor allem auch, und dann noch weiter zur Ile de la Cité mit der ebenfalls berühmten Pont Neuf und der mich sehr beeindruckenden Sainte Chapelle.

Und da war es dann auch schon 18 Uhr 30 und wir hatten einfach keinen Sightseeing-Bock mehr und fuhren zurück in ein kleines Lokal im Montmartre-Gebiet, wo wir dann noch einen gemütlichen Abend zusammen bei einem leckeren Fondue verbrachten und Wein und viel miteinander redeten, ja, sehr viel, eine wunderbare Zeit war das.
Gegen 22 Uhr erreichten wir (vor allem aber ich) fix und foxi mein Hotel, wo wir uns voneinander verabschiedeten.

Sehr früh am Morgen des dritten Maitages fuhr ich dann damals mit dem Zug wieder zurück nach Deutschland.
Wir haben uns danach bis heute nicht wieder getroffen; warum eigentlich, das frage ich mich nun, da ich dies tippe, warum nur? Liegen denn NY und S wirklich so viele Jahre auseinander?

 

 

 

 

 

 

© finbarsgift

in oblivion

 

 

living in oblivion
is like dreaming
of one’s dying
 

 

dreaming of dying
is like reviewing
one’s life again
 

 

reviewing life again
is like passing through
one’s dying oblivion

 

 

 

 

 

 

 

 

© finbarsgift