Vom philosophischen Leben (Hadot)

 

Beim Studium der Werke der antiken Philosophen habe ich bemerkt, dass die von der Philosophiegeschichte angewandte traditionelle Methode, die darin besteht, die Aufmerksamkeit auf die systematische Kohärenz der philosophischen Werke zu konzentrieren, in große Schwierigkeiten gerät, wenn man sie auf die antiken Denker angewendet. Die Inkohärenzen sind in der Tat selbst bei Platon und Aristoteles zahlreich.
Man hat auf verschiedenste Weisen versucht, sie zu erklären, aber man hat meines Erachtens das eigentliche Wesen der antiken Philosophie und den besonderen Charakter der von den Philosophen der Antike geschriebenen Werke missachtet. Diese nämlich sind weniger dazu bestimmt, Informationen über abstrakte Theorien zu vermitteln, als dazu, die Seelen der Schüler zu formen. Niemals sind sie von dem im Rahmen einer Schule geführten philosophischen Leben ablösbar. Sie besitzen daher zahlreiche, pädagogische und methodologische Aspekte, die die erwähnten Inkohärenzen zu erklären vermögen.

Zum andern habe ich schon während meines Philosophiestudiums aus den Werken Bergsons lernen können, dass die Philosophie nicht darin besteht, ein System zu konstruieren, sondern in einer bestimmten Art, die Welt zu betrachten.
Meine lange Beschäftigung mit den antiken Philosophen hat mich in dieser Idee nur bestärken können. Mehr noch, ich habe erkannt, dass die Philosophie nicht nur eine bestimmte Art, die Welt zu sehen, ist, sondern eine Art zu leben und dass alle theoretischen Diskurse nichts sind im Vergleich mit dem konkreten gelebten philosophischen Leben. Somit treffen schließlich meine philosophischen Überzeugungen mit meinen methodologischen Schlussfolgerungen zusammen.

Das vorliegende Buch enthält daher verschiedene Essays, die alle auf eine einzige grundlegende Idee hinauslaufen, die man mit Kant folgendermaßen resümieren kann: „Die alten griechischen Philosophen sind also der wahren Idee des Philosophen weit treuer geblieben, als das in den neueren Zeiten geschehen ist.“
Der Grund hierfür ist darin zu suchen, dass die moderne Philosophie mehr und mehr zu einem Diskurs eines Professors geworden ist, während die antike Philosophie eine Art zu leben war.
Wie die platonische Definition der Philosophie „Philosophieren heißt, sich im Sterben üben“ zu erkennen gibt, bestand das philosophische Leben hauptsächlich darin, bestimmte Übungen, wie der Meditation, der Gewissenserforschung, der Kontemplation der Natur, vorzunehmen.

Dieser Begriff der geistigen Übungen eröffnet neue Perspektiven für die Interpretation der philosophischen Schriften der Antike, indem er unsere Aufmerksamkeit darauf lenkt, dass sie „eher formen als informieren wollen“ und dass jede ihrer Behauptungen im Hinblick auf den psychologischen Effekt, den sie erzielen wollen, verstanden werden muss.

Zum Beispiel liefert uns dieser Begriff den Schlüssel zum Verständnis der „Wege zu sich selbst“ des Marc Aurel.

Wie schon Rabbow gezeigt hat, hat das Christentum Begriff und Praxis der geistigen Übungen übernommen. Aber indem dieser Begriff Bestandteil der christlichen Spiritualität wurde, ging die Philosophie ihres existentiellen Inhalts verlustig. Das Christentum hat somit dazu beigetragen, die Philosophie auf einen theoretischen Diskurs zu beschränken. Nichtsdestoweniger haben gewisse geistige Übungen, wie „der Blick von oben“ oder „die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick“ ihre Aktualität in der gesamten abendländischen Tradition nicht eingebüßt.

Vor allem auch ist die Gestalt des Sokrates das stets lebendige Symbol eines Philosophen geblieben, der zu leben und zu sterben weiß.

 

 

 

 

 

 

© Pierre Hadot

Ein zauberschönes Naturerlebnis

 

Ich schwebe mit der Vorderseite meines nackten Körpers nach unten liegend
auf dem warmen, fast heißen Wasser eines Naturbeckens, leicht handrudernd.
Jeder andere Mensch an meiner Stelle würde sich in diesem Warmnassmedium
zwischen Erde und Himmel ebenso wohl fühlen wie ich, meditierend, sinnierend.

In den mit unzähligen, feinen Nebeltröpfchen verhangenen Morgenstunden
umschmeichelt mich das klare Sinterterrassenwasser fast ebenso hautnah und
mich entzückend entrückend, wie in der Erinnerung die unvergesslich sanften
Streichelhände meiner mich so lange beglückenden Herzallerlebensliebsten.

Ich bewege mich trotz der stattlichen Größe des Beckens auf minimalem Raum,
mit der Nase gerade noch über der aalglatten, dampfenden Wasseroberfläche,
quasi auf der Suche nach einem Wendepunkt meines paddelnden Nichttuns,
ähnlich einem vor sich hin glotzenden, lässig schwimmenden Kofferfischs.

Dabei kommt mir wieder der Gedanke in den Sinn, dass ausgerechnet dieses,
doch irgendwie so doof aussehende Lebewesen, laut neuester Bionikforschung
die frappierende Eigenschaft hat, in der biologischen Autoentwicklung als neues
Modell mit einem der besten cw-Umströmungswerte aufwarten zu können.

Dass ich hier vollkommen ohne Bekleidung im äußersten Süden der heißen
Toskana allein wie ein zufriedener, wenn auch etwas gelangweilt dreinguckender,
humaner Kofferfisch frei durchs Wasser treiben kann, ist ein ganz besonderes Glück,
ein zauberschönes Naturerlebnis, das einem viel zu selten widerfährt im Erdendasein.

Denn diese unbekannten Sinterterrassen, unweit des bunten und interessanten Niki-
de-Saint-Phalle-Skulpturengartens in der südlichen Toskana, ist alles andere als ein
türkisches Bad à la Pamukkale; während sich dort die touristischen Massen gegenseitig
im Wege stehen, kommt hier nur selten ein Wanderer zwischen den Welten vorbei.

Die Morgensonne bestrahlt nach einer Kehrtwendung meines Körpers im horizontalen
wie auch im vertikalen Sinne meine warme, glückliche Menschenhaut von Kopf bis Fuß.
Hier und jetzt in dieser Sinterbadewanne von Mutter Allnatur wie ein doofer Kofferfisch
dahinzuschweben, wie schwerelos, das ist Teil der Magie meines menschlichen Lebens.

Ich beende meine Stunde als frei schwimmender Fisch in Sinterterrassengewässern damit,
nach dem Heraussteigen mich als freier Vogel zu fühlen, und während ich nun über diese
grandiose Landschaft schwebe, zu denken, welch Glück, dass ich bin, ausgerechnet jetzt,
was für ein zauberschönes Glück naturzuerleben auf diesem winzigen blauen Punkt im All.

 

 

 

 

 

 

© finbarsgift

Ich und Du (Hebbel)

 

 

Wir träumten von einander
Und sind davon erwacht,
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume,
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich Eines
Im Andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund,
Zerfließen in Eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.

 

 

© Friedrich Hebbel

Der Schiffbrüchige (Heine)

Hoffnung und Liebe! Alles zertrümmert!
Und ich selber, gleich einer Leiche,
Die grollend ausgeworfen das Meer,
Lieg ich am Strande,
Am öden, kahlen Strande,
Vor mir woget die Wasserwüste,
Hinter mir liegt nur Kummer und Elend,
Und über mich hin ziehen die Wolken,
Die formlos grauen Töchter der Luft,
Die aus dem Meer, in Nebeleimern,
Das Wasser schöpfen,
Und es mühsam schleppen und schleppen,
Und es wieder verschütten ins Meer,
Ein trübes, langweilges Geschäft,
Und nutzlos, wie mein eignes Leben.

Die Wogen murmeln, die Möwen schrillen,
Alte Erinnerungen wehen mich an,
Vergessene Träume, erloschene Bilder,
Qualvoll süße, tauchen hervor!

Es lebt ein Weib im Norden,
Ein schönes Weib, königlich schön.
Die schlanke Zypressengestalt
Umschließt ein lüstern weißes Gewand;
Die dunkle Lockenfülle,
Wie eine selige Nacht,
Von dem flechtengekrönten Haupte sich ergießend,
Ringelt sich träumerisch süß
Um das süße, blasse Antlitz;
Und aus dem süßen, blassen Antlitz,
Groß und gewaltig, strahlt ein Auge,
Wie eine schwarze Sonne.

O, du schwarze Sonne, wie oft,
Entzückend oft, trank ich aus dir
die wilden Begeistrungsflammen,
Und stand und taumelte, feuerberauscht –
Dann schwebte ein taubenmildes Lächeln
Um die hochgeschürzten, stolzen Lippen,
Und die hochgeschürzten, stolzen Lippen
Hauchten Worte, süß wie Mondlicht,
Und zart wie der Duft der Rose –
Und meine Seele erhob sich
Und flog, wie ein Aar, hinauf in den Himmel!

Schweigt, ihr Wogen und Möwen!
Vorüber ist Alles, Glück und Hoffnung,
Hoffnung und Liebe! Ich liege am Boden,
Ein öder, schiffbrüchiger Mann,
Und drücke mein glühendes Antlitz
In den feuchten Sand.

 

 

 

 

 

 

© Heinrich Heine