von Autos und Menschen

Wir trafen uns gestern zum gemeinsamen Mittagessen wie gewohnt beim Italiener direkt an der kleinen Blau — ein zauberhaftes Plätzchen zum Reden. Leider hatte ich mich dieses Mal signifikant verspätet, da am Vormittag die A8 im Gebiet des Albaufstiegs zwischen Mercedes-Stadt und BMW-Stadt wegen eines Unfalls für einige Stunden wieder einmal komplett gesperrt werden musste.

Was war passiert? Einige unvernünftige Raser hatten mal wieder den Aichelberg hinauf ein privates Wettrennen veranstaltet, wobei ein schwarzer Porsche im weiteren Verlauf der Strecke oberhalb von Wiesensteig mit Karacho in die Leitplanke raste und der Fahrer dabei den Tod fand. Die Folge davon war, dass der gesamte dreispurige Autobahnverkehr Richtung Osten über eine einspurige Landstraße Richtung Münsterstadt umgeleitet werden musste; jede/r kann sich ausmalen, was das bedeutet, also insbesondere gestern Vormittag für mich da mittendrin.

Somit ging es neunzig Minuten lang via Umleitung Stopp-and-go in einer Megaautoschlange voran; für mich normalerweise der absolute Horror; aber ich wollte ja unbedingt einen meiner Brüder treffen und das setzte dann auch bei mir ganz besondere Geduld und Spucke frei. Außerdem hatte ich gute Musik eingepackt, wohl in weiser Vorausahnung, und so hörte ich schon auf der Hinfahrt Bachs Goldbergvariationen in einer teils irrwitzig schnell gespielten Fassung von Andrej Gawrilow, die interessante zweite Warpaint-CD sowie ein paar Oldies von den Searchers und Shadows zum Mitsingen und Mitträllern. Unterwegs rief ich meinen Bruder kurz an und teilte ihm den Grund meiner Verspätung mit. Er wartete natürlich in der Münsterstadt auf mich.

Wir aßen unsere leckeren Pilzpizzen im Sonnenschein am Flüssle und palaverten noch ein wenig unbestimmt vor uns hin. Anschließend schlenderten wir langsam durchs zauberschöne Fischerviertel bis hinunter zur Donau, wobei wir uns slalommäßig durch einen Samstagsflohmarkt fortbewegten. Am großen Fluss ging erstaunlicherweise kaum Wind, es war schwül. Einer von uns beiden griff das Thema des Tages wohl, Autounfälle, plötzlich wieder auf, während wir unseren Walk gen Norden direkt am Rande der Donau begannen, so wie immer, wenn wir uns hier zum Gedankenaustausch treffen — und das tun wir ja nun schon seit vielen Jahren.

Da war zunächst einmal Vaters Autounfall mit anschließendem Finanzkollaps unserer gesamten Familie: Kollision auf der früheren Solitude-Rennstrecke – beim „Ausfahren“ seines neuen (Renn-)Autos – mit einem Traktor, der plötzlich aus dem Wald vor ihm auftauchte; die Folge davon: maximal geschrotteter nagelneuer Alfa Romeo, keine Kaskoversicherung, anschliessend kein Geld mehr, der Anfang einer lebenslangen Schuldenmaläse; ihn selbst behüteten die Engel, nur kleinere Verletzungen gab es für unseren Vater damals.

Dann war da „mein“ Autounfall als Mitfahrer bei drei anderen Oberstufenschülern kurz vor dem Abitur (diesen Unfall habe ich bereits früher einmal in diesem Weblog beschrieben (https://finbarsgift.wordpress.com/2013/10/10/unfalltrauma/); wir fuhren mit achtzig Sachen gegen einen Baum, aber überlebten gottlob alle mit teils schweren Verletzungen) und

da war der lebenstiefeinschneidende, furchtbare Autounfall meines Bruders vor einigen Jahren.

Bisher hatte er mir von sich aus noch nie die Details dazu schildern wollen, vielleicht auch können, keine Ahnung, aber gestern dann doch plötzlich, wie war ich froh. Und unter Tränen teilte er mir dann mit vielen Worten mit: Seitlicher, harter Zusammenstoß mit einem anderen Auto, dessen neunzehnjähriger Fahrer (später nachweislich) 1,7 Promille Alkohol im Blut hatte, auf dem Beifahrersitz sein sechszehnjähriger Bruder, der auf der Stelle tot war, quasi weil mein Bruder direkt mit seinem Auto (er war vollkommen unschuldig) in jenen Bruder hineinbrauste (keine Gurte, keine Airbags). Die damals noch sehr junge Ehefrau meines Bruders verlor bei der brutalen Kollision ein Auge, überlebte aber mit Schutzengel an Bord, so wie auch er selbst, nach drei Tagen im Krankenhaus im Koma.

Nach der ausführlichen Schilderung seines Lebensautounfalls musste ich erst einmal tief durchatmen; wir stoppten unseren Walk an der Donau entlang und ich umarmte ihn lange; sehr lange drückte ich ihn an mich, dabei redeten wir nicht.

Die Dinge des Lebens können sich manchmal vom einen auf den anderen Moment komplett verändern… und zurück bleibt dann das einstmals erlebte Partnerglück, das immer weiter in die Vergangenheit eintaucht, aber niemals ganz verschwindet.

Wenig Zeit nach dem Unfall ließen sich mein Bruder und seine erste Frau scheiden, gottlob hatte diese Ehe keine Kinder; seine ehemalige Frau hat danach bis heute nicht wieder geheiratet und lebt irgendwo in der Nähe von ihm, seit damals mit einer noch immer nachwirkenden, massiven Gehirnerschütterung und einem Glasauge und fürchterlichen Erinnerungen.

Weil es immer schwüler wurde im Tal des ewigen Flusses, kürzten wir dieses Mal, an jenem denkwürdigen Gedankenaustausch gestern, unseren Walk etwas ab, verließen die ruhig dahin strömende Donau und drehten nach links hoch wieder Richtung Innenstadt. Schon lange wollte ich endlich einmal in die Kunsthalle der Münsterstadt gehen, vor allem, weil mein alter philosophischer Freund mir schon vor längerer Zeit mal während einer unserer vielen Gespräche mitgeteilt hatte, dass es dort eine Reihe schöner moderner Werke von Ives Klein, Victor Vasarely, Hans Peter Reuter, Richard Lohse, Andy Warhol, Keith Haring und vor allem auch das Gemälde o.T. (Nr. 14), 1963 von Mark Rothko zu sehen gäbe.

Wir hatten sogar Eintrittsglück, denn ausgerechnet gestern kamen wir kostenlos in die Kunsthalle Weishaupt, warum auch immer, toll! So viele wundervolle moderne Kunst, auf nur zwei kleine Etagen verteilt, das war einfach wohltuend nach all diesen Geschichten von Autos und Menschen. Und als ich endlich vor dem Rothko stand, glitt mir nur noch der Satz von den Lippen, in Richtung meines Bruders gesprochen: Ist dieses Gemälde nicht zauberschön? Und er nickte sachte, sprach nun nicht mehr, aber wir hatten ja auch schon genug geredet für den Tag.

Vor der Kunsthalle verabschiedeten wir uns wie stets sehr herzlich voneinander und er ging Richtung Hauptbahnhof und ich durch die sehr schöne alte Rabengasse bis zu einem der Parkhäuser.

Auf der Heimfahrt hatte ich mehr Glück als auf der Hinfahrt zum brüderlichen Treffen, denn völlig flüssig ging es mit dem Auto auf der A8 Richtung Kesselstadt voran, manchmal fühlte ich mich wie frei schwebend, vor allem den Drakensteiner Hang hinunter und anschließend den Aichelberg, wobei die mitgebrachte Musik dem Auto und mir wieder einmal Flügel verlieh, so schien es, körperlich und geistig, alle Unfallgedanken des Tages beiseite wischend, sang ich zusammen mit den Searchers: Someday we’re gonna love again…

 

 

 

 

 

 

© finbarsgift

Advertisements

Im Meer zu zweit

 

Wir sind zusammen im Meer und schwimmen wie in einem Makrelenschwarm,
irgendeine grazile Bewegung von dir zieht die gleiche Bewegung von mir nach sich.
Ich drehe mich zu dir und du handelst innerhalb von Sekundenbruchteilen ebenso,
ich suche deinen weichen Mund und du stehst schon kurz davor meinen zu küssen.

Wir liegen zusammen im Meer, im vollkommenen Einklang, und verstehen uns blind.

Wir sind zusammen im Meer und gehorchen dabei anderen Gesetzen als an Land,
wir bewegen uns vor allem auch hüllenlos und fühlen uns frei wie fliegende Fische.
Ich drehe mich zu dir und sehe sicherlich aus wie ein dauergrinsender Tümmler,
du lächelst mich zärtlich an und umschmeichelst mich wie ein glücklicher Delphin.

Wir schweben zusammen im Meer, im absoluten Gleichklang, und verstehen uns taub.

Wir sind zusammen im Meer und tummeln uns jenseits der sich brechenden Wellen,
hinter jenem Punkt, an dem das Wasser sich noch nicht bahnbrechend überstürzt,
dort wiegen wir uns in Sicherheit hin und her, ergeben wir uns in Ruhe und Zeit
hin-und-her-schaukelnd ganz unserer Liebe, fernab von allem Tun der anderen.

 

 

 

 

 

 

© finbarsgift

am strand

 

ockerfarbene langsam abbröckelnde sanddünen
besprenkelt von wiegenden braungrünen gräsern
in der hoffnung auf erlösenden ausgiebigen regen

grauweisse wattebauschig regungslose wolkentürme
schwebend umrahmt vom bläulichsatten himmel
mit langgestrecktem verwischten kondensstreifen

grünschwarze tosend anstürmende meereswellen
gigantisch gischtend vom strand bis zum horizont
feinlinierte schnittmenge von ozean und himmel

 

 

 

 

 

 

© finbarsgift