die tage ziehen ins land

die tage ziehen ins land,
das interesse an allem verblasst,
das lachen eines grünspechts kreuzt
meinen immer ausgelaufeneren lebenspfad.

was wird noch kommen? wohl kaum mehr was überraschendes,
kann das zweidimensionale, eigentlich ziemlich primitive leben
auf der oberfläche dieses dreidimensionalen schönplaneten
denn auf irgendeine art und weise wirklich von wichtigkeit sein?

jedenfalls nehme ich z. B. gelangweilt zum x.ten male zur kenntnis
dass sich die israelis und die palästinenser wieder einmal im namen
gottes und allahs gegenseitig über alle maßen herzlich umarmen und
sogar lieben bis in den gewaltseeligen tod.

und ich muss sagen, dass das mich wie sonst kaum was anödet,
ebenso wie jeder andere sogenannte notwendige krieg mich nicht mehr berührt,
denn er dient eh nur dazu, die gigantischen waffenarsenale ein wenig abzubauen,
die die industrie laufend produziert zur erhaltung lebenswichtiger arbeitsplätze.

wie absurd mir das alles vorkommt, das wage ich eh kaum mehr zu schreiben,
geschweige denn irgendjemandem öffentlich zu sagen, denn da werde
ich dann eh immer nur milde belächelt oder kommunist geschimpft,
wenn ich meine kritikworte in die heiligen hallen der geldsäcke hineinkacke.

die tage werden weiterhin so wie bisher ins land ziehen,
das interesse an allem wird bei mir von tag zu tag noch mehr verblassen,
die leistungsmobilgetriebenen menschen werden mich immer mehr hassen,
wenn ich weiter herummäkele an allem, nur der lachende grünspecht wohl nicht.

 

 

 

 

 

© finbarsgift

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Einmal haben (Bobrowski)

 

 

Einmal haben
wir beide Hände voller Licht –
die Strophen der Nacht, die bewegten
Wasser treffen den Uferrand
wieder, den rauhen, augenlosen
Schlaf der Tiere im Schilf
nach der Umarmung – dann
stehen wir gegen den Hang
draußen, gegen den weißen
Himmel, der kalt
über den Berg
kommt, die Kaskade Glanz,
und erstarrt ist, Eis,
wie von Sternen herab.

Auf deiner Schläfe
will ich die kleine Zeit leben,
vergeßlich, lautlos
wandern lassen
mein Blut durch dein Herz.

 

 

 

© Johannes Bobrowski

 

liebevolle augenblicke

 

 

ich sehe in ihre augen und
minileuchtfeuer strahlen mir
entgegen wie glühwürmchen

 

 

ich erschrecke ein wenig und
zucke vor ihr sanft zurück und
sie lacht laut auf gen himmel

 

 

das macht mir nichts denke ich
und werde noch viel viel mutiger
verdammt auf teufel komm raus

 

 

ich versuche sogar von ganz nah
hinter ihre augen zu schauen und
erblicke wasserkaskadenfontänen

 

 

ich bin es nun der lustvoll lächelt
und sie voller eifer an mich zieht
wasserbespritzt und voller feuer

 

 

© finbarsgift

Raser verlieren oder kommen früher… in den Himmel

 

 

Direkt nach der Arbeit inmitten der schwülheißen Kesselstadt hatte ich heute mal wieder das ganz starke Bedürfnis, mich mit meinem Töff noch sozusagen ein wenig bis hoch in die Lüfte zu bewegen, sprich von der Stadtmitte aus zuerst die serpentinenartige Straße am schönen Feuersee vorbei, hoch Richtung Westbahnhof, den Birkenkopf passierend, dann an den Bärenseen entlang, die ehemalige, sehr kurvenreiche Solitude-Rennstrecke zu erreichen.

 

Dort angekommen, begrüßte mich gleich mal eines der vielen, sicherlich gut gemeinten, aber letzten Endes völlig unnötigen Schilder „Raser verlieren“ (untermauert mit dem Bild eines gestürzten Motorradfahrers) und ich machte mich mit dem Gaszug gleich mal auf die Strecke. Zuerst entlang des endlich herrlich neu geteerten Mahdental-Teilstücks, das ich immer sehr genieße, denn eine feine Kurve folgt sofort der anderen, ein Schweben und Wiegen, das seinesgleichen sucht. Diese wunderschöne Waldstrecke ist so ca. 2 km lang, dann geht es nach dem ADAC-Übungsgelände, am Glemseck, links ab, sofern man nicht geradeaus nach Leonberg will.

 

Immer wieder säumen links und rechts der nun folgenden extrem kurvigen Strecke gepflegte kleine Kreuze die ehemalige Formel-Eins-Rennstrecke, die an auf diesem Teilstück tödlich verunglückte Motorradfahrer vor allem erinnern sollen, was immer mal wieder vorkommt, obwohl dieser Rundparcours ja schon seit vielen vielen Jahren keine offizielle Rennstrecke mehr ist. Von manchen Menschen, die wohl nicht hören und/oder fühlen können/wollen, wird dies aber leider nur zu oft noch immer nicht wahrgenommen.

 

Eigentlich ist die ganze ehemalige Solitude völlig ungefährlich, wenn man sich an die Geschwindigkeitsbeschränkungen entlang des Weges hält, aber fast niemand macht das natürlich, dazu ist sie einfach zu verlockend kurvig und einfach wunderschön eingebettet in die waldige Landschaft, nicht einmal die Pendler zwischen dem Berg des Löwen und der großen Kesselstadt.

 

Ich allerdings fahre niemals sehr viel schneller als erlaubt, schließlich bin ich kein Rennfahrer und war das auch nie, weder mit meinem Auto (so wie mein Vater als Amateur), noch heute mit dem Motorrad, sondern ich bin voll und ganz ein Genießer dieser herrlichen Kurvenwelten inmitten des Waldes — die Natur erfahren, und das im wahrsten Sinn des Wortes, das ist und war schon immer mein Lebensmotto, so auch hier, vielleicht bin ich ja auch gerade deswegen immer noch am Leben.

 

Und bevor ich die Solitude-Rennstrecke für heute verließ und von dort aus ganz brav mit 50 km/h mitten durch die Kesselstadt bis nach Hause fuhr, da warf ich noch rasch einen erneuten Blick auf die andere Variante der Warnschilder an der Strecke: „Raser kommen früher… in den Himmel“ und musste dabei an meinen toten Vater denken, der hier wirklich mal vor vielen Jahren entlang raste und bei einem Unfall schier zu Tode kam. Vielleicht wollte ich ja eigentlich ihn heute auf der Strecke suchen, seine Solitude suchen, erspüren, seiner Solitude nachspüren, wer weiß das denn schon wirklich.

© finbarsgift