kesselstädtisches Türmle

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© finbarsgift

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Motorradliebe – nur fliegen ist schöner

 

Ich kannte mal einen Vater; das war so vor einigen Jahren in der Schweiz, der liebte seinen einzigen Sohn genauso sehr wie ich meine Söhne. Manchmal trafen wir uns in ZH zu einer gemeinsamen Motorradtour in die Berge Graubündens. Wir liebten beide das Töfffahren ungemein; er nahm dabei auch öfters mal seinen motorradbegeisterten Sohn mit. Und so hatten wir zusammen wunderbare Erlebnisse in Sachen „Natur erfahren“ (im wahrsten Sinn des Wortes), beschleunigen, dahindüsen, Serpentinen vorsichtig doch gekonnt meistern, möglichst nicht (ab)stürzen natürlich, Gerüche sammeln, usw. usf., all das eben, was das Motorradfahren so einmalig faszinierend macht, denn nur fliegen ist schöner, so auch die Meinung meiner beiden Töfffreunde.

Eines Tages war der Sohn meines Freundes alt genug und machte sofort den Motorradführerschein, denn er wollte ja endlich selbst gierig lenken, schalten, beschleunigen, bremsen, da nur das Selbsttöfffahren dir das wahre Motorradgefühl vermittelt; es war also kein Wunder, dass ihm der Führerschein fürs Töff quasi mit “Summa cum laude” ausgehändigt wurde. Und so machten wir ab da dann zu dritt unsere Kurvenbergtouren, manchmal sogar zu viert, fünft oder gar zu sechst, je nachdem, wie viele Sozia (meistens Frauen) sich zuvor für diese erlesenen Alpentouren noch bei uns gemeldet hatten; eine schöne Zeit war das damals, eine sehr schöne Zeit sogar.

Nach einigen Jahren musste ich aber leider aus verschiedenen Gründen die schöne Schweiz wieder verlassen (Anordnung der Fremdenpolizei dort: keine weitere Aufenthaltsgenehmigung mehr für diesen Deutschen) und zog nach Bavaria, sozusagen dem zweitschönsten Land in Europa nach der CH. Dort ging ich zunächst jeden Tag bei einer Großfirma tagsüber acht Stunden arbeiten und danach – es war Sommer und wegen der Sommerzeit ewig noch hell – fuhr ich von dort aus oft dann noch allein mit meinem Töff in die Berge, nach Garmisch, nach Berchtesgaden, nach Mittenwald, oder nach Österreich: Ausgangsstationen für meine Bergtouren.

Eines Tages marschierte ich mal ein verlängertes Wochenende lang – nachdem mich meine rote Suzuki bis nach Innsbruck gebracht hatte – mit vollgepacktem Rucksack allein durchs Karwendelgebirge, ein besonders schöner Teil der Nordalpen, den ich immer noch sehr liebe, übernachtete am Ende des ersten Tages in der Pfeishütte in der Nähe des beeindruckenden großen Lafatschers.
Tags darauf machte ich mich auf zur Besteigung der drei Ödkarspitzen, was – vorbei an schier unendlich vielen, noch schlafenden Salamandern auf dem Pfad nach oben – dann auch prima gelang.

Bei der Querung hinüber zur Birkkarspitze allerdings bekam ich plötzlich ein total mulmiges Gefühl im Bauch, das eine Weile lang nicht mehr aufhören wollte.
Es war hier oben ein sehr dichter Nebel.
Ich war wegen beidem – Bauch und Nebel – reichlich irritiert und in einem Moment der Unachtsamkeit stolperte ich plötzlich über eine kleine Felsspitze, rutschte aus, fiel hin und kullerte auf einen Abgrund – nur wenige Meter entfernt – rasch zu, von wo aus es fast tausend Meter in die Tiefe ging.

Gerade noch rechtzeitig konnte ich mich wieder fangen, krallte meine Finger in die aufgeraute Oberfläche des steinigen Bodens und stand im dichten Nebel – dicht am Abgrund – leicht zitternd wieder auf.
Kaum auszudenken, wenn ich damals abgestürzt wäre… zumindest könnte ich dann diese Buchstaben im Hier und Jetzt wohl nicht mehr tippen.
Nachdem ich die Birkkarspitze daraufhin auch erobert hatte, fehlte mir nun nur noch der große Bettelwurf als ein weiterer Dreitausender in meiner Sammlung von erstiegenen Alpengipfeln, was spielend und ohne größere Vorfälle gelang.

Ich übernachtete in der Bettelwurfhütte etwas unterhalb des Gipfels auf engstem Raum, muffig zusammengepfercht mit ca. 20 anderen Bergsteigern und Bergwanderern.
Bevor ich einschlief, dachte ich nochmals zurück an den (wohl tödlichen) Beinaheflug von der Birkkarspitze bis hinunter ins Tal und von dort aus wanderten meine Gedanken hin bis zu meiner Begleiterin unten im Inntal, meiner Suzuki, die treu in Innsbruck auf mich wartete, auf die ich mich immer verlassen konnte und auf die ich mich immer schon oben auf den hohen Berggipfeln wieder freute, so auch dieses Mal kurz vorm Einschlafen von der Bettelwurfhütte aus.

Nach dieser Karwendeltour, die nach der Besteigung des Bettelwurfs ihr Ende fand, hatte ich allerdings seltsamerweise auch bei meinem Abstieg hinab ins Inntal damals bis zu meinem roten Töff weiterhin ein eigenartiges, sehr mulmiges Gefühl im Bauch, wenn auch der sehr dichte Nebel inzwischen komplett wieder verschwunden war …, was hatte das nur zu bedeuten? Oder wurde ich etwa krank?

Nun, im Nachinein gesehen, war das wohl eine „Antizipation der ganz besonderen dritten Art“, oder auch eine „gewisse parapsychologische Anwandlung“, da oben bei der Querung zwischen Ödkarspitzen und Birkkarspitze – dieser Fastabsturzflug in den Tod -, so versuche ich mir das jedenfalls heute zu erklären, denn den Grund wohl dafür erfuhr ich einige Tage später, als ich diesem motorradbegeisterten Vater in der Schweiz von meiner zauberschönen Töffbergkombitour via Telefon berichtete und somit ihn quasi und seinen Sohn an meiner Begeisterung darüber nachträglich noch etwas teilhaben lassen wollte.

Aber was ich dann bei meinem Telefonat mit diesem Vater erlebte, traf mich wie ein kalter Totschlag und verstärkte meine Bauchschmerzen und ließ mich lange Zeit wie erstarrt elendiglich im Raum verharren, mit dem Hörer auch nach dem Telefonat noch lange in der Hand. Denn der Vater berichtete mir mit roboterhafter, monotoner, fast lebloser Stimme: „Stell dir vor, mein lieber deutscher Töfffreund, mein Sohn wurde nur 20 Jahre alt, denn er ist schon tot; er fuhr vor einer Woche mit seiner brandneuen Suzuki Hayabusa, die er sich über alles von mir gewünscht hatte, mit 300 Stundenkilometern in den blitzschnellen Tod; weder er, noch der Traktorfahrer, hatten sich je zuvor gesehen und hatten auch keine Gelegenheit mehr sich je gegenseitig überhaupt wahrzunehmen oder gar kennenzulernen, so schnell erfolgte der Aufprall. Die Hayabusa meines Sohnes bohrte sich wie eine Rakete in den so plötzlich im Weg stehenden Traktor und alles mutierte zu einem einzigen Feuerball; nichts war danach mehr erkennbar als das, was es zuvor einmal gewesen war, und auch von beiden betroffenen Menschen, einer davon war mein geliebter Sohn,  gab es keine feststellbaren Spuren mehr…“

 

 

 

 

 

 

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