Flug nach Rom zu meinem Freund Marc (2)

Direkt auf dem meditativ-sonoren Klangteppich der Strahltriebwerke der Boeing spielte der bekannte russische Pianist (und Dirigent und Komponist) Michail Pletnev da nun mitten in meinen Ohren die Sonata K141 in d-moll von Domenico Scarlatti, die sogenannte Toccata, eines der bekanntesten Virtuosenstücke des Barockers, das vor vielen Jahren auch Martha Argerich mal berühmt machte.

Und so wurde ich von meiner Konzentration auf Marcs Sprüche in seinem Buch „Wege zu sich selbst“ etwas abgelenkt, was aber natürlich weder mir, noch diesem genialen Sprücheklopfer irgendetwas ausmachte, denn über den ersten Teil des 49. Spruches im 6. Abschnitt, unsere Körper(gewichte), hatte ich ja eh nun mal wieder genug nachgedacht:
“Ärgert es dich, dass du nur so viel Pfund wiegst und nicht mehr?  So sei auch nicht ärgerlich darüber, dass dir nicht länger zu leben bestimmt ist. Denn wie jeder zufrieden ist mit seinem Körpergewicht, so sollten wir alle auch zufrieden sein mit der uns zugemessenen Lebensdauer.”

Die flinken Finger des russischen Virtuosen zauberten gekonnt eine sehr schnelle Interpretation dieser Sonata hervor. Und während ich mit den Ohren innerlich immer begeisterter den irrwitzig herausgespielten Triolenwiederholnoten des Hauptthemas auf einem Ton folgte, schaute ich mit meinen doch irgendwie müden Augen zur Seite und zum Fenster hinaus, wo sich mir eine ganz zauberhafte, einmalige Aussicht darbot, denn wir flogen gerade direkt über den  schneeundeisweißen Alpenhauptkamm hinweg und ich konnte bei herrlich klarer Sicht bis hinunter zu den kleinen Dörfern inmitten der zum Teil weit ausladenden Alpentäler blicken: Das Leben konnte doch durchaus sehr, sehr schön sein.

Doch zurück noch kurz zum zweiten Teil des 49. Spruches des 6. Buches von Marc Aurel, zur Lebensdauer, zum Sterben, also was ist denn nun mit dem Tod, des Spruches eigentlichem Thema?
Mein derzeitiger Eindruck: Den verdrängt nach wie vor jede/r, so gut es geht, hab ich das Gefühl, vor allem jene neue, joviale Handy-Generation, die in den sogenannten sozialen Netzen das ewige Leben zelebriert; aber zum Beispiel auch jene Anhänger/innen der Carpe-Diem-Zunft, die sich wie wild anstrengen, stets nur den heutigen Tag gelten zu lassen und so intensiv wie möglich in ihn hineinzuleben, mit dem für mich immer so seltsam klingenden Spruch auf den Lippen: „Pflücke den Tag.“

Wie soll denn das überhaupt konkret funktionieren, in einer Zeit, in der wir Multitasking-mäßig andauernd, schon anhand unserer (Termin-)Kalender in allen drei Zeiten des Lebens aktiv agieren (müssen), also auch der Zukunft, und die Zukunftsplanung sogar einen wesentlichen Teil unseres gegenwärtigen Lebens ausmacht (z.B. Kinderplanung, Urlaubsplanung), und in der Zukunft bekanntermaßen ja auch der Tod auf jeden/jede von uns Menschen wartet (um wieder auf ihn zurückzukommen), wir aber i.d.R. nichts von ihm wissen wollen, ihn sicherlich nicht mit einplanen.
Und über das wertvolle, gelebte eigene Dasein, die Vergangenheit samt Erinnerung nur tönen: das war einmal, das ist vorbei, das interessiert mich Carpe-Diem-ler doch nimmer…
was für ein Unsinn, Irrwitz, Humbug!

Philosophieren heißt sterben lernen, so einmal Sokrates in Platons bekanntem Dialog Phaidon.
Auch Montaigne hat in seinem berühmten Essay über die Kunst des Loslassens ähnliches, weiterführendes dazu gesagt: Philosophieren heißt sterben lernen, und sterben lernen heißt leben lernen.
Weiterhin hat Platon zum Thema Tod vor ewigen Zeiten schon geschrieben, und das finde ich auch heute immer noch zauberschön: „Niemand weiß, was der Tod ist, ob er nicht für den Menschen das größte ist unter allen Gütern. Sie fürchten ihn aber, als wüssten sie gewiss, dass er das größte Übel ist.“

In diesem Sinne möchte ich zum Umgang mit der begrenzten Lebensdauer, dem Sterben, der Todesperspektive, die wir ja alle haben, den Tod, den wir alle ohne Ausnahme irgendwann einmal erleben werden, noch ein zweites Korollar zu Marcs 49. Spruch im 6. Buch formulieren:
„Stelle dich immer mal wieder am Morgen nach dem Aufstehen vor einen Spiegel in deiner Wohnung/deinem Haus, der dich in voller Länge und Breite zeigt und spreche laut und deutlich zu dir selbst: Auch ich werde eines Tages sterben (müssen); ich danke Mutter Allnatur dafür, dass dies gemäß ihren natürlichen Regeln geschehen wird und ich dann zu gegebener Zeit eine von ihr gewollte, angemessene Weiterverwendung im Rahmen der großen, ewigen Metamorphose ihres zauberschönen Universums finden werde.“

Während sich in meinen Ohren eine meiner liebsten Sonaten von Scarlatti immer mehr breitmachte, nämlich die K27 in h-moll (alle seine Mollstücke sind eine absolute Offenbarung, so wie das ja bei Mozart auch der Fall ist), überflog ich diesen klugen, mich beruhigenden 49. Marcspruch noch einmal und bemerkte dabei, dass sich meine Augen immer müder anfühlten; ich schaute zufrieden im Flugzeug vor mich hin, machte eine kleine Denkpause und lauschte der angenehmen Musik von Scarlatti, die sich wohlig in meinem Ohr, meinem Kopf, meinem gesamten Körper bemerkbar machte. Ich betrachtete die Menschen im Flugzeug und was sie alles so taten und stellte allmählich eine immer angenehmere Müdigkeit in meinem gesamten Körper fest. Ich gab mich ihr kurzentschlossen hin und schlief bald darauf während des Fluges nach Rom zu meinem Freund Marc ein.

 

 

 

 

 

© finbarsgift

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23 Kommentare zu “Flug nach Rom zu meinem Freund Marc (2)

  1. bruni8wortbehagen sagt:

    Ein wunderschöner und auch gelassener Text zum Sterben, lieber Finbar, mit dem wir uns alle beschäftigen und der uns doch so fremd ist… und es wohl bleiben wird, ganz egal, wie oft wir ihn mit nahen oder auch ferneren Menschen erleben, wir fassen ihn nicht in seiner Größe.
    Über MEINEN Horizont geht er hinaus, vielleicht ist es bei anderen anders.

    Wie gut ist dieser Spruch:

    Philosophieren heißt sterben lernen, und sterben lernen heißt leben lernen

    Mit einer solch feinen innigen und einfühlsamen Musik voller Lebensfreude zu einem Besuch des besonderen Freundes aufzubrechen und genußvoll schlafend in SEINER Stadt anzukommen, das hätte schöner und entspannter nicht sein können.

    Pflücke den Tag, ach ja, seit ich zum ersten Mal diesen auffordernden Satz hörte, befremdete er mich etwas u. ich wußte nicht genau, wieso es so ist, vermutlich die Formulierung an sich 🙂
    Ich pflücke alles mögliche, aber den Tag zerpflücke ich eigentlich nie *g*. Ich lasse ihn wie er ist und nehme ihn an, wie er kommt, was sollte ich auch anderes tun…

    Bei einer lieben Freundin schrieb ich vor einigen Tagen mal, weil sie auch auf das Tabu zu sprechen kam, mit dem wir ihn umlegen, diesen Tod, der jeden trifft – irgendwann –

    Wir leben nicht mit ihm, aber wir sterben mit ihm

    und auch heute sehe ich es so. Müßte ich ständig mit ihm leben, wäre mein Leben zu sehr von ihm beeinflusst und es reicht mir, wenn ich weiß, er kommt, wann es ihm passt. Ich kann ihn nicht aufhalten, er ist stark und eine mir unbekannte Macht, die ich annehmen muß, ob es mir passt oder nicht.

    Ich danke Dir für diesen neuen Marc-Text. Jeder Deiner Marc-Texte war mir lieb und teuer und immer aus anderen Gründen (wobei einige gleich blieben) und heute hast Du wieder diesen Ton getroffen, den ich sooo gut verstehe und mag.

    Herzliche Grüße zum frühen Mittag von Bruni

  2. wow, lu, das ist rundum toll!
    so weise, und wie du das thema mit der musik umspielst, ist echt gekonnt, und wunderbar.
    seltsamerweise habe ich heute ähnliche gedanken gehabt, die ziemlich genau platons worte, die du hier zitierst, zum thema haben. irre.
    das hab ich sehr gern gelesen, und da ich es in einem rutsch gelesen habe, werde ich es sicher nochmals in ruhe lesen.
    ganz liebe grüße dir!
    diana

  3. Karin sagt:

    Fundstück aus meiner Sammlung, es paßt zu Deinen Gedanken lieber Lu

    Ohne Davor, ohne Danach,
    das Jetzt kann morgen zu Ende sein,
    in fünzig Jahren
    oder in fünf Minuten.
    Das macht es so kostbar…
    und so schrecklich.

    (Elsa Osorio)

    ich wünsche einen geruhsamen Abend

  4. hannascotti sagt:

    Tabu – Bruch ? ! ? !

    Als Hospizmitarbeiter kennen wir den Tod, aber kennen wir ihn wirklich ? Ich meine nicht die Sinnfragen, woher wir kommen und wohin wir gehen, sondern was ganz praktisch geschieht, zum Beispiel mit dem toten Körper. Wir begleiten einen Sterbenden liebevoll und mit Achtung bis zu seinem letzten Atemzug wenn er es möchte und stützen die Angehörigen so gut wir es können. Der Verstorbene wird liebevoll in eine Decke gewickelt, vielleicht wird auch das Fenster geöffnet, damit die Seele es leichter hat zu fliegen, wo immer wir glauben, dass sie hin möchte. Und dann ?
    Wir überlassen uns dem Schmerz des Abschieds und sorgen für uns selbst. Nur wenige Menschen sind bereit, ihrem Toten den letzten intimen Dienst zu erweisen und ihn zu waschen und anzukleiden. Irgendwie ist da eine Scheu. Das scheint nicht mehr unser Vater, unsere Mutter, unser Geliebter, unser Kind zu sein. Dieser Prozess des Verfalls passt nicht in unser ästhetisches Empfinden, wir überlassen das gerne anderen, den Bestattungsunternehmern.
    Ich will es wissen, mir fehlt ein wichtiges Glied in der Kette vom Leben zum Tod, deshalb telefoniere ich mit Frau Sender vom Beerdigungsinstitut und trage mein Anliegen vor. Sie lädt mich zu einem persönlichen Gespräch ein. Nachdem ich mit klopfendem Herzen in einem sympathisch – hellen Entree empfangen worden bin, sitzen wir uns in ihrem großen Büro gegenüber. Diese aufmerksame Frau fragt mich geradeheraus und klar nach den Gründen meines Anliegens. Und dann entspannt sich ein so tiefes und liebevolles Gespräch, dass ich mich sehr gut aufgehoben und verstanden fühle. Herr Schramm, der Thanatologe kommt noch dazu und vervollständigt diesen Eindruck mit seiner ruhigen und kompetenten Art. Herr Paegelow, der die Gespräche mit den Angehörigen führt, sich um die Papiere und den Ablauf der Trauerfeier kümmert, lädt mich ebenfalls herzlich ein, ihm bei seiner Arbeit sozusagen über die Schulter zu sehen. So habe ich nun die Chance, den gesamten Weg einer verstorbenen Frau durch alle Instanzen des Prozessen zu begleiten.
    Da ich selbst trauernde Menschen professionell begleite, ist es nicht so schlimm, dass ich zu dem Termin mit den Angehörigen nicht kommen kann, zumal Herr Peagelow mich in Auszügen über das Gespräch informiert und mir in den Ablaufplan und die Wünsche Einblick gewährt.
    So kenne ich die Verstorbene also schon ein wenig.
    Nun kommt also der für mich schwierigste Teil. Ich weiß jedoch, dass ich bei Herrn Schramm sehr gut aufgehoben bin. Ich habe bereits mit ihm über meine Ängste gesprochen und fühle mich von ihm verstanden und irgendwie beschützt.
    Zuerst zeigt er mir den großen kühlen Raum, indem die Toten liegen, bevor sie zur Aufbahrung kommen .Ich bin immer noch berührt und erstaunt, wie viele Geschichten tote Gesichter erzählen. Ich will schauen und schauen, aber mit Scheu und Achtung vor ihrem Leben.
    Im Sarglager erklärt Herr Schramm mir die Tischlerei und zeigt mir die Wäschekammer. Jeder Angehörige kann entscheiden, ob persönliche Kleidung, das eigene Kissen und die persönliche Kuscheldecke bevorzugt wird, oder alles blütenweiß und neu sein soll.
    Nun wieder zu der Verstorbenen, ich nenne sie Frau B.
    Sie ist nur vierundfünfzig Jahre alt geworden, also ist sie einige Jahre jünger als ich. Die Unwissenheit über den Zeitpunkt des eigenen Todes huscht durch mich hindurch. Aber zum Grübeln ist keine Zeit. Ich berühre ihr Gesicht und lege meine warmen, lebendigen Hände über ihr Haar. Ihre Haut fühlt sich an wie Pergament, ganz glatt und kühl, irgendwie distanziert, unberührbar, für immer verschlossen. Ich denke, sie hat niemals einen Weg zurück. Ich werde traurig.
    Herr Schramm arbeitet ruhig und konzentriert. Er bettet Frau B. mit kundigen Händen in ihr letztes Ruhelager.
    Und dann reden wir, über seinen Beruf und wie er dazu gekommen ist und wie schwierig es ist, dafür Anerkennung zu finden. Nur wenige wollen es wirklich genau wissen. Wer will denn schon daran denken, das ein junger Mensch, der einen schweren Motorradunfall nicht überlebte, von seinen Angehörigen verabschiedet werden will, ohne das man vor diesem Anblick erschrocken zurückprallt. Ich muss es einfach mal so deutlich sagen. Jeden von uns kann es treffen. Niemand weiß es, absolut niemand kennt das Schicksal. Dann brauchen wir vielleicht Herrn Schramm, damit wir die Illusion eines gnädigen Todes haben können, weil wir es sonst nicht ertragen. Jeder von uns kann ihn brauchen, vielleicht morgen schon.
    Das hier ließt keiner gerne, aber wenn ihr euch mit mir und meiner Geschichte schon so weit vorgewagt habt, dann sollten wir diese Gelegenheit nutzen und Herrn Schramm und seinen Mitarbeitern danken und Achtung haben vor seiner Kompetenz und seinem Können und ihm Fragen stellen und gut auf seine Antworten hören, denn er bringt uns etwas Wichtiges bei über das Leben, über unser eigenes Leben und das unserer Lieben.
    Als ich aus der Tür trete, scheint mir warme Sonne ins Gesicht. In der Straßenbahn schaue ich in lebendige Gesichter. Ein Baby schneidet Grimassen im Schlaf, ein alter Mann träumt lächelnd vor sich hin. Zwei Frauen tratschen grimmig über die unmögliche Nachbarin.
    Ich werde wiederkommen, erstens, weil ich selten so freundlich und offen aufgenommen werde in meinem Leben und zweitens, weil ich mehr über die Schnittstellen von Leben und Tod wissen will und hier Menschen kennengelernt habe, die es besser wissen als ich und obendrein auch noch bereit sind, mich etwas zu lehren.

    • bruni8wortbehagen sagt:

      Es brennt in mir, etwas zu diesem ausfühlichen und ausgesprochen guten Artikel über dieses sogenannte Tabu zu sagen, liebe hannascotti.
      Es ist nicht viel, was mir nun auf der Seele liegt, aber etwas sehr Wichtiges, es ist einfach ein
      DANKE
      und sonst nichts. Es war gut, dies zu lesen, aus vielen verschiedenen Gründen.

    • finbarsgift sagt:

      Wie menschlich wundervoll geschrieben…
      von Herzen möchte ich dir dafür danken 🙂

  5. hannascotti sagt:

    Gedanken zum Tod, mitten im Leben

    Als ich Kind war, wurde meine Urgroßmutter noch im Wohnzimmer aufgebahrt, es wurde gebacken und gekocht für den Leichenschmaus,der Schnaps wurde aus dem Keller geholt, die Erwachsenen hatten rote Augen vom Weinen, die Kinder spielten stiller als sonst. Manchmal ging eins zur Omi, streichelte die gefalteten, wächsernen Hände, drehte sich um und spielte weiter. Das ist erst 60 Jahre her….(zugegeben, auf dem Land).
    Die Scheu und die Fremdheit ist dann langsam und unaufhörlich gewachsen und heute scheint der Tod immer nur andere zu betreffen.

    Ganz gewiss, seitdem ich mich mit diesem Thema beschäftige, ist mein Leben „lebendiger“ geworden.

    Wenn wir uns weiter so verhalten und Krankheit, Altern und Tod ausblenden, werden wir in Kürze in einem Dilemma enden, das „jeden Menschen“ betrifft. Du bekommst zum Beispiel als Demente einen Roboter zum Kuscheln und deine Inkontinenz – Windeln werden im Akkord von einer Maschine gewechselt. Der einzige Mensch, der dich gelegentlich betreut, wird nicht unsere Sprache sprechen.
    Da hilft auch keine finanzielle Vorsorge.
    Man könnte jetzt denken, ich sei ein wenig verrückt oder depressiv, wenn ich mich mit diesen Themen poetisch auseinandersetze, aber das Gegenteil ist der Fall. Ich bin Realistin, die den geneigten Leser ganz behutsam an dieses Thema heranführen möchte.
    Es ist wie bei der Spinnenphobie, wir haben Angst und kreischen, aber haben wir sie je genau betrachtet oder gar angefasst.
    Wenn ich die Augen schließe und in mich hineinfühle, war die Haut der toten Frau kühl und knisternd wie Pergament, sehr zart und angenehm.

    So fühle ich mich als eine Art „Bestatterin der Lebenden“, ich mache den Versuch, meine „Todes – Spinnenphobie“ zu lindern, wenn nicht gar zu heilen, mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen : Freude, Witz, Ernst, Trauer, Schmerz und ,nicht zuletzt, mit Poesie.
    Einen lebendigen Tag wünsche ich allen Menschen.

  6. Kadee Mazoni sagt:

    Hallo Lu!
    Schöner Text, die Gedanken bekommen Flügel, fliegen über den Alltag hinweg.
    Doch zu dem Tod: Er ist mir ein Unbekannter, ich kenne ihn nicht. Ich weiß nur; alle reden davon, obwohl sie darüber auch nichts wissen. Nie hat ein Toter etwas darüber berichten können. Wäre ja auch absurd.
    Nach vielen Gängen entlang den Gräbern, nach all diesen Gedanken, den ich mir über ihn machte, stellte ich (für mich) fest: der Tod hat nichts mit mir zu tun. Und eigentlich ist er nur eine Fiktion, ein Wort, das nie richtig ausgefüllt werden konnte. Das ist doch so: es gibt, und es wird nie einen Beweis für seine Existenz geben. Warum also soll ich mich vor den Spiegel stellen und zu mir sprechen: Ich bin sterblich. Ich sterbe jeden Tag, was ich einmal war, das bin ich heute nicht mehr – was ich vermeintlich bin, ist nur eine Erinnerung.
    Zum Tod: Der Irrtum der Menschheit ist, er hätte was mit dem Leben zu tun. Ich jedenfalls empfinde mich, gleich einem Tier, unendlich. Solange ich lebe, bin ich im Leben und das für immer.
    Ewig, ja das bin ich, wir alle sind es, wir, die Lebenden. Warum sich quälende Gedanken über ein vermeintliches Ende machen? Warum sich austoben an einem Gespenst? Der Tod, wenn es denn einer ist, ist unwichtig, ein Augenaufschlag zu irgendeinem Moment. Amor Fati – liebe dein Schicksal; es kommt in leisen Schritten, unvermutet und mitunter ganz plötzlich. Jetzt aber lebe ich und lasse in Gelassenheit die Wolken über mich vorüber ziehen.
    Cu,
    Kadee

    • finbarsgift sagt:

      Hallo Kadee,
      ein wundervoller Beitrag zum Thema, gefällt mir wirklich sehr!

      Und sehe ich nur auf mich selbst, mein Selbst, mein Ego, mein Tod, dann stimme ich dir bei fast allen deiner interessanten Gedanken zum Todesthema zu (Marc Aurel schreibt ja in seinen Selbstbetrachtungen auch ähnliches wie du hier)…

      nur…wie gehe ich dann mit dem Tod von Eltern, Kindern, Großeltern, Freunden usw. um…?!
      Gibt es den auch nicht…?!

      Liebe Abendgrüße
      vom Lu

  7. Kadee Mazoni sagt:

    Hallo Lu!
    Danke auch für Deine Gedanken.
    Der Tod, so meine ich, ist immer der Tod des Anderen, es kann keinen für einen selbst geben. Die Trauer und der Schmerz über den Verlust des Anderen, ist ein Gefühl, das nur mich betrifft. Nicht der Tote muss damit zurecht kommen, sondern der Lebende. Wohin wird derjenige gehen, den wir zu Grabe tragen? Wer weiß es schon? Wird der Mensch, sollte er wieder zurückkehren, sich erinnern können? Ich schließe nichts aus, alles ist möglich.
    Wenn man die Welt genauer betrachtet, so stellt man doch fest, dass alles, was sich um uns herum bewegt, Unendlichkeit ist. Unendlich das Universum, unendlich auch der Flug des Vogels. Die einzige Endlichkeit, die es gibt, befindet sich nur in unserer Phantasie. Wir Menschen sind es, die die Dinge bemessen, damit wir sie erkennen können. Doch dadurch, dass wir dieses „Handwerk“ für uns benutzen, heißt das noch lange nicht, dass das die Wirklichkeit ist. Kein Tier, keine Pflanze und kein Insekt bewegt sich nach unseren Vorstellungen. Es sind unsere Vorstellungen, die wir von ihnen haben. Selbst eine Eintagsfliege lebt nicht einen Tag, sondern für sich ewig.
    Auch unser Leben hat keinen Anfang (wo sollte er schon liegen?) und auch kein Ende (wir könnten es niemals erfassen). In uns pocht eine unbegrenzte Seele, die niemals, solange wir sind, erlischen wird.
    Alles ist wie ein fortlaufender Fluss, der fließ und fließt. Ein alter Grieche (war es Diogenes?) sagte mal, der Fluss indem er seine Füsse badet, sei ein anderer als am Tag zuvor. Jeden Tag, jede Sekunde sogar, verändert sich die Welt – meisten ganz still – warum solch eine Bedeutung auf den Tod legen? Der Gedanke (diese Fiktion) an ihn, empfinde ich als Störung. Er hindert mich daran, zu jeder Zeit das zu tun, was ich tun möchte. Er, dieser Gedanke, versetzt gesunde Menschen in Panik, die sie gar nicht haben müssten.

    Uff! So viel erst einmal – sonst driftet dieser Text auch ab ins Unendliche und fließt mit dem Fluss dahin.

    Ciao,
    Kadee

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