Weder Smartphones noch Autos (Neiman)

 

Kant sagt: „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung“.
In seiner Vorlesung „Über Pädagogik“ erklärt er: „Die Erziehung ist das größte Problem, und das schwerste, was dem Menschen kann aufgegeben werden“.

Noch schwieriger wird die Sache, wenn wir bedenken, dass von den besten Absichten oft nicht die Rede sein kann. Ich habe hier aus der Sicht wohlwollender Eltern und hingebungsvoller Lehrer gesprochen, aber das sind selten die Einzigen, die über die Erziehung bestimmen. Wie Kant mehrfach anmerkt, sind den Regierenden unmündige Untertanen lieber als unabhängige Bürger.

Aktuelle Ausdrucksformen dieser Vorliebe sind zunehmende Bemühungen, uns alle unter elektronische Überwachung zu stellen, oder die Fähigkeit der Industrie, uns durch eine überwältigende Vielfalt von Wahlmöglichkeiten zwischen Automodellen oder Müslisorten zu blenden – während sie uns die weitaus wichtigeren Wahlmöglichkeiten vorenthalten.

In den meisten Fällen braucht die von den Regierenden gewünschte Unreife gar nicht durch Gewalt und List herbeigeführt werden – wir lassen uns ja bereitwillig darauf ein. Schließlich ist es leichter, andere für sich denken zu lassen, als selbst zu denken.
Totalitäre Regime sind selten notwendig und oft kontraproduktiv, denn wenn die Repressionsmechanismen klar erkennbar sind, werden sich immer mutige Geister finden, die dagegen aufbegehren.

Früher oder später führt direkte Repression zur Rebellion; indirekte Repression führt dagegen zur Abhängigkeit. Einfacher und subtiler sind die Infantilisierungsprozesse nichttotalitärer Gesellschaften, die an unsere natürliche Faulheit appellieren, indem sie unser Leben durch eine Reihe von Spielzeugen bequemer gestalten. Natürlich werden weder Smartphones noch Autos als Spielzeug bezeichnet; man stellt sie vielmehr als Werkzeuge dar, ohne die das Erwachsenenleben kaum möglich wäre.

Dagegen werden Vorstellungen einer gerechteren und humaneren Welt als kindische Träume abgetan, die man aufgeben sollte zugunsten der eigentlichen Aufgabe, Spielzeug zu kaufen, das heißt, einen festen Job zu finden, der uns einen Platz in der Konsumökonomie sichert – eine perfide Verkehrung, die uns dauerhaft verwirrt.
Kein Wunder, dass Kant den Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit als die wichtigste Revolution bezeichnet, die im Innern des Menschen stattfinden kann.

 

 

 

 

© Susan Neiman

 

 

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lovely spring

lovely spring
love in spring
swinging dancing
sing sing sing
love in spring
lovely spring

all the way down
in your fancy gown
from our green garden
to the blackblue horizon
love is in the spring air
love is but everywhere

love in spring
lovely spring
swirling jumping
ring ring ring
lovely spring
love in spring

© finbarsgift

Wir fuhren allein (Heine)

Wir fuhren allein im dunkeln
Postwagen die ganze Nacht;
wir ruhten einander am Herzen,
wir haben gescherzt und gelacht.

Doch als es morgens tagte,
mein Kind, wie staunten wir!
Denn zwischen uns saß Amor,
der blinde Passagier.

 

 

 

 

 

© Heinrich Heine

vorfall auf der via appia antica

die via appia antica schien feuerrot zu verdampfen,
im bereits sehr hellen, sehr grellen morgendunstlicht;
wir ruderten mit sonnenangeglühten armen heftig
gegen das erbarmungslos wehende seitenwindgeflecht.

hatte sie mir nicht längst ewige treue geschworen?
hatten wir nicht zusammen die wahre liebe im sinn?

zwar hielten wir uns auf dem berühmten weg an der hand,
aber nur lasch, ja widerwillig, wie in endzeitstimmung;
wir fühlten uns gleich besser, ja um einiges befreiter,
als unsere hände sich lösten, wir voneinander abrückten.

hatte sie mir nicht längst ewige treue geschworen?
hatten wir nicht zusammen die wahre liebe im sinn?

ich sagte: wollen wir uns an diesem traumhaften morgen,
nach der wanderung auf der via appia tatsächlich trennen,
auseinander gehen, jeder seiner wege, wieder fortwerfen all
das, was das gemeinsam erlebte liebesleben uns bescherte?

hatte sie mir nicht längst ewige treue geschworen?
hatten wir nicht zusammen die wahre liebe im sinn?

sie sagte: ja, denn unser gemeinsames liebesfest ist vorbei,
längst untergegangen in der kalterstarrten vergangenheit,
unsere gegenwart mir nur noch zuwider, tödlich langweilig;
ein altes, rostiges fallbeil hat unseren liebeskopf gekappt.

hatte sie mir nicht längst ewige treue geschworen?
hatten wir nicht zusammen die wahre liebe im sinn?

sie sagte: meine liebeslebenszukunft gemeinsam mit ihm,
die ist eine immer heller strahlende, sonnengleiche, und
dieser zukunft will ich nun entgegengehen, auf keinen Fall
verpassen; kein mensch wird mich je mehr daran hindern.

hatte sie mir nicht längst ewige treue geschworen?
hatten wir nicht zusammen die wahre liebe im sinn?

ich schlug meinen sonnenangeglühten unterarm nun
mit wucht mitten über ihr vornehm strahlendes gesicht;
sie zeigte kein erstaunen, lächelte, dann erglühten ihre züge
warmrot wie früher nach wildheißen orgasmen der nacht.

hatte sie mir nicht längst ewige treue geschworen?
hatten wir nicht zusammen die wahre liebe im sinn?

es schien als wollte ihr mund noch einen abschiedssatz sprechen,
doch dann ging sie stolz die via appia antica hurtig weiter voran,
der leuchtenden sonne entgegen, während ich mich umdrehte
und wie ein geschlagener hund elendiglich heulend davonzog.

 

 

 

 

 

© finbarsgift