über die Logik der Nachrichten (Haig)

„Du siehst doch immer noch gern Nachrichten, oder?“
Nachrichten sehen. Eine sehr gute Idee. In den Nachrichten gab es vielleicht Informationen für mich.
„Ja“, sagte ich. „Ich sehe gern Nachrichten.“
Also sah ich die Nachrichten, und Isobel sah mich an, und wir beide waren gleichermaßen alarmiert von dem, was wir sahen.
In den Nachrichten wimmelte es von menschlichen Gesichtern, auch wenn sie meistens kleiner und weit weg waren.
Während meiner ersten Stunde vor dem Fernseher machte ich drei interessante Beobachtungen.

1. Mit dem Ausdruck „Nachrichten“ waren auf der Erde nur Nachrichten mit direktem Bezug auf den Menschen gemeint.
Es kam buchstäblich nichts über die Antilope oder das Seepferdchen oder die Rotwangenschildkröte oder die anderen drei Millionen Arten auf dem Planeten.

2. Die Nachrichten wurden nach Kriterien ausgewählt, die ich nicht verstand.
Es kam zum Beispiel nichts über neue mathematische Erkenntnisse oder unentdeckte Polygone, aber dafür ziemlich viel über Politik, die auf diesem Planeten in erster Linie mit Krieg und Geld zu tun hatte.
Krieg und Geld schienen in den Nachrichten sogar so beliebt zu sein, dass man sie auch die Krieg-und-Geld-Show hätte nennen können.
Ich war korrekt gebrieft worden.
Dieser Planet wurde von Gier und Gewalt beherrscht.
In einem Land namens Afghanistan war eine Bombe explodiert.
Anderswo sorgten sich die Menschen um die Nuklearstreitmacht von Nordkorea.
Sogenannte Aktienmärkte stürzten ab.
Deswegen rauften sich viele Menschen die Haare, während sie auf riesige zahlengefüllte Bildschirme an der Decke starrten, als seien die Zahlen darauf die einzige Mathematik, die von Bedeutung war.
Ich wartete natürlich darauf, dass von der Riemannschen Vermutung berichtet wurde, aber es kam nichts. Entweder wusste niemand davon, oder es interessierte keinen.
Beide Möglichkeiten waren theoretisch beruhigend und doch fühlte ich mich nicht beruhigt.

3. Die Menschen interessieren sich offenbar mehr für Dinge, wenn sie in ihrer Nähe passieren.
Südkorea machte sich Sorgen wegen Nordkorea.
Die Leute in London machten sich hauptsächlich Sorgen wegen der Häuserpreise in London.
Anscheinend war es ihnen sogar egal, wenn jemand im Regenwald nackt herumlief, Hauptsache, es fand weit weg von ihrem Vorgarten statt.
Was außerhalb ihres Sonnensystems passierte, kümmerte sie schon gleich gar nicht, und was innerhalb passierte, auch nur wenig.
(Zugegeben, in ihrem Sonnensystem passierte sowieso nicht viel, was vielleicht mit ein Grund für die Arroganz der Menschen war. Der Mangel an Konkurrenz.)
Eigentlich wollten die Menschen nur wissen, was in ihrem eigenen Land passierte, vorzugsweise in dem Teil des Landes, in dem sie waren, je lokaler desto besser.
So gesehen wäre die ideale menschliche Nachrichtensendung eine, die sich nur mit dem beschäftigte, was in dem Haus passierte, in dem der
Zuschauer lebte.
Die Berichterstattung würde die verschiedenen Räume des Hauses abdecken, und im Aufmacher ginge es immer um das Zimmer, wo der Fernseher stand, und um die bedeutsame Sache, dass ein Mensch dort saß und zusah.
Doch bis die Menschen der Logik der Nachrichten bis zu diesem Schluss folgten, mussten sie sich mit den Lokalnachrichten begnügen.

© Matt Haig

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duftende luft

 

 

ein feines sirren liegt in der luft

ein wundervoll betörender duft

geliebter, komm – sie mich ruft

und ich schwebe durch die luft

 

 

 

 

© finbarsgift

Lieben wir die Welt und unsere Kinder genug? (Arendt)

In der Erziehung entscheidet sich, ob wir die Welt genug lieben, um die Verantwortung für sie zu übernehmen und sie gleichzeitig vor dem Ruin zu retten, der ohne Erneuerung, ohne Ankunft von Neuen und Jungen, unaufhaltsam wäre.

Und in der Erziehung entscheidet sich auch, ob wir unsere Kinder genug lieben, um sie weder aus unserer Welt auszustoßen und sich selbst zu überlassen, noch ihnen ihre Chance, etwas Neues, von uns nicht Erwartetes zu unternehmen, aus der Hand zu schlagen, sondern sie für ihre Aufgabe der Erneuerung einer gemeinsamen Welt vorzubereiten.

© Hannah Arendt

Ist diese Welt wirklich eine gute Welt? (Gustafsson)

Wenn man sich beispielsweise die Naturfilme im Fernsehen ansieht, sagte der Dekan, sollte man ja, wenn man mit normalen intellektuellen Fähigkeiten begabt ist, ziemlich nachdenklich werden. Diese Welt kann keine richtig sympathische oder wohlwollende Welt sein! Was wir sehen, ist eine fast durch und durch böse Natur. Eine gigantische, sinnreiche Maschinerie, dafür eingerichtet, Schmerzen zu bereiten, immer aufs neue.
Wovon handeln diese Naturfilme? Kleine hilflose Tiere werden zu Tode gejagt. Von größeren und stärkeren, von schnelleren oder von listigeren Tieren. Sie werden zu Tode gejagt, und sie dürfen nicht ohne Schmerz, lähmende Angst, ja Erniedrigung sterben.

Und das Eigenartige ist ja, dass dies der Allgemeinheit als lehrreiches, nahezu erbauliches Programm präsentiert wird. Man kann den hechelnden, apologetischen Eifer dieser Naturenthusiasten förmlich hören, wenn sie uns zu erklären versuchen, wie raffiniert und reizend es ist, wenn der Hautflügler seine Eier in den hilflosen Körper der vollständig gelähmten Larve legt. Offenbar erwarten sie wirklich, dass wir das bewundern! Die Präzision, mit der diese scheußlichen kleinen Maschinen, kaum anders als Computerprogramme, ihren Legestachel an den richtigen Stellen in den Körper des armen Wirtstiers bohren, die Jagdtechniken des Raubtiers und die Grausamkeit des Neuntöters gegen die Feldmäuse. Die erbarmungslose, effektiv funktionierende Grube des Ameisenbärs, die dem Opfer keine Chance läßt, oder das kunstvolle Fangnetz der Spinne. Warum sollten wir das bewundern?

Kann man sich für die Entwicklung von Leben auf einem Planeten eine grausamere Methode vorstellen als die Evolution? Eine schmerzhaftere, eine brutalere, eine gleichgültigere!
Warum versucht man das zu vertuschen! Diese Welt ist keine sympathische Schöpfung. Und das einzig Versöhnliche am Menschen ist, dass er – bestenfalls – sehen kann, dass es so ist.
Das war etwas, worauf er oft zurückkam.

 

Es verläuft ein Riss zwischen dem Menschen und der Natur. Ja, es sollte mich nicht wundern, wenn er durch das ganze Universum verliefe. Was wäre dann unsere Aufgabe?
Unnatur zu sein, natürlich. In jedem Punkt, in dem es möglich ist, diese Natur herauszufordern, in Frage zu stellen, zu korrigieren. Der erste Mensch, dem es einfiel, dass man nicht alle Pflanzen akzeptieren muss, die in einem Land wachsen, dass man einige züchten und den Rest herausreißen kann, hat vermutlich etwas Moralischeres getan als diejenigen, die nach ihm kamen. Das ist der erste Schritt zur Verkünstelung. Und je mehr wir diese böse Natur verkünsteln, ihre Mittel gegen sie selbst wenden, um so mehr dienen wir einem göttlichen Ziel.
Was könnte das sein? Vielleicht, dass diese Schöpfung insgesamt verschwinden soll. Wäre das nicht ein moralisch viel befriedigender Zustand?

 

 

 

© Lars Gustafsson

 

traumraum

t
tr
tra
trau
traum
raum
aum
um
m

morgens
alptraumreste
mittags
tagtraumschnipsel
abends
tagtraumfetzen
nachts
alptraumnebel

und zwischen
mitternacht
und dem
frühen morgen
schlaflosigkeit
und dann
beginnt alles
wieder von vorn

t
tr
tra
trau
traum
raum
aum
um
m

 

 

 

© finbarsgift