Sauve qui peut (la vie)

Seit nunmehr fast einem Jahr fahre ich nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit in die Kesselstadt. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen.
Erstens wurde die Parkgarage, in der ich jahrelang sehr günstig parken durfte, im Februar abgerissen, weil auf Dauer zu eng und altmodisch, vor allem wegen der immer größeren Fahrzeuge à la SUV, die – USA-infiziert und meiner Meinung auch kontraindiziert – vermehrt in die Innenstädte der Großstädte fahren.
Zweitens, weil ich in der Stauhauptstadt Deutschlands nicht auch noch selbst weiterhin vermehrt im Stau herumstehen will.
Drittens haben wir hier die größte Feinstaubbelastung der Bundesrepublik. Ich will da nicht mehr dazu beitragen.
Viertens fahre ich bei einigermaßen Wetter eh viel lieber mit dem Töff.

Und dieses Töfffahren ging ja von Frühjahr bis Herbst auch fast immer ganz wunderbar; ich habe ja öfters darüber geschrieben.
Doch nun kommen – das muss man sich eingestehen – die etwas klammeren Zeiten des Jahres. Und auch mir ist es seit einigen Wochen zu kühl dafür.
Und da das Auto absolut nicht mehr in Frage kommt, habe ich mir mutig einen sogenannten „Verbundpass für Jedermann“ (fast hätte ich „Verbund-spass“ getippt) für den Verkehrs- und Tarifverbund der Kesselstadt (VVS) besorgt.
Dieser Mobilpass berechtigt mich dazu, die Marke 113 für die Geltungsbereiche (Zonen) 10, 20 und 31 der Kesselstadt samt Umgebung für nur 107,20 Euronen zu kaufen; und somit dann einen Monat lang beliebig oft zwischen meinem Wohnort auf dem Roten Berg und meinem Arbeitsplatz inmitten der BW-Hauptstadt hin und her zu fahren.

Los geht es also nun täglich erst mal mit einem Kilometer per pedes, dann mit einem Bus, dann mit einer S-Bahn und last not least mit einer U-Bahn; mann/frau bemerkt sofort: Umsteigen will gelernt sein! Anschlüsse zu erreichen, das ist ein Teil der Pendelei, fast eine Kunst, wenn auch manchmal schier unmöglich, selbst mit einem Sprint im Einhundertmetertempo!
Aber ich mache diese Pendelei mit den sogenannten Öffentlichen Verkehrsmitteln  nun seit ein paar Wochen schon und – ich muss sagen – gewöhne mich allmählich daran. Selbst an die vielen Leute überall, sobald ich bei der Bushaltestelle anstehe, nach dem herrlichen Fußwalk den Hügel hinunter (am Abend dann steil hinauf!) noch sehr alleine mit meiner geliebten Mutter Allnatur und ihren Eichhörnchen, Hasen und Grünspechten.

Besonders auffällig ist bei diesem Umstieg von Töff auf Bahn und Bus heutzutage der drastische Verlust an Individualität.
Denke ich auf dem Töff über ein halbes Jahr lang, schier fast allein auf der Welt zu sein, muss ich mich allerspätestens im engen, ja fast perfide engen Stehgedränge in den S-Bahnen zur rush hour eines anderen belehren lassen: ich bin dann zweifellos nur einer unter sehr sehr vielen und fühle mich manchmal so klein und unbedeutend wie eine plattgedrückte Flunder! Die berühmte Ölsardine in der Büchse hat da ja noch mehr Platz zur Verfügung!
Oft genug geht es lediglich darum, diese ewig lang erscheinende Zeit bis zum Hauptbahnhof irgendwie zu überleben, es ist DIE morgendliche Übung in Klaustrophobie!
Sauve qui peut (la vie)!
Ich versuche mich dann immer irgendwie abzulenken, indem ich z. B. an alte Kunstfilme des französischen Kinos von Truffaut oder Godard oder Sautet et al denke, oder so wie ja fast alle anderen S-Bahn-Menschen auch: mit Kopfhörern – in-ear, on-ear, offen, geschlossen – angeschlossen an allerlei moderne Geräte wie Tablets, Laptops, Handys, Smartphones natürlich, MP3-Player usw. usf.
Ich beneide dabei die wenigen Pendler, die einen Sitzplatz erobern konnten!

Irgendwann ist dann der allgemeine Stehkonvent gottlob doch vorbei, allerspätestens am Hauptbahnhof und das allgemeine Durchatmen der Leute in der Bahn deutlich hörbar, auch das von mir.
Ich kann es kaum fassen, diese – ja auch nur zu oft geruchsmäßig – schreckliche Tortur lebend überstanden zu haben und fange allmählich an, ganz leicht zu lächeln, denn der Arbeitsplatz winkt, nun sind es nur noch wenige Meter um ein paar Ecken herum.
Mein Büro kommt mir dann mit seinen 33 qm fast wie ein Tanzsaal gegenüber dem gerade in den Öffentlichen Verkehrsmitteln erlebten Platz vor!
Und so ist es dann auch: ich betrete ihn singend und pfeifend und tanzend.
Wie schön ist es doch „auf Arbeit zu sein“!!

© finbarsgift

Schneegedanken

Mein Gesicht gen Himmel gedreht
Mein Mund weit offen Wind weht

Endlich Winter sprichst du in mir
Endlich werde ich fliegen zu dir

Wer schickt denn die Schneesterne?
Wer sendet mir deine Mundwärme?

Endlich werde ich sprechen mit dir
Endlich Winter erklingst du in mir

Meine Augen gen Himmel gedreht
Mein Gesicht weit offen Schnee weht

© finbarsgift