Geh nicht gelassen in die gute Nacht / Do not go gentle into that good night (Dylan Thomas)

 

Geh nicht gelassen in die gute Nacht,
Brenn, Alter, rase, wenn die Dämmerung lauert;
Im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht.

Weil keinen Funken je ihr Wort erbracht,
Weise – gewiss, dass Dunkel rechtens dauert -,
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.

Wer seines schwachen Tuns rühmt künftige Pracht
Im Sinken, hätt nur grünes Blühn gedauert,
Im Sterbelicht bist doppelt zornentfacht.

Wer jagt und preist der fliehenden Sonne Macht
Und lernt zu spät, dass er nur sie betrauert,
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.

Wer todesnah erkennt im blinden Schacht,
Das Auge blind noch blitzt und froh erschauert,
Im Sterbelicht ist doppelt zornentfacht.

Und du mein Vater dort auf der Todeswacht,
Fluch segne mich, von Tränenwut vermauert.
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.
Im Sterbelicht ist doppelt zornentfacht.

 (Übersetzung: Curt Meyer-Clason)

 
Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light. 

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night. 

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light. 

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieved it on its way,
Do not go gentle into that good night. 

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light. 

And you, my father, there on the sad height,
Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light. 

 

© Dylan Thomas

 

Kosmische Perlenkette

Als ich heute Morgen so gegen 6 Uhr mein Schlafzimmer verließ und noch ein wenig schlaftrunken gen Küche torkelte um mir einen Kaffee zu brauen, bemerkte ich schon beim Durchschreiten meines Wohnzimmers die ganz besondere Morgenstimmung draußen vor der Balkon(Tür).

Ich wusste, dass eine kleine kosmische Meditation anstand, der ich mich für ein paar wenige Minuten vor dem Gang zur Arbeit voll und ganz widmen wollte.
Während der Kaffee gemächlich in die Kanne tröpfelte, ging ich unter die Dusche.
Danach zog ich mich an, holte mir eine meiner Lieblingstassen aus dem Schrank und füllte sie in der gewohnten Proportion mit heißem Kaffee und kalter Milch.

Ich zögerte den Moment des Betretens des Balkons anschließend noch so lange wie möglich heraus, zwecks Vorfreuden-Crescendo, doch dann war es trotzdem relativ bald soweit.
Ich öffnete die Balkontür, trat hinaus ins Freie und was ich dann erblickte war einfach absolut atemberaubend, vor allem für einen Sternengucker wie mich.

Ganz links – fast am Aufgehen, noch unsichtbar – die Sonne, unser heißgeliebter Fixstern, das überirdisch-großartige kosmische Atomkraftwerk, das uns Menschen hier auf Erden das schenkt, was wir simpel nur Leben nennen, das aber mindestens Kosmos-Da-Sein heißen müsste, der Himmel darüber versehen mit den Farben des Regenbogens, unglaublich spektakulär, sogar mit dem grünen Leuchten, so wie damals im Film von Rohmer über dem Atlantik so eindrucksvoll gezeigt.

Ganz rechts – halbhoch über dem südwestlichen Horizont der Dreiviertelmond.
Und zwischen Sonne und Mond wie auf einer kosmischen Perlenkette aufgezogen, einige andere Fixsterne, aber vor allem die heute Morgen äußerst helle Venus als Morgenstern und eine kleine Strecke rechts von ihr Richtung Mond der nur geringfügig weniger helle Jupiter.

So ruhig wie nur irgend möglich trank ich meinen Kaffee und schaute immer wieder auf diese kosmische Perlenkette direkt vor meinen Augen am noch frischen halbdunklen Morgenhimmel, genau solange, bis das gewaltig helle Licht der Sonne alle Objekte dieser einmaligen kosmischen Perlenkette tilgte, bis auf den Mond.
Danach verließ ich den Balkon wieder, geradezu wundervoll erleuchtet, schloss die Türe zum Wohnzimmer, zog mich fertig an und ging zur Arbeit.

© finbarsgift

Wintermorgen (Rilke)

Der Wasserfall ist eingefroren,
die Dohlen hocken hart am Teich.
Mein schönes Lieb hat rote Ohren
und sinnt auf einen Schelmenstreich.

Die Sonne küßt uns. Traumverloren
schwimmt im Geäst ein Klang in Moll;
und wir gehn fürder, alle Poren
vom Kraftarom des Morgens voll.

© Rainer Maria Rilke

am grenzfluss

heute nacht träumte ich von meinem toten vater
an der grenze zwischen leben und tod
gingen wir aufeinander zu
jeder auf seiner seite des styx

ich war erstaunt darüber ihn so fit wandernd wie
zu lebenszeiten auf mich zukommen zu sehen
in seiner rechten hand hielt er einen großen
strauss frisch gepflückter blumen

der grenzfluss führte hochwasser und rauschte laut
sodass ich nicht hören konnte was er schrie
als er mit seinen immer riesiger erscheinenden blumen mir zuwedelte und wild herumgestikulierte

doch konnte ich von seinen lippen ablesen: was
machst du denn hier? du hast doch an diesem
ort noch lange nichts verloren! ich werde dich mit
meinen blumen schon noch früh genug empfangen!

danach wachte ich in meinem schaukelstuhl auf
bemerkte dass es in meinen ohren so stark
rauschte als tobten sich alle anrollenden wellen
des wilden pazifischen ozeans in ihnen aus

 

 

 

 

 

© finbarsgift

Schönheit (Opitz)

Schönheit dieser Welt vergehet,

wie ein Wind, der niemals stehet,

wie die Blume, so kaum blüht

und auch schon zur Erde sieht,

wie die Welle, die erst kommt

und den Weg bald weiter nimmt.

Was für Urteil soll ich fällen?

Welt ist Wind, ist Blum und Wellen.

© Martin Opitz