Shivas Tränen (Zafon)

Vor langer, langer Zeit wurden die Menschen in Kalkutta von einer furchtbaren Seuche heimgesucht. Sie raffte die Kinder dahin, so dass die Einwohner zunehmend älter wurden und die Hoffnungen in die Zukunft schwanden. Zu ihrer Rettung begab sich Shiva auf eine weite Reise, um nach einem Heilmittel gegen die Krankheit zu suchen. Während seiner Odyssee musste er zahlreiche Gefahren überstehen. So viele Hindernisse stellten sich ihm in den Weg, dass ihn die Reise viele Jahre von Kalkutta fernhielt, und als er schließlich zurückkehrte, stellte er fest, dass sich alles verändert hatte. Während seiner Abwesenheit war ein Zauberer vom anderen Ende der Welt aufgetaucht. Er hatte ein sonderbares Heilmittel dabei und verkaufte es den Bewohnern Kalkuttas gegen einen sehr hohen Preis: die Seelen aller gesunden Kinder, die von diesem Tag an geboren würden.

Das war es, was seine Augen erblickten. Wo vorher Dschungel und Lehmhütten gewesen waren, befand sich nun eine große Stadt, so groß, dass man sie nicht mit einem Blick erfassen konnte und sie sich am weiten Horizont verlor. Fasziniert von dem Anblick, beschloss Shiva, Mensch zu werden und als Bettler verkleidet durch die Straßen zu streifen, um die neuen Bewohner dieses Ortes kennenzulernen, jene Kinder, die dank des Zaubermittels geboren worden waren und deren Seelen nun dem Zauberer gehörten. Doch ihn erwartete eine große Enttäuschung.

Sieben Tage und sieben Nächte zog der Bettler durch die Straßen Kalkuttas und klopfte an die Türen der Paläste, doch nirgends wurde ihm aufgetan. Niemand wollte ihn anhören, und er wurde zum Ziel von Spott und Verachtung. Verzweifelt wanderte er durch die Straßen der gewaltigen Stadt und entdeckte die Armut, das Elend und die Dunkelheit, die sich tief in den Herzen der Menschen verbargen. So groß war seine Trauer, dass er in der letzten Nacht beschloss, Kalkutta für immer zu verlassen.

Weinend ging er davon und ließ unbemerkt eine Spur aus Tränen zurück, die sich im Dschungel verlor. Bei Tagesanbruch waren Shivas Tränen zu Eis geworden. Als die Menschen erkannten, was sie getan hatten, wollten sie ihren Fehler wiedergutmachen und brachten die zu Eis gewordenen Tränen zu einem Tempel. Doch die Tränen zerrannen eine nach der anderen in ihren Händen und Kalkutta lernte nie wieder Eis und Schnee kennen.

Von jenem Tag an lastete der Fluch schrecklicher Hitze auf der Stadt, und die Götter wandten sich für immer von ihr ab, um sie den Geistern der Finsternis zu überlassen. Die wenigen Weisen und Gerechten, die der Stadt geblieben waren, beteten, dass eines Tages erneut Shivas Tränen vom Himmel fallen und den Bann brechen mochten, der aus Kalkutta eine verfluchte Stadt gemacht hatte…

© Carlos Ruiz Zafon  

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15 Kommentare zu “Shivas Tränen (Zafon)

  1. eckisoap sagt:

    der mitternachtspalast. wunderschön. herr zafon hat sich heimlich in mein herz geschrieben. seine sprache in seinen drei barcelonageschichten und die geschichten für sich, sind mir unter den liebsten büchern mit die liebsten. am schönsten sind sie, wenn sie vorgelesen werden.
    und dabei steigt sofort die vorfreude auf mai. da gehts endlich mal wieder nach barcelona.
    hach
    liebste grüße von mir

  2. karfunkelfee sagt:

    Ein so toller Schriftsteller…danke!✨

  3. bruni8wortbehagen sagt:

    Wie ein Märchen klingen seine Zeilen über Shiwas Tränen, ein Märchen, das mir jetzt einen leichten aber eisigen Schauer über den Rücken jagt.

    Ein Seelenkäufer, der den Menschen Heilung versprach und leichten Herzens gaben sie her, was sie doch niemals gesehen hatten, sie kannten nur die roten Bäckchen ihrer Kleinen, die immer blasser wurden, bevor die Krankheit sie umbrachte… Wozu sollten sie denn auch noch eine Seele brauchen – so dachten die Ahnungslosen…, etwas was nie zu sehen war?
    Und schon war der Handel perfekt. Scheinbar ein billiger Deal.

    Ich kenne die Erzählkunst von Herrn Zafon zwar nur aus dem Schatten des Windes, aber diese Zeilen hier klingen so, als wäre es wieder ein Buch, in dem ich mich total verlieren könnte *lächel*

    Vielen Dank für diese feine Buchstelle, lieber Finbar

    • finbarsgift sagt:

      Bitteschön, liebe Bruni, das ist schon möglich, immerhin ist es ein Buch, das ich bis zu Ende gelesen habe *morgenlächeln*

      Bevor er seine drei bekannten Barcelona Romane schrieb, hat er einige faszinierende Bücher für die Jugend verfasst, in denen er seiner Phantasie freien Lauf ließ, durchaus lesenswert!

      Bonjour liebe Madame de la Poesie, Finbar

  4. Flowermaid sagt:

    … wer gibt nicht alles um sein Kind zu retten … Shiwa war abwesend, ein viel beschäftgter Gott, der sich in der Beschäftigung verlor…

  5. Arabella sagt:

    Die Königin und ihr Kind

    Die Königin brachte ihr Kind, das zur Schule wollte, an die Haustür und vergaß, ihm den Apfel zu geben, den sie ihm bereitgelegt hatte.
    Es war der saftigste Apfel von dem schönsten Apfelbaum des königlichen Gartens.
    Die Königin war sehr bestürzt! Schnell zog sie ihre Schuhe an, warf sich einen Mantel über und eilte fort; vielleicht konnte sie ihr Kind noch einholen.
    Unterwegs bemerkte sie – es kommt eben anders, als man denkt-,
    dass sie in der Eile einen goldenen und einen silbernen Schuh angezogen hatte. Da kommt eine Zigeunerin über den Weg.
    „Ach, sei doch so gut und lauf in die Schule und gib der Prinzessin diesen Apfel! Du sollst es nicht umsonst getan haben!“ bittet die Königin.
    „ich kenne aber die Prinzessin nicht.“ sagte die Zigeunerin.
    „Du kannst sie leicht erkennen, der Schönsten unter den Mädchen gibst du den Apfel!“
    Da geht die Zigeunerin in die Schule, schaut sich unter den Kindern um, blickt sich immer wieder um. Das schönste unter den Kindern, das war ihres. Und sie reichte ihrer Tochter den Apfel.

    Quelle:
    (ein Märchen aus Makedonien)

    Eine wunderbare Geschichte hast du erzählt, zu der mir ein Märchen in den Sinn kam.
    Herzliche Grüße

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