Kesselstadtpavillon Ende April

 

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© finbarsgift

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Die Vermuschelung des Kosmos (Süskind)

Ein Blick durch das Fernrohr hatte mich schon längst davon überzeugt, dass unser nächster Nachbar im Weltall, der Mond, ein geradezu klassisches Beispiel für die Vermuschelung des Kosmos ist. Allerdings hat er schon ein Stadium erreicht, das der Erde noch bevorsteht, nämlich das der vollständig abgeschlossenen Umwandlung aller Materie in Muschelsubstanz. Zwar gibt es Astronomen, sogar bei Hofe, die behaupten, der Mond sei ein wirtlicher Planet mit bewaldeten Hügeln, saftigen Wiesen, großen Seen und Meeren. Er ist nichts von dem. Was jene Dilettanten für Meere halten, sind riesige Muschelwüsten, und was sie in ihre Mondkarten als Gebirge einzeichnen, sind öde Halden aus Muschelgestein. Das gleiche gilt für andere Gestirne.
Spätere Generationen mit schärferem Verstand und schärferen Fernrohren werden mir rechtgeben.

Noch entsetzlicher als die Vermuschelung des Kosmos ist der stetige Verfall unseres eigenen Körpers zu Muschelsubstanz. Dieser Verfall ist so heftig, dass er bei jedem Menschen unweigerlich zum Tode führt. Während der Mensch bei der Zeugung, wenn ich so sagen darf, nur aus einem Klümpchen Schleim besteht, welches zwar klein, aber noch völlig frei von Muschelsubstanz ist, so bildet er bereits beim Heranwachsen im Mutterleibe Ablagerungen davon aus. Kurz nach der Geburt sind diese Ablagerungen noch hinreichend weich und schmiegsam, wie wir das an den Köpfen der Neugeborenen feststellen können. Aber schon nach kurzer Zeit ist die Verknöcherung des kleinen Körpers, die Umschalung und Beengung des Gehirns durch eine harte steinige Kapsel so weit gediehen, dass das Kind eine ziemlich starre Gestalt annimmt. Die Eltern jauchzen und sehen nun erst einen richtigen Menschen in ihm. Sie begreifen nicht, dass ihr Kind, kaum dass es zu laufen beginnt, schon von Muscheln befallen ist und nur noch seinem sicheren Ende entgegentaumelt.

Allerdings befindet sich das Kind in einem beneidenswerten Zustand, wenn man es mit einem alten Menschen vergleicht. Im Alter nämlich wird die Versteinerung des Menschen am deutlichsten sichtbar: Seine Haut wird spröde, die Haare brechen, die Adern, das Herz, das Gehirn verkalken, der Rücken krümmt sich, die ganze Gestalt biegt und wölbt sich, der inneren Struktur der Muschel folgend, und schließlich fällt er in die Grube als ein jämmerlicher Trümmerhaufen von Muschelstein. Und selbst damit ist es noch nicht zu Ende. Denn der Regen fällt, die Tropfen dringen ein ins Erdreich, und das Wasser zernagt und zerkleinert ihn in winzige Teile, die es hinabträgt zur Muschelschicht, wo er dann in Form der bekannten Steinmuscheln seine letzte Ruhe findet.

© Patrick Süskind