Die Vermuschelung des Kosmos (Süskind)

Ein Blick durch das Fernrohr hatte mich schon längst davon überzeugt, dass unser nächster Nachbar im Weltall, der Mond, ein geradezu klassisches Beispiel für die Vermuschelung des Kosmos ist. Allerdings hat er schon ein Stadium erreicht, das der Erde noch bevorsteht, nämlich das der vollständig abgeschlossenen Umwandlung aller Materie in Muschelsubstanz. Zwar gibt es Astronomen, sogar bei Hofe, die behaupten, der Mond sei ein wirtlicher Planet mit bewaldeten Hügeln, saftigen Wiesen, großen Seen und Meeren. Er ist nichts von dem. Was jene Dilettanten für Meere halten, sind riesige Muschelwüsten, und was sie in ihre Mondkarten als Gebirge einzeichnen, sind öde Halden aus Muschelgestein. Das gleiche gilt für andere Gestirne.
Spätere Generationen mit schärferem Verstand und schärferen Fernrohren werden mir rechtgeben.

Noch entsetzlicher als die Vermuschelung des Kosmos ist der stetige Verfall unseres eigenen Körpers zu Muschelsubstanz. Dieser Verfall ist so heftig, dass er bei jedem Menschen unweigerlich zum Tode führt. Während der Mensch bei der Zeugung, wenn ich so sagen darf, nur aus einem Klümpchen Schleim besteht, welches zwar klein, aber noch völlig frei von Muschelsubstanz ist, so bildet er bereits beim Heranwachsen im Mutterleibe Ablagerungen davon aus. Kurz nach der Geburt sind diese Ablagerungen noch hinreichend weich und schmiegsam, wie wir das an den Köpfen der Neugeborenen feststellen können. Aber schon nach kurzer Zeit ist die Verknöcherung des kleinen Körpers, die Umschalung und Beengung des Gehirns durch eine harte steinige Kapsel so weit gediehen, dass das Kind eine ziemlich starre Gestalt annimmt. Die Eltern jauchzen und sehen nun erst einen richtigen Menschen in ihm. Sie begreifen nicht, dass ihr Kind, kaum dass es zu laufen beginnt, schon von Muscheln befallen ist und nur noch seinem sicheren Ende entgegentaumelt.

Allerdings befindet sich das Kind in einem beneidenswerten Zustand, wenn man es mit einem alten Menschen vergleicht. Im Alter nämlich wird die Versteinerung des Menschen am deutlichsten sichtbar: Seine Haut wird spröde, die Haare brechen, die Adern, das Herz, das Gehirn verkalken, der Rücken krümmt sich, die ganze Gestalt biegt und wölbt sich, der inneren Struktur der Muschel folgend, und schließlich fällt er in die Grube als ein jämmerlicher Trümmerhaufen von Muschelstein. Und selbst damit ist es noch nicht zu Ende. Denn der Regen fällt, die Tropfen dringen ein ins Erdreich, und das Wasser zernagt und zerkleinert ihn in winzige Teile, die es hinabträgt zur Muschelschicht, wo er dann in Form der bekannten Steinmuscheln seine letzte Ruhe findet.

© Patrick Süskind 

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66 Kommentare zu “Die Vermuschelung des Kosmos (Süskind)

  1. kat+susann sagt:

    Klasse ! Das gefällt mir. Sehr!
    S.

  2. Da bleibt nur zu hoffen das der Geist nicht auch noch vermuschelt…

  3. bruni8wortbehagen sagt:

    Ich kann mir nicht helfen, ich lese es leise lächelnd. Zustimmend und doch in geziemendem Abstand, daß mich kein Ernst erreicht.
    In gewisser Weise tut er es, aber er läßt Muscheliges wie eher Kuscheliges (obwohl ganz und gar nicht angebracht, ich weiß es ja) erscheinen.
    Muscheliges ist knöchern, fest, starr und Kuscheliges ist das genaue Gegenteil *g*. Weiß auch nicht, was da in meinem Kopf passiert. Warum verändert er den Anfangsbuchstabern so beharrlich? Was will er nicht sehen? Den Ernst der Lage?

    Nie glaubte ich an einen kuschelig muscheligen Mond, an keinen mit sanften Wiesen und grünbewachsenen Bergen, sondern an einen kargen, an einen grauen, auf dem Staub und Asche mir entgegenstiebt. Da ich ihn aber nie betreten werde, kommt mir das Karge da oben nicht entgegen.

    Ich lebe mit Freude im Grün meiner Erde und bewege mich mit Lust im Leben, bis mich das Muschelige übermannt und am Ende nur von Staub von mir bleibt, weil dann auch noch meine Knochen zerfallen sind – irgendwann in was weiß ich wievielen Jahren.

    Ach, du Schreck, wie weit bin ich abgeschweift, lieber Finbar, verzeih *g*

    Eines weiß ich ja, lese ich ganz genau: Es ist ein toller Text, den ich dermaßen gut verstehe, daß ich ihn mit voller Absicht aus einer gewissen lächenden Distanz betrachte, noch ohne das Muschlige zu stark in mir zu fühlen… bis jetzt *g*

  4. bruni8wortbehagen sagt:

    *schmunzel*, ich wollte ihn absolut nicht ernst nehmen, obwohl ich es ja auch spüre, lieber Finbar, und ich weiß genau, daß er recht hat!

    Ein toller Text von Herrn Süskind!

  5. teggytiggs sagt:

    …großartig! …gleich noch einmal gelacht…

  6. Anna-Lena sagt:

    Muschel zu Muschel, Kalk zu Kalk…

    Ein schöner Text, ich muschel mal in mich….

  7. Censay sagt:

    Was liegt am Strand und hat nen Sprachfehler?

    Ne Nuschel.

  8. Corona sagt:

    Hier wird gemuschelt und genuschelt 😂
    Bevor ich auf der sich langsam über aber Milliarden Jahren vermuchelten Erde selber vermuschele, möchte ich mein Muschelstsaub in den ewigen Kosmos gefüllten Muschelplanten und -sterne gepustet werden, damit sich meine Muschelpartikel in allen weit entfernten Galaxien mit Muschelgesteins verbinden.
    Obwohl, wenn eines Tages die vermuschelte Erde explodiert, hat das den selben Effekt, aber das dauert mir zu lange. 😂😅

  9. Sehr interessante Sichtweise bzw. Darstellung… gefällt mir 🙂

  10. bmh sagt:

    Der Werdegang des Menschen und was wir seinen Verfall nennen … Kreislauf der Natur.
    Der Verstand mag sich damit nur schwer abfinden, außer wir sehen Werden und Vergehen in größeren Zustammenhängen.

    • finbarsgift sagt:

      Genau DAS ist es, liebe Barbara, was mich dbzgl ab und zu etwas zu trösten vermag,

      dass letzten Endes alles irgendwann mal vergeblich und sinnlos gewesen sein wird…

      • bmh sagt:

        Ja, das ist die eine Seite der Medaille …
        für sich selber einen Sinn zu finden, die andere Seite.
        Wenn wir, nach ach wie vielen Anläufen, die Anerkennung nicht mehr im Außen suchen, bildet sich wie von Selbst eine lebbare Vorstellung heraus.
        Liebe Grüße
        Barbara

        • finbarsgift sagt:

          So ist es…

          Immer mehr Menschen fliegen um die Welt auf der Suche nach dem wahren Sinn ihres Lebens.

          Doch sie finden ihn weder in Neuseeland noch auf den Seychellen…

          Bei einer Reise nach innen ohne Flieger könnten sie ihn viel eher finden…

          Gute Nacht, liebe Barbara,
          herzliche Grüße vom Lu

  11. Flowermaid sagt:

    Es sind unsere Fußabdrücke , die wir hinterlassen… den Schönsten im Weinanbau, den interessantesten in den Fossilien und den perfidesten im Gips… aber immer in Hoffnung auf eine reinkarnierte Perle… ;-D

  12. Michi sagt:

    Muschelig,kuschelig schön, nuschel ich mal mit 😀

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