Vierte Küsse

 

Ich stand in der Gemeinschaftsküche des Studentenwohnheims und diskutierte leidenschaftlich mit einigen Kommilitonen über diverse wissenschaftliche Themen. Da tauchte plötzlich völlig unerwartet eine unserer Mitstudentinnen wieder auf, die wir eigentlich in einer Vorlesung wähnten, und zwar zu unserer Überraschung zusammen mit einer uns bis dahin unbekannten jungen Frau, die sich allerdings bald als ihre neue Uni-Professorin für Sprachwissenschaft entpuppte.
Wow, dachte ich, was macht denn so eine äußerst attraktive Person und sicherlich auch noch superkluge Professorin bei uns hier im stinknormalen Wohnheim für Studenten?!
Eines war jedenfalls sofort klar: Sie gefiel mir schon auf den allerersten Blick ganz außerordentlich!

Tatsächlich konnte ich seit ihrem Erscheinen daraufhin kaum mehr in die Gesichter der mit mir diskutierenden Mitstudenten sehen und ihren oft geschwätzig langen Bandwurmsätzen bald auch gar nicht mehr konzentriert genug folgen, so intensiv abgelenkt wurde ich durch ihre Anwesenheit. Während diese total interessante Linguistin im Gespräch mit wohl einer ihrer neuen Studentinnen so nebenbei ganz lässig in die Runde schaute und dabei ganz langsam, aber dennoch für mich deutlich wahrnehmbar, die Körper und insbesondere die Gesichter von uns anwesenden Studenten ziemlich genau taxierte, sah ich urplötzlich in einer Art Sofort-Trance-Vision vor meinem geistigen Auge sie und mich am helllichten Tag am Rande eines großen, blaugrün schimmernden Sees bei strahlendem Sonnenschein auf einem kleinen hölzernen Boot in Zeitlupe sehr langsam hinaus aufs Wasser treiben, wobei wir uns gegenseitig in die Augen schauten und lächelten.

Als ich auf diese sehr angenehme Weise so vor mich hin quasi wie abwesend tagträumte, schaute sie im Hier und Jetzt mitten in unserer großen studentischen Stehküche (keiner saß irgendwo) plötzlich ausgerechnet mich sehr direkt an und fragte klar und deutlich nach meinem Namen und danach, was ich denn hier an Deutschlands Little Harvard, dabei lächelte sie recht süffisant, so studierte.
Und schon riss sie mich mit diesen Fragen abrupt mitten aus meinem schönen Tagtraum!
Konnte sie denn nicht ahnen, was ich da gerade visionierte und mit wem?!, dachte ich, erwiderte aber dennoch innerhalb kurzer Zeit sehr bestimmt: Ich heiße natürlich Lu und was außer der Königin der Wissenschaften könnte ich denn an dieser Uni hier schon studieren, und dabei lächelte ich nun leicht süffisant.

Fast gleichzeitig lachten wir vergnügt auf und kurz darauf spürte ich auf einmal eine Art magische Anziehungskraft, die eindeutig von dieser jungen Professorin ausgehen musste. Und sie bemerkte diese außerordentliche Kraft wohl auch, denn sie wandte sich von ihrer neuen Studentin ab und kurzerhand mir zu.
Was für eine Frau, dachte ich mir, im bestschönsten Alter ihres Lebens und ich gerade mal im dritten Semester. Aber diese Altersdifferenz und der mit Sicherheit gewaltig große Wissensunterschied zwischen uns schienen ihr ganz offensichtlich nichts auszumachen.

Schön war: Endlich hörte mir mal wieder eine fachfremde Frau interessiert zu, als ich mathebegeistert wie immer über allerlei spezielle topologische Räume sprach, zum Beispiel den Hilbertwürfel oder die Sorgenfrey-Ebene. Ich geriet geradezu in einen mathematischen Erzählrausch und schilderte ihr ein paar der interessantesten meiner formelhaft schönen Symbolgeschichten.
Dabei verflogen natürlich die Minuten wie der wild dahinjagende Wind, doch meine Zuhörerin ließ sich durch nichts abhängen und folgte begeistert meinen immer abstrakter werdenden Gedankengebilden.

Doch dann stoppte sie plötzlich meinen Redefluss mit den Worten: ich muss jetzt gleich ein Linguistik-Seminar über Noam Chomsky abhalten, muss also sofort los, aber um 16 Uhr bin ich damit fertig. Wollen wir uns so gegen 17 Uhr am See gegenüber der Blumeninsel zu einer kleinen Bootsfahrt treffen? Das Wetter ist doch heute geradezu sensationell schön dafür, okay?
Wie selbstverständlich bestätigte ich ihre Frage sofort mit einem sehr überzeugt klingenden Ja und kurz darauf verschwand diese überaus charmante Sprachphilosophin zusammen mit ihrer neuen Studentin, die mich allerdings nun etwas irritiert ansah, zur Tür hinaus.

Erst danach nahm ich wieder meine Mitstudenten im Wohnheim wahr, wie sie so um mich herumstanden und wie stets ununterbrochen ellenlange Streitgespräche führten. Mit Klaus und Christian verließ ich die Küche kurz darauf, weil wir während der nächsten knapp zwei Stunden gemeinsam noch das neue Übungsblatt zur algebraischen Topologie ansehen und die dazugehörigen Aufgaben lösen wollten. Dabei konnte ich auch viel besser die Zeit bis zu meinem date at the lake (Aufregung pur!) überbrücken, was mir aber trotzdem unglaublich schwer fiel. So schlecht wie damals konnte ich mich noch nie auf die geliebte Mathematik konzentrieren!

Endlich war es – Mutter Allnatur sei Dank – Viertel vor fünf und wir drei beendeten unsere Mathematikübungen und verabschiedeten uns voneinander. Ich machte mich schnellstmöglich auf zum großen See, gottlob quasi in walking distance. Als ich den Bootsverleih erreichte, stand meine neue Bekanntschaft auch schon da (ich lächelte zufrieden vor mich hin) und wartete; ganz bezaubernd sah sie aus, wobei ihr jazziger, rotweißer Hut sanft im Wind flatterte.

Als sich unsere Blicke trafen, mussten wir beide lächeln. Schön, dass du gekommen bist, sagte sie. Ich halte immer mein Wort, erwiderte ich, wenn irgend möglich. Und heute ganz besonders!
Sofort ging ich zur Kasse und bezahlte für die restlichen, noch möglichen Stunden.
Bis zum Sonnenuntergang haben wir dieses besondere Boot hier, sagte ich zu ihr, mit dem wir Rudern oder auch Treten können, quasi solange es uns beliebt. Das klingt doch gut, oder? Wundervoll, war ihre Antwort.
Ich nahm sie ohne zu zögern an der Hand und half ihr ins wackelige Boot. Lass mich erst mal eine Weile rudern, bis zur Insel hinüber, in Ordnung? Sobald wir fast dort sind, können wir ja zusammen tretenderweise so lange um sie herumfahren, wie wir Lust dazu haben, ja? Das klingt doch sehr gut, sagte sie.

Während ich versuchte, möglichst gleichmäßig zu rudern und auf keinen Fall außer Puste zu geraten, sprachen wir kaum ein Wort. Wir schauten uns ab und zu in die Augen, sahen hin und wieder auf den wundervollen See mit seinen leicht gekräuselten Wellen. Manchmal erlebten wir mit, wie forsch ein Fisch an die Oberfläche kam und sich irgendein kleines Insekt schnappte, das offensichtlich zu tief flog und dadurch sein Leben flugs verlor.
Wir genossen es sehr, zu zweit in a new tiny nutshell of love auf dem schönsten See hier weit und breit uns gegenüber zu sitzen, einfach füreinander da zu sein, uns nahe zu sein, zu zweit, zum ersten Mal in unser beider Leben.

Kurz vor dem Ufer der bekannten Blumeninsel, hörte ich auf zu rudern und wir wechselten in den gemütlichen Tret- und Gesprächsmodus.
Zuerst fing ich an, ihr einiges über den großen See und seine Inseln zu erzählen, denn sie kam aus fernen Landen und wusste nicht sehr viel über ihn; aber ich schon, hatte ich doch – direkt nach meinem Abi in der Gebrüder-Grimm-Stadt in Hessen – in der Nähe des großen Sees schon mal zwei Jahre lang ziemlich hart gearbeitet, um mir genügend Geld für mein Studium zu verdienen und anzusparen.

Anschließend sprach sie ausführlich über ihr bisheriges Leben, als Kind in München und etwas später die meiste Zeit über jenseits des Atlantiks, über ihr sehr erfolgreiches Studium der Sprachwissenschaft in Amerika, vor allem der formalen Linguistik, an einer der berühmten Ivy League Universities, ihre Promotion dort, und dann vor kurzem ihre Berufung auf die Professur an unserer Uni am Rande des großen Sees – dagegen waren die wichtigsten Ereignisse aus meinem bisherigen Leben, das im wesentlichen aus meinem schulischen Dasein bestand, erfüllt vor allem von meiner großen Liebe zur Mathematik und zur Musik, schnell erzählt.

Ich weiß nicht mehr genau, wie oft wir die feine Blumeninsel umrundeten, die ja nahezu stets übervoll mit Touristen ist. Immer wieder mal gönnten wir uns natürlich auch ausgedehnte Blicksalven auf ihre Schönheit als kleine landschaftliche Flora-und-Fauna-Perle, Mutter Allnatur zu Ehren, denn während dieses wundervollen Zwiegesprächs mit dieser Professorin für Sprache verlor ich jegliches Zeitgefühl. 
Es müssen viele Stunden gewesen sein, die da im Nu verflogen, so sehr hing ich an ihren Lippen, so sehr gefiel mir ihre ganze Art und Weise des Agierens, des Sprechens, des Formulierens, des Denkens und des herzhaften Philosophierens, kurzum: diese Frau faszinierte mich über alle Maßen und riss mich im wahrsten Sinn des Wortes mit sich fort wie ein gewaltiger, sanft fließender Strom an einen wundersam neuen, mir bis dato völlig unbekannten Geistesort.

Irgendwann jedoch setzte der Sonnenuntergang unserer Bootsfahrt im gemeinsamen Glück allmählich ein Ende. Im Dunkeln wollten wir möglichst nicht mehr auf dem See herumfahren, da waren wir uns einig. Also ruderte ich, direkt nach dem Verschwinden der Sonne hinter dem Horizont, so rasch ich nur konnte wieder zurück zum Festland, fühlte mich dabei so stark wie der bekannte Sprichwortlöwe und so herrlich ausdauernd wie eine Gazelle.
Wir gaben das Boot wieder ab und gingen anschließend wortlos wie selbstverständlich zu ihrem Auto. Auf dem Weg dorthin sagte sie dann irgendwann nur den einen Satz: jetzt zeige ich dir mal meine Küche, deine kenne ich ja schon. Woraufhin ich sofort anfing zu lachen und bald lachten wir beide über ihren gelungenen Küchengag.

Sie fuhr ganz ausgezeichnet mit ihrem französischen Kleinwagen, das fiel mir sofort sehr angenehm auf. Es war nicht besonders weit bis zu ihrer Wohnung, die sich an einer anderen Stelle des Sees – fast direkt am Ufer – in traumhafter Lage im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses mit wundervoller Aussicht befand. Nachdem wir ihr Auto ganz in der Nähe geparkt hatten, gingen wir zum Haus; kurz darauf öffnete sie die Türe zu ihrer Wohnung und ich trat klopfenden Herzens ein. Sie ging schnurstracks zu ihrer Küche und ich folgte ihr. Willst du auch etwas zu trinken zur Feier des Tages, sagte sie. Ja, sehr gerne. Sie bereitete uns zwei Drinks – Canadian Club on the rocks – zu und gab mir einen davon. Sehr zum Wohl, sagte sie. Prosit, erwiderte ich. Komm, ich zeig dir mal den Balkon, er ist nämlich das eigentliche Prunkstück dieser kleinen Wohnung.

Wir gingen nach draußen und ich war sprachlos ob des sensationell schönen Blicks, der sich mir bot. Abwechselnd nippte ich an meinem Whiskey (ich hatte zuvor noch nie einen getrunken) und schaute auf den See und darüber hinaus bis Drosteburg auf der anderen Seite, dieser wundervollen kleinen feinen Ortschaft, zumindest wenn keinen Touristen sie überfluten, also am besten around midnight oder am frühen Morgen.
Es wurde immer dunkler und wir sagten kaum mehr etwas. Der Worte waren ja tagsüber schier überabzählbar viele ausgetauscht worden. Nach dem zweiten Drink wurde ich angenehm müde. Sie bemerkte das und sagte: lass uns zu Bett gehen; du übernachtest doch heute hier, oder?
Ja, natürlich, antwortete ich in völliger Überzeugung, nach so einem Tag!

Wir ließen die Balkontür offen, es war immer noch angenehm warm, und gingen zusammen nach innen. Zuerst machte ich mich im Bad frisch und verschwand daraufhin im Schlafzimmer, legte mich auf ihr Bett und schloss meine Augen. Dabei hörte ich noch immer ganz deutlich in meinen Ohren das Rauschen des Windes über dem See; und sah all diese schier unglaublichen Bilder des Tages glasklar vor meinem inneren Auge. Dabei bemerkte ich gar nicht, wie auch sie ins Schlafzimmer kam, sich sachte neben mich legte und begann, mich überall auf meinem Gesicht zu küssen.
In meiner Erinnerung folgte daraufhin eine Nacht, die nur aus einem einzigen, ewiglangen und intensiven Kuss von Mund zu Mund bei hautenger Umarmung bis zum Morgengrauen bestand: es war die perfekte Verschmelzung zweier Menschen.

 

 

 

 

 

© finbarsgift

 

PS:
Die ersten drei Teile dieser Reihe kann man hier nachlesen:

Erste Küsse

Zweite Küsse

Dritte Küsse

 

 

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Zaubernacht

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Zauber liegt in der Mondennacht
Sträucher knistern – Bäume flüstern
Kosmoslichter strahlen mit Macht
Sterne-glitzern – Körper-lüstern

Im Duft von Maienglöckchen
Von Zimt, Vanille und Koriander
Hände tastend Haut erregen und
sehnend sich zusammenlegen

Genussvolle Stille – gemeinsamer Wille
Liebende bedeckt von seidenen Tüchern
vom nächtlichen All mit Mondlicht gewebt
unter dem behutsam ein Zauber schwebt

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© Worthagen/finbarsgift (Text/Fotos)