Mutter Allnatur gemäß leben (Aurel)

Auch das bewahrt dich vor eitler Ruhmbegierde,
dass du nicht dein ganzes Leben,
zumal nicht von Jugend auf,
hast hinbringen können,
wie es einem Philosophen geziemt,
sondern vielen anderen,
wie dir selbst, als ein Mensch erschienen bist,
der weit von der Philosophie entfernt ist.

Ein Makel also hängt dir an,
und es ist dir mithin nicht mehr leicht,
den Ruhm eines Philosophen zu gewinnen.
Aber auch deine Lebensstellung ist dir dabei hinderlich.
Wofern du nun in Wahrheit eingesehen hast,
worin die Hauptsache liegt,
so lass einmal allen Dünkel fahren
und dann begnüge dich damit,
den etwaigen Rest deines Lebens
dem Willen von Mutter Allnatur gemäß hinzubringen.

Erwäge demnach,
was sie fordert und
lass dich durch nichts davon abbringen.
Du hast ja manches versucht,
bist unter so vielen Gegenständen umhergeirrt und
hast doch nirgends das Glück des Lebens gefunden.
Nicht in Vernunftschlüssen,
nicht im Reichtum,
nicht im Ansehen,
nicht im Sinnengenusse,
nirgends.

Wo ist es denn nun wirklich?
Da, wo man tut, was die Menschennatur erheischt.
Aber wie lässt sich das tun?
Wenn man seine Bestrebungen und
Handlungen aus Grundsätzen entspringen lässt.
Was sind das für Grundsätze?
Solche, die sich auf Güter und Übel beziehen
und nach denen nichts für den Menschen ein Gut ist,
was ihn nicht gerecht, besonnen, standhaft,
freigesinnt macht,
und ebenso nichts ein Übel, was nicht das Gegenteil
von dem Gesagten hervorbringt.

© Marc Aurel
(aus „Selbstbetrachtungen“,
Kapitel 8, Spruch 1)

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30 Kommentare zu “Mutter Allnatur gemäß leben (Aurel)

  1. bruni8wortbehagen sagt:

    Du bist ihm begegnet, lieber Finbar *freu*

    und gleich hast Du etwas Schwieriges mitgebracht, das sich evtl. weniger schwierig anhört, als es ist.

    Er versteckt ein bissel, sagt uns aber deutlich, daß im kleinen Wörtchen Gut, Güte zu stecken hat.
    Sie müssen wir für uns selbst in uns selbst fühlen, dann erkennen wir auch gute Güter und können sie von üblen Machenschaften und Gier nach zuviel von allem gut unterscheiden.

    Was wäre auch Ruhm, wenn er uns von unserem natürlichen Ursprung entfernt, was wäre er wert, wenn er die Schönheit im Einfachen, im Schlichten und Reinen nicht mehr erkennen ließe.
    Ein Nichts wäre er, nichtswürdig und unnütz, vom Philosophischen weit, weit entfernt.

    Und das Unnütze sollen wir ausschließen. Einfach ist es aber nicht, lieber Marc, das sag ich Dir, denn wir sind von soviel Alltäglichem abgelenkt.
    Manchmal müssen wir erst einen Weg finden, der unseren Blick wieder frei macht.
    Wir brauchen jemanden oder auch die Natur selbst, der/die uns sagt, halt, Du bist doch schon da, wohin möchtest Du denn immer noch gehen?

    Du stehst in ihrer Mitte, die Dir Deine Kraft gibt. Bleib hier bei ihr…

    • finbarsgift sagt:

      …wundervolle Worte zu Mutter Allnatur und Marc Aurel, liebe Bruni,

      ein fantastisch gelungener Korollar-Kommentar zum Eintrag
      (Ja, er hat mich des nachts mal wieder kurz besucht!)

      Herzlichen Dank dafür 🙂

  2. bruni8wortbehagen sagt:

    Bei Marcs Worten kann man/frau auch schnell mal falsch interpretieren…
    Nur ein Wörtchen überlesen und schon ist´s passiert *lächel*

    Es war ein freudige Überraschung für mich, ihn jetzt hier zu finden, lieber Finbar

    • finbarsgift sagt:

      Das klingt schön und freut mich 🙂

      Oh ja, damit hast du natürlich vollkommen recht!

      Die meisten seiner Sprüche sind ja sehr kurz,

      mit einem Minimum an Wörtern generiert er Worte und Aussagen von erstaunlichem, oft universell gültigem Gehalt!

      Mehr oder weniger sind das alles Aphorismen fürs Leben, was da so in seinen Selbstbetrachtungen geschrieben steht…

      Herzliche Maigrüße vom Finbar

      • bruni8wortbehagen sagt:

        Und bei seinen habe ich immer das Gefühl,
        dass in ihnen soviel Menschenliebe enthalten ist,
        dass sie im Geist nicht zu kurz kommt – die Liebe zu den anderen Menchenkindern

        • finbarsgift sagt:

          Er war einer der ersten Naturphilosphen, liebe Bruni,

          und als solcher liebte und verehrte er Flora wie Fauna wie Menschen alle gleichermaßen…

          Herzliche Mittagsgrüßle 🙂

          • bruni8wortbehagen sagt:

            Tja, er hebt sich in Vielerei von den anderen Philosophen ab, lieber Finbar.

            Er hebt sich sehr angenehm ab und ich möchte ihn nicht mehr missen.

            Nur das Kluge ist es ja nicht, was anziehend wirkt, da gehört noch so einiges mehr dazu 🙂

            Liebe Grüßle zum Mittag auch an Dich

  3. teggytiggs sagt:

    „…gerecht, besonnen, standhaft,
    freigesinnt…“

    …nicht einfach imitten der menschlichen Geselschaft, wie sie sich uns darbietet…was bedeutet hier gerecht, wo einer sich dem anderen überlegen gibt und glaubt, seiner Bildung oder seines Standes wegen sich als besser zu dünken? …gleichermaßen schwierig es zu ertragen für scheinbar Unterlegene, wie für alle anderen rechten Sinnes, die solch einer Demonstration beiwohnen…

    …besonnen ist in jeder Situation angebracht, gleich, ob mitten in der Natur oder im mittäglichen Stadtverkehr…

    …standhaft erscheint mir im Zusammenhang mit Besonnenheit sinnvoll…so werde ich im touristenbetonten Straßenverkehr hier nicht mit standhaften Festhalten an meinen verkehrstechnischen Rechten mein Auto vor Beulen oder Schlimmeren schützen können…

    …freigesinnt…in jeder Lage…

    • finbarsgift sagt:

      Du hast mit allem recht…

      All dies gibt’s (immer noch)…

      Gäbe es all das nicht, dann wäre der aurelsche Spruch unnötig…

      Liebe Frühlingsgrüße vom Lu

  4. Wie schön, dem ‚Basso Continuo‘ wieder zu begegnen. Und wie kunstvoll hier das Cembalo ohne viel Brimborium für eine besonders reiche Obertonpalette sorgt. 🙂

  5. kinder unlimited sagt:

    Aurel kann einen ganz schön aufrütteln…..er nimmt sich ja kein Blatt von Allmutter Natur vor den Mund 😉

  6. chris sagt:

    Klug und wahr gesprochen!
    Leider richtet sich kaum jemand danach.

  7. Flowermaid sagt:

    … je öfter man mit Mutter Natur Hand in Hand geht, sie beobachtet und ihrem Flüstern lauscht, desto mehr Wurzeln schlagen die Füsse, wachsen die Himmelsantennen und vergrößert sich das Herzempfinden…

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