inzwischen

inzwischen geht es ihr wieder erstaunlich gut
niemand von uns drei brüdern hätte das jemals gedacht
denn nach dem vermaledeiten jahr zwanzigfünfzehn
hatten wir sehr große angst sie schon zum jahreswechsel
zu grabe tragen zu müssen bitter wäre das gewesen
doch nun lacht sie sogar ab und zu wieder
obwohl sie

inzwischen ja fast taub ist und kaum mehr mitbekommt
was ich ihr so von mir und meinem leben in und um
die kesselstadt erzähle
klar ist das schade aber letzten endes eben doch nicht
wirklich schlimm denn

inzwischen ist für uns alle klar dass die kräfte des
ekelhaften krebses der sie jahrelang heftigst kwälte
wohl definitief erlahmt sind und sie ihn wohl tatsächlich
besiegt hat sowohl was den sekundären in den knochen
angeht wie auch den primären in der gegend ihrer
nach und nach amputierten brüste

inzwischen lebt sie in diesem altenpflegeheim mitten
im wunderschönen allgäu und blüht sozusagen wieder auf
wie eine alte rose kurz vor ihrem ende
was mir manchmal die tränen in die augen treibt
wenn ich mitten in der kesselstadt auf arbeit so an sie
denke und mit ihr telefoniere
so ein feines mono no aware ist das fast okashi pur
dafür bin ich mutter allnatur sehr dankbar
zauberhaft schön ist das

inzwischen

© finbarsgift

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Poesie, Texte.

82 Kommentare zu “inzwischen

  1. fast okashi ist okashi… irgendwie…

    zauberhaft schön ist dieser beitrag!

  2. Ich freue mich sehr für dich lieber Lu.

  3. Uli sagt:

    Das ist er. Wunderschön.
    Ja, Danke.

  4. kowkla123 sagt:

    tolllllll, wünsche alles Gute und einen schönen Tag

  5. PachT sagt:

    Beim Lesen dieses Kapitels fiel mir eine Tagebuchnotiz ein, die ich ein paar Monate vor dem Krebstod meines damals 97-jährigen Vaters schrieb:
    *
    Todesnähe

    Jedem von uns ist mit der GEBURT
    zugleich auch der TOD in die WIEGE gegeben –
    da liegt es wohl an jedem selbst, so zu leben,
    ohne ihn vorzeitig auf sich aufmerksam zu machen …
    ___
    © PachT 2008

    ***

  6. Flowermaid sagt:

    Das kann ich sehr gut nachvollziehen und ich wünsche euch allen noch bereichernde Momente.

  7. kinder unlimited sagt:

    manchmal fragt man sich dann wohl auch, was man braucht, um wieder glücklich zu sein, wenn man schwer erkrankt ist……aber wunderbar, dass es ihr wieder besser geht….das Wort „aufblühen“ ist wunderbar!!

  8. Struppi-2009 sagt:

    Eine gute Umgebung gibt Aufschwung und macht das Leben lebenswert.

  9. bruni8wortbehagen sagt:

    Es ist fast wie ein Wunder, lieber Finbar, wie gut sie sich erholt hat.

    Ganz egal, wie lange Ihr sie noch behalten könnt, es ist einfach ringsum gut, zu hören und zu sehen, daß ihr die Umgebung so gut tut und sie sich wieder viel wohler fühlt, als es in den Jahren zuvor der Fall war.
    Und sie kann wieder lächeln. Wie schön ist das!

    Wenn man bedenkt, was sie alles hinter sich hat in den langen und oft so bitteren Jahren ihres Lebens, dann kann man sich nur ehrfurchtsvoll vor ihrer Kraft verneigen.

  10. lesenbiene sagt:

    Sie blüht auf und das macht vielleicht auch die Gemeinschaft, sie wird umsorgt, hat Gleichgesinnte und braucht sich um ihren alltäglichen Kram keine Gedanken mehr zu machen und vielleicht hat ihr das eine Last von den Schultern genommen.
    Ich freue mich für Euch!

    • finbarsgift sagt:

      Das hast du ganz wunderschön genau auf den Punkt gebracht,

      denn sonst hätte sie nie zu mir vor kurzem mal gesagt: ich lebe nun wie in einem Hotel…

      Und das, weiß Gott, hat sie sich wirklich verdient 🙂

  11. oh, was für ein bewegender, zauberhafter – ja, und im wahrsten sinne des wortes wundervoller text, lieber lu! das klingt einfach rund. nach alldem… so schön.
    herzlichste grüße
    von diana
    … die okashi nicht kannte und erstmal nachsehen musste… 😉

    • finbarsgift sagt:

      Oh, liebe Diana, was für ein wundervoller Kommentar *freu seeehr darüber*
      Ja, und es fühlt sich für mich in der Tat wie ein schieres Wunder an,
      dabei war ich gar nicht mit ihr in Rom *hehe* *lächel*
      Aber dass es ihr nun so gut geht, dass sie mir am Telefon sagt,
      sie sei ja jetzt in einem Hotel und bestens versorgt, das hätten wir niemals erwartet!!

      Damit ich sicher bin, dass du auch das „richtige Okashi“ nachgeschlagen hast, es gibt wohl ein paar verschiedene, hier noch ein Link dazu aus meiner Sicht, der überhaupt ganz prima die Prinzipien der japanischen Ästhetik kurz und zutreffend erklärt,
      insbesondere natürlich mono no aware und okashi, die ich ja beide immer mal irgendwie in diversen Einträgen mit einbeziehe, wenn ich den Geisha-Gravatar für den Finbar verwende, den ich übrigens mal vor Jahren abfotografiert habe vom Titelbild einer meiner Kawabata-Romane-Exemplare, die ich hier um mich habe:

      https://de.wikipedia.org/wiki/Japanische_%C3%84sthetik#Mono_no_aware_und_Okashi

      Liebe Abendgrüße, herzlichst, Lu

  12. Lilith sagt:

    Auf dass ihr noch eine schöne, lange Zeit miteinander habt! 🙂

    (Zähe Frau, wenn ich das mal so salopp sagen darf, wo nimmt sie die Kraft her?)

  13. Luckyfree sagt:

    Ich wünsche viel Kraft und noch viel Zeit miteinander. ❤️

  14. Anna-Lena sagt:

    Das ist so schön zu lesen, lieber Lu. Ich wünsche euch noch eine fruchtbare und schöne Zeit miteinander.

    Ich grüße dich mit Freude,
    Anna-Lena

    • finbarsgift sagt:

      Das klingt aber schön, liebe Anna-Lena, was du hier kommentierst, herzlichen Dank dafür!
      Du hast ja auch alles mit verfolgt, was da alles schon war…
      und nun bin ich soooo froh, ja erleichtert, das kannst du dir gar nicht vorstellen, dass sich das positiv weiter entwickelte nach dem Wechsel von ihrer Wohnung ins Heim…
      Herzliche Abendgrüße vom Lu

      • Anna-Lena sagt:

        Vielleicht ist es das Aufgehobensein, das ihr neuen Lebensmut gibt, das Gefühl, umsorgt zu werden und immer einen Ansprechpartner zu haben. Ich hoffe und wünsche, dass sie noch eine angenehme Zeit dort haben wird.

        Liebe Gute-Nacht-Grüße von mir zu dir!

        • finbarsgift sagt:

          Ja, das muss es sein! Und nach elf Jahren des Alleinlebens nach dem Tod ihres Mannes muss das ihre Seele, Psyche, Selbstheilungskräfte so gestärkt haben, dass das nun auf uns alle wie ein Wunder wirkt…
          Bonjour, liebe Anna-Lena, herzlichen Dank für deine Analyse, Lu

  15. eckstein sagt:

    so kostbar… ❤

  16. alleinsein1974 sagt:

    Ich freue mich sehr für dich Herr Lu

  17. refoexac sagt:

    Wir mussten mit meiner Grossmutter, 89+, letztens ein bisschen schimpfen, dass sie sich wenigstens 15,20,30 Minuten am Tag etwas körperlich bewegt, da sonst der Geist komplett einrostet.
    20 Minuten sind nicht viel, oder ?

  18. chris sagt:

    Das grenzt an eine Wunderheilung, denn sekundärer Krebs in den Knochen ist meist ein sicheres und oft auch schnelles Todesurteil – dann hoffen wir mal, dass sich deine Mutter noch ein Weilchen am Leben erfreuen kann im schönen Allgäu! 🙂

  19. drnessy sagt:

    Ein wunderschönes Gedicht. Man sieht, dass sich der Kampf für das Leben auch im Alter noch lohnt und dass es sehr wohl einen Unterschied macht, wie man lebt! Die Vorstellung, sie nun inmitten einer Umgebung, zu sehen, in der sie sich wohlfühlt und wo sie noch einmal ,,Leben“ darf , fühlt sich sicher auch für Euch gut und befriedigend an…auch wenn sie das vielleicht auch alles nicht mehr so ganz mitbekommt. Ich wünsche Euch, dass sie noch eine Weile bei relativ guter Lebensqualität den Lebensweg mit Euch geht, bevor sie hinübertritt…
    Auf der anderen Seite macht es mich traurig, zu sehen, dass es tatsächlich auch in Deutschland Menschen gibt, die im Alter nicht mehr ausreichend versorgt sind… Wobei das eigentlich nicht sein müsste, wenn jeder die Augen ein wenig offenhielte! Aber das nur nebenbei. Alles Liebe, Nessy

    • finbarsgift sagt:

      Liebe Nessy, das ist ein ganz wundervoller Kommentar von dir, sehr einfühlsam und mitfühlend… Herzlichen Dank dafür!
      Hab einen schönen Tag,
      liebe Junigrüße vom Lu

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