Gedankensprung zum Ozean

Sie gleiten im heranströmenden Wind hin und her,
diese farbigen Großmenschendrachen des Abends,
der glitzernd helle kosmische Ozean zu ihren Füßen,
das Licht der untergehenden Sonne reflektierend.

Meine Gedanken zum sanften Ausklang des Tages
fokussieren in aufblitzend hellen Geistesbrennpunkten
und bewirken einen hurtigen Erinnerungszeitsprung
zurück in ein mir wichtiges Jahr des letzten Jahrtausends,
als ich zum ersten Mal hier inmitten dieser grandiosen
Kulisse stand und Mutter Allnaturs Werk bestaunte.

Inzwischen sind viele lange Jahre vergangen,
teilweise auch verlorengegangen, aber nicht nur,
in den Weiten des Ozeans dahingetragen und
vom wildwogenden Wind davongeweht worden.

Lediglich meine Gedanken, diese wirbelnden,
eigentlich niemals wirklich zu zähmenden,
sich immer weiter und weiter drehenden,
sind bei mir geblieben, so nah wie möglich,
in ihren hellen und dunklen Schattierungen,
konzentrieren sie sich mitten in der großen
Anzahl an Brennpunkten meines Geistes:

Blitzschnelle Erinnerungssprünge,
zumeist seelengeboren,
oft auch körperinitiiert,
manchmal sehr diskret,
fast immer zuerst hauchzart,
selten im Kontinuum dahinfließend:

das Leben, ein virtuoser Drahtseilakt,
pendelnd zwischen Aufflug und Abgang,
zwischen lauschigem Himmel und jener
kakofonen Hölle explodierender Bomben,
ein lustvolles Schweben und Schwimmen,
launisch-lebendigen Delfinen vergleichbar,
die immer und immer wieder versuchen,
sich spielerisch gegenseitig zu übertrumpfen,
im Weitsprung über gewelltem Wasser,
oder auch wie diese Drachenmenschen,
die – Riesenmöwen gleich – lässig in der
wehenden Ozeanluft hin und her gleiten,
Tier wie Mensch, jederzeit bereit,
abzutauchen oder hochzufliegen.

© finbarsgift

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Letzte Gedanken (Henrich)

 

 

„Letzte Gedanken“ – darunter verstehe ich einmal die Gedanken über mein Leben, die ich als nicht revidierbar ansehe, also definitive Gedanken; und zum anderen Gedanken, die letzte sind auch in dem Sinne, dass ich mein Leben damit enden lassen kann, ohne verloren zu sein. 

Wir wissen zwar nicht, ob uns in unseren letzten Stunden als Lebewesen überhaupt noch Gedanken möglich sein werden, die so etwas wie eine Summe ziehen. Wir können in einem Strudel verschwinden, in Schwäche oder im Koma vergehen. Doch leben wir auch als Gesunde in der Antizipation des Endes. 

Wir wissen auch nicht nur von ihm als einer unausweichlichen Tatsache. Es lässt sich nicht einmal denken, wie es wäre, als Unsterbliche unter Unsterblichen auf der Erde zu leben. Wir könnten dann keine Geborene sein, keine Eltern und keine Kinder haben, kaum im tiefsten Sinne lieben. 

Die Menschheit ist wesentlich eine Folge der Generationen. Aber jedes Leben ist zugleich noch ein Ganzes für sich. Es kann, was es für sich ist, nicht von anderen oder in irgendeiner Zukunft bestimmen lassen. Die Frage „Wer bin ich eigentlich?“ kann nur von jedem Einzelnen selbst beantwortet werden. Das wissen wir, und darum sind wir um die Wahrheit über uns besorgt. 

Wir wollen zum Schluss, und eben deshalb möglichst jetzt schon, etwas über uns sagen können, was nicht nur wahr ist, sondern von dem wir auch wissen, dass es alles zusammenbringt und angemessen gewichtet, was von unserem Leben in Wahrheit gesagt werden kann – so etwas wie die Wahrheit über uns.

 

 

© Dieter Henrich   

 

gedankenflug

gedanken wirbeln
formen in ihrer mitte
ein gigantisches nichts
wie ein loch im meer

sterne driften
gefangen im strom
der rotverschiebung
am rande des kosmos

gedanken rotieren
über löcher im meer
durch dunkle randwelten
kehren zurück zu mir

© finbarsgift

 

 

 

© finbarsgift