Fünfte Küsse

Sie hieß Ilana und kam ursprünglich aus Russland. Wir begegneten uns in einer der schönsten Städte der Schweiz. Sie kam mir eines Tages geradewegs auf einem Fußgängerweg entgegen. Warum sie mich strahlend anlächelte, als wir aneinander vorbeigingen, wußte ich nicht. Aber ihr Lächeln beeindruckte mich so sehr, dass ich nur wenige Sekunden nach unserer wortlosen Begegnung umdrehte und ihr folgte.

Bald hatte ich sie eingeholt und tippte von hinten kurzerhand mutig auf ihre rechte Schulter. Nicht besonders überrascht dadurch, drehte sie sich um und sagte: genau das habe ich erwartet und es freut mich, denn hättest DU es nicht gemacht, dann hätte ICH es in Kürze getan. Und dabei lächelte sie mich schon wieder so gewinnend an, dass ich ein Lächeln meinerseits nicht verhindern konnte. Ihr schweizerischer Dialekt klang so wundervoll humorvoll, mit einem leicht russischen Timbre, dass ich einfach nicht anders konnte.

Wohin gehst du denn gerade – zur Uni? Sie nickte. Und du? Ich komme gerade von dort. Arbeitest du nicht auch als Tutor für die Fakultät Mathematik? Ja, woher weißt du das denn? Ich bin mir ziemlich sicher, dich dort irgendwann schon mal gesehen zu haben.
Bevor wir hier auf dem Fußgängerweg Wurzeln schlagen – wie wär’s mit einem gemeinsamen Kaffee im Niederdorf? Oder warst du gerade auf dem Weg zu einer wichtigen Veranstaltung an der Uni? Nein, so wichtig ist die nun auch wieder nicht!

Und schon machten wir uns gemeinsam auf den Weg downtown. Wir nahmen gleich das nächste Polybähnli ganz in der Nähe von wo wir uns begegneten, bei der  Oberstation – mit tollem Blick über die gesamte Innenstadt – und fuhren bis hinunter zur Limmat. An ihr bummelten wir eine kleine Weile entlang Richtung See und wechselten auf Höhe des Großmünsters auf die andere Seite, wo ich einen kleinen feinen Kaffeeort kannte, mitten zwischen dem Fluss und der mit Geld und Gold nur so gepflasterten und untertunnelten Bahnhofstraße.

Im Café bestellten wir zwei große Cappus und kamen danach dann ganz wie von selbst wundervoll ins Gespräch. Wir schienen den bekannten Draht zueinander zu haben. Sie erzählte mir ausführlich von ihrer Flucht aus der damaligen Sowjetunion und was für ein Segen es für sie war, den Eisernen Vorhang hinter sich gelassen zu haben und in einem freien Bergzwergstaat wie der Schweiz endlich in Freiheit leben zu können. Sie fühlte sich im Ländli zwar schon seit Jahren sehr wohl, aber die russische Säälä vermisste sie trotzdem immer mal wieder sehr.

Vor allem auch die Lieder der großen russischen Barden Vladimir Vissotski, Jewgenij Klatschkin, Alexander Dolsky und Bulat Okudschawa. Und dass gerade gestern ein russischer Exfreund ihr einige Kassetten mit der neusten Musik dieser Liedermacher geschickt hatte, das entzückte und beglückte sie so sehr – wie ich in ihren Augen deutlich erkennen konnte -, dass sie mir das gleich voller Begeisterung erzählen musste.

Irgendwann dann, so ungefähr nach ein bis zwei Stunden angeregter Unterhaltung, wobei wir uns sprachlich und körperlich immer näher kamen, sagte sie zu mir: wir können ja hier auch ewig weiter Kaffee trinken, aber willst du nicht für eine Stunde oder so mal mit zu mir kommen – das ist nur ein paar Stationen weiter von hier, mit der Tram vom Paradeplatz aus locker zu erreichen – dann könnten wir diese Lieder gemeinsam anhören, wenn dich das überhaupt interessiert? Aber natürlich, nichts lieber als das! Denn wenn es um Musik ging, dann war ich immer interessiert.

Wenig später verließen wir das Café und fuhren mit der nächsten Tram zu ihrer kleinen Wohnung im Süden der City. Dort hörten wir stundenlang russische Lieder – für mich eine völlig neue Erfahrung – mit teilweise herrlichen Melodien und Texten, die ich zwar absolut nicht verstand, die sie mir aber sehr gekonnt und immer begeisterter übersetzte. Besonders gefiel mir das Lied Paris von Jewgenij Klatschkin, das wir gleich zigmal hintereinander hörten und aus lauter Hörfreude schließlich im gemeinsamen Glück zusammen beweinten.

Wenig später fingen wir an uns zu küssen, immer intensiver zu küssen, während wir die Lieder dieser vier russischen Barden immer und immer wieder hörten, stundenlang, bis tief in die Nacht hinein.  Ab dem nächsten Morgen war uns alles andere irgendwie ziemlich egal, nur noch ihre und inzwischen auch meine russische Musik sowie unsere Küsse zählten. Irgendwann gingen wir dann auch mal wieder zwischendrin zur Uni und zeigten uns kurz im Mathematischen Institut. Ja, es ist alles in Ordnung, nein, wir sind nicht krank, ganz im Gegenteil, wir sind so lebendig wie kaum je zuvor.

Für einige Zeit küssten wir uns Tag und Nacht und hörten dabei fast ununterbrochen die Songs dieser vier genialen Liedermacher, die ich noch immer mal wieder tief in mir drin gehörig mitsinge – bis auf den heutigen Tag.
Diese einmalig schönen russischen Lieder sind vollkommen bei mir, in mir  geblieben, und werden das wohl auch auf ewig bleiben… die kurze, liebevolle gemeinsame Zeit mit Ilana dagegen, sie ist schon lange vorbei.

 

© finbarsgift

 

PS:

Und hier noch die Links zu den bisherigen Küssen:

Erste Küsse

Zweite Küsse

Dritte Küsse

Vierte Küsse

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Texte.

75 Kommentare zu “Fünfte Küsse

  1. alleinsein1974 sagt:

    hach mach…..wie wunderschön.

  2. Arabella sagt:

    Ein wundervoller Beitrag lieber Lu.
    Beste Grüße

  3. bruni8wortbehagen sagt:

    Wnderschön hast Du sie erzählt, Deine fünften Küsse damals vor vielen Jahren in einer tollen schweizerischen Stadt, die ich nur einmal besuchen konnte bisher.

    Es klingt, als könne ich dieses Paar vor mir sehen und wie schade, daß Dein Kontakt zu ihr abgerissen ist. So klingt es wenigstens am Ende Deines Textes.
    Aber ich denke, sie wird sich sicher auch immer noch gerne erinnern – an diesen jungen Mann, mit dem sie einiges gemeinsam hatte.

    Liebe Grüße am Samstagmorgen von Bruni zu Dir

    • finbarsgift sagt:

      Dankeschön, liebe Bruni *freu*

      Ja, der Kontakt ist schon lange abgerissen…
      Inzwischen hat sie auch längst einen Schweizer geheiratet,
      so viel konnte ich noch in Erfahrung bringen 🙂

      Es sind die Dinge des Lebens…

      Liebe Sommergrüße vom Finbar

      • bruni8wortbehagen sagt:

        ich hatte nochmal geantwortet, aber vermutlich wieder mal nur geschrieben u. dann nicht abgeschickt, das passiert mir manchmal 🙂

        Sie hatte so viele Schweizer in ihrer Nähe und dadurch erhielt sie auch eine gute und neue Heimat.
        Vielleicht bekam sie ja sieben Kinderchen und einem gab sie zur Erinnerung Deinen Namen.

        So ist es auch manchmal – das Leben 🙂

        • finbarsgift sagt:

          *lächel* soweit ich mich erinnere, wollte sie in der Tat mal sieben Kindern das Leben schenken…

          Vielleicht ist ihr das ja inzwischen gelungen…
          wer weiß?!

          • bruni8wortbehagen sagt:

            *lächel*, ich dachte halt an Brechts Erinnerung an die Marie A.

            *…Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
            Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
            Doch jene Wolke blühte nur Minuten
            Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.*

  4. minibares sagt:

    Lieber Lu,
    was für eine tolle Story
    LG

  5. refoexac sagt:

    Ein edler Charmeur ! 😀 Die brasilianischen Lieder, die meine Ex damals gesungen hat, blieben auch immer Kopf, die Lieder, die Ex nicht. Musik ist für die Ewigkeit…

  6. Flowermaid sagt:

    … manchmal reicht ein Lächeln…du musst ein sehr überzeugender Küsser sein Lu… danke für die Romantik am Nachmittag 😉

  7. lesenbiene sagt:

    Wie schön. Ich denke oftmals wirst Du durch die schwere und schöne russische Musik an Deine Ilana erinnert, lang ist es her doch die Erinnerungen bleiben uns.

  8. kinder unlimited sagt:

    Was waere das Leben ohne solche Erinnerungen😃ich bin gespannt auf die Fortsetzung…

  9. Lilith sagt:

    Warum ist nicht „mehr“ aus euch geworden?

  10. Flowermaid sagt:

    … und ob man dort Windstille hat…

  11. kinder unlimited sagt:

    Windstille……ist nur die Ruhe vor dem Sturm;-)

  12. Ulli sagt:

    Lieber Lu, ich habe nun einiges nachzuholen, das werde ich auch richtig gerne tun, allein schon, weil mir fünfte Küsse so nahe ging!
    Ich danke dir, auch für deine offene Tür! Alles andere mal per Mail!
    Herzliche Grüsse Ulli

  13. Flowermaid sagt:

    … für mich ist ein Kussgefühl das aufeinandertreffen von zarter Haut getragen von einem Erlebnis des Fliegenkönnens mit einem Umkehrschub in den freien Fall, um tief in Mutter Erde weich zu verweilen…

  14. Ulli sagt:

    Erster, zweiter, dritter Kuss, nun habe ich sie alle gelesen, aaaber klicke auf vierte Küsse, erscheinen wieder die dritten Küsse- hej die bleiben haften 😉
    aber ich würde doch noch gerne die vierten lesen …

  15. dieMondin sagt:

    Ach, wie wär das Leben ärmlich ohne küssen. Und in Verbindung mit Musik macht sich auch bei mir eine Erinnerung bemerkbar. Bei mir war es seinerzeit „Kleine Taschenlampe brenn“ Danke fürs aufwecken der Gedanken….<3

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