​Der Überblick über die Welt (Knausgard)

Wenn der Überblick über die Welt größer wird, schwindet nicht nur der Schmerz, den sie verursacht, sondern auch der Sinn.
Die Welt zu verstehen heißt, einen bestimmten Abstand zu ihr einzunehmen.
Was zu klein ist, um mit dem bloßen Auge wahrgenommen zu werden, wie Moleküle und Atome, vergrößern wir, und was zu groß ist, wie Wolkengebilde, Flussdeltas, Sternbilder, verkleinern wir.
Wenn wir den Gegenstand so in die Reichweite unserer Sinne gebracht haben, fixieren wir ihn. Das Fixierte nennen wir Wissen.

In unserer gesamten Kindheit und Jugend streben wir danach, den korrekten Abstand zu Dingen und Phänomenen einzunehmen.
Wir lesen, wir lernen, wir erfahren, wir korrigieren.
Dann gelangen wir eines Tages an den Punkt, an dem alle notwendigen Abstände bestimmt, alle notwendigen Systeme etabliert sind.
Es ist der Punkt, ab dem die Zeit schneller zu vergehen beginnt. Sie stößt auf keine Hindernisse mehr, alles ist festgelegt, die Zeit durchströmt unser aller Leben, die Tage verschwinden in einem rasenden Tempo, und ehe wir uns versehen, sind wir vierzig, fünfzig, sechzig …

Sinn erfordert Fülle, Fülle erfordert Zeit, Zeit erfordert Widerstand. Wissen ist Abstand, Wissen ist Stillstand und der Feind des Sinns.
Mein Bild von Vater an jenem Abend 1976 ist mit anderen Worten eine Doppelbelichtung: Einerseits sehe ich ihn, wie ich ihn damals sah, mit den Augen des Achtjährigen, unberechenbar und beängstigend, andererseits sehe ich ihn als einen Gleichaltrigen, durch dessen Leben die Zeit weht und unablässig größere Stücke Sinn mit sich reißt.

© Karl Ove Knausgard

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23 Kommentare zu “​Der Überblick über die Welt (Knausgard)

  1. kinder unlimited sagt:

    Ist das aus dem Buch „Träumen“ ? Mich fasziniert seine Sichtweise! Ich kann es nachvollziehen……danke für’s Vorstellen, Lu.

  2. kinder unlimited sagt:

    Hab’s gefunden, ist im Buch „Spielen“, oder?

  3. bruni8wortbehagen sagt:

    Wenn alles am richtigen Punkt ist, wäre unser Wissen also vollständig…
    Das erfordert aber ein sehr strukturiertes umfassendes Denken und hat man/frau das nicht, ist zwar Wissen da, aber der nötige Abstand fehlt zu diesem oder jenem.

    Wissen wäre Stillstand? Das den Sinn tötet? Wäre es dann nicht sinnlos, zu viel wissen zu wollen?

    Seine Sicht des Vaters ist toll in der Doppelbelichtung.

  4. waehlefreude sagt:

    Wow! Was für ein Text! Danke fürs Posten!

  5. pgeofrey sagt:

    Danke lieber Finbar, fürs Klick-Klack-Schloss-auf 🙂
    Habe mich schon gefragt wo du bist.

  6. Flowermaid sagt:

    … eine allumfassende Erkenntnis… ich wünsche dir einen schönen Abend Lu!

  7. Karin sagt:

    Seine Bücher sind Lektüre, zu der man einen langen Atem braucht, man muss sie sich erarbeiten, solche Fundstellen herausschreiben, sonst gehen sie in der Fülle des Geschriebenen unter. Wie Foster Wallace ist er ein Kultautor einer bestimmten Zeit.
    Lieber Gruß von der noch mitten in seinen Bänden steckenden Karin

  8. Jetzt kann ich dich wieder lesen … *freu*
    Und jene Stelle in „Sterben“ hat mich, als ich es las, auch innehalten und über den Abschnitt nachdenken lassen.

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