Damit Literatur entstehen kann (Knausgard)

Jahrelang hatte ich versucht, über meinen Vater zu schreiben, es aber nie geschafft, wahrscheinlich, weil dies meinem eigenen Leben zu nahe kam und sich dadurch nicht so leicht in eine andere Form zwingen ließ, die doch Voraussetzung für Literatur ist.

Das ist ihr einziges Gesetz: Alles muss sich der Form unterordnen. Ist ein anderes Element der Literatur stärker als die Form, etwa der Stil, die Handlung, die Thematik, gewinnt eins von ihnen die Oberhand über die Form, ist das Ergebnis schwach.

Deshalb schreiben Autoren mit einem markanten Stil so häufig schwache Bücher. Deshalb schreiben auch Autoren mit einer markanten Thematik so häufig schwache Bücher.

Damit Literatur entstehen kann, muss das Markante in Thematik und Stil niedergerissen werden. Dieses Niederreißen ist es, was man >>schreiben<< nennt. Beim Schreiben geht es eher ums Zerstören als ums Erschaffen.

© Karl Ove Knausgard

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48 Kommentare zu “Damit Literatur entstehen kann (Knausgard)

  1. Also heißt es, wenn etwas dahinplätschert, dass die Literatur großartig ist?

  2. fraggle99 sagt:

    Ich sehe das anders! Allerdings verdiene ich mein Geld auch nicht als Schriftsteller. Leider. Insofern liegt der Herr Knausgard da kompetenztechnisch vorne und wird schon wissen, was er behauptet. 😉

  3. kinder unlimited sagt:

    Ich weiss, was er sagen will, stimme dem aber nur bedingt zu. Geht es nicht auch um den Leser und dessen Empfindung, wenn er das Buch liest? Muss es dann den Regeln entsprechend geschrieben sein? Wer bestimmt, was wirklich Literatur ist? Ich denke da auch viel an Kunst, besteht nicht da auch das gleiche Problem? Eine Gruppe Intellektueller bestimmt, was Kunst ist !

    • finbarsgift sagt:

      Na ja, Intellektuelle sind stets mit Vorsicht zu genießen, denn oft reden sie zu viel! *g*

      Ich teile Knausgards sehr subjektiv gefärbte Ansicht nicht, aber ich finde sie sehr interessant in ihrem scheinbaren Widerspruch!

  4. brandy99 sagt:

    Mensch kann das so sehen, aber ist die Überwindung der aufoktroyierten Form nicht auch ein Mittel der Literatur?

    • finbarsgift sagt:

      Mit Sicherheit! 🙂

      Die Ansicht von Knausgard sehe ich als sehr subjektiv an, die sicherlich von den meisten guten Autoren wohl kaum geteilt wird!

      Aber interessant finde ich sie trotzdem…

  5. bruni8wortbehagen sagt:

    hm, ich lese und lese und finde seltsam, was ich lese.
    Ich grübele, wie er es wirklich meint.

    Ich hänge an der Form und sehe wirklich zuerst mal nach *lach* und plötzlich habe ich so etwas wie einen Gedankenblitz, der sich im Entstehen schon wieder verabschiedet.
    Ob er stimmt, weiß ich sowieso nicht. Und so ganz fassen konnte ich ihn auch nicht…

    Knausgard überlegt ja, wie er an das Thema Vater/Sohn herangehen könnte und kann es nicht, weil er sich zu sehr von seinem eigenen Vaterbild geprägt fühlt.
    Da muß er also heraus, er muß es zerstören, damit er frei und objektiv an ein allgemeines Vaterbild herangehen könnte. Dann kann er Neues erschaffen.
    Er muß sich dem Stoff an sich öffnen, sich selbst zurückstellen und schreiben, als sei er als schreibendes Ich nur das Werkzeug, das Gedanken hervorbringt.

    Ich denke, in Stil und Form sind Schreibende fast immer zu erkennen, wenn man viel von ihnen gelesen hat, aber der Schreibende selbst muß der Unwichtigste im entstehenden Text werden…
    sonst kann sich die Geschichte nicht so entfalten, daß sie den Leser mitreißt.

  6. hmm… interessant… nachdenkenswert. danke dafür! „kommt mir gerade recht“ in einem denkprozess über mein schreiben…

  7. Lilith sagt:

    Trink 3 Gläser Wein und Du kannst über alles schreiben.

    © Lilith

  8. kowkla123 sagt:

    es gehört sehr viel dazu, um ein Buch für Interessenten zu schreiben, manche tun sich schwer, andere lassen schreiben, eine gute Woche wünsche ich dir

  9. refoexac sagt:

    Jetzt hab überlegt und ist das vielleicht wie mit dem Hund und dem Knochen ? Also wenn man sich zu sehr an etwas festbeisst, kommt nix bewegendes mehr dabei raus ? Weil dann die Distanz zum Inhalt fehlt.
    Ist Schreiben dann ein Spiel mit dem, worüber man schreibt und keine Abrechnung, des Schreibers Seele sollte bei Lesen im Unbekannten bleiben, höchstens indirekt im Gesamtzusammenhang eine Rolle spielen.
    Vielleicht ist das die Definition eines Künstlers allgemein, dass die Konsumenten der Kunst sich selbst darin erkennen und nicht einseitig auf den Erschaffer der Kunst konzentrieren, der Künstler selbst ist nur Kanal, die Kunst selbst spielt immer die Hauptrolle.

    Daran scheitern wohl viele.

  10. Videbitis sagt:

    Was soll das heißen: Form? Wenn ich eine Torte backen will, sollte ich ich nicht die Form für dem Guglhupf nehmen, das wird nichts, das stimmt. Welche Literaturformen meint er? Roman, Lyrik, Drama? Der Roman als Form ist unzureichend definiert, so vielfältig, wie er aussehen kann, welche formalen Kriterien gilt es da einzuhalten? Oder meint er: Wenn man sich für eine Form entschieden hat, wie auch immer die aussieht, soll man dabeibleiben?

    Bei der Lyrik ist es einfacher, wer ein Sonett schreiben will, hat feste Regeln.

    • finbarsgift sagt:

      Leider habe ich auch keine Ahnung, was er hier bzgl. der Form genau meint,

      vielleicht alles, was nicht Handlung, Stil, Thematik ist?!

      Etwas mysteriös, das Ganze, aber die Stelle mit dem Einreissen gefiel mir halt irgendwie 🙂

      Morgengrüßle vom Lu

  11. Flowermaid sagt:

    … für mich scheint Knausgard über die Beziehung zu seinem Vater zu philosophieren, quasi als Metapher…

  12. Ha! Knausgård, die alte Nervensäge. 😉 Bei Knausgård ist es ja meist so, dass er meint, was er sagt, wenn er es sagt. Was aber nicht bedeutet, dass er das immer noch meint, nachdem er es gesagt hat. Ich gehe mal davon aus, dass die hier zitierte Aussage für ihn zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr wichtig war, dass sie aber nicht repräsentativ für sein gesamtes literarisches Schaffen ist.

    • finbarsgift sagt:

      *lach* ist das die Meinung der Norweger/innen im allgemeinen, oder deine persönliche, was diesen norwegischen Autor angeht, der inzwischen in Schweden lebt?!

      Ich dachte bisher immer, sie verehren ihren Autor sehr, weil seine Bücher dort verkauft werden wie die warmen Semmeln *g*

      Viele Sommergrüße vom Lu

      • Hehe. Diese Meinung muss ich voll und ganz und exklusiv auf meine Kappe nehmen. 🙂 Nervensäge deshalb, weil Knausgård halt manchmal schon eine echte Zumutung ist (was ich ihm aber schon deshalb nicht verarge, weil es nicht eine Masche ist, sondern offensichtlich einer inneren Notwendigkeit entspricht). Er hat ja auch versucht, den ersten Band seiner Autobiographie schöner und netter zu schreiben. Und das ist gründlich daneben gegangen. Das von dir hier vorgestellte Zitat könnte in genau dieser Erfahrung wurzeln. Im zweiten Anlauf hat er dann schonungsloser geschrieben. Ohne Rücksicht auf Verluste – Augen zu und durch. Fast wie ein Waldbrand. Da ist ja zunächst auch Zerstörung pur. Aber das ist nur eine Phase. Genau vor diesem Hintergrund meine ich eben, dass diese Aussage über das Entstehen von Literatur situativ-temporär zu verstehen ist.
        Knausgård ist in der Tat in Norwegen sehr populär. Allerdings sind die Meinungen (sowohl bei Kritiküssen als auch beim Lesepublikum) schon sehr stark geteilt. Anders als beispielsweise bei Ketil Bjørnstad, der ja viel geschlossener mit positiver Resonanz bedacht wird.

        • finbarsgift sagt:

          Das ist ja auch ein ganz anderes Kaliber!

          Ich schätze Ketil Bjørnstad seeeeehr!
          Was für ein sozialkompetenter Mensch und fachkompetenter Meister in Sachen Musik und Literatur!

          Vor wenigen Wochen war er hier im Neckartal und gab ein traumhaft schönes Klaviersolokonzert,
          wundervoll war das 🙂

          Die meisten seiner Jazz-CDs, vor allem mit Terye Rypdal sind eh längst Kult!
          Und seine Vindingbücher habe ich mit großem Interesse gelesen…

          Hab einen schönen Tag!

          • Anderes Kaliber trifft es genau. Deshalb würde ich mal sagen, dass bei Ketil Bjørnstad tatsächlich Verehrung von Seiten des Publikums im Spiel ist. Und auch die Bandbreite in Bjørnstads Schaffen (literarisch und musikalisch) ist ja enorm.
            Knausgård zieht eher das an, was ich salopp als „Kraut-und-Rüben Publikum“ bezeichne. Da gibt es jene, die tatsächlich am literarischen Schaffen interessiert sind. Aber da sind auch die Neugierigen – man hat ja soo viel darüber gelesen und gehört. Oder die Nichtabseitsstehenwollenden – weil ja „alle“ (also 2-3 Bekannte) Knausgård gelesen haben und, wichtiger, darüber reden.
            Mein persönliches Interesse an Knausgård war und ist primär sprachlicher Natur – weil der Mann einen außerordentlich gut sortierten Wortschatz hat und es immer wieder spannend ist, zu erleben, was er damit anstellt.

  13. drnessy sagt:

    Lieber Lu! Da hast Du ´mal wieder einen tollen Text herausgesucht, an dem man sich die Zähne ausbeißen kann! Jetzt habe ich mir das 3x, sorry, dreimal durchgelesen, aber immer noch nicht richtig kapiert. Was den für eine Form? Die wichtiger als alles andere ist? Ich wette, der Satz ,,Hä“ ist schon einmal keine gute Form. Schreibfehler auch nicht! Wieso muss das Markante eigentlich niedergerissen werden? Es macht doch eine tolle Geschichte aus? Das kommt davon, wenn man sich als Pragmatikerin hier herumtreibt, aber Spaß macht es schon! Jedenfalls habe ich eines kapiert: Knausgard knausert mit guten Erklärungen, aber Hauptsache, die Form stimmt. Allen Lesern (wünsche ich) einen wundervollen Spätsommer, Eure Nessy (,,Wünsche ich“ hätte ich eigentlich weggelassen, aber ich muss mehr darauf achten, dass die Form stimmt, hihi!)

  14. na, das ist ja hochinteressant, und irgendwie hat er recht, jedenfalls kann ich das, was form und inhalt angeht sehr gut nachvollziehen. beides muss stimmen, damit ein text *gut* (ein subjektiver begriff, vielleicht eher gut lesbar, spannend, ansprechend??) wird. man muss den inhalt „formen“.
    über das „einreißen“ muss ich nachdenken… für mich geht es eher ums „zusammenbringen“ von thema und form.
    auf jeden fall ein sehr spannender nachdenkenswerter eintrag, lieber lu, danke!
    liebe septembergrüße an dich,
    diana

    • finbarsgift sagt:

      Was deine Worte hier als Kommentar zum Knausgard theoretisch formen, liebe Diana,
      das formst du praktisch auf sehr lesenswerte und eindrucksvolle Art und Weise auf deinem feinen Poemblog…

      Hab einen schönen Tag!
      Liebe Morgengrüße vom Lu

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