Feuersee(-kirche)

 

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© finbarsgift

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​Der König des Ungefähren und die Schatten der Sätze (Knausgard)

Espen ahnte wahrscheinlich nichts davon, da ich immer so tat, als würde ich fast alles kennen, aber er war es, der mich in die Welt der hohen Literatur hinaufzog, in der man Essays über eine Zeile bei Dante schrieb, in denen nichts kompliziert genug sein konnte, in der die Kunst in Kontakt zum Höchsten stand, nicht im Sinne des Erhabenen, denn wir hielten uns an den Kanon der Moderne, sondern des Enigmatischen, am besten illustriert in Blanchots Beschreibung von Orpheus‘ Blick, der Nacht der Nacht, der Negation der Negationen, was zugegeben ein ganzes Stück über den trivialen und in vieler Hinsicht schäbigen Leben lag, die wir selber führten, aber damals lernte ich, dass auch unsere lächerlichen, kleinen Lebensläufe, in denen wir absolut nichts von dem bekommen konnten, was wir haben wollten, wirklich nichts, in denen außerhalb unserer Fähigkeiten und Macht stand, teil an dieser Welt hatte und damit auch am Höchsten, denn die Bücher existierten, man brauchte sie nur zu lesen, niemand außer mir selbst konnte mich von ihnen ausschließen. Es galt nur, sich zu ihnen aufzuschwingen.

Die Literatur der Moderne mit ihrer riesigen, brachliegenden Maschinerie war ein Werkzeug, eine Erkenntnisform, und wenn man sich in sie eingearbeitet hatte, konnten die Einsichten, die sie vermittelte, verworfen werden, ohne dass das Wesentliche an ihr verloren ging, die Form blieb bestehen und ließ sich daraufhin dem eigenen Leben zuwenden, den eigenen Faszinationen, die somit plötzlich in einem völlig neuen und bedeutsamen Licht erscheinen mochten. Espen schlug diesen Weg ein, und ich folgte ihm wie ein kleiner, dummer Hund, das ist richtig, aber ich folgte ihm. Ich blätterte ein wenig in Adorno, las ein paar Seiten Benjamin, saß ein paar Tage über Blanchot gebeugt, warf einen Blick in Derrida und Foucault, versuchte mich eine Weile an Kristeva, Lacan, Deleuze, während gleichzeitig Gedichte von Ekelöf, Björling, Pound, Mallarmé, Rilke, Trakl, Ashbery, Mandelstam, Lunden, Thomsen und Hauge herumlagen, denen ich nie mehr als ein paar Minuten widmete, ich las sie wie Prosa, wie ein Buch von MacLean oder Bagley, und lernte nichts, begriff nichts, aber allein schon in Kontakt mit ihnen zu stehen, Bücher von ihnen im Regal zu haben, führte zu einer Bewusstseinsverschiebung, nur zu wissen, dass es sie gab, war bereits eine Bereicherung, und obwohl sie mir keine Erkenntnisse eintrugen, bereicherten sie mich doch umso mehr um Ahnungen und Wahrnehmungen.

Nun war das natürlich nichts, womit man bei einer Prüfung oder in einer Diskussion hätte auftrumpfen können, aber andererseits war es auch nicht das, was ich, der König des Ungefähren, anstrebte – sondern die Bereicherung. Und was mich bereicherte, wenn ich beispielsweise Adorno las, lag nicht in dem, was ich las, sondern in der Vorstellung, die ich von mir selbst bekam, wenn ich las. Ich war ein Mensch, der Adorno las! Und in dieser schwierigen, komplexen, umständlichen, präzisen Sprache, die das Denken stetig höher schraubte und in der jeder Punkt gesetzt war wie der Kletterhaken eines Bergsteigers, gab es zudem etwas anderes, diese ganz bestimmte Annäherungsweise an die Stimmung der Wirklichkeit, diese Schatten der Sätze, die zuweilen eine vage Begierde in mir weckten, diese Sprache mit ihrer besonderen Stimmung auf etwas Wirkliches, etwas Lebendiges anzuwenden. Nicht auf ein Argument, sondern einen Luchs oder eine Amsel oder einen Zementmischer. Denn es war nicht so, dass die Sprache die Wirklichkeit in ihre Stimmungen hüllte, sondern umgekehrt, dass die Wirklichkeit aus ihnen hervortrat.

© Karl Ove Knausgard

am frühen morgen

deine langen haare liegen kwer über mein gesicht
sie kitzeln mich schier in der nase
ich befreie meine augen ein klein wenig von ihnen
nehme meinen ebook reader zur hand
und lese weiter genau an der stelle
wo knausgard sein interview als schüler
mit dem poeten olav hauge schildert

du bist noch nicht wach
schnärchelst ein wenig vor dich hin
aber in einer sehr angenehmen lautstärke
wie eine art cantus firmus des frühen morgens
zu der heute vormittag noch diverse variationen in form einer passacaglia des liebeslebens folgen werden
da bin ich angenehm sicher

nach einer weile des lesens
wachst auch du auf und drehst dich zur seite
wodurch deine haare langsam meinem gesicht entweichen
wie schön du bist am frühen morgen!

wir lächeln uns an und ich rezitiere das gedicht
zeit zu ernten von olav hauge sanft für dich
danach flüstere ich guten morgen in dein linkes ohr
und du gibst mir im gegenzug einen zarten langen kuss auf meine nase
das signal aufzuspringen und kaffee zu brauen
wenn nur jeder morgen so beginnen könnte

© finbarsgift

Zeit, zu ernten (Hauge)

Die milden Sonnentage im September.
Zeit, zu ernten. Noch gibt es Buckel
mit Kronsbeeren im Wald, Hagebutten röten
sich entlang der Steinwälle, Nüsse fallen
und schwarze Trauben von Brombeeren
glänzen im Gestrüpp, die Drossel sucht
nach den letzten Johannisbeeren, und
die Wespe saugt die süßen Pflaumen aus.

Am Abend stell ich die Leiter weg und hänge
meinen Korb in den Schuppen. Magerer Firn
hat schon eine dünne Lage von Neuschnee.
Im Bett liegend höre ich das Tuckern der Sprottenfischer, sie fahren aus.
Die ganze Nacht, weiß ich, gleiten sie mit starken Scheinwerfern suchend über den Fjord.

© Olav H. Hauge