Das Ende vom Lied (Kaleko)

Ich säh dich gern noch einmal, wie vor Jahren
Zum erstenmal. – Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh dich gern noch einmal wie vorher,
Als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.
Ich hört dich gern noch einmal wieder fragen,
Wie jung ich sei … was ich des Abends tu –
Und später dann im kaumgebornen „Du“
Mir jene tausend Worte Liebe sagen.
Ich würde mich so gerne wieder sehnen,
Dich lange ansehn stumm und so verliebt –
Und wieder weinen, wenn du mich betrübt,
Die vielzuoft geweinten dummen Tränen.
– Das alles ist vorbei … Es ist zum Lachen!
Bist du ein andrer oder liegts an mir?
Vielleicht kann keiner von uns zwein dafür.
Man glaubt oft nicht, was ein paar Jahre machen.
Ich möchte wieder deine Briefe lesen,
Die Worte, die man liebend nur versteht.
Jedoch mir scheint, heut ist es schon zu spät.
Wie unbarmherzig ist das Wort: „Gewesen!“

© Mascha Kaleko

 

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34 Kommentare zu “Das Ende vom Lied (Kaleko)

  1. karfunkelfee sagt:

    Prädikat sehr fein, Endstation Sehnsucht. Hier passt wieder der Erich Kästner, der in seinem ‚Kleinen Solo‘ die Einsamkeit zu zweit beschreibt. Das Wort ‚gewesen‘ ist ambivalent. Es kann sowohl Erleichterung als auch Ernüchterung als auch Erfüllung meinen. Und vor alledem steht ein ‚Er‘.
    Morgengrüße von der Fee✨

    • finbarsgift sagt:

      Ja, das klingt interessant, liebe Fee, doch wundert es mich nicht, da alle Sprachen dieser Erde primär männlich geboren und weiterentwickelt sind…
      Liebe Septembergrüße vom Lu

      • karfunkelfee sagt:

        …auch die Körpersprache???
        Alle Sprachen?
        Hm…hm…
        …hm…
        Nun gut, ich will es mal so annehmen.
        Es reicht, dass das Leben an sich primär weiblich ist.
        Jetzt bin ich natürlich gespannt, wie das auf anderen Planeten so gehandhabt wird…😉

  2. Meine Art sagt:

    Wunderschöne traurige und wahre Worte.

    Liebe Grüße
    Astrid

  3. dieMondin sagt:

    Sehr schöne Worte… Und doch, es schmerzt.
    Einen wundervollen Start in die Woche
    wünscht die Ulrike

  4. brandy99 sagt:

    Mascha Kaleko begleitet mich, wie keine zweite Dichterin seit Jahren. Mit ihrer unwahrscheinlichen Prägnanz drückt sie alle Gefühle in wenige Worten aus, so dass mensch immer das Gefühl hat, genau so ist es.

  5. alleinsein1974 sagt:

    Wir erfinden das Verliebtsein in den Jahren nicht neu aber wir können es auch in langer Beziehung auffrischen und neu definieren

  6. bruni8wortbehagen sagt:

    Sie konnte das auf den Punkt bringen, um was ich immer lange nachdenkend herumschleiche und mich frage

    Wieso nur, warum?

    Könnte es doch anders sein?

    Ist es tatsächlich so wie sie meint?

    Sind diese Menschen
    nicht allem zum Trotz in Liebe vereint?

    Das erste Mal ist schnell vorbei
    (Es liegt an der Zeit die verrinnt)
    das Prickeln des allerersten Momentes

    Und dann die Frage, warum ist es nur DIESER Moment, den wir immer wieder herbeisehen? Er wäre doch nur wieder genau so schnell mit dem Wnd weitergeweht… Würde das Sehnen danach nicht sofort von Neuem beginnen?

    Sind wir mit der Zweisamkeit danach nicht viel besser bedient, mit dem Wissen, er/sie ist da und ist meine Hälfte, ohne die es ist, als wäre mann/frau mitten entzwei geschnitten?

    Ich sags ja, ich kann es nicht – einfach so – sonnenklar – auf den Punkt bringen.
    Nur sie konnte es in dieser Weise

  7. bruni8wortbehagen sagt:

    Wobei man bei ihr ja wissen muß, was sie für eine schwierige, überaus starke LebensLiebe für ihren Mann empfand, dem sie mehr geben mußte, als je zurückkommen konnte

  8. so geht es leider wohl sehr oft. ein wunderbares gedicht, wie so viele von mascha kaleko!
    einen guten start in eine helle woche wünsch ich dir, lieber lu,
    diana

    • finbarsgift sagt:

      Nach dem mono no aware der japanischen Ästhetik ist das genau so wie es sein soll…
      im Vergehen der Jahre, der Zeit des Lebens.
      Das wünsche ich dir auch, liebe Diana 🙂
      Herzliche Septembergrüße vom Lu

  9. Karin sagt:

    hör, hier spricht sie es selber, obwohl mir die Stimme zum Text fast zu hell ist; es gibt auch noch eine andere Fassung auf YouTube, da gefällt mir aber das Video nicht ….

    Lieber Abendgruß etwas frühherbstmelancholisch

  10. bruni8wortbehagen sagt:

    Es ist eine so lange zerbrochene Stimme…

    Wie gut, daß viele ihrer Worte nicht vergessen wurden

  11. Einfach schön, auch wenn der Wehmut deutlich herauszulesen ist.

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