Familienbande

​Es war schön und auch beruhigend, sie wieder einmal zu besuchen, neben ihr zu sitzen, auf einer der Bänke in ihrem feinen Heimgarten, sie zu umarmen. Manchmal neigte sie dabei sogar ihren Kopf zur Seite, der dann auf meiner linken Schulter einige Minuten ruhte. Wie wohl wir uns beide dabei fühlten. Wie froh ich bin, dass es ihr – gegenüber von vor einem Jahr – nun wieder um so viel besser geht!

Wir redeten nicht besonders viel. Im Prinzip ist ja auch alles gesagt zwischen uns. Und warum soll ich ihr immer wieder wie verrückt irgendwelche Fragen laut ins Ohr brüllen, um ein Gespräch am Laufen zu halten, das normalerweise noch nicht mal das Niveau eines Smalltalks hat. Worte sind nicht immer alles, feine Körpernähe kann immens viel Schweigen aufwiegen. Und so war es auch am Samstag bei meinem Besuch.

Fünf Stunden Horror pur auf Deutschlands Autobahnen, auf den sogenannten A7 und A8, hin und zurück, waren es mir wert. Wer weiß, wie lange meine Mutter noch unter uns lebenden Menschen weilen wird. Der Tod kann in jenem Alter einen täglich ins Jenseits befördern. Und beschweren kann man sich dann wirklich nicht, nach einem solch langen, äußerst reichhaltigen Leben, was ich ihr wieder einmal nur zu deutlich machte. Und dieses Mal lächelte sie sogar nach meinen Worten.

Irgendwann kam dann auch noch einer meiner Brüder, holte mich ab und wir gingen zu Fuß zusammen in die Stadt zu einem kleinen, verspäteten Mittagessen. Aus Versehen brüllte ich ihm plötzlich ins Ohr und wir erschraken beide, doch dann lachten wir. Ich werde halt auch so langsam älter. Die Pizzen waren fein und wie immer viel zu groß.

Wir unterhielten uns über Mutti, den anderen Bruder, den toten Vater, unsere eigenen Familien, Gott und die Welt, die sich leider wieder einmal in einer fatalen religiösen Schieflage befindet, wie schon so oft in der Menschheitsgeschichte. Ach ja, der Glauben, die verschiedenen Glauben, die vielen Götzen und Götter, wie feindselig Menschen dadurch werden können.

Am Ende unseres Treffens, kurz vor meiner Abfahrt mit dem Auto, schlug er eine gemeinsame Töfftour vor, mit verschiedenen Töffs, von verschiedenen Seiten aus, mit dem wunderfeinen Blautopf in Blaubeuren bei Ulm als Ziel. Und mir gefiel sein Vorschlag sehr.

Im Oktober dann mal, mitten im feinen Altweibersommer, an einem herrlichen Tag, wenn die feinen Laubgewänder der Bäume unsere Fahrten begleiten werden, seine vom Allgäu aus dorthin und meine von der Kesselstadt aus. Vor ca. zehn Jahren machten wir das schon einmal und jene Tour blieb wohl bei uns beiden in wundervoller Erinnerung – also da capo!

© finbarsgift

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Texte.

51 Kommentare zu “Familienbande

  1. dieMondin sagt:

    Familie… Nicht immer einfach, aber immer wieder besonders.
    Und schweigen hat manchmal viel mehr Nähe als viele gesprochene Worte.
    Wundervolle Grüße
    Ulrike

    • finbarsgift sagt:

      Das klingt passend, liebe Ulrike,

      sowohl was die Familien angeht, die, der mann/frau entstammt, wie auch der eigenen,

      so wie auch was das Schweigen und das Reden angeht…

      Dankeschön für deine Worte!
      Liebe Septembergrüße vom Lu

  2. alleinsein1974 sagt:

    Hauptsache man spürt sich und den anderen noch.Worte hattet ihr und ihr wüsstest auch blind was der andere denkt. Einfach nachspüren und dasein

  3. karfunkelfee sagt:

    Guten Morgen, Lu. Das, was Du schreibst, klingt, als sei Deine Mutter gut angekommen, das freut mich sehr! Wie geht es ihrer Gesundheit? Du und Dein Bruder, Ihr unternehmt feine Sachen zusammen! Ich sehe mein Brüderchen viel zu selten, doch wenn ich so etwas lese wie von Dir, bekomme ich direkt Lust auf einen alsbaldigen Besuch (von selbst ist er immer etwas zeitlos, wie bemüh- und beziehungspflegebehäbig) Es ist schön, sich mit Geschwistern so gut zu verstehen, die Qualität einer solchen Begegnung, auch immer öfter im Austausch gemeinsam erlebter und überstandener Kindheits- und Jugendabenteuer miteinander, wirkt mir stets nachhaltig nach, so wie Dir, ein Geschwistertreffen ist so gesehen, auch ein kleiner Jungbrunnen. Ich wünsch Dir einen guten Wochenstart, Liebe Grüße von der Fee

  4. Ulli sagt:

    Lieber Lu, danke, dass du alles mit uns teilst, berührt mich sehr! Wie schön es sein muss, wenn man das gefühl hat, dass sich nun weitere Fragen erübrigen! Und wie schön einen Bruder zu haben, mit dem man feine Touren machen kann, in deren Mitte man sich trifft …
    herzliche Grüsse
    Ulli

  5. Myriade sagt:

    Die Beziehung zu Menschen, mit denen man gemeinsam schweigen kann, ist etwas sehr Schönes. Das Schweigen intensiviert und vertieft die Verbindung. Durch das Schweigen gelangt man schnell und einfach in Tiefen für deren Erreichen man jahrelang reden müsste

  6. schlingsite sagt:

    Beim Lesen scheint es, durch die schön beschriebene Nähe, als ob man dabei gewesen wäre. LG

  7. wie schön zu lesen… das klingt rund!
    harmonische grüße an dich, lieber lu,
    von diana

  8. magguieme sagt:

    Ich freue mich sehr, das zu lesen!

  9. einfachtilda sagt:

    So liebevoll geschrieben…schön ❤

  10. bruni8wortbehagen sagt:

    Das Schweigen mit ihr fällt auf fruchtbaren Boden, lieber großer Sohn Deiner Mutter.
    Sie fühlt Deine Nähe, Deine Wärme, Euer Miteinander und sie kann es geruhsam genießen.

    Wozu in ihr Ohr brüllen, durch die körperliche und seelische Nähe redet ihr doch auch noch im Schweigen miteinander. Sie fühlt Dich und Du fühlst sie. So ist alles gut.

    Leider habe ich keine Geschwister und sie fehlten mir immer sehr…

    Wie schön, seine Idee mit dem gemeinsamen Töfftreffen und wie mir scheint, habt Ihr ein tolles Ziel, lieber Finbar! Behaltet es fest im Auge! Es wird sich ganz bestimmt lohnen,.
    Ich freu mich jetzt schon mal für Dich.

    Herzlichst
    Bruni

  11. pflanzwas sagt:

    Das hört sich sehr schön und liebevoll an ! Solche entspannten Momente in der Familie sind kostbar, halt sie fest und genieße sie 🙂 – Meinst du mit der Kesselstadt die Stäffelesstadt ?

  12. nandalya sagt:

    Familie ist wichtig. Da schrumpft die Entfernung wie von selbst.

  13. lesenbiene sagt:

    Heißt es nicht auch“:Eine Geste sagt mehr als tausend Worte“, lieber Lu und auf Deinen Besuch bei Deiner Mutter trifft es zu. Man versteht sich ohne Worte und schon Deine Anwesenheit ist ihr Freude genug.
    Da fährt man mit einem guten und beruhigtem Gefühl wieder nach Hause und man ist mit sich und der Welt im reinen.

  14. Aurian sagt:

    Das erinnert mich alles ziemlich an die Besuche bei meiner Oma im Altersheim. Sie hoert zwar ganz gut aber Alzheimerseidank sind die Gespraeche oft monoton oder irgendwie auch nicht, weil meine Antworten fuer sie immer wieder neu und ueberraschend sind. Am Anfang hat mich das belastet aber wenn man das Schicksal so hinnimmt, weil man es ja sowieso nicht aendern kann, wird es einfacher. Und manchmal findet man sogar einen Grund zusammen zu lachen … oder einfach nur zusammen zu sitzen und den Voegeln zuzuschauen.
    Liebe Montagsgruesse aus Virginien, ivonne

  15. Anna-Lena sagt:

    Ich freue mich mir dir, dass sich ihr Zustand stabilisiert hat, sah es doch schon ganz anders aus!
    Möge sie euch noch lange erhalten bleiben und ein Leben ohne große Schmerzen haben.

    Alles erdenklich Liebe,
    Anna-Lena

  16. Ich könnte mir vorstellen, das Treffen hat euch beiden viel gegeben. Auch ich finde es immer wieder erstaunlich und wunderbar, dass es deiner Mutter so viel besser geht als noch vor einem Jahr. Man muss auch nicht immer reden. Blicke, körperliche Nähe … Verstehen und Verständnis geschieht auf so vielen Wegen.
    Mich freut aber genauso, dass du mit deinem Bruder eine schöne Tour vorhast! Eine, an denen euch beiden viel liegt. Ich drücke die Daumen, dass das Wetter euch hold ist und ihr dann – während ihr „herumtöfft“ – eine feine Zeit zusammen habt.

    LG Michèle

    • finbarsgift sagt:

      Dafür danke ich dir seeeeehr, Michèle, und auch für deine einfühlsamen Worte, was meine Mutter angeht.

      Manchmal kommt es uns Brüdern schier wie ein Wunder vor 🙂
      Liebe Septembergrüße vom Lu

  17. Flowermaid sagt:

    … Lu du schreibst berührend schön und ich werfe einfach mal Blütenhände voller Zuversicht in Eure Richtung…

  18. drnessy sagt:

    Es toll, wenn man zusammen sitzt und weiß, was der andere meint… Und einem bewußt ist, wie wertvoll die gemeinsam verbrachte Zeit ist! Das erinnert mich daran, dass ich gestern drei Stunden zu meiner im Prüfungsstress ,,gefangenen“ Tochter gefahren bin, um mit ihr Mittag zu essen und dann wieder heimzufahren… Eine tolle Woche, Nessy von Salutary Style

  19. ventisqueras sagt:

    quanta sensibile dolcezza di ricordi, incantevole, Lu

  20. Corona sagt:

    Ich bewundere deine Mutter immer wieder, wie lange ich schon über sie lese und wie stark sie ist und immer noch da ist.
    Du hast es so liebevoll geschrieben und sah euch vor meinem geistigen Auge da sitzen in ruhiger trauter Zweisamkeit.
    Und die Idee von deinem Bruder ist auch super. Ich freu mich, wenn du von eurer Töfftour berichtest.

  21. zeilentiger sagt:

    Wie schön!

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