Draußen vor der Tür

 

Sie stehen draußen vor der Tür und rauchen. Für ihre Nikotinleidenschaft tun sie vermutlich alles. Da ist es ein Klacks, in der Kälte des Morgens vom Büro aus, geschätzt gemäß ihrer Sucht circa alle dreißig Minuten, nach draußen vor die Tür zu treten, an die wundervoll frische Luft, und jene feine Sauerstoffreiche, zusammen mit dem dreckigungesunden Nikotin-Teer-Zigaretten-Qualm einzuatmen.

Ab und zu husten manche von ihnen, auch während des Inhalierens, was aber erstaunlicherweise nicht dazu führt, dass dann mit dem Rauchprozess aufgehört wird, selbst wenn es wie ein heftiger Hustenanfall auf mich wirkt, der ich diese qualmenden, sicher immer ziemlich eklig aus dem Mundschlot stinkenden Büromenschen gerade während einer kurzen Arbeitspause interessehalber mal eine kleine Weile auf meinem Weg zurück zu meinem Arbeitsplatz beobachte.

Ich finde ein solches, draußen vor der Tür explizit zur Schau gestelltes, selbstschädigendes Rauchhustenverhalten äußerst seltsam. Denn das wundervolle vegetative Nervensystem jedes einzelnen Menschen, sozusagen unsere göttliche Biomaschine, gibt damit ja an das Hegemonikon, das leitende Prinzip der Seele, ein lebenserhaltendes Signal, das doch auf keinen Fall überhört werden sollte, nämlich endlich mit dem lebensgefährlichen Rauchen sofort wieder aufzuhören!

Doch das leitende Prinzip der Seele, dieses sehr ehrenwerte, definitiv lebenserhaltende oberste Prinzip jedes menschlichen Individuums, scheint wohl während des Rauchvorgangs dieser Pausenqualmmenschen irgendwie abgeschaltet zu sein. Und das obwohl, so Marc Aurel, ein alter großer Fan des Hegemonikons in seinen Selbstbetrachtungen bekennt: „Die Dinge des Lebens stehen ganz für sich draußen vor der Tür, und wissen weder etwas über sich, noch geben sie Auskunft. Wer also kann dann Auskunft geben? Nur das leitende Prinzip der Seele.“

Und somit sollte mann/frau dieses ganz spezielle, lebenserhaltende Prinzip doch niemals abstellen, auch beim Rauchen nicht. Sondern es sollte vielmehr unter Zuhilfenahme dieses Hegemonikons täglich geprüft werden, worauf es im menschlichen Dasein tatsächlich ankommt, was wirklich wichtig ist, was auf jeden Fall geschehen soll, zu tun ist und was mann/frau als unnötig bzw. überflüssig auch getrost bleibenlassen kann – und hierzu gehört definitiv mit Sicherheit das völlig lebensunnötige Rauchen!

Besonders zufrieden und glücklich wirken diese Pausenraucher beim Qualmen draußen vor der Tür zumeist sowieso nicht auf mich. Es sei denn, sie sind in Gesellschaft anderer, zumeist ebenfalls unter Nikotinsucht leidender Mitmenschen, die wohl laut irgendeiner gesetzlichen Verordnung in öffentlichen Gebäuden – wo ja zielgerichtet zumeist zusammen mit Nichtrauchern gearbeitet werden sollte – seit geraumer Zeit nicht mehr geraucht werden darf.

Marc Aurel gibt mir von der Seite her einen kleinen, wohl eher liebevoll aufweckenden Leberhaken und ich höre seine warmherzige Stimme in mir erklingen: Mensch Lu, lass diese Leute doch rauchen, du kannst sie eh mit deinen Gedanken nicht bekehren, auch wenn sie richtig und wohlwollend gemeint sind; also gehe zurück zur Arbeit, die Pflicht ruft.
 

 

© finbarsgift

Hegemonikon (Marc Aurel)

​Das leitende Prinzip der Seele (oder auch die gebietende Vernunft) bereitet sich selbst keine Unruhe, es stürzt sich zum Beispiel nicht selbst in Furcht oder Schmerz;

will aber ein anderer ihr Furcht oder Traurigkeit einstoßen, so mag er’s tun; sie selbst wird sich durch ihr Urteil in keine solche Gemütsbewegungen versetzen.

Daß aber der Körper nichts leide, dafür mag er sorgen, wenn er kann, und es sagen, wenn er leidet.

Die Seele aber, der eigentliche Sitz der Furcht, der Traurigkeit und der dahin einschlagenden Vorstellungen, wird wohl nicht, wenn sie sich nicht selbst zu derlei Urteilen verführt, leiden.

Denn das leitende Prinzip der Seele (die herrschende Vernunft) ist an und für sich bedürfnislos, wenn sie sich selbst keine Bedürfnisse schafft;

eben deshalb kennt sie auch weder Unruhe noch Hindernis, wenn es sich dies nicht selbst verursacht.

Marc Aurel,
Selbstbetrachtungen,
Buch 7, Spruch 16