Hegemonikon (Marc Aurel)

​Das leitende Prinzip der Seele (oder auch die gebietende Vernunft) bereitet sich selbst keine Unruhe, es stürzt sich zum Beispiel nicht selbst in Furcht oder Schmerz;

will aber ein anderer ihr Furcht oder Traurigkeit einstoßen, so mag er’s tun; sie selbst wird sich durch ihr Urteil in keine solche Gemütsbewegungen versetzen.

Daß aber der Körper nichts leide, dafür mag er sorgen, wenn er kann, und es sagen, wenn er leidet.

Die Seele aber, der eigentliche Sitz der Furcht, der Traurigkeit und der dahin einschlagenden Vorstellungen, wird wohl nicht, wenn sie sich nicht selbst zu derlei Urteilen verführt, leiden.

Denn das leitende Prinzip der Seele (die herrschende Vernunft) ist an und für sich bedürfnislos, wenn sie sich selbst keine Bedürfnisse schafft;

eben deshalb kennt sie auch weder Unruhe noch Hindernis, wenn es sich dies nicht selbst verursacht.

Marc Aurel,
Selbstbetrachtungen,
Buch 7, Spruch 16

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49 Kommentare zu “Hegemonikon (Marc Aurel)

  1. gkazakou sagt:

    ach ja, diese Stoiker!

  2. Ulli sagt:

    Ich kann diesen Text nur aus buddhistischer Sicht begreifen, die da sagt, dass unter der aufgewühlten Oberfläche (des Ozeans zum Beispiel oder eben des Geistes – Geist = Seele und Geist = Verstand) Tiefe und Stille wohnen- auch Reinheit, Reinheit von aufwühlenden Emotionen zum Beispiel …
    aber sind wir nicht Menschen und gerade deswegen auch berührbar, im Stillen, wie im Aufgewühltem?
    herzliche Grüsse an dich, lieber Lu
    Ulli

    • finbarsgift sagt:

      Wundervoller Kommentar, liebe Ulli, denn ich denke, dass die alten Stoiker kwasi die ersten „Buddhisten“ Europas waren *lächel*
      Heutzutage werden es ja gottlob immer mehr 🙂
      Herzliche Herbstgrüße vom Lu

      • Ulli sagt:

        Na ja, lieber Lu, der Buddhismus datiert sich in seiner Entstehung um das 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, die Stoiker betraten die Weltenbühne 200 Jahre später ;), nämlich im 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung … und die Tradition der schamanischen Spiritualität sind noch um einiges älter und auch sie wussten schon, dass alles mit allem verbunden ist, dass es am Menschen liegt seinen Geist zu benutzen, um hinter die Welt der Erscheinungen zu schauen, sowie dass es eine Tugend sei den wild umherschweifenden Geist, sowie die eigenen Emotionen und Begierden zu zähmen …

        • finbarsgift sagt:

          Geschichte sind Geschichten, liebe Ulli, soll heißen, sind subjektive Berichte und Erzählungen, also zumeist völlig ungenaues…

          Ich wollte mit meinem zugegebenermaßen etwas laxen Spruch ja nur sagen, dass auch die Stoiker ein wenig buddhistisches Gedankengut in ihrer Philosophie untergebracht hatten, bevor der Buddhismus generell auf Europa und die Welt überschwappte…

          Nachmittagsgrüßle vom Lu

          • Ulli sagt:

            Ach, lieber Lu, manchmal habe ich so eine olle Lehrmeisterin in mir, verzeih!

            Letztlich ist ja all das auch nichts Getrenntes, es gibt so viele parallele Gedanken in den Kulturen, je näher ich schaue, umso mehr finde ich Gleiches. Die Betonung der Unterschiede in den Kulturen und Religionen auf ihr Äusserlichkeiten führt nur zu weiteren Trennungen, statt das Verbindende zu nähren.

            Nochmals sorry, wenn ich vielleicht etwas „barsch (?)“ klang
            Ulli

            • finbarsgift sagt:

              Macknix, liebe Schreibfreundin, ich freue mich doch immer, wenn du dein interessantes Wissen hier im fin vor uns ausbreitest, Dankeschön dafür!
              Herzliche Herbstgrüße vom Lu

  3. bruni8wortbehagen sagt:

    Lieber Marc,
    ich denke, grundsätzlich kann ich Deinen Betrachtungen in diesem Punkt zustimmen, ABER

    ist die Seele nicht trotz aller Vernunft (über die ich noch nachgrübele) sehr anfällig für das, was an sie herangetragen wird? Sind die Einflüsse auf sie nicht zu dicht und kompakt, als daß sie nicht zuerst versucht, sie mit der reinen Vernunft zu erklären, daß es ihr aber nicht unbedingt zu einhundert Prozent gelingt, wenn die Seelenhaut zu dünn und durchlässig wurde im Laufe der Jahre?
    Das heißt, die Vernunft ist geprägt von allem, was auf sie einwirkt. Das, was sie mal filtern konnte, in die rechten Bahnen einordnete, bringt ihre Ordnung dauerhaft leicht durcheinander und sie beginnt, ihre Abgrenzung, die innere Reinheit, zu verlieren.

    Meinst Du nicht, das all das geschehen kann? Ich bin unsicher und nachdenklich.
    Oder lese ich Deine Worte nicht ganz und gar richtig? Verstehe ich das Wesen der Seele nicht durch und durch.? Was kommt mir da in die Quere?

    War höchste Zeit, daß Du hier mal wieder aufgetaucht bist. Früher hast Du uns öfter besucht…
    Frag Finbar, er wird es bestätigen

    • finbarsgift sagt:

      Yep, liebe Nachdenkerin Bruni, genauso ist es,

      aber wie du siehst, ist er gerade dabei, sich im fin wieder etwas breiter zu machen! *lächel*

      Erst mal als neuer Gravatar des Finbar vorgestern schon, und heute mit einem seiner Sprüche über das Hegemonikon, bzw. dem leitenden Prinzip der Seele, wie er es in den deutschen Übersetzungen seiner Selbstbetrachtungen nennt, und das ihm sehr am Herzen liegt.

      Bitte beachte, liebe Bruni, dass das Hegemonikon NICHT mit der Seele gleich zu setzen ist!
      Es ist eher so eine Art „leader of the pack“ in einem denkenden Selbst, Schilfrohr (erinnere Pascal)…

      Herzliche Herbstgrüße vom Marc-Finbar

      • bruni8wortbehagen sagt:

        ach, danke für den einzig richtigen Gedanken, den ich brauchte, um ganz und gar durchzublicken!
        Ja, dann stimme ich zu. Dann verstehe ich seine Haltung und nicke bstätigend, noch tief in Gedanken versunken. Da geht mir so einiges im Kopf herum, aber gut, daß Du das Schilfrohr erwähnst, es hilft mir sehr

        • finbarsgift sagt:

          *lächel*
          Fein, liebe Bruni 🙂

          Kurzum: mit einem gut aufgestellten leitenden Prinzip der Seele macht einem dieses Dasein in der Welt als denkendes Schilfrohr viel weniger aus…

          Man kommt mit dieser Situation besser zurande, kann auch mal darüber lachen *lach*

          • bruni8wortbehagen sagt:

            Dann müßte dieser vernunftbegabte Geist,dieser Teil meiner Seele, ein guter Denker sein :-).
            die Schilfrohre biegen sich ja auch immer mit dem Wind und nicht dagegen…

            Und doch, wie war das im Dritten Reich?
            Wo war z.B. damals der Geist, diese Vernunft der Seelen, die denkend ist? Hätten nicht alle – gegen alle Vernunft – gemeinsam sich gegen die Windrichtung legen müssen? Ist es zu schwierig, die gemeinsame Stärke zu erkennen und entsprechend zu handeln?

            Oder ist die eigene Selbsterhaltung das Maß der Dinge?

            • finbarsgift sagt:

              Während dieser Zeit damals hatte sich der Weltgeist verdrückt, liebe Bruni, warum und wohin: ich weiß es nicht…die Welt war deshalb wohl von Sinnen, was zu dieser fatalsten Weltkatastrofe aller Zeiten führte…

              Mit dem leitenden Prinzip der Seele jedes einzelnen Menschen hat das nicht wirklich so viel zu tun…

              Herzlich, Finbar

              • bruni8wortbehagen sagt:

                *seufz*, wie sollten wir es auch sonst begreifen können, lieber Finbar…
                Von Sinnen vor Verzweiflung, weil die Arbeitslosigkeit rasendschnell um sich griff und hier Hilfe aus der Verzweiflung schien.
                Diesmal war die Pest ein hirnverbrannter Führer

                • finbarsgift sagt:

                  Herr Weltgeist und Mutter Allnatur und Gott und die anderen Götter hatten sich wohl damals allesamt gegen die Menschlichkeit verschworen…

                  • bruni8wortbehagen sagt:

                    oder sie haben sich allesamt schaudernd abgewendet
                    und allem seinen schrecklichen Lauf gelassen…
                    Mir wird plötzlich eiskalt

                    • finbarsgift sagt:

                      Nein, das ist es ja gerade, sie taten es nicht…

                    • bruni8wortbehagen sagt:

                      Es wäre nur zu verstehen, wenn man in diese Zeit von damals hineinspringen könnte, um es hautnah miterleben zu können.
                      Die, die es beobachten konnten u. Mitgefühl hatten, werden geschockt vor Angst um die eigene Haut verstummt sein, lieber Finbar. Das Mitgefühl erstickte in Angst und Hilflosigkeit, die Anderen sogen gierig das Machtgefühl ein…und nutzen es für eigene Zwecke.

                    • finbarsgift sagt:

                      …da würde ich noch eher einen Zeitsprung in die Zeit von Marc Aurel wagen, liebe Bruni…

                    • bruni8wortbehagen sagt:

                      Ganz ehrlich:
                      Ich auch, lieber finbar!

  4. seeehr interessante sichtweise vom guten alten marc… es meint also, die seele sei von vernunft und verstand bestimmt? (oder verstehe ich da was falsch?) ich denke, sie bildet eher den gegenpol. 😉 versinnbildlicht all das, was weniger vom verstand her als vielmehr gefühlsmäßig im menschen abläuft.
    herzliche herbstgrüße an dich, lieber lu!
    diana

    • finbarsgift sagt:

      Wenn das so wäre, wie du das hier skizzierst, liebe Diana, dann wäre jedes menschliche Leben Kaos,
      und würde innerhalb relativ kurzer Zeit in einer kaotischen Katastrophe enden…

      Zumindest eine „Vorstufe“ des leitenden Prinzips hin zum selbständig denkenden Menschen, der gesunde Menschenverstand sollte wenigstens gut funktionieren…

      Unter dem Hegemonikon versteht der gute Marc eine Art „Überhöhung“, Relevation dieses common sense 🙂

      Herzliche Herbstgrüße vom Lu

  5. kowkla123 sagt:

    sehr zum Nachdenken, fast wie „Herbstgedanken“, einen schönen Restdienstag, Klaus

  6. Flowermaid sagt:

    … wenn ich nichts an meine Seele heranlasse leide ich nicht, aber bin ich dann glücklich?

  7. Corona sagt:

    Irgendwie muss ich dabei an dieses Zitat denken:
    „Geh Du vor“, sagte die Seele zum Körper, „auf mich hört er nicht. Vielleicht hört er auf Dich.“
    „Ich werde krank werden, dann wird er Zeit für Dich haben“,
    sagte der Körper zur Seele.

    © Ulrich Schaffer
    (*1942), Fotograf und Schriftsteller

  8. refoexac sagt:

    Stimmt ! 😀 Alles ist nur IN MIR SELBST. Die Realität ist völlig unbekannt bis sie gelebt oder erlebt wird. So kann man diese zwei trennen ohne das irgendeine Unruhe im System entsteht.

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