​Corona (Celan)

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster,
sie sehen uns zu von der Straße:

es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

© Paul Celan

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49 Kommentare zu “​Corona (Celan)

  1. Es ist Zeit und keiner will sie sich nehmen.
    Wer aber die Zeit verpasst, dem ist sie unwiederbringlich entglitten !

  2. das ist mein lieblingsgedicht von ihm.
    DANKE, lieber lu!

  3. Anna-Lena sagt:

    Welch eine Symbolik, ganz wunderbar, lieber Lu.

  4. Karin sagt:

    Mohn und Gedächtnis heißt auch sein Gedichtband ; es ist ein verzauberndes melancholisches Gedicht.

  5. Ulli sagt:

    ich danke dir von ganzen Herzen, lieber Lu, dass du mir Paul Celan näher bringst, den ich schon so lange lesen will- ich bin total entzückt von diesen wunderbaren Zeilen, die ich jetzt kopiere und in mein Archiv lege, ich hoffe, dass dies okay ist …
    liebe Grüsse vom strahlendem Herbstberg
    Ulli

  6. Corinna sagt:

    Das ist so ein starker, poetischer Text. Der klingt lange nach.

  7. Lutz sagt:

    Tolles Gedicht. L.G.

  8. bruni8wortbehagen sagt:

    2 Gedichtbände hab ich von ihm und nur in einem ist es, dieses wundervolle Gedicht.
    Ich lese Zeile für Zeile und bin mitten in so starken menschlichen Gefühlen, dass ich das Blühen der Steine vor mir sehen kann und auch den Herbst, der auch MEIN Freund ist, der die Zeit aus den Nüssen schält und sie mit größter Vorsicht dann auch wieder zurücklegt.

    Es ist eines seiner schönsten, das empfinde ich ebenso

    Bei diesen Zeilen hier
    *Wir stehen umschlungen im Fenster,
    sie sehen uns zu von der Straße`*

    da gehen meine Gedanken einen geraden Weg und dort verweilen sie ein langes Weilchen,
    denn es ist Zeit, das es Zeit wird, lieber Finbar und es ist wunderschön, wie ich sie sehe, diese beiiden, damals…

  9. kowkla123 sagt:

    es ist Zeit, ja, super beschrieben, beste Grüße von mir zu dir

  10. Corona sagt:

    Ein großartiges Gedicht. Sehr wortgewandt.
    Und wieder was dazugelernt, kenne nämlich diesen Autor nicht .

  11. Flowermaid sagt:

    „… die Zeit, daß man weiß!“ … er wusste worüber er schrieb und konnte es auch noch in solche Wortgefühle kleiden…

  12. ellilyrik sagt:

    Das sind ganz feine Zeilen von Celan, lieber Lu!
    Danke dafür. Er war mir nicht so bekannt und bin nun
    sehr neugierig und werde die anderen Gedichte
    (die oben genannt) lesen.
    Danke auch für deinen Spaziergang bei mir!
    Hab einen schönen Tag, herzlichst Elke

  13. karfunkelfee sagt:

    Es ist einer der wenigen von dem ich lauter Lieblingsgedichte kenne… Weil ich in seiner Art zu sprechen sowohl verloren als auch aufgehoben sein kann als reichte mir das Vertrauen in seine Kunst völlig aus und als ließe es mich dennoch immer ausgehungert nach noch mehr zurück.Der Zustand dazwischen ist es, dieses Schweben und das Eintauchen, das erst Heben und dann wieder Senken der Augen wenn sie sie sich erneut von Celan finden lassen. Er hat sie noch nie verfehlt. 😉✨

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