​Denn die Literatur besteht nicht nur aus Worten (Knausgard)

Misologie, Misstrauen gegenüber Worten, wie es bei Pyrrhon der Fall gewesen war, Pyrrhonismus, war das eine Richtung, in die ein Schriftsteller sich bewegen sollte? Allem, was sich mit Worten sagen lässt, kann mit Worten widersprochen werden, was sollen wir also mit Abhandlungen, Romanen, Literatur? Oder anders formuliert: Wovon man sagt, es sei wahr, von dem lässt sich auch immer sagen, es sei unwahr.

Das ist ein Nullpunkt und der Ort, von dem aus sich der Nullwert ausbreitet. Doch dies ist kein toter Punkt, auch nicht für die Literatur, denn die Literatur besteht nicht nur aus Worten, die Literatur ist das, was die Worte im Leser erwecken. Es ist diese Überschreitung, die Literatur gültig macht, nicht die formale Überschreitung an sich, wie viele glauben.

Paul Celans chiffrenhafte und rätselhafte Sprache hat nichts mit Unzulänglichkeit oder Hermeneutik zu tun, im Gegenteil, es geht darum, etwas zu öffnen, wozu die Sprache sonst keinen Zugang hat, das wir aber dennoch, an einem Ort tief in uns, erkennen oder wiedererkennen oder, wenn nicht das, entdecken. Paul Celans Worten kann nicht mit Worten widersprochen werden. Was sie besitzen, kann auch nicht umgesetzt werden, es existiert nur dort und in jedem Einzelnen von denen, die es in sich aufnehmen.

Dass Gemälde und teilweise auch Fotos für mich so wichtig waren, hing damit zusammen. Sie waren ohne Worte, ohne Begriffe und wenn ich sie betrachtete, war das, was ich empfand, was sie so wichtig machte, auch begrifflos. Es gab darin etwas Dummes, ein Areal, das bar jeder Intelligenz war und das ich nur sehr schwer anerkennen oder zulassen konnte, das aber gleichwohl vielleicht das wichtigste Element von dem war, womit ich mich beschäftigen wollte.

© Karl Ove Knausgard  

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49 Kommentare zu “​Denn die Literatur besteht nicht nur aus Worten (Knausgard)

  1. Mmmmh, lieber Lu, etwas kompliziert gedacht von Herrn Knausgard. Worte und Bilder sollen im Idealfall eine Geschichte im Kopf auslösen und wenn es perfekt gemacht ist, wird ebenfalls das Herz berührt. Bücher oder Bilder die dieses bei mir nicht erfüllen empfinde ich auch nicht als Kunst. Herbstliche Grüße aus Marburg 🙂

    • finbarsgift sagt:

      Das klingt wundervoll stimmig, lieber Arno! 🙂

      Ja, du hast recht, manchmal kommt einem das etwas wirr vor, was er da schreibt, aber interessant finde ich seine Autobiografie trotzdem 🙂

      Herzliche Abendgrüße vom Lu

  2. ich finds sehr gut, was herr knausgard hier sagt! stimme zu!
    (einzig über das „dumme“ stolpere ich, denn wieso sollte das, was mit dem verstand nicht zu fassen ist, etwas „dummes“ sein… eher ist es für mich etwas nicht (be)greifbares, was ich selbst aber keineswegs als etwas „dummes“ bezeichnen würde.)
    aber ansonsten, wunderbar und ein dickes JA!
    liebe grüße aus dem wald,
    diana

  3. Ariana sagt:

    Wenn Literatur es schafft in uns Anklang zu finden, etwas in uns zu berühren, gar auszulösen, wir damit in Resonanz gehen, dann hat Literatur etwas bewirkt und wirkt womöglich noch nach. Wir sind empfänglich (geworden) für das was Worte versuchen auszudrücken, sozusagen hinter den Worten und ja, es ist ein tiefer Ort in uns, der erkennt, wenn es uns dort erreicht…

  4. ingeborgthoring sagt:

    In Worten wird gedacht und mit Empfinden begriffen. „Eine Geschichte berührt“, sagt man „geht zu Herzen“. „Es liegt was in der Luft …“ „… hier ist dicke Luft“ wenn Ärger da ist. Wenn es eine Hierarchie der Worte gibt – die Worte des Herzens haben das Sagen, nicht der Intellekt.

    • finbarsgift sagt:

      Ich sehe das nicht ganz so wie du,
      für mich ist es die ausgewogene Balance,
      durchaus im Yinyangsinne, die den Ausschlag gibt…
      danke für deinen interessanten Kommentar!
      Liebe Abendgrüße vom Lu

  5. bruni8wortbehagen sagt:

    Ich denke, dieser Abschnitt stammt schon aus *Lieben*. Sicher bin ich mir aber nicht.
    Karl Owe meint mit dem Dummen nicht das, was wir gemeinhin als dumm bezeichnen. Er meint wohl einen Punkt, an dem das eigene Denken sich zu entfalten vermag, wo nichts dieses Denken stört. Man/Frau hat die Wahl…
    Ich weiß, daß ich hier auch sehr gestutzt habe, als ich es las. Vielleicht könnte man auch LEERE sagen und diese Leere füllen wir beim Ansehen. Was meinst Du dazu, lieber Finbar?

    *Literatur ist das, was die Worte im Leser erwecken.*
    Das schreibt er ja auch und deshalb fiel es mir bei Celan lange so schwer, einige seiner wundervollen Wortgebilde zu verstehen. Da hab ich lange gebraucht.
    Ich mußte über sein Leben lesen…

    Wenn man Knausgards Bücher selbst liest, wird seine Sicht klarer.
    Er schreibt in einer unglaublichen Bildsprache. Man/frau ist sehr gefordert, nichts zu überlesen, damit man seinen Gedankengängen bei den Geschehnissen folgen kann. (und doch tue ich es immer mal wieder *g*)
    Er schreibt sich von der Seele, damit sie befreit wird und weitergehen kann auf ihrem Weg.
    Seine Ehrlichkeit ist manchmal erschreckend und gerade deshalb wirkt manchmal ein Wort wie ein Hammer. Man erlebt mit ihm seine schwärzesten Stunden, man durchlebt sie in gewissem
    Sinne mit ihm mit, denn er legt seine ganze Seele mit hinein.
    Wenn man dann Freude miterlebt , kann es gleich ein Freudenfeuer sein.
    Man/frau erlebt ihn mit in Traurigkeit, Entsetzen, großer Ängstlichkeit, unentwegten Zweifeln an sich selbst und auch wie er sich äußerlich zerstört, damit nicht nur sein Inneres leidet.

    Hm, tja, so lese ich ihn *schmunzel*

  6. Ulli sagt:

    Das teile ich mit Herrn Knausgard- diese Öffnung hinter den Worten und Bildern, die es gilt für sich als Schreibende-r zu entdecken!
    Danke Lu, das ist so eine Passage für die ich ihn dann doch verehre 😉
    herzlichst
    Ulli

  7. kowkla123 sagt:

    ich kann und will ihm zustimmen, wünsche dir einen schönen Ruhetag und eine gute kommende Woche

  8. refoexac sagt:

    Wörter die wir meiden, deren Aussprache verpönt ist. Sachverhalte die nicht dem gesellschaftlichen Kontext entsprechen und daher Tabus bleiben.
    Und dann hockt man mit einem Freund alleine zusammen und kann sich gegenseitig stundenlang all das Unausgesprochene, Absurde an den Kopf werfen und Beide finden es total lustig und lachen sich kaputt dabei. Besser als jedes schöngefärbte Blabla, wie Therapie aber fast Gratis, bis auf’s Bier 😉

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