​Siebte Küsse

Nach dem Abschluss meines Studiums an einer Schweizer Hochschule trat ich meine erste Stelle in der freien Wirtschaft bei Siemens in der Forschung in München-Neuperlach an. Da ich meine zukünftige Wohnung in Ottobrunn leider nicht rechtzeitig vor Arbeitsbeginn mitten im Hochsommer beziehen konnte, übernachtete ich solange in einer netten kleinen Pension im Münchner Stadtteil Berg-am-Laim, also in relativer Nähe zu meinem neuen Arbeitsplatz.

Bei einem der ersten Frühstücksmorgen in der Pension bemerkte ich plötzlich schräg gegenüber von mir eine junge, sehr hübsche Frau, die mich ohne Umschweife wohl schon einige Zeit ansah, so als wäre ich eines der sieben Weltwunder.
Als sich unsere Augen in Folge immer häufiger begegneten, sie mich allmählich immer mehr anlächelte, ja anstrahlte, da hatte ich diesem weiblichen Charme auch bald nichts mehr entgegen zu setzen und lächelte mit ihr um die Wette, was ziemlich viel Spaß machte.

Obwohl ich mich ab da das ganze weitere Frühstück über intensiv beobachtet und angelächelt fühlte, kam ich trotz der sommerlichen Morgenhitze nicht ins Schwitzen und verschüttete auch keine Milch, die ich meinem Kaffee beimischte.
Diese schöne, mich anlächelnde Frau, gefiel mir sehr und von Minute zu Minute mehr. Vermutlich gefiel ich ihr auch. Doch was führte sie im Schilde?

Plötzlich allerdings verschwand sie, Hals über Kopf, ohne mich noch eines Blickes zum Abschied zu würdigen. Sie hatte wohl ebenfalls einen wichtigen Termin mit einem Arbeitsgeber, so wie ich.
Bald darauf hechtete ich ebenfalls los, war eigentlich schon ein wenig in Verzug, eilte zu meinem Auto, das direkt vor der Pension stand, und fuhr so zügig wie es der morgendliche Stoßverkehr erlaubte zu Siemens zur Arbeit.

Den ganzen Tag über – von einer kurzen Mittagspause abgesehen – verbrachte ich zusammen mit ca. vierzig anderen, ebenfalls frisch promovierten jungen Wissenschaftlern der Mathematik, Informatik, Physik, Nachrichtentechnik und des Maschineningenieurwesens in einem riesigen Großraumbüro, vor einem Computer der allerneusten Siemens-Nixdorf-Bauart.

Es war bereits am Vormittag schon affenartig heiß dort, hatte keine wirklich funktionierende Klimaanlage und unsere Köpfe begannen schon nach wenigen Stunden kräftig zu qualmen und hämmernder Kopfschmerz machte sich in mir breit.
Außerdem konnte ich mich gar nicht so richtig auf die schwierige und komplexe Forschungsarbeit in Sachen Chipentwicklung konzentrieren, wohl wegen dieser oh so wunderschön mich beim Frühstück anlächelnden Frau. Sie hatte mir also doch reichlich tief in die Augen geschaut und deutlich nachhaltige Spuren hinterlassen.

Nach dem schier unerträglichen Arbeitstag war ich froh, das Siemensgelände nach neun hartheissen Stunden endlich wieder verlassen und mit dem Auto zu einem kleinen Badesee in der Gegend östlich von Ottobrunn fahren zu können.
Es tat unglaublich gut, dort im mildwarmen Wasser eine längere Weile zu schwimmen und zu tauchen und mich dann anschließend auf meiner mitgebrachten Decke in der Wiese um den See ein wenig entspannen zu können.

Sobald ich allerdings mit dem Rücken auf der Erde lag und meine Augen schloss, sah ich jedes Mal sogleich ihre Augen, ihre Nase, ihren Mund und ihr bezauberndes Lächeln; ihr schönes Gesicht, ihr faszinierender Kopf ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf!
Daraufhin versuchte ich mich anders von ihrem gedanklichen Eindringen in mein Leben abzulenken, indem ich das Um-die-Ecke-gedacht-Rätsel im aktuellen Zeit-Magazin zu lösen versuchte.

Doch war nach diesem anstrengenden, megaheißen Arbeitshochsommertag in jenem für mich fatal unerträglichen Großraumbüro bei Siemens in der Forschung kein richtiger Elan mehr für eine solch happig-haarige Rätselei übrig.
Also hörte ich alsbald wieder damit auf, denn um-die-Ecke-zu-denken war einfach nicht möglich, bei dem, was diese Frühstücksfrau mit mir und in meinem Kopf alles Verwirrendes so anstellte.

Nach circa zwei Stunden am Badesee bekam ich allmählich gehörigen Hunger, hatte ich doch seit dem Frühstück in der Pension nichts mehr gegessen.
Ich verließ also das Badeseegelände und fuhr zu einem kleinen Restaurant in der Mitte von Ottobrunn, wo ich mir einen feinen, großen Salatteller gönnte. Den hatte ich mir aber auch sowas von verdient, zusammen mit einem kühlen, alkoholfreien Pils.

Sind die Tageshöchsttemperaturen im Sommer einmal jenseits von dreißig Grad – und damals war es sogar über mehrere Wochen fünfunddreißig und mehr Grad heiß – herrschen also die für mich schier unerträglichen Hundstage, dann esse ich tagsüber nichts und abends nur Salat, auf alles andere habe ich unter solchen Wetterumständen nämlich absolut keine Lust mehr.

So gegen zweiundzwanzig Uhr kehrte ich dann zu meiner Pension zurück, parkte mein Auto ganz in der Nähe und ging auf mein Zimmer.
Kaum hatte ich ausführlich kühl geduscht, mich nackt auf mein Bett gelegt und alle viere von mir gestreckt, da klopfte es plötzlich an der Tür.

Ich erschrak ein wenig, verhielt mich aber erst mal mucksmäuschenstill (vielleicht ein Versehen?!), reagierte allerdings schon, als das zweite Mal, etwas intensiver geklopft wurde.
Ich hatte absolut keine Ahnung, wer da was von mir gegen half elf Uhr nachts wollte; mich kannte doch in München noch gar niemand. Wer mochte das also sein? Vielleicht jemand vom Personal der Pension?!

Ich stand wieder auf, ging rasch ins Bad, zog den weißen Bademantel über, der dort für Gäste hin, und tigerte zur Tür.
Als ich sie öffnete, bekam ich vom einen auf den anderen Moment ein gewaltiges Herzklopfen, das mir bis in den Hals hoch, ja Kopf schlug, denn vor mir stand die augenblickende, mich anlächelnde, reizende Frau vom Frühstück. Besonders viel hatte sie nicht gerade an, bei dieser auch um die Zeit kaum auszuhaltenden Sommerabendhitze.

Kann ich reinkommen?, fragte sie.
Zunächst etwas sprachlos, nickte ich nur kurz und schloss hinter ihr die Tür.
Ein viel schöneres Zimmer hast du hier, als ich, sagte sie.
Sie hatte einen jener Dialekte des Deutschen, dem ich absolut nicht widerstehen konnte: pfälzisch, eine ganz spezielle liebreizvolle germanische Sprachvariante, die mich innerhalb kürzester Zeit damals absolut machtlos werden ließ.

Möchtest du etwas trinken?, fragte ich.
Nein danke, ich möchte nur eines, und du weißt doch sicherlich auch was, oder etwa nicht?!
Nach einer kurzen Pause intonierte ich sanft fragend: Küssen?!

Da musste sie sogleich ziemlich so lächeln wie am frühen Morgen schon.
Und das fühlte sich sehr schön, ja ganz bezaubernd schön an.
Und so begannen wir uns ausführlich zu küssen, nahmen also meine siebten Küsse ihren Lauf; sie waren einfach beim besten Willen nicht mehr länger – durch absolut nichts – aufzuhalten!

© finbarsgift

PS:

Und hier noch die Links zu den bisherigen Küssen:

Erste Küsse

Zweite Küsse

Dritte Küsse

Vierte Küsse

Fünfte Küsse

Sechste Küsse

free floating thoughts

free floating thoughts
between darkblue skies
and water horizons

pounding hearts of desire
drifting offshore somewhere
search for wild windkisses

free floating thoughts
swimming and diving next
to huge singing whales

sun rays keep on changing
flamboyant lavender to lava
fields of glorious love

© finbarsgift

​weiterung (Enzensberger)

wer soll da noch auftauchen aus der flut,
wenn wir darin untergehen?

noch ein paar fortschritte,
und wir werden weitersehen.

wer soll da unsrer gedenken
mit nachsicht?

das wird sich finden,
wenn es erst so weit ist.

und so fortan
bis auf weiteres

und ohne weiteres
so weiter und so

weiter nichts

keine nachgeborenen
keine nachsicht

nichts weiter

© Hans Magnus Enzensberger

Black Is The Colour (Luka Bloom)

Black is the colour of my true love’s hair,
Her lips are like some roses fair,
She has the sweetest smile, and the gentlest hands,
I love the ground, whereon she stands.

I love my love and well she knows,
I love the ground, whereon she goes,
I wish the day, it soon might come,
When she & I might be as one.

Black is the colour of my true love’s hair,
Her lips are like some roses fair,
She has the sweetest smile, and the gentlest hands,
I love the ground, whereon she stands.

I go to the Clyde and I mourn and weep,
And satisfied, I never can be,
And the I write her a letter, just a few short lines,
And suffer death, ten thousand times.

Black is the colour of my true love’s hair,
Her lips are like some roses fair,
She has the sweetest smile, And the gentlest hands,
I love the ground, Whereon she stands.

​Blick um Blick (Goethe)

Wenn du dich im Spiegel besiehst,
Denke, daß ich diese Augen küßte,
Und mich mit mir selbst entzweien müßte,
Sobalde du mich fliehst:
Denn da ich nur in diesen Augen lebe,
Du mir gibst, was ich gebe,
So wär ich ganz verloren;
Jetzt bin ich immer wie neugeboren.

© Johann Wolfgang von Goethe

Ein Weihnachtswunsch (Tucholsky)

 

Die Zeit vergeht.
Die kleinen Lichter flammen.
Ein Duft von Knistertannen weht.
Ich reim mir dies und das zusammen …
Die Zeit vergeht.

Wie festtags Seine Augen glänzen,
wie Er leis lacht vor Wohlergehn
inmitten Tannennadelkränzen –
Ich weiß es nicht. Ich hab es nie gesehn.

Ich seh nur durch das Lichtgeflimmer
Ein seidenweiches blondes Haar.
Und auf mich sieht im Kerzenschimmer
Ein unvergeßlich Augenpaar.

 

 

© Kurt Tucholsky

Sechste Küsse

Durch die Flucht meiner Eltern damals, von der ehemaligen DDR in die ehemalige BRD, kam mir sozusagen auf einen Schlag meine gesamte Verwandtschaft abhanden.

Jahre später durfte ich sie aber immer wieder besuchen. In den Sommerschulferien wurde ich nämlich von meinen Eltern Jahr für Jahr nach Hof in Bayern gefahren, dort in einen Zug nach Karl-Marx-Stadt (so hieß Chemnitz damals) gesetzt und so zu meiner Oma mütterlicherseits oder zu einem meiner Onkeln oder zu einer meiner Tanten transportiert.

In diesen innerdeutschen Zügen hatte ich als noch sehr junger Mann immer voll die Muffe, insbesondere beim Stopp an der jahrzehntelang ja äußerst scharf bewachten Zonengrenze zwischen den beiden deutschen Staaten. Vor allem hatte ich große Angst vor der stets erniedrigenden Kontrolle im Abteil, die auch eine gewisse Leibesvisitation durch die stets sehr unfreundlichen und mordsmäßig bewaffneten DDR-Vopos mit einschloss.

Noch jetzt – da ich dies tippe – wird es mir ganz anders, ja geradezu unheimlich, fange ich sogar ein wenig zu zittern an, wenn ich daran zurückdenke.

Mit einem alten Bus fuhr ich dann jeweils – damals kwasi schon ein kleiner „Wanderer zwischen den Welten“ – von der Karl Marx zugedachten sächsischen Großstadt in das kleine, gemütliche Marienberg im Erzgebirge, wo mich meine Großmutter empfing. Sie mochte mich lebenslang sehr und ich sie auch. Sie war zum Beispiel diejenige, die mir zu Weihnachten mal eine Klarinette schenkte, original Erzgebirgsware vom feinsten, nachdem ich als Kind flottflötend Stücke von Bach und Händel beherrschte, also den diversen Blockflöten der Weihnachtsengel längst entwachsen war.

Am nächsten Tag holte mich mein damaliger Lieblingsonkel Bernd ab, bei dem ich fast jedes Jahr einige Wochen meiner Sommerferien verbringen durfte.
Seine Frau Erika war eine sehr patente Person, vor allem auch musikalisch, wie ich. Sie sang schier den ganzen langen Tag über all die deutschen Schlager mit, die aus einem vorsintflutlichen Radio nach außen drangen. Und ich trällerte mit, so gut ich konnte, ohne sie je zuvor gehört zu haben.

Manchmal kam auch was echt Gscheites, das war dann immer auf Englisch, also zum Beispiel von den Beatles oder Stones oder Doors oder einem gewissen Bob Dylan, da horchte ich dann wegen seiner famos poetischen Songtexte immer ganz besonders auf.

Eines Tages kam in einem jener Schulferien-Sommer ein fittes Mädchen, etwas älter als ich, aus der Nachbarschaft herüber zu uns, in das ich mich potzblitz sogleich verguckte.
Ich erstarrte sozusagen schier und kein Wort kam vorerst mehr über meine Lippen, vor allem, als sie mich sogleich auch noch jovial im kernigen sächsischen Dialekt so kwasselnd begrüßte, dass ich kaum etwas verstand.

Außerdem war ich ja schon immer ziemlich schüchtern, blieb es auch fast ein jugendliches Leben lang, vor allem natürlich dem schönen Geschlecht gegenüber.

Doch Tante Erika erkannte sofort meine missliche Lage und übertönte die laute Schlagermusik in ihrer Wohnung mit dem Satz: Kommt doch beide mal her und helft mir ein bisschen beim Kochen, heute gibt’s Sauerkraut und Kartoffelbrei und Bockwurst, das mögt ihr doch beide, oder?!
Natürlich waren wir von ihrem Vorschlag total begeistert und beim Vorbereiten der Mittagsmahlzeit erfuhr ich, dass das Mädchen Claudia hieß und auch noch den Rest des Tages bei uns bleiben würde, was mich natürlich immens freute.

Nach dem Mittagessen spülten und trockneten wir zusammen ab und dann rannten Claudia und ich in den großen Garten hinaus und fingen an Ball zu spielen, Fußball und Federball vor allem.

Da es uns aber bald viel zu heiß wurde, schließlich war ja Hochsommer, packten wir unsere sieben Badesachen und gingen zum Schwimmbad, ganz in der Nähe. Mann war da viel los! Schließlich fanden wir doch noch ein Plätzchen zwischen den Massen von Menschen und ließen es uns den restlichen Nachmittag über gut gehen.

Fast alle weiteren Tage jener, wegen Claudia ganz besonderen Sommerferien liefen so oder so ähnlich ab, mit wenigen Ausnahmen, wenn wir zum Beispiel an trüben Tagen mit Onkel Bernd und seinem Trabant kleinere Ausflüge in die nähere Umgebung, also nach Aue, Freiberg oder Annaberg-Buchholz sowie zum winzigen Geburtsort meiner Mutter nahe der tschechischen Grenze machten.

Claudia und ich verbrachten herrliche Zeiten zusammen und so nach und nach wurde ich unter ihrer Ägide auch endlich ein klein wenig weniger schüchtern.
Und dann geschah an meinem vorletzten Ferientag etwas überraschendes: sie küsste mich plötzlich wild und heftig auf den Mund, als wir zusammen auf unserer Decke lagen und uns sonnten.

Da ich das irgendwie wohl schon kommen gesehen, aber nicht selbst den Mut gehabt hatte, das wundervolle Küssen mit ihr zu beginnen, verhielt ich mich nicht wirklich abwartend, sondern küsste gleich fesch und aktiv mit. Dabei gerieten unsere Münder so richtig heftig anundineinander bis zu einer Kusspause wegen gewisser Atemnöte.

Da sagte sie, etwas außer Atem: das sind aber nicht deine ersten Küsse, oder?
Nur kurz musste ich nachdenken, nachrechnen und dann tönte es aus meinem gerade frisch geküssen Mund: nein, natürlich nicht, es sind meine sechsten!
Daraufhin fing Claudia sofort schallend an zu lachen und ich stimmte sogleich mit ein.

Der Abschied am nächsten Tag fiel uns ob des andauernd vorhandenen Drangs intensief weiterküssen zu wollen sehr schwer, und dennoch musste er sein.
Ich wurde mit Onkel Bernds Trabbi zum Bahnhof von Chemnitz gebracht, in den Interzonenzug verfrachtet und wieder nach Hof zurücktransportiert, wo mich mein Vater mit seinem schicken Opel abholte und der süffisanten Frage: war’s schön?
Worauf ich nur kurz und bündig antwortete: ja, dieses Mal sogar sehr schön!
Und schon fuhr er los, zurück ins Allgäu zu seinen geliebten Bergen.

Im Sommer danach traf ich Claudia leider nicht mehr im Erzgebirge an, weil ihre Eltern inzwischen nach Leipzig umgezogen waren.
Ich war natürlich sehr traurig, ob dieses großen Kussverlustes.

Und so blieb das eben ein wundervoll einmaliger Sommer, zusammen mit der küssenden Claudia im sonnigen Erzgebirge, einige Jahre vor der Wiedervereinigung – die man damals noch nicht einmal erahnen konnte – an den ich mich aber immer noch sehr gerne und mit etwas Wehmut erinnere.

© finbarsgift

PS:

Und hier noch die Links zu den bisherigen Küssen:

Erste Küsse

Zweite Küsse

Dritte Küsse

Vierte Küsse

Fünfte Küsse