Verfall (Trakl)

 

 

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlichen klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

 

 

 

 

© Georg Trakl

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28 Kommentare zu “Verfall (Trakl)

  1. Anna-Lena sagt:

    In dieser Zeit der sichtbaren Vergänglichkeit sollten wir uns auf das kommende Leben im nächsten Jahr freuen, in der Hoffnung, intensiv daran teilzunehmen.

    Einen frohen Gruß in einen traurigen Regentag,
    Anna-Lena

    • finbarsgift sagt:

      Das klingt schön, liebe Anna-Lena,
      im Rahmen der japanischen Ästhetik des Mono no aware gehört aber eben der
      GESAMTE Zyklus des Aufkeimens, Lebens, Verfalls und Tod dazu,
      und ich finde, wir sollten das ALLES akzeptieren innerhalb unseres Daseins,
      und nicht nur Frühling/Sommer…
      denn – weißt du – ohne Herbst/Winter gäbe es auch Frühling/Sommer nicht…
      Herzliche Dezembergrüße
      vom Lu

      • Anna-Lena sagt:

        Haben wir eine Wahl, als alles zu akzeptieren? Es ist nur nicht immer einfach, zu hundert Prozent JA zu sagen.

        Einen lieben Gruß zum Dezemberbeginn,
        Anna-Lena

        • finbarsgift sagt:

          Wir sind dbzgl ohnmächtig, liebe Anna-Lena, und das sind wir Menschen sehr ungern…

          Aber ich sage JA zu allen vier Jahreszeiten, und möchte nicht immer nur on the sunny side of life leben…

          Herzliche Abendgrüße vom Lu

  2. Corona sagt:

    Der Herbst zeigt deutlich, wie Vergänglichkeit alles ist.

  3. karfunkelfee sagt:

    So ein trister Trakl. Das Bild der Pilgerzüge und die anderen Bilder tolltolltoll. Tolltrister Trakl. Sibelius walzt mir im Kopf dazu seinen melancholischen Schrägton-Walzer. Draußen hängt dicke Nebelsuppe in der Landschaft. Regen rührt sie um und ich hab gute Laune und lese lieber den Trakl nochmals als weiter über Tristesse zu schreiben.
    Guten Morgen ☺️✨

    • finbarsgift sagt:

      *schmunzel*
      Ich finde, Trakls perfektes Mono no aware Poem und der Valse triste von Jean Sibelius passen sehr gut zusammen, liebe Fee, dort im teutonischen Regen mit guter Laune durch den Morgennebel tanzend 🙂
      Herzliche Dezembergrüße
      vom Lu

  4. kowkla123 sagt:

    Verfall, na, ja, aber es klingt doch so schön, schönen Donnerstag wünsche ich dir bei hoffentlich besserem Wetter, als bei uns

  5. bruni8wortbehagen sagt:

    Worte voller erkenntnis, voller wissen um freuden, innehalten und um den leisen zerfall, den wir kommen sehen und damit weiterleben,, weil uns die Lebensfreude so gegenwärtig ist
    Seine Worte treffen mich voll

  6. Videbitis sagt:

    Großartig, dieser Trakl. Allerdings: In seiner Haut möchte ich nicht stecken.;-)

  7. Flowermaid sagt:

    … wer vor dem Leben flieht wird es im Sterben schwer haben…

  8. Dieser Herbst ist sowieso nochmal trauriger als sonst.
    Schönes Gedicht ausgesucht, Lu.
    Alles Liebe,
    Michael

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