Der Engel (Rilke)

 

Mit einem Neigen seiner Stirne weist
er weit von sich was einschränkt und verpflichtet;
denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet
das ewig Kommende das kreist.

Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten,
und jede kann ihm rufen: komm, erkenn –.
Gib seinen leichten Händen nichts zu halten
aus deinem Lastenden. Sie kämen denn

bei Nacht zu dir, dich ringender zu prüfen,
und gingen wie Erzürnte durch das Haus
und griffen dich als ob sie dich erschüfen
und brächen dich aus deiner Form heraus.

 

 

 

 

© Rainer Maria Rilke

 

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45 Kommentare zu “Der Engel (Rilke)

  1. rotherbaron sagt:

    Wundervoll. Beim Lesen von Rilke-Gedichten denke ich oft: Er war nicht von dieser Welt. Vielleicht ein Engel?

  2. Heartafire sagt:

    Surely one of the most beautiful poems written.

  3. Flowermaid sagt:

    … wie so oft sind es die letzten Zeilen, die Hoffnung schreiben…

  4. Ach, dieser Rilke ist wahrlich ein furchtbarer Geselle. Unsereiner möchte sich doch bloß schenkelklopfend ein wenig amüsieren. Aber nicht nur macht einem der Rainer Maria mit jeder Silbe fette Striche durch diese Rechnung – er tut dies auch noch mit einer poetischen Kraft und sprachlichen Schönheit, dass man ihm ob des Schenkelklopfvereitelns nicht einmal gram sein kann. 😉

  5. bruni8wortbehagen sagt:

    Dieses Poem von ihm kannte ich noch nicht, lieber Finbar

    Aber wie oft wäre es nicht schlecht, aus seiner alten Form herausgeschält zu werden, um sich wie neu zu fühlen… Eine neue Chance, die es zu ergreifen gilt *lächel*

    • finbarsgift sagt:

      yep, wenn sie denn WIRKLICH da ist, passiert…

      • bruni8wortbehagen sagt:

        Wer weiß das denn schon??? Keiner, nicht einer!

        Er schreibt ja: das ewig Kommende das kreist.
        Kreisen würde bedeuten, es gibt kein Ende

        Meint er mit *aus der Form herausgebrochen* vielleicht nur, was war und sich nun verändert?
        Und die Veränderung kann vielerlei Gestalt haben?

        Eigentlich sind mir seine Texte immer klar, aber hier überlege ich sehr, vom ersten Lesen an…hm

  6. Anna-Lena sagt:

    Ich mag Rilke und seine Vielseitigkeit. Momentan schaue ich gern in sein „Stundenbuch“ – herrlich!

    Komm gut in die neue Woche, lieber Lu.
    Herzlich
    Anna-Lena

  7. ellilyrik sagt:

    Ich mag Rilke auch seeeeehr, lieber Lu!
    Wunderbare Zeilen, danke dafür!
    Eine stressfrei und friedliche Adventswoche
    wünsche ich Dir. Herzlichst Elke

  8. eckstein sagt:

    er war ganz sicher ein synästhetiker. in mir klingen seine zeilen immer hellgelb. 🙂
    herzlich liebe grüße in die neue woche für dich lieber lu.

  9. quersatzein sagt:

    Ein starker Engel, ganz ohne Gesäusel.
    Lieben Montagsgruss,
    Brigitte

  10. gkazakou sagt:

    ein rätselhaftes Gedicht, ach, und wie alles, was Rilke in Sprache gestaltet, schön. Und weils so schön ist, gerät man leicht ins Gleiten, gleitet dahin und ab und weiß nicht, was es war, das einen anrührte. Wer sind „sie“, die nachts kommen, zürnend, mich ringender zu prüfen? sind es diese tiefer am Himmel stehenden Gestalten? Sind sie es, die mich aus meiner Form brechen wollen? Ist das gut? Oder ist es besser, dagegen Widerstand zu leisten und sich ringend zu erhalten und zu stärken und die eigene Form zu verteidigen? Soll ich dem Engel folgen und, meine Stirn neigend, wie er, alles Einschränkende von mir weisen? Kann ich das denn, ich, ein Mensch? Brauche ich nicht die Einschränkung der Form? Rilke ist ein Meister der Form, will mir scheinen, in dem ein poetischer Inhalt frei fließt und beglückt. Vielleicht ist gerade dies der Grund, warum er so tief das Gemüt anspricht?

  11. Corona sagt:

    Klingt wie nach einer Seelenreise.

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