​Vom Staubkorn im Universum des Möglichen (McEwan)

Manche Künstler, ob Maler oder Schriftsteller, gedeihen wie ungeborene Babys am besten auf begrenztem Raum. Ihre eingeschränkte Themenwahl mag den ein oder anderen verblüffen oder auch enttäuschen: das Balzverhalten des Adels im achtzehnten Jahrhundert, das Leben auf See, sprechende Kaninchen, Hasenskulpturen, dicke Menschen in Öl, Hundeporträts, Pferdeporträts, Porträts von Aristokraten, liegende Akte, Krippenszenen millionenfach, Kreuzigungen und Mariä Himmelfahrt, Obstschalen und Blumen in Vasen. Oder Brot und holländischer Käse mit und ohne Messer. Manche widmen ihre Prosa einzig dem eigenen Ich. Auch in der Wissenschaft beschäftigt der eine sich ein Leben lang mit albanischen Schnecken, ein anderer mit einem Virus. Darwin untersuchte acht Jahre lang Seepocken. Und später, im weisen Alter, Regenwürmer. Nach dem Higgs-Boson, einem winzigen Etwas, das vielleicht nicht einmal ein Etwas war, forschten abertausend Wissenschaftler jahrzehntelang. In einer Nussschale eingesperrt sein und in zwei Zoll Elfenbein oder einem Sandkorn die ganze Welt sehen. Warum nicht, wenn alle Literatur, alle Kunst, alles menschliche Trachten nur ein Staubkorn im Universum des Möglichen ist. Wenn selbst dieses Universum vielleicht nur ein Staubkorn in einer Vielzahl möglicher und tatsächlicher Universen ist.

© Ian McEwan  

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52 Kommentare zu “​Vom Staubkorn im Universum des Möglichen (McEwan)

  1. Schöne Freitagseinführung 🙂 Ich begebe mich dann mal in meine Nische. Viele Grüße, Peggi

  2. kat+susann sagt:

    Mir fiel sofort der Vater von Kommissar Wallander ein. Der Vater malt nur Landschaften. Mit und ohne Auerhahn.
    Gruss zum Wochenende
    S.

  3. Meine Art sagt:

    …meine Nische suche ich noch, wenn ich sie finde wird es vielleicht auch ein bisschen langweiliger.

    Schönen Tag noch. 🙂

  4. ingeborgthoring sagt:

    Eine Nische hat ihre eigenen vier Wände.

  5. Wie doch so ein kurzer Text die Sichtweise, den Horizont unheimlich erweitert. Ich denke, erst wenn man die kleinen Dinge sieht, kann man auch die großen, das Zusammenhängende sehen.
    Danke Lu!
    Alles Liebe,
    Michael

  6. Guten Morgen lieber Lu, auch wir sind nur ein Higgs-Boson, welches von anderen Seite aus gesucht und vielleicht nur noch nicht entdeckt wurde 😉

  7. Auf der Suche nach Perfektion…statt von allem ein bisschen..
    Das hat was,
    dir ein paar Sonnenstrahlen für den Tag durch den Nebel schicke

  8. Sternchen sagt:

    Mich fasziniert immer, woher solche Menschen ihre Motivation haben und am wichtigsten das Durchhaltevermögen….etwas sehr gut zu wissen, entschädigt meiner Meinung nach nicht dafür, dass man den Weitblick nicht mehr hat. Vielleicht ist es auch nur ein Vorurteil, das ich da bediene.

  9. magguieme sagt:

    Hat Darwin denn daneben gar nichts mehr getan? Ich wäre gestresst, müsste ich mich an eine Winzigkeit verschreiben. Glaube ich. Aber was ist schon winzig?

  10. Hallo Lu,
    ein Beitrag, der zum Nachdenken anregt!

    Meine Gedanken dazu:

    Einzeln sind wir alle nur ein Staubkorn im Universum. Erst die Verbindung miteinander gibt uns eine gewisse Größe.

    Noch ein Beispiel:
    Ein einzelnes Wort ergibt keinen Satz und ein Satz keine Geschichte, aber eine Anreihung von Sätzen….

  11. bruni8wortbehagen sagt:

    Nichts als ein Staubkorn im riesigen Unversum der Möglichkeiten….

    Wir selbst und alles, was wir tun, ist nichts, gemessen am Universum.
    Ich weiß es ja und doch empfinden wir uns höchst selten sooo winzig und klein.
    Na ja, es gibt vielleicht unterschiedlich große bzw. kleine Sandkörnchen *g*
    Das eine meint, es sei doch größer als ein anderes… *hüstel*

    Mehr sind wir wirklich nicht, aber sich die Massen aller Möglichkeiten vorzustellen, die es geben könnte, ist schon alleine unvorstellbar.
    Wir bewegen uns im Rahmen unserer Möglichkeiten, also jeder ein wenig anders und immer wieder erkennen wir Kurioses dabei, das den Menschen sehr wichtig ist

    Eines würde mir im Traum nicht einfallen, auch wenn ich im Alter sehr weise geworden wäre (was ich mir nun aber wirklich nicht vorstellen kann *g*), würde ich niemals meine Zeit mit Regenwürmchen verbringen, auch wenn ich KleinWinziges mag und es oftmals sogar sehe 🙂

    Ein Text, der mir sehr gefallen hat, zeigt er doch mal wieder, wie ein Text sehr ernst, auch philosophisch und gleichzeitig sehr erheiternd sein kann

  12. Flowermaid sagt:

    … eine Niesche kann einen auch schnell an die Wand drücken, dann hilft immer nur du die Bewegung nach vorn…

  13. gkazakou sagt:

    will ich auch noch meinen Senf dazu geben. Also. Ich bin Universalist. Kleiner als Universum mache ich es nicht. aber auch nicht größer. Ein Universum ist mir grad recht, um mich dran zu messen. 🙂

  14. Karin sagt:

    Eine Geschichte, und was für eine Geschichte, mit solch einem Text von einem ungeborenen Kind erzählen zu lassen, fand ich faszinierend, manchmal auch verstörend und ich fragte mich, wie viel vom realen Leben bekommt ein Kind im Bauch seiner Mutter geborgen vielleicht wirklich mit. Das Ungeborene auf Musik, Stimmungen usw. reagieren, ist ja bekannt; auch dürfte dieses Kind im Buch mit einem Gehirnschaden geboren werden bei dem Alkoholkonsum seiner Mutter.Aber es ist ja Fiktion -:)))
    Das Buch hat als Titel Nussschale…ein Hinweis für Deine Leser, die vlt. neugierig geworden sind.
    Die Passage, die Du ausgesucht hast, ist eine der schönsten in diesem Roman.
    Lieber Gruß in Deinen Abend vom Dach in Hanau

  15. teggytiggs sagt:

    …ist es nicht gleich, ob das Große oder Kleine, das Enge oder Weite, das Eine oder das Viele betrachtet wird…da alles in Einem ist und eines in Allem?

    …wer das Göttliche nicht in einer Blüte erkennt, wird es im ganzen All nicht finden…das ist wohl erst einmal theoretisch und leicht gesagt…doch eine Erkenntnis, die den Weg zeigt…

    liebe Grüße aus dem Sachsenlande

  16. diese Passage klingt echt toll. Ich hab das Buch schon in der Hand gehabt. Danke fürs teilen!

  17. refoexac sagt:

    Hat was. 1-Zimmer-Wohnung und Musikstudio, Malatelier, schlafen, Freizeit, Büro auf ein paar m2. Man stösst immer wieder an Grenzen und nicht alles ist möglich hier, wie bei einem Bonsaibaum muss man immer wieder gewisse Äste abschneiden. Wobei mich das Rätsel der Welt immer schon mehr interessiert hat als mein eigenes. Beides ist jedoch miteinander unzertrennlich verknüpft, findet man nicht heraus, wer man ist, was man ist und was man braucht, kommt man beim Rätsel der Welt auch nicht weiter und umgekehrt. 😀

  18. chris sagt:

    Die Erde könnte ohne Menschen gut auskommen.
    Auf Regenwürmer kann sie nicht verzichten.
    Insofern hatte Darwin völlig recht… 😉

    • finbarsgift sagt:

      Zumindest, was den Erdboden angeht, da hast du vollkommen recht *g*

      • chris sagt:

        Der Mensch ist doch erst eine Sekunde auf der Erde, gemessen an anderen Lebensformen. Die Erde wird es noch lange geben ohne uns. Die Evolution geht auch ohne die Menschen weiter. Es könnte sich alles in kürzester Zeit wieder erholen. Wäre das nicht fein für Tiere und Pflanzen ? 😉

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