Sechste Küsse

Durch die Flucht meiner Eltern damals, von der ehemaligen DDR in die ehemalige BRD, kam mir sozusagen auf einen Schlag meine gesamte Verwandtschaft abhanden.

Jahre später durfte ich sie aber immer wieder besuchen. In den Sommerschulferien wurde ich nämlich von meinen Eltern Jahr für Jahr nach Hof in Bayern gefahren, dort in einen Zug nach Karl-Marx-Stadt (so hieß Chemnitz damals) gesetzt und so zu meiner Oma mütterlicherseits oder zu einem meiner Onkeln oder zu einer meiner Tanten transportiert.

In diesen innerdeutschen Zügen hatte ich als noch sehr junger Mann immer voll die Muffe, insbesondere beim Stopp an der jahrzehntelang ja äußerst scharf bewachten Zonengrenze zwischen den beiden deutschen Staaten. Vor allem hatte ich große Angst vor der stets erniedrigenden Kontrolle im Abteil, die auch eine gewisse Leibesvisitation durch die stets sehr unfreundlichen und mordsmäßig bewaffneten DDR-Vopos mit einschloss.

Noch jetzt – da ich dies tippe – wird es mir ganz anders, ja geradezu unheimlich, fange ich sogar ein wenig zu zittern an, wenn ich daran zurückdenke.

Mit einem alten Bus fuhr ich dann jeweils – damals kwasi schon ein kleiner „Wanderer zwischen den Welten“ – von der Karl Marx zugedachten sächsischen Großstadt in das kleine, gemütliche Marienberg im Erzgebirge, wo mich meine Großmutter empfing. Sie mochte mich lebenslang sehr und ich sie auch. Sie war zum Beispiel diejenige, die mir zu Weihnachten mal eine Klarinette schenkte, original Erzgebirgsware vom feinsten, nachdem ich als Kind flottflötend Stücke von Bach und Händel beherrschte, also den diversen Blockflöten der Weihnachtsengel längst entwachsen war.

Am nächsten Tag holte mich mein damaliger Lieblingsonkel Bernd ab, bei dem ich fast jedes Jahr einige Wochen meiner Sommerferien verbringen durfte.
Seine Frau Erika war eine sehr patente Person, vor allem auch musikalisch, wie ich. Sie sang schier den ganzen langen Tag über all die deutschen Schlager mit, die aus einem vorsintflutlichen Radio nach außen drangen. Und ich trällerte mit, so gut ich konnte, ohne sie je zuvor gehört zu haben.

Manchmal kam auch was echt Gscheites, das war dann immer auf Englisch, also zum Beispiel von den Beatles oder Stones oder Doors oder einem gewissen Bob Dylan, da horchte ich dann wegen seiner famos poetischen Songtexte immer ganz besonders auf.

Eines Tages kam in einem jener Schulferien-Sommer ein fittes Mädchen, etwas älter als ich, aus der Nachbarschaft herüber zu uns, in das ich mich potzblitz sogleich verguckte.
Ich erstarrte sozusagen schier und kein Wort kam vorerst mehr über meine Lippen, vor allem, als sie mich sogleich auch noch jovial im kernigen sächsischen Dialekt so kwasselnd begrüßte, dass ich kaum etwas verstand.

Außerdem war ich ja schon immer ziemlich schüchtern, blieb es auch fast ein jugendliches Leben lang, vor allem natürlich dem schönen Geschlecht gegenüber.

Doch Tante Erika erkannte sofort meine missliche Lage und übertönte die laute Schlagermusik in ihrer Wohnung mit dem Satz: Kommt doch beide mal her und helft mir ein bisschen beim Kochen, heute gibt’s Sauerkraut und Kartoffelbrei und Bockwurst, das mögt ihr doch beide, oder?!
Natürlich waren wir von ihrem Vorschlag total begeistert und beim Vorbereiten der Mittagsmahlzeit erfuhr ich, dass das Mädchen Claudia hieß und auch noch den Rest des Tages bei uns bleiben würde, was mich natürlich immens freute.

Nach dem Mittagessen spülten und trockneten wir zusammen ab und dann rannten Claudia und ich in den großen Garten hinaus und fingen an Ball zu spielen, Fußball und Federball vor allem.

Da es uns aber bald viel zu heiß wurde, schließlich war ja Hochsommer, packten wir unsere sieben Badesachen und gingen zum Schwimmbad, ganz in der Nähe. Mann war da viel los! Schließlich fanden wir doch noch ein Plätzchen zwischen den Massen von Menschen und ließen es uns den restlichen Nachmittag über gut gehen.

Fast alle weiteren Tage jener, wegen Claudia ganz besonderen Sommerferien liefen so oder so ähnlich ab, mit wenigen Ausnahmen, wenn wir zum Beispiel an trüben Tagen mit Onkel Bernd und seinem Trabant kleinere Ausflüge in die nähere Umgebung, also nach Aue, Freiberg oder Annaberg-Buchholz sowie zum winzigen Geburtsort meiner Mutter nahe der tschechischen Grenze machten.

Claudia und ich verbrachten herrliche Zeiten zusammen und so nach und nach wurde ich unter ihrer Ägide auch endlich ein klein wenig weniger schüchtern.
Und dann geschah an meinem vorletzten Ferientag etwas überraschendes: sie küsste mich plötzlich wild und heftig auf den Mund, als wir zusammen auf unserer Decke lagen und uns sonnten.

Da ich das irgendwie wohl schon kommen gesehen, aber nicht selbst den Mut gehabt hatte, das wundervolle Küssen mit ihr zu beginnen, verhielt ich mich nicht wirklich abwartend, sondern küsste gleich fesch und aktiv mit. Dabei gerieten unsere Münder so richtig heftig anundineinander bis zu einer Kusspause wegen gewisser Atemnöte.

Da sagte sie, etwas außer Atem: das sind aber nicht deine ersten Küsse, oder?
Nur kurz musste ich nachdenken, nachrechnen und dann tönte es aus meinem gerade frisch geküssen Mund: nein, natürlich nicht, es sind meine sechsten!
Daraufhin fing Claudia sofort schallend an zu lachen und ich stimmte sogleich mit ein.

Der Abschied am nächsten Tag fiel uns ob des andauernd vorhandenen Drangs intensief weiterküssen zu wollen sehr schwer, und dennoch musste er sein.
Ich wurde mit Onkel Bernds Trabbi zum Bahnhof von Chemnitz gebracht, in den Interzonenzug verfrachtet und wieder nach Hof zurücktransportiert, wo mich mein Vater mit seinem schicken Opel abholte und der süffisanten Frage: war’s schön?
Worauf ich nur kurz und bündig antwortete: ja, dieses Mal sogar sehr schön!
Und schon fuhr er los, zurück ins Allgäu zu seinen geliebten Bergen.

Im Sommer danach traf ich Claudia leider nicht mehr im Erzgebirge an, weil ihre Eltern inzwischen nach Leipzig umgezogen waren.
Ich war natürlich sehr traurig, ob dieses großen Kussverlustes.

Und so blieb das eben ein wundervoll einmaliger Sommer, zusammen mit der küssenden Claudia im sonnigen Erzgebirge, einige Jahre vor der Wiedervereinigung – die man damals noch nicht einmal erahnen konnte – an den ich mich aber immer noch sehr gerne und mit etwas Wehmut erinnere.

© finbarsgift

PS:

Und hier noch die Links zu den bisherigen Küssen:

Erste Küsse

Zweite Küsse

Dritte Küsse

Vierte Küsse

Fünfte Küsse

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Texte.

89 Kommentare zu “Sechste Küsse

  1. fraggle99 sagt:

    Irgendwie fielen mir beim Lesen dieses schönen Textes Liedzeilen von Bodo Wartke ein:

    „Claudia, Claudia,
    Du bist für mich die Frau, die aaa..
    …lle anderen in den Schatten stellt.“

    😉

    • finbarsgift sagt:

      *lächel*
      Bekannt ist ja vor allem sein langes Liebeslied, aber ich kenne auch dieses, da ich ihn schon zwei mal live erlebte, in ES und in HN. Inzwischen ist er allerdings vom Solo-Klavier-Singer-Songschreiber zum perfekten Entertainer mutiert, was mir – ehrlich gesagt – weniger gut gefällt…

      Herzlichen Dank für deinen schönen Kommi,
      save your day, Lu

  2. Carrie Shawl sagt:

    Wie schöööön 🙂

    P.S.: Diese Filzerei und Angst kenne ich auch 😦

  3. Meermond sagt:

    Danke, dass wir „mitküssen“ durften.
    Ich wünsche dir ein frohes Weihnachtsfest!
    Ein bayerisches Luftbussi aus dem Norden

    • finbarsgift sagt:

      *schmunzel*
      Küssen ist international und funzt in jeder Landessprache, so wie Musik und letzten Endes auch die Mathematik 🙂
      Herzlichen Dank für deinen feinen Kommi *freu* und das schöne nordbayrische Flugbussi *lächel*

  4. Fast im SIEBTEN Himmel.
    Danke fürs Teilen.
    Herzliche Grüße aus Basel.
    Priska

  5. bruni8wortbehagen sagt:

    *lächel*, ach, sie sind so schön, all Deine Erinnerungsküsse, lieber Finbar!

    Jedesmal lese ich sie sehr vegnügt und manchmal ein wenig wehmütig, weil so vieles schon vergangen ist, aber der Humor bleibt, Deiner und meiner und ich küsse mal, ganz in Gedanken versunken, einen Teil meiner Jugend, der nun hinter mir liegt, weil die Zeit einfach immer weiter
    rennt und niemals eine Pause macht… mit ihrer ewigen Weiterrennerei 🙂

    Herzlichst Bruni am Tag vor dem Heiligen Abend

  6. Danke für Deine Geschichte. Einmal etwas von einem „Wanderer zwischen den Welten“ zu erfahren, finde ich sehr interessant. Ach, ich hätte da noch 1001 Fragen an Dich…
    Wünsche Dir frohe Weihnachtstage und eine gute Zeit hinein ins neue Jahr.

  7. Vielen Dank für deine Geschichte mit viel Kuss-Inhalt 🙂
    Viel erlebt mit schönen Erinnerungen… diese bleiben halt für immer.
    Frohe Weihnachten wünsche ich Dir von Herzen ❤

  8. Ach wunderschöne Erinnerungen
    Danke dass ich mit dir schwelgen durfte
    Ich wünsche dir entspannte Weihnachtstage im Kreis deiner Lieben.

  9. Sternchen sagt:

    Was waere das Leben ohne Kuesse😃ich vergesse viel, aber nie einen wirklich guten Kuss……Dein Kuss stories haben mir alle sehr gefallen 😃

  10. Chaosvater sagt:

    …ich kann mich leider nicht mehr an den ersten ….. aber auch nicht an den sechsten Kuss .. erinnern/ so lange ich hier auch nachdenke …. leider! (wohl an den heftigsten)….-im Wohnwagen ihrer Eltern- OMG!!!

  11. pgeofrey sagt:

    Lieber Lu,
    dann gebe ich unseren beiden Geschichten doch mal einen Knoten, auch für die Küsse mit Claudia drehte sich die Uhr irgendwann zitternd von 55 auf 00.
    Sehr schönes Seelen- und Zeitdokument.
    Der Pe vom See

  12. ingeborgthoring sagt:

    Gab es nach unzähligen Jahren ein unvorhergesehenes Wiedersehen?

  13. Flowermaid sagt:

    … das Blumenmädchen hatte sich in der Kita schon versprochen… an den Kuss kann ich mich nicht wirklich erinnern aber wir hatten Pläne für unsere gemeinsame Zukunft… sowie unsere Eltern für unsere getrennte ;-)… ein geteilter Erinnerungsschatz ist etwas kostbares Lu *lächel*

  14. Ulrike Sokul sagt:

    Deine Kußchronologien lese ich immer besonders gern, sie machen Dich sympathisch-kußattraktiv. Und früh übt sich, wer ein MEISTER werden will! Aber das ist bestimmt Deine Absicht gewesen… 😉
    *schmunzelndkußhändchenwerf*

  15. Hach, das ist aber eine wunderbare Geschichte über einen herrlichen Sommer mit stürmischen Küssen!
    Ich wünsche dir ein ganz frohes und zauberhaftes Weihnachtsfest und möchte hier einmal meinen Dank aussprechen, dass du so fleißig und lieb jeden Tag meine 365 Worte likst! Darüber freue ich mich jeden Tag:-)

  16. Schön, herzerwärmende Erinnerungen an lang zurückliegende Ferien und Teenagerzeiten, Lu. Gut, dass so etwas alles in einem hängenbleibt, nicht nur das beklemmende Gefühl im Zug oder speziell bei der Kontrolle an der Zonengrenze.
    Ich habe gerade überlegt, wann die genau „sechsten Küsse“ be mir waren, doch ich könnte es gar nicht sagen. Beim Küssen scheine ich das Zählen zu vergessen. ^^ Und zählt es bei verschiedenen Geküssten oder auch der gleichen Person, nur zu einem ganz anderen Zeitpunkt? 🙂
    Die ersten und zweiten erinnere ich … und zwischendurch die irgendwie besonderen natürlich …

    Lu, bei dieser Gelegenheit möchte ich dir ein frohes Weihnachtsfest wünschen. Hab schöne und geruhsame Feiertage! Und falls wir uns vorher nicht noch einmal lesen, dann komm natürlich auch gut ins neue Jahr!

    LG Michèle

    • finbarsgift sagt:

      Bei den Schilderungen hier sind das immer Kusserfahrungen mit verschiedenen Menschen, liebe Michèle, mehr oder wenig intensiv, manchmal ganz flüchtig, manchmal komplett vereinnahmend…

      Hab du auch eine frohe Weihnacht! Herzliche Grüße zur Nacht vom Lu

  17. Karin sagt:

    Diese Beklemmungen in den Zügen in die damalige noch Ostzone nach Thüringen kenne ich auch, diesen Geruch, diese Infamie des Brötchenbelagumdrehens, weil sich ja darunter Westmark versteckt haben könnte, diese Erniedrigung die Deutsche Deutschen angedeihen ließen, es war schrecklich.
    Zu den Küssen sage ich mal nichts, zu den Zeiten wußte ich gar nicht, wie das geht….-:)))

    Einen späten Abendgruß an den Vielküsser

    Karin vom Dach in Hanau

    • finbarsgift sagt:

      Das glaube ich dir nicht, liebe Karin, in jenen Jahren der menschlichen Entwicklung sind die Mädels den Jungs immer viiiel weiter voraus!! 🙂

      Frohes Weihnachtsfest, herzliche Grüße zur Nacht vom Lu

      • Karin sagt:

        von wegen: meinen ersten Kuss habe ich vom späteren Husband, der auch mein erster Freund war, mit 18 Jahren bekommen und wir haben 5!!!! Wochen dazu gebraucht, bis wir uns getraut haben -:))) Kaum zu glauben, aber wahr…wir haben uns später immer köstlich über uns und diese Zeiten amüsiert, obwohl uns damals nicht zum Lachen war, weil wir nicht wussten, wie unsere Schüchternheit zu überwinden sei.
        Dir einen schönen 1. Feiertag, lieber Lu, mit erinnerungsträchtigen Grüßen
        Karin

  18. chris sagt:

    Ja, die Kontrollen waren sehr unangenehm, insbesondere, wenn man mit dem Auto einreiste. Man wurde wie ein Schwerverbrecher (Klasssenfeind) behandelt – komischerweise konnte ich dies ganze Prozedere, auch die An- und Abmeldung bei der VoPo, nie ganz ernst nehmen. Als Westler fand ich das lächerlich – man wusste, dass einem nichts passieren konnte. Selbst freundlich sein war die beste Antwort auf die Bärbeißigkeit der Grenzer… 😉

  19. Frohe Weinachten – die wünsche ich Dir, lieber Lu!
    Es ist immer wieder schön, bei Dir reinzuschauen.
    Alles Liebe,
    Michael

  20. Ich wünsche dir frohe Weihnachten und lasse einen lieben Gruss zurück.
    Ernstz

  21. Lieber Lu, dies sind nicht nur wundervolle sechste Küsse, sondern auch eine wirklich anrührende Begebenheit, die mich mit dir durch diese Zeit wandern lässt. Meine ersten guten Küsse bekam ich mit sechs und leider habe ich ab da nicht mehr mitgezählt. Nach deiner Geschichte bedaure ich dieses Versäumnis sehr, ist doch jede einzelne Kussgeschichte von dir eine wahre Freude – dankeschön!

    • finbarsgift sagt:

      Das klingt sehr schön, lieber Arno, hab Dank für deine wohltuenden Worte…

      …und genau soooo sollen meine kleinen Kussgeschichten wirken *freu*

      Hab einen feinen Rest des zweiten Weihnachtsfeiertages, herzlich, Lu

  22. refoexac sagt:

    Schöne Erfahrungen ! LG

  23. Aurian sagt:

    Am Schluss fehlte noch ein Aufruf an die schöne Claudia: wenn du das hier liest, bitte melde dich. 😀 Achja, die ersten unerfüllten Lieben sind doch die schönsten… Da kann man noch Gott und die Welt dafür verantwortlich machen, dass es nicht geklappt hat. 🙂

    • finbarsgift sagt:

      *lächel*
      Feine Ideen, die du durch meine Erzählung bekommen hast! 🙂
      Ich hoffe, du bist gut ins neue Jahr gerutscht?!
      Auf jeden Fall wünsche ich dir ein schönes solches, LG vom Lu

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