Stadt mit Turm

Der Turm überragt die Stadt
Ich muss an Erdzauber denken
Was dort die Ebene der Winde
Ist hier der Stern der Straßen

Doch wo sind die Zauberer
Von Lungold geblieben?
Wo weilt der Herrscher
Über Harfen und Flöten?

Von der Spitze des Turmes
Bietet sich meinen Augen
Ein fantastischer Anblick
Stehendes Zeppelinfliegen

Der Turm überragt die Stadt
Er schwingt hin und her
Lebt und ich spüre seinen
Mächtigen Puls der Zeit

© finbarsgift

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Einen Roman zu schreiben (Knausgard)

 

 

Ich hätte die Zeit nutzen sollen, um mich vorzubereiten, denn bis jetzt hatte ich lediglich am Vorabend ein paar alte Texte durchgelesen und die Passagen ausgedruckt, die ich lesen wollte. Auf dem Flug hatte ich zehn Punkte notiert, die ich aufgreifen wollte. Zu mehr hatte ich mich nicht aufraffen können, denn der Gedanke, dass ich einfach nur reden musste, dass nichts leichter war als das, war stark, und es tat mir gut, auf ihn zu hören.

Ich sollte über die beiden Bücher sprechen, die ich geschrieben hatte. Das konnte ich nicht, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als darüber zu sprechen, wie sie geschrieben wurden, diese Jahre mit nichts, bevor etwas Bestimmtes Form anzunehmen begann, das langsam, aber sicher die Oberhand gewann, bis sich am Ende alles ganz von selbst ergab. Einen Roman zu schreiben heißt, sich ein Ziel zu setzen und anschließend zu ihm schlafzuwandeln, hatte Lawrence Durrell einmal gesagt, und das stimmte, so war es.

Wir haben nicht nur Zugang zu unserem eigenen Leben, sondern zu fast allen anderen Leben, die in unserem Kulturkreis geführt werden, nicht nur Zugang zu unseren eigenen Erinnerungen, sondern auch zu den Erinnerungen dieser ganzen verdammten Kultur, denn ich bin du und du bist alle, wir kommen aus dem Gleichen und bewegen uns zum Gleichen, und unterwegs hören wir das Gleiche im Radio, sehen das Gleiche im Fernsehen, lesen die gleichen Zeitungen, und in uns lagert die  gleiche Fauna der Gesichter und des Lächelns bekannter Menschen.

Selbst wenn du dich in ein winzig kleines Zimmer in einer winzig kleinen Stadt Tausende Kilometer vom Zentrum der Welt entfernt hockst und dort keiner Menschenseele begegnest, ist ihre Hölle deine Hölle, ihr Himmel dein Himmel, es gilt nur den Ballon platzen zu lassen, der die Welt ist, und alles darin auf die Seiten fließen zu lassen. Das wollte ich, in etwa, sagen.

 

 © Karl Ove Knausgard

Träumereien (Heine)

 

 

Mir träumte von einem schönen Kind,
Sie trug das Haar in Flechten;
Wir saßen unter der grünen Lind,
In blauen Sommernächten.

Wir hatten uns lieb und küßten uns gern,
Und kosten von Freuden und Leiden.
Es seufzten am Himmel die gelben Stern,
Sie schienen uns zu beneiden.

Ich bin erwacht und schau mich um,
Ich steh allein im Dunkeln.
Am Himmel droben, gleichgültig und stumm,
Seh ich die Sterne funkeln.

 

 

 

© Heinrich Heine

Wintergeschehen

 

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Wenn der Schnee verweht
deine Gedanken mit ihm wandern
Eissterne deine Wege säumen
die Liebe zur Natur dich wärmt

Wenn die Schönheit des Eisigen
dich schaudernd innehalten lässt
dein Atem sich mit froststarren
knisternden Zweigen mischt

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Wenn die gefrorene Erde vom
stillen Keimen spricht und sich
all ihr fantasievolles Tun wie ein
samtener Mantel um dich legt

Dann wird dir dein Einssein mit
der winterruhigen Natur bewusst
und du spürst im Weitergehen
freudefunkelndes Wintergeschehen

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© Text/Fotos: Wortbehagen/finbarsgift