Einen Roman zu schreiben (Knausgard)

 

 

Ich hätte die Zeit nutzen sollen, um mich vorzubereiten, denn bis jetzt hatte ich lediglich am Vorabend ein paar alte Texte durchgelesen und die Passagen ausgedruckt, die ich lesen wollte. Auf dem Flug hatte ich zehn Punkte notiert, die ich aufgreifen wollte. Zu mehr hatte ich mich nicht aufraffen können, denn der Gedanke, dass ich einfach nur reden musste, dass nichts leichter war als das, war stark, und es tat mir gut, auf ihn zu hören.

Ich sollte über die beiden Bücher sprechen, die ich geschrieben hatte. Das konnte ich nicht, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als darüber zu sprechen, wie sie geschrieben wurden, diese Jahre mit nichts, bevor etwas Bestimmtes Form anzunehmen begann, das langsam, aber sicher die Oberhand gewann, bis sich am Ende alles ganz von selbst ergab. Einen Roman zu schreiben heißt, sich ein Ziel zu setzen und anschließend zu ihm schlafzuwandeln, hatte Lawrence Durrell einmal gesagt, und das stimmte, so war es.

Wir haben nicht nur Zugang zu unserem eigenen Leben, sondern zu fast allen anderen Leben, die in unserem Kulturkreis geführt werden, nicht nur Zugang zu unseren eigenen Erinnerungen, sondern auch zu den Erinnerungen dieser ganzen verdammten Kultur, denn ich bin du und du bist alle, wir kommen aus dem Gleichen und bewegen uns zum Gleichen, und unterwegs hören wir das Gleiche im Radio, sehen das Gleiche im Fernsehen, lesen die gleichen Zeitungen, und in uns lagert die  gleiche Fauna der Gesichter und des Lächelns bekannter Menschen.

Selbst wenn du dich in ein winzig kleines Zimmer in einer winzig kleinen Stadt Tausende Kilometer vom Zentrum der Welt entfernt hockst und dort keiner Menschenseele begegnest, ist ihre Hölle deine Hölle, ihr Himmel dein Himmel, es gilt nur den Ballon platzen zu lassen, der die Welt ist, und alles darin auf die Seiten fließen zu lassen. Das wollte ich, in etwa, sagen.

 

 © Karl Ove Knausgard

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32 Kommentare zu “Einen Roman zu schreiben (Knausgard)

  1. bruni8wortbehagen sagt:

    Eine feine und für ihn sehr typische Stelle für ihn hast Du herausgepickt, lieber Finbar, aber im Moment kann ich sie nicht an die wirklich richtige Stelle einordnen.
    Ich muß es mir später in aller Ruhe nochmal durchlesen.

    Dieser Schreibfluß in ihm ist gigantisch. Er versiegt scheinbar nie. Traumhaft!
    Und Hinter- und Vordergrundwissen hat er sowieso genügend *lächel*

    • finbarsgift sagt:

      Damit hast du vollkommen recht!
      Wie aus dem nichts kommend entwickelt er plötzlich die tollsten Essays über Philosophie, Kunst, Literatur…
      klasse macht er das!

      • bruni8wortbehagen sagt:

        ja, so ist es wirklich, lieber Finbar.

        Dieser Textauszug könnte die Stelle sein, wo er etwas später auch Linda trifft.
        Ich habe nicht nachgesehen, krame nur ein bissel in meinem Gedächtnis 🙂

        • finbarsgift sagt:

          Es ist eine von zwei feinen Stellen gegen Ende des zweiten Bandes, in meiner Ebook-Ausgabe liegen sie in der Gegend von 95 Prozent *g*

          • bruni8wortbehagen sagt:

            aach sooooooo, ich werde nochmal nachlesen, lieber Finbar.

            Ich kenne sie ja, aber ich weiß nicht genau, an welcher Stelle sie sich befindet

  2. lesenbiene sagt:

    Ich habe noch nie einen Roman geschrieben, aber ich denke, es ist wie ein Kind das man in sich trägt, man möchte es schützen, nicht gleich allen Blicken preis geben, es ist ein Stück von einem selbst und man wird verletzlicher. Es wird gute und schlechte Tage geben, doch immer ist man stolz auf das was man hat.

  3. Wohin man reist, nimmt man sein Seele-von Kultur/Erziehung/Erfahrung getränkt-mit.
    Herzliche Montagsgrüsse. Priska

  4. simonsegur sagt:

    „… die gleiche Fauna der Gesichter“ – so schön. Meinen herzlichen Dank. Wie ich gestehen muss, habe ich noch nie was von dem Mann gelesen – hast Du eine Empfehlung? Liebe Grüße!

    • finbarsgift sagt:

      Ja, ein feiner Ausdruck 🙂

      Ich finde ja, Empfehlung, obwohl so ziemlich das absolute Gegenteil von dem, was du gerade schreibst…

      Liebe Mittagsgrüße vom Lu

      • simonsegur sagt:

        Oh, ich schreibe so ziemlich alles – vom Kinder/Jugendbuch über historische Romane, Krimis, Science Fiction, Entwicklungs/Liebesromane et cetera pp 🙂 Und ich meinte mit Empfehlung, ob Du mir als Nicht-Knausgard-Kenner ein bestimmtes Buch empfehlen könntest/würdest. Die besten Nachmittagsgrüße zurück!

        • finbarsgift sagt:

          Na ja, das hatte ich schon richtig verstanden, lieber Schreibfreund,

          es gibt ja nur ein Buch von ihm, über das alle Welt spricht, vor allem auch in D, nämlich seine Autobiografie „Mein Kampf“ in sechs mächtigen Teilen…
          zwei davon habe ich gelesen, seine Art zu schreiben kann süchtig machen…

          Take care, Lu

  5. Myriade sagt:

    Ach und zuerst dachte ich, das ist dein Text und ich erfahre gerade von deinen Romanen 🙂

  6. kowkla123 sagt:

    ist mal eine Anleitung, ich wünsche eine gute Woche

  7. Sternchen sagt:

    Es ist faszinierend, wie er den Gedanken spinnt, aus banalen Beobachtungen entwickelt sich ein komplexer Gedanke. Das wollte ich, in etwa sagen 🙂

  8. Flowermaid sagt:

    … da schreibt er den letzten Absatz und schon fliesst man selbst mit ein und die Seiten…

  9. refoexac sagt:

    Mein Himmel sieht dann doch anders aus, der ist ganz speziell und mit keinem anderen Himmel der Menschheit vergleichbar. Es gibt vielleicht einige Ähnlichkeiten, aber mehr nicht.
    Vielleicht müsste es eher heissen: virtuelles Abbild unserer Erde im Kopf oder so. Dann würde es passen. Auch wenn es da bestimmt auch Unterschiede gäbe, keiner tickt gleich.

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