Zeit. Zeit (Borchers)

 

Ich muß endlich begreifen
daß ich Zeit habe.
Zeit für den Vogel auf der Brüstung
der mit mir redet, im Auftrag.
Zeit für den Lampenfuß
in dem sich das Erdenlicht spiegelt.
Zeit für die Katze auf blauem Samt
in kleinstem Format an der Wand
von Almut gemalt, als beide noch lebten.
Auch für das Schaf mit den schwarzen Ohren
den schielenden Augen, dem schiefen Maul und dem
durstigen Mund. Indianisch, ganz einfach, instruktiv.
Vermissen werde ich’s im kommenden Jahrhundert.
Ich habe noch nicht ein stillschweigendes Wort
mit der getrockneten Rose gewechselt, woher und wohin denn.
Und das Kalenderbuch in schwarzem Leder
mit der goldenen Jahreszahl
klafft elegant auseinander, um mich ein- und auszulassen.
Lernen, Zeit zu haben.
Lernen, daß es zu spät ist.

 

 

 

© Elisabeth Borchers

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60 Kommentare zu “Zeit. Zeit (Borchers)

  1. ingeborgthoring sagt:

    Zeit zu leben im Jetzt. … was manchmal schwer ist

  2. Ariana sagt:

    Ein schöner Text. ☺

  3. bruni8wortbehagen sagt:

    Ein wundersam feines, ein stilles Elisabeth Borchers – Gedicht, lieber Finbar, für die Zeit, die nicht hetzt, sondern uns endlich Spielraum gibt, und ich überlege, mit was ich beginnen soll, was ich zuerst in Angriff nehmen sollte …

    Sollte ich mich der getrockneten Rose zuwenden, mir die kleine Katze an der Wand betrachten, die ein Erinnerungstück ist? Aber ach, da ist ja auch noch der Lampenfuß, von dem ich jetzt erst bemerke, daß sich in ihm das Erdenlicht spiegelt …

    Beschäftigungen, die eigentlich keine sind, die aber von den allerfeinsten Ruhepausen und vollkommen entspanntem Nachsinnen erzählen, von den Dingen, die immer viel zu kurz kamen und schon so lange kummervoll vor sich hinblickten.

    Es wird Zeit, Zeit zu haben…

    Liebe Grüße von mir

  4. Anna-Lena sagt:

    Auch ich muss es noch lernen, lieber Lu. Zwar bin ich nach einem halben Jahr zuhause merklich ruhiger und entspannter geworden, aber ich bin noch nicht angekommen. Danke für diesen nachdenkenswerten Text.

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

  5. Dieser Text stimmt mich sehr nachdenklich. Insbesondere deshalb, weil ich heute aus diesem fantastischen Winterurlaub wiedergekommen bin und es einfach nicht verstehe, weshalb die Zeit schon wieder so schnell vergangen ist. Alles ist wie im Flug vergangen, wie man immer so schön sagt.
    Und ich verstehe auch nicht, wie ich so denken kann, dass sie schnell vergangen ist, weil ich wirklich jeden Moment genossen habe und sehr entspannt und friedlich war, aber irgendwie denke ich nun, dass ich vielleicht noch mehr die Zeit hätte genießen können. Aber das denke ich immer und vielleicht sollte ich einfach nur dankbar sein, dass es diese Zeit gab und ich mich daran zurückerinnern kann.
    Liebste Grüße!

    • finbarsgift sagt:

      So ist es, einfach einreihen in die feinen Bilder deiner Erinnerungen…
      Herzlichen Dank dir für deinen schönen, feinen Kommentar!
      Hab einen freudvollen Abend,
      herzlich, Lu

  6. quersatzein sagt:

    Sie hat Recht: Für manches ist es zu spät. Zum Glück nicht für alles!

    Lieben Wochenendgruss,
    Brigitte

  7. Sternchen sagt:

    Sich einzugestehen, dass es zu spät ist, fällt wohl nie leicht. Ein nachdenklich stimmendes Gedicht! Liebe Abendgrüße, Ann

  8. Flowermaid sagt:

    … gerade die alten Menschen denken immer sie hätten keine Zeit, dabei haben sie jeden Tag wie jeder Andere die Gegenwart…

  9. Katha sagt:

    Da wo man so gestresst ist, weil einem der Kopf sonst wo steht wegen dem Uni stresst und man die ersten zwei Verse liest „Ich muss lernen / dass ich Zeit habe“ … das hat mich so seltsam umgehauen. Was für ein tolles Gedicht! ich werde das unbedingt mit meinen Freunden teilen, es hat mich wirklich bewegt, so einfach und klar und schön, wie es ist.

    Liebe Grüße
    Katha

  10. Man macht so vieles zur gleichen Zeit, dass man keine Zeit hat….

    • finbarsgift sagt:

      …genauso ist es…
      zumindest oft und bei vielen…

      Das berühmt-berüchtigte Multitasking ist auf Dauer fatal für unsere Biomaschinen…

      Rat: den Computern und Robotern überlassen und wieder Mensch werden…

  11. gkazakou sagt:

    das ist ganz wunderschön, Finbar!

  12. Lilith sagt:

    Jeder hat jeden Tag dasselbe Maß an Zeit. Machen wir was draus. 🙂

  13. Für mich klingt es sehr traurig
    MUSS lernen
    Es steht so stark der Verlust hinter den Worten
    öffnet nur schwer den Blick für die Schätze der Zeit

  14. Hart, aber befreiend: „lernen, dass es zu spät ist“ (Angst loslassen / Entklammern)

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