Die Stimme der eigenen Persönlichkeit (Knausgard)

 

In den letzten Jahren hatte ich mehr und mehr den Glauben an die Literatur verloren. Ich las und dachte dabei, das hat sich jemand ausgedacht. Vielleicht lag es daran, dass wir vollkommen vereinnahmt wurden von Fiktionen und Erzählungen, dass sie inflationär auftraten. Wohin man sich auch wandte, überall sah man Fiktionen. Diese Millionen von Taschenbüchern, gebundenen Büchern, Filmen und Fernsehserien auf DVD handelten von erfundenen Menschen in einer erfundenen, aber wirklichkeitsgetreuen Welt. Und die Zeitungsschlagzeilen und Fernsehnachrichten und Rundfunknachrichten hatten haargenau die gleiche Form, auch sie waren Erzählungen, und dann war es kein Unterschied mehr, ob das, wovon sie erzählten, sich tatsächlich zugetragen hatte oder nicht.

Es war eine Krise, ich fühlte es mit jeder Faser meines Körpers, etwas Gesättigtes, Schmalzartiges breitete sich nicht zuletzt deshalb im Bewusstsein aus, weil der Kern in all diesen Fiktionen, ob nun wahr oder nicht wahr, in Gleichheit sowie darin bestand, dass der Abstand, den sie zur Wirklichkeit hielt, konstant blieb. Also dass sie das Gleiche sah. Dieses Gleiche, das unsere Welt war, wurde in Serie produziert. Das Einzigartige, worüber sie alle sprachen, wurde damit aufgehoben, es existierte nicht mehr, es war eine Lüge. Darin zu leben, in dem Bewusstsein, dass alles ebenso gut anders sein könnte, stürzte einen in Verzweiflung. Ich konnte darin nicht schreiben, es ging nicht, jeder einzelne Satz begegnete dem Gedanken: Das ist doch nur etwas, was du dir ausdenkst. Das ist wertlos. Das Erfundene hat keinen Wert, das Dokumentarische hat keinen Wert.

Das Einzige, worin ich einen Wert erblickte, was weiterhin Sinn produzierte, waren Tagebücher und Essays, die Genres in der Literatur, in denen es nicht um Erzählung ging, die von nichts handelten, sondern nur aus einer Stimme bestanden, der Stimme der eigenen Persönlichkeit, einem Leben, einem Gesicht, einem Blick, dem man begegnen konnte. Was ist ein Kunstwerk, wenn nicht der Blick eines anderen Menschen? Nicht über und auch nicht unter uns, sondern auf Augenhöhe mit unserem eigenen Blick. Kunst kann nicht kollektiv erlebt werden, nichts kann das, Kunst ist das, womit man alleine ist. Man begegnet diesem Blick allein.

 

 

© Karl Ove Knausgard

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65 Kommentare zu “Die Stimme der eigenen Persönlichkeit (Knausgard)

  1. fraggle99 sagt:

    Irgendwie macht der Herr Knausgard mit dem, was er sagt und/oder schreibt, auf mich immer öfter einen etwas miesepetrigen Eindruck.

    Zu kritisieren, dass die Handlung in Büchern oft erfunden sei, ist doch etwa so, als würde man Wasser dafür kritisieren, dass es zu nass ist. Oder den Boxsport dafür, dass er gewalttätig ist.

    Mit dieser Meinung wird Herr Knausgard die überwältigende Mehrheit der wunderbaren Welt der Belletristik verpassen. Aber die ist wahrscheinlich sowieso nichts für ihn. 😉

    Vielleicht habe ich aber auch einfach nicht begriffen, das will ich ausdrücklich nicht ausschließen. 🙂

    • finbarsgift sagt:

      Oh, das stimmt sicher, seine Grundstimmung ist sogar zumeist seeeehr miesepetrig!

      Aber du bist in deiner Kritik ja nur auf den Anfang von seiner Äußerung eingegangen, und nicht auf seine Conclusio: die Stimme der eigenen Persönlichkeit zu erheben, denn
      sie toppt all dies erfundene Zeugs, das es eh in unvorstellbaren Massen schon gibt…

      • fraggle99 sagt:

        Schließen sich denn „erfundene Handlung“ und „Stimme der eigenen Persönlichkeit“ gegenseitig aus?

        Wenn ich einen Roman schreibe, dessen Handlung von vorne bis hinten erfunden ist, der aber auf meinen eigenen Erfahrungen, Erlebnissen und Kenntnissen basiert, dann enthält der doch sehr wohl einen großen Anteil der Stimme meiner eigenen Persönlichkeit, oder nicht!?

        • finbarsgift sagt:

          Das klingt etwas mürrisch…

          Nach dem, was er hier schreibt und meint, eher nicht, da du ja mitteilst, dass alles frei erfunden ist.

          • fraggle99 sagt:

            Knausgard hat doch mit dem mürrisch sein angefangen, nicht ich! 🙂

            Auf mich macht der Text halt den Eindruck eines misanthropischen „Früher-war-alles-besser“-Genörgels, auf das ich im Allgemeinen eher allergisch reagiere. 🙂

            Nun, wie dem auch sei, ich erlaube mir halt einfach, das mal anders zu sehen, als der norwegische Sportsfreund. Eher würde ich sogar dazu neigen, zu behaupten, dass in jedes Buch – enthalte es nun erfundene Handlung oder nicht – auch Teile der Persönlichkeit, des Lebens, der Erfahrungen und der Weltsicht des Autors einfließen.

            • finbarsgift sagt:

              Ich verstehe nicht, warum du so emotional diskutierst, du, der anerkannte Blogkritiker von Büchern?!

              Hat dir „der norwegische Sportsfreund“ mal irgendwann persönlich ans Bein gepinkelt?!

              • fraggle99 sagt:

                So emotional meinte ich das gar nicht, auch wenn es vielleicht so rüberkam. Bei schriftlicher Kommunikation bleibt manchmal etwas auf der Strecke. 🙂

                Ich habe auch keine persönlichen Schwierigkeiten mit Herrn Knausgard, mir gefiel halt diese Kritik am Großen und Ganzen nicht, am „Literatur“betrieb als solchen. Vielleicht, weil ich auch ein bisschen die Personen sehe, die als Urheber hinter diesen „Millionen von Taschenbüchern“ stecken und deren Motive und „Persönlichkeiten“ man genau so wenig einzeln hinterfragen kann wie sie über einen Kamm scheren sollte. Was natürlich nicht heißt, dass man die Entwicklung im besagten „Literatur“bereich nicht kritisch hinterfragen darf und sollte!

                Deshalb rezensiere ich auch nur einzelne Bücher – und bin da eigentlich meistens recht nett. 😉

                Vielleicht stehe ich dem auch nur so ablehnend gegenüber, weil es sich nahtlos in mein Umfeld einfügt, dass es sich gerade zum Hobby gemacht zu haben scheint, über alles und jedes mir gegenüber zu jammern, ich weiß es nicht. 🙂

            • bruni8wortbehagen sagt:

              hm, mürrisch empfand ich ihn eigentlich nie und in dieser Textstelle auch nicht.

              Er geht auf die Flut der fiktiven Veröffentlichungen ein und es ist wahrhaftig eine Flut von *Erfundenem* unterwegs und sehr vieles, vielleicht das meiste davon hat den Namen Literatur in keinster Weise verdient.
              Jeder kann drucken lassen, der will und bezahlen kann und durch diese Flut wird alles zu einem unüberschaubaren Berg, was doch mal etwas ganz Besonderes war.
              Die Besonderheit des Gedruckten hat dadurch nachgelassen.

              Er meint nun, dadurch wird alles durch den gleichen Brei gezogen, also vervielfältigt und durch die Vervielfältigung wird es nicht besser, sondern blasser und unscheinbarer.

              Er öffnet uns seine Gedanken und wir können uns daran beteiligen.

              Mir leuchten seine Gedanken ein

      • ingeborgthoring sagt:

        Die eigene Persönlichkeit hat einen Namen. Wenn Namen verschwinden, tauchen sie in die Masse ein, denke ich.

  2. schlingsite sagt:

    Vielleicht meinte er damit, dass die allgemein anerkannte Sicht der Welt, ohne sie tatsächlich ganz zu erfassen, in immer wieder neuen Varianten durchzuspielen, auf Dauer langweilig wird.

  3. Sternchen sagt:

    Ich finde ihn gar nicht so schlecht gelaunt;-) Im Grunde beschreibt er ja nur, dass Tagebücher und Essays greifbarer sind.

  4. karfunkelfee sagt:

    Kommt es nicht eher darauf an, welches Gedankengut transportiert werden soll? Ist es nur eine Geschichte, die sich erzählt oder verbirgt dahinter ein tieferer Sinn? Hier müsste erst einmal der Begriff der Belletristik näher definiert werden. Essays und die persönliche Stimme ist mit der erzählenden Stimme eins, während Romane frei erdachte Geschichten erzählen. In diese fließen immer auch Strömungen und Gefühle des Erzählenden mit ein. Belletristik empfinde ich als mittelbar wie einen Text, den ich lese um ihn zu verstehen. Ein Essay wirkt unmittelbar, weil es die Person des Autors gegenüberstellt, er selbst denkt und spricht.

    Nun zu der persönliche Stimme, die sich erhebt. Erhebt sie sich in Belletristik nicht? Spricht sie nicht auch eine eigene Sprache, transportiert nicht auch sie eine Botschaft oder einen inliegenden Sinn? An dieser Stelle kommt die Frage, was Belletristik will. Wirklich nur unterhalten? Oder schlägt sie nur einen Umweg ein um den Geist des Lesers mittels frei erfundener Protagonisten in eine abstraktere Dimension des Erlebens zu führen?

    Belletristik gilt als Unterhaltungsliteratur und der Geist des Menschen lernt am liebsten spielend.
    Sicherlich mögen alle Worte, alle Träume, alle Sehnsüchte, alles, was die Menschen seit Urzeiten bewegt und umdenkt, bereits geschrieben sein. Doch wir leben in Babel und der Turm wächst immer noch. Jeder Schreibstil offenbart gleichzeitig etwas über die Persönlichkeit des Schreibenden. Knausgard sagt, Kunst sei das, womit man alleine ist. Auf Augenhöhe mit dem Künstler. Ich behaupte, Kunst, die mich schafft für sich einzunehmen, ist etwas zutiefst Intimes wie eine Berührung an einer Stelle, von der man glaubt, niemandem, mit Ausnahme von einem selbst, ist sie bekannt.

    Es entsteht ein stummer Dialog. Der Erzähler entführt mich in seine Welt, in sein Gedankengut, möge es nun eines sein, das seiner Phantasie entspringt oder seine persönliche Stimme, die er erhebt um unmittelbar damit nach außen zu treten.

    Lose Gedanken,

    Liebe Grüße und guten Wochenendstart, wünscht die Fee

    • finbarsgift sagt:

      Ich mag deine losen Gedanken, liebe Fee,

      sie klingen angenehm und zumeist sehr schlüssig in meinen Augen, schließlich hat Knausgard ja selbst „Romane“ geschrieben, die für mich keine Belletristik sind, sondern eher in der Ichform geschriebene Tatsachenberichte, bis in die allerkleinsten Details des täglichen Lebens — für viele Leser/innen eine Zumutung, nicht so für mich!

      Herzlichen Dank, liebe Wintergrüße
      vom Lu

  5. Christiane sagt:

    Ich finde die Auszüge, die du immer wieder mal postest, total interessant und sehr bedenkenswert. Lust, ihn zu lesen, habe ich dennoch nicht, aber das ist sicher Geschmackssache.
    Dir einen guten Start ins Wochenende!
    Liebe Grüße
    Christiane

  6. Art of Arkis sagt:

    Fiktion und Wirklichkeit haben eine Schnittstelle, in jenem Raum, wo sich sich berühren, die Erzählung, die Geschichte findet nicht im Buch statt, sondern im Leser. Er ist damit allein, die Erzählung ist in der Erzählung, das Buch ist im Buch. Das gewöhnliche Leben ist meist trivial, Geschichten erzählen über Beziehungsgeflechte von Ich-Du-Wir-Es; die Liebe, der Tod, das Leben, sind die Stoffe einer Metaerzählung als Beschreibung von Welt.

  7. Beim Lesen musste ich an „Script Avenue“ von Claude Cueni denken. Es hebt den Kopf weit heraus aus dem Strom heutiger Bücher.
    Sei herzlich gegrüßt, Lu

  8. kowkla123 sagt:

    da ich mich nicht daran wage, sage ich einfach viel Erfolg weiter und herzliche Grüße sende ich dir

  9. bernard25 sagt:

    Bonjour ou bonsoir
    Je t’emmène du bonheur
    il est à côté de toi
    Surtout ne bouge pas
    Tiens ! il s’est glissé dans ton sourire
    Oh ! Le voilà dans ta belle demeure
    Pour embellir ta journée de joie et que ta soirée te soit de tout repos
    Pour toi je me dis que c’est la meilleure raison
    Alors partageons ensemble ce bonheur avec tous ceux que l’on aime et que l’on apprécie
    Regarde il brille soit comme le soleil au lever du jour ou une étoile dans la nuit
    Que Ce Bonheur restent l’histoire d’un beau jour
    Je te souhaite
    Une très belle journée ou une belle soirée

    Bisous Bernard Ton Ami

    Bisous

  10. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass sich Knausgård ein Stück weit an dem stört, was ich als „Verherdung des Menschengeschlechts“ bezeichne. Knausgård ist ja nur wenige Jahre jünger als ich und hat hier einen ähnlichen Erfahrungshorizont. Die Welt der Kindheit und Jugend war in vielfacher Hinsicht wesentlich bunter und vielfältiger. Man hat die Individualität in vielfacher Weise regelrecht zelebriert. Inzwischen haben wir zwar eine ausgeprägte gesellschaftliche Vereinzelung – aber bei gleichzeitigem Versuch, eine Art „Herdenstimmung“ zu erzeugen. In schöner Rudelmäßigkeit wird jedem Trend gefolgt. Und so ist auch in Literatur oder Musik der Einheitsbrei mehr und mehr zum Grundnahrungsmittel geworden. Das lässt sich – wenn wir hier in Knausgårds Revier, der Literatur, bleiben wollen – auch deutlich an der Verlagslandschaft ablesen. Die Wüste wächst…

  11. gkazakou sagt:

    Ich habe diesen Abschnitt mit großem Interesse, ja sogar Einverständnis gelesen. Er drückt ein Gefühl aus, und er tut es auf literarisch anspruchsvolle Weise. Er spricht über eine Befindlichkeit, über seine Befindlichkeit angesichts des Gedruckten. Ob Literatur tatsächlich so oder anders ist, ob sie früher anders wahr oder anders sein sollte – das spielt gar keine Rolle, denn der Autor ist kein Literaturkritiker. So wie jemand, der sagt, in den letzten Jahren ist das Wetter grässlich geworden und ich habe eigentlich keine Lust mehr auf Wetter, deshalb kein Meteorologe ist.
    Er betont, dass es auf die eigene Stimme und die eigene Stimmung ankommt, im gegebenen Fall auf die seine. Dem kann ich gar nicht widersprechen. Ob ich deshalb Lust habe, mich von seiner Stimme überzeugen zu lassen und seiner Stimmung zu folgen, steht auf einem anderen Blatt.

  12. Erlebtes Gesehenes Gehörtes Gerüchte

    grad hab ich ein Buch dazu gelesen

    vermutlich erdacht, erfundene Gestalten und Geschichte,
    aber nachdenkenswert

  13. Ich habe die 64 Kommentare jetzt nicht gelesen, möchte aber unterstreichen, die Worte sprechen mir aus der Seele. Mein Leben lang las ich wenig oder ungern Fiktion, irgendwelche ausgedachten Geschichten, sog aber gierig alles Autobiographische in jeder Form auf. Fiktion berührt mich dann, wenn sie ein Stilmittel des Autors ist, um etwas sonst Unsagbares auszudrücken. Jutta Reichelt hat dieses Thema häufig in ihrem Blog behandelt. Danke für das Zitat und ein herzlicher Abendgruß.

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