Nocturne (Jiménez)

 

 

Die Erde führt durch die Erde;
aber du, Meer,
führst durch den Himmel.

Mit welcher Sicherheit weisen die silbernen
und goldenen Lichter der Sterne
den Weg! – Man könnte sagen,
dass die Erde die Strasse
des Leibes ist,
dass das Meer der Weg
der Seele ist.

Ja, es scheint,
dass die Seele die einzige Reisende
des Meeres ist; dass der Körper allein
zurückgeblieben ist dort am Ufer,
ohne sie, nachdem er Lebewohl gesagt hat,
plump, seelenlos, wie tot.

Wie sehr gleicht
die Seereise der Reise in den Tod,
in das ewige Leben!

 

 

 

© Juan Ramón Jiménez
(Deutsch von Ernst Schönwiese)

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78 Kommentare zu “Nocturne (Jiménez)

  1. wunderbarst. danke!
    liebe grüße
    von diana

  2. So wunderschön, lieber Lu! Es geht sehr nahe….

  3. Sternchen sagt:

    in dieser Perspektive habe ich das Meer bzw. Seele noch nie gesehen…….das ist eine wunderbare neue Erfahrung! Enjoy your day with ocean or without 😉

  4. Zu meinen, wir seien lebende Tote?
    Nun – wie wir sehen, bleibt dem am Strande zurück gebliebenen die Lyrik, um dieses märchenhafte
    Leben zu besingen.
    Ich grüße Dich herzlich
    Barbara

    • finbarsgift sagt:

      Hätten wir sie nicht, liebe Barbara, dann wären wir gaaanz arm dran…
      da wir sie aber gottlob haben, sind wir Menschen nur arm dran…
      Herzliche Mittagsgrüße
      vom Lu

  5. sehr schön!
    ( auch n bissle traurig )
    aber ich finde mich
    allein am Meer stehend oder spazierend
    stellt sich tatsächlich manchmal das Gefühl ein, das Meer saugt die Seele an sich

  6. kowkla123 sagt:

    liest sich sehr gut, möge der Tag uns nur Gutes bringen

  7. bruni8wortbehagen sagt:

    Unsere Seele ist flüchtig, eher flüssig als festgefügt in der Erde und ich verstehe den Weg der Seele inmitten der Wellen sehr gut.
    Vor einigen Tagen sah ich ein älteres Fotoalbum durch und fand diese Zeilen von mir:
    Endlich wieder am Meer
    Sonst stand da nichts, aber mehr brauchte es auch nicht …

    Es ist ein wunderbares Gedicht und ich verstehe, daß Du es einstellen mußtest *lächel*

    Mit dem Meer schwindet auch eine Leichtigkeit, die wir Erdenwesen schnell empfinden, wenn unsere Seele andere Wege geht. Es ist ein Element, das wir so nötig wie unsere Erde brauchen

  8. ingeborgthoring sagt:

    … die erste Nahrung ist flüssig und die letzte oftmals auch …

  9. Karin sagt:

    Ich lese gerade u.a. das Buch von Bárcena Der Himmel von Lima, in dem er die Geschichte von zwei Möchtegerndichter, die Jiménez verehren, eine schöne Georgina erfinden, einen Schriftwechsel unter ihren Namen mit dem Dichter beginnen, auch um an begehrte kostenlose signierte Exemplare seiner Werke zu kommen, neu verdichtet. An dieser Anekdote ist sogar etwas Wahres und Jiménez hatte an dem später aufgedeckten Betrug zu tragen.
    Seine Gedichte sind wunderschön und auf youtube sind etliche auf Spanisch zu hören, allein der Klang verzauber, auh wenn man der Sprache nicht mächtig ist, , aber mein Lieblingsbuch ist nach wie vor der Platero -:)))

  10. ellilyrik sagt:

    Wunderschön, lieber Lu!

    „Man könnte sagen,
    dass die Erde die Strasse
    des Leibes ist,
    dass das Meer der Weg
    der Seele ist.“

    …sich dies vorzustellen ist schon wunderbar!

    Alles Liebe, herzlichst Elke

  11. Flowermaid sagt:

    … jede Zeile ist begleitet vom Rhythmus des Meeresrauschens… und die Seele folgt…

  12. Flowermaid sagt:

    … dem Himmelsspiegel…

  13. gkazakou sagt:

    mir aus der Seele gesprochen.
    Du kennst wohl Oceano mare von Alessandro Baricco? Wenn nicht ,es wird dich bezaubern.

  14. Paleica sagt:

    wow – das sind unglaubliche worte.

  15. Ruhrköpfe sagt:

    wie schön! Danke für’s Teilen 🙂

  16. JR Jiménez is one of my holy literary patrons. „Platero and I“ is a book that captures and expresses lyrically the Andalusian soul.
    I leave you a poem in Spanish. Its title is „El viaje definitivo“ (The final journey). I do not know if it is translated into German.

    EL VIAJE DEFINITIVO 

    Y yo me iré. Y se quedarán los pájaros cantando; 
    y se quedará mi huerto con su verde árbol, 
    y con su pozo blanco. 

    Todas las tardes el cielo será azul y plácido; 
    y tocarán, como esta tarde están tocando, 
    las campanas del campanario. 

    Se morirán aquellos que me amaron; 
    y el pueblo se hará nuevo cada año; 
    y en el rincón de aquel mi huerto florido y encalado, 
    mi espíritu errará, nostálgico. 

    Y yo me iré; y estaré solo, sin hogar, sin árbol 
    verde, sin pozo blanco, 
    sin cielo azul y plácido… 
    Y se quedarán los pájaros cantando. 

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